Labetek Apung Wie Jakarta das Lesen von Flüssen lehrt

Kinder auf einem schwimmenden Labor
The organisation Labtek Apung aims to educate the children about water bodies. | Foto (Detail): © Labtek Apung

Ein Kollektiv aus Architekt*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen hat sich zusammengetan, um ein Bambusfloß in ein Labor zu verwandeln, das Citizen Science mit Bildung verbindet und die Menschen dazu einlädt, den Flüssen zuzuhören.

Von Jonaya de Castro und Laura Sobral

Der Inspirador ist ein Projekt mit dem Ziel, nachhaltige Städte neu zu denken, indem es inspirierende Beispiele aus mehr als 32 Orten auf der gesamten Welt identifizierte und präsentierte. Die Forschung systematisiert die Fälle und Ideen in verschiedene Kategorien, gekennzeichnet durch Hashtags.

#ressourcen_(re)generieren
Nachdem die natürlichen Ressourcen über viele Jahre hinweg als unerschöpflich angesehen wurden, werden wir heute von den Folgen dieser Sichtweise überrollt. Viele Initiativen versuchen daher, Kreislaufmodelle zu entwickeln, indem sie Ressourcen recyceln und wiederverwenden, die Abfallvermeidung fördern und Verantwortung für die Nutzung von Wasser übernehmen. Städte mit Initiativen, die dieser Realität Rechnung tragen, sind besser auf all jene Krisen vorbereitet, die unweigerlich auf uns zukommen werden und somit einen Paradigmenwechsel im städtischen Bereich erforderlich machen

Im Gegensatz zu vielen Städten in Europa und Nordamerika werden in Indonesien die meisten Abfälle, einschließlich Schmutz- und Abwasser, nicht über eine Kanalisation entsorgt. Dies kann zu einer Verunreinigung des Grundwassers, des Bodens, der Flüsse und so weiter durch Fäkalien führen. Vor diesem Hintergrund entwickelt die Initiative „Labtek Apung“ einfache, leicht zu handhabende Aktivitäten, um die von diesen Umweltproblemen betroffenen Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Indrawan Prabaharyaka und Novita Anggraini sind Mitbegründer*innen von Labtek Apung, einem Kollektiv, das in Jakarta und Umgebung mit Wissenschaft, Kunst und Bildung experimentiert. Der Name setzt sich aus der Abkürzung für Labortechnik und dem Wort „Apung“ zusammen, das auf Indonesisch „schwebend“ bedeutet.

Das Projekt entstand ganz spontan, als die Gründer*innen auf ein traditionelles Bambusfloß stießen und daraufhin beschlossen, es als Labor zu nutzen. „Ein gemeinsamer Freund, Ronald Osmond, machte mich mit Novita bekannt. Damals diskutierten wir darüber, wie schwierig es ist, über Schmutz und Abfall zu sprechen“, sagt Indra. „Ich lernte Sri Suryani kennen, die mir ein Bambusfloß zeigte, auf dem die Menschen viele Dinge tun: herumhängen, putzen, Wäsche und Utensilien waschen, duschen, kacken und pinkeln, alles an einem Ort.“ Ausgehend von diesem Floß taten sich weitere Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Designer*innen zusammen und entwickelten das Konzept hinter Labtek Apung.

„Die Idee hat sich in einer WhatsApp-Gruppe namens Ngebikin Bareng weiterentwickelt, was wörtlich übersetzt so viel wie ‚Mitgestaltung‘ bedeutet“, erzählt Indra. Zur gleichen Zeit gewann Sri, eine der Gründerinnen der Gruppe, ein Stipendium der National Geographic Society, um den Fluss Ciliwung, der durch Jakarta fließt, zu erforschen.

Wissenschaft zum Selbermachen – wie man den Fluss für sich selbst sprechen lassen kann

Zu Beginn eines Workshops auf dem Floß fragt Novita oft: „Wisst ihr, dass wir den Fluss lesen können?“ Den überraschten Teilnehmer*innen erklärt sie dann: „Ja, wir können den Fluss lesen, wenn wir wissen, was in ihm vorhanden ist.“

„Normalerweise sprechen wir dann darüber, wie die Natur und der Fluss tatsächlich zu uns sprechen. Aber das Problem dabei ist, dass wir ihre Sprache nicht kennen“, erklärt Indra. Mit Hilfe des schwimmenden Technologielabors wollen sie die Sprache des Flusses erlernen und seine Stimme hörbar machen.

Vor diesem Hintergrund hat das Kollektiv die Idee der Citizen Science aufgegriffen und bietet Anwohner*innen und insbesondere Kindern wissenschaftliche Einblicke. So lernen die Menschen nicht nur, wie problematisch die Verschmutzung von Wasser sein kann, sondern auch, wie ein Labor funktioniert. Wenn man zum Beispiel Wasserproben aus dem Fluss entnimmt, kann man einfache physikalische, chemische und biologische Tests mit Werkzeugen und Materialien durchführen, die in jedem Haushalt zu finden sind. Beispielsweise lässt sich feststellen, ob das Wasser Schwermetalle enthält, und mithilfe von Wasserproben kann man herausfinden, ob Magnesium vorhanden ist. Anstatt nur Zugang zu Informationen über den Zustand des Flusses zu erhalten, bekommen die Menschen so Werkzeuge in die Hand, mit denen sie diese Daten selbst ermitteln und ihre eigene Meinung formulieren können.
 

Demokratisierung der Informationen über den Fluss und seine Verschmutzung

2018 wurde die Idee des schwimmenden Labors zum ersten Mal getestet. „Die meisten Menschen in Jakarta würden dieses Floß aus moderner Sicht als ein primitives Gerät beziehungsweise einen primitiven Raum ansehen“, sagt Indra. Die Mitglieder von Labtek Apung sahen darin jedoch eine Chance und beschlossen, diesen ohnehin schon dynamischen Raum um eine weitere Aktivität zu erweitern – die wissenschaftliche Gemeinschaftsforschung.

Zu Beginn wurden drei Aktivitäten ausprobiert. Bei der ersten handelte es sich um einen ökologischen Ansatz zur Untersuchung der Wasserqualität des Flusses. Dies war möglich, weil Novita in einem Labor arbeitet und somit einige Geräte mitbringen konnte. „Zusammen mit den Kindern, die sich in der Nähe des Floßes aufhalten, haben wir gelernt, wie man die Wasserqualität misst.“ Novita teilt die Ergebnisse mit allen Teilnehmer*innen, die dann feststellen, „Oh, das ist tatsächlich das Wasser, mit dem wir leben, wir sind diesem Wasser jeden Tag ausgesetzt“, erzählt Indra.

Die zweite Aktivität war eher architektonischer Natur. Dabei ging es darum, gemeinsam über die Beziehung zwischen den Häusern am Ufer des Flusses und den Fluss selbst nachzudenken. Was würde zum Beispiel passieren, wenn man in dieser Gegend lebt und Überschwemmungen ausgesetzt ist? Darüber hinaus wurde auch über das Wasser als Ressource nachgedacht: Woher kommt das Wasser, das die Menschen jeden Tag benutzen? Im dritten Teil ging es um die Sinne: das Riechen, Schmecken und Beobachten des Wassers als visuelles Element.

Die Idee hinter dem schwimmenden Labor besteht darin, ein wissenschaftliches Labor, also einen Ort, der sonst ausschließlich Experten vorbehalten ist, für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf diese Weise können verschiedene Menschen zusammenkommen, eine neue Sichtweise entwickeln und über den Fluss sprechen.
 

Durch Bildung können wir neue Ressourcen und Kompetenzen schaffen, um auf aktuelle Herausforderungen wie die Abwasserentsorgung zu reagieren. Es geht darum, allen Teilen der Gesellschaft eine aktive Rolle bei der Entwicklung von Umweltwissen zu ermöglichen.

Novita Anggraini

Eine gemeinsame Herausforderung

Auf die Frage nach der größten Herausforderung, die die Initiative Labtek Apung insgesamt meistern musste, antwortet Novita, dass es „sehr schwierig ist, ein Team beziehungsweise ein Kollektiv wie uns zusammenzuhalten“. Alle Mitglieder haben neben dem Labor noch andere Tätigkeiten und jede*r von ihnen hat eine andere Persönlichkeit, ein eigenes Geschäft oder einen eigenen Werdegang. „In der indonesischen Sprache gibt es die Redewendung ‚hangat-hangat komunitas‘, was bedeutet, dass der Enthusiasmus zu Beginn einer Gemeinschaftsaktion oft groß ist, später aber nachlässt. In einer Gemeinschaft sind die Menschen wie eine Flüssigkeit, sie ändern ständig ihre Meinung und folgen ihren eigenen Interessen. Manche Menschen gehen weg, andere kommen. Es gibt ein Gleichgewicht.“

Novita ist sich dieser „flüssigen“ Natur der Organisation bewusst und weiß, dass es möglich wäre, die Leute daran zu hindern, der Initiative den Rücken zu kehren, aber ihr ist daran gelegen, dass das Ganze Spaß macht, um die Menschen wirklich für die Aktivitäten zu interessieren. „Die Leute werden kommen, wenn sie die gleiche Vision oder den gleichen Traum haben wie man selbst.“
 

Eine Gemeinschaft, die Freude an ihrer Tätigkeit hat, kann lange weiterbestehen.

Indrawan Prabaharyaka


Indra bestätigt, wie wichtig es ist, Spaß an der Sache zu haben und das Kollektiv offen und flexibel zu gestalten. „Wir achten auch darauf, dass das Ganze nicht kommerziell wird und vom ursprünglichen Ziel abweicht, nämlich zu experimentieren, gemeinsam Dinge zu tun, sich zu treffen, Kontakte zu knüpfen und Zeit miteinander zu verbringen. Wir wollen diesen Geist nicht verlieren.“

Eine der Herausforderungen für beide ist die Pflege von Freundschaften in einer ruhigen, entspannten und ungezwungenen Atmosphäre sowie der Austausch von Interessen und Gedanken, während man gleichzeitig bewusst und explizit plant oder sich organisiert. Sie raten dazu, „über den Tellerrand zu schauen und sensibel und fantasievoll zu sein, um die sich bietenden Gelegenheiten zu erkennen“.

Die eigene Geschichte aufschreiben und teilen

Abschließend empfehlen Novita und Indra, alles zu dokumentieren. „Dokumentiert so viel wie möglich. Falls wir am Ende nicht überleben sollten, können andere so in unserem Sinne weitermachen. Eine Gemeinschaft, die Freude an ihrer Tätigkeit hat, kann noch lange weiterbestehen.“

Das Füllen des Floßes mit Aktivitäten, die die Menschen dazu bringen sollen, ihre Beziehung zu den Flüssen von Jakarta zu überdenken, ermöglicht das Schreiben einer völlig neuen Geschichte. „Es ist wichtig, fantasievoll zu sein, Dinge zu überdenken und neu zu interpretieren, die wir in unserem Alltag sehen und die uns vertraut erscheinen, aber eigentlich ganz fremd sind – wie dieses Floß“, sagt Indra.

Novita fügt hinzu: „Ihr könnt eure Freund*innen und Familienmitglieder einladen, ein weiteres schwimmendes Technologielabor in eurer Stadt, auf eurem Fluss einzurichten. Wenn ihr eigene Ideen, Werkzeuge oder Methoden mitbringt, die sich von unseren unterscheiden, probiert sie aus und meldet euch bei uns, um euer Wissen und eure Erfahrungen zu teilen. Lasst uns zusammenarbeiten!“ Labtek Apung ist eben tatsächlich ein offenes Labor – schließt Euch an!

 

In dieser Reihe geht es um:

Das Projekt „Inspirador für mögliche Städte“ von Laura Sobral und Jonaya de Castro zielt darauf ab, Erfahrungswerte aus Bürger*inneninitiativen, akademischen Kontexten und politischen Maßnahmen zu identifizieren, die sich an Transformationsprozessen hin zu nachhaltigeren, kooperativeren Städten beteiligen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Lebensweise und unsere Konsumgewohnheiten die Auslöser der Klimakrise sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Mitverantwortung einzugestehen. Grüne, geplante Städte mit autonomer Nahrungsmittelversorgung und einer Abwasserentsorgung auf Grundlage natürlicher Infrastrukturen können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Vorstellungswelt sein, die für diesen Wandel notwendig ist. In dem Projekt werden öffentliche Maßnahmen und Gruppeninitiativen aus der gesamten Welt vorgestellt, die auf die Möglichkeit anderer Lebensweisen aufmerksam machen.
 
Das Projekt systematisiert inspirierende Fälle und Ideen in den folgenden Kategorien: 

#entwicklung_neudefinieren, #raum_demokratisieren,
#ressourcen_(re)generieren, #zusammenarbeit_intensivieren, 
#politische_vorstellungskraft