Globale Ernährungssicherheit Mangel und Visionen

Eine Rakete in einem Weizenfeld in Mykolaiv, Ukraine
Klimakatastrophen und Kriege zeigen uns, dass die Art, wie wir uns global ernähren an ihre Grenzen gelangt. Doch wie kann eine global gerechte Ernährung aussehen? | Foto (Detail): Nur Photo | Maciek Musialek © picture alliance

Vor dem Hintergrund von Kriegen und Klimakatastrophen kommt es zu weltweiten Nahrungsmittelengpässen. Trotzdem ist eine gerechte globale Ernährung möglich – doch dafür müssen sich Produktion und Konsumverhalten ändern.

Jeden Tag um kurz nach sechs steht Thomas Omoni auf und weckt seinen jüngsten Sohn Regan, der in die Schule muss. Neuerdings verlaufen die gemeinsamen Mahlzeiten weniger harmonisch. „Regan beschwert sich jetzt häufig über das Essen“, bedauert Omoni, der sein Geld als Fahrer verdient. „Früher gab es morgens Mandazi“, erzählt er. Mandazi sind frittierte Teigballen, für die außer Speiseöl auch Weizen gebraucht wird. Beides ist seit dem Krieg in der Ukraine auch in Kenia deutlich teurer geworden. Weil sie sparen müssen, essen Omoni und seine Frau nun morgens Kochbananen, aber Regan quittiert das ungewohnte Essen mit Protest. „Also kaufen wir für ihn oft trotzdem ein Mandazi“, räumt Omoni ein. Und während die Erwachsenen ihren morgendlichen Tee nun ungesüßt trinken – was bis zum Beginn des Krieges in Kenia praktisch undenkbar war –, bekommt Regan ihn noch immer leicht gesüßt, weil er seinem Unmut sonst allzu laut Luft macht. 

In Kenia sind die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen. Neben Speiseöl sind auch Milch, Haushaltsgas und Maismehl – in Kenia das wichtigste Grundnahrungsmittel – deutlich teurer geworden. Das liegt zum Teil daran, dass die Regierung die Steuern auf viele Produkte deutlich erhöht hat, weil das Land in einer Schuldenkrise steckt und die Regierung fast verzweifelt weitere Einnahmequellen sucht. So hat sie beispielsweise den Mehrwertsteuersatz auf Propangas von acht auf 16 Prozent verdoppelt. 

Ukrainekrieg verschärft Mangel

Seit Februar 2022 kommen die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine hinzu. Vor dem Krieg produzierten die Ukraine und Russland zusammen zwei Drittel des weltweit exportierten Speiseöls, und ein Drittel des weltweit exportierten Weizens. Mais, in vielen Ländern ebenfalls ein wichtiges Grundnahrungsmittel, stammte zu 15 Prozent aus der Ukraine und Russland. Nach neueren UN-Schätzungen importierten die Länder südlich der Sahara rund 44 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Somalia sogar über 90 Prozent. 

Infografik zu Weizenimporten aus Russland und der Ukraine Grafik: © FAZIT Communication GmbH Durch den Krieg ist der Export von Getreide und Speiseöl aus der Ukraine deutlich erschwert, die Preise sind durch die Knappheit gestiegen, laut der Afrikanischen Entwicklungsbank auf dem Kontinent um 60 Prozent. Und das zu einer Zeit, in der im Osten und Westen des Kontinents wegen eigener Produktionsausfälle aufgrund einer schweren Dürre besonders viele Importe nötig wären.

Hoffnung auf Erleichterung durch Abkommen

Ein Abkommen vom 22. Juli 2022 könnte die Situation etwas erleichtern. Vermittelt von UNO-Generalsekretär António Guterres vereinbarten die Ukraine und Russland mit der Türkei eine Lösung für die Ausfuhr von Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine. Bei der Vereinbarung geht es zum einen um einen Korridor, den die Frachtschiffe gefahrlos passieren können. Zum anderem um Kontrollen der Schiffe, damit Lieferungen von Waffen verhindert werden. Ein erstes Schiff mit Weizen an Bord konnte den Hafen von Odessa am ersten August 2022 verlassen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dieses Abkommen von den Kriegsparteien eingehalten wird.  

Aus Russland konnten Lebensmittel schon in den vergangenen Wochen weiter exportiert werden, weil sie von den Sanktionen ausgenommen sind. „Russland ist der größte Weizenexporteur weltweit“, stellt Matin Qaim fest, Professor für Agrarökonomie sowie Agrarwissenschaftler und einer der Direktoren des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) in Bonn. „Und es verfügt auch über etwa 10 Prozent der weltweiten Ackerflächen.“ Dieses Produktionspotential setze Präsident Putin derzeit sehr strategisch ein. „Das heißt, es exportiert nur an befreundete Länder, oder Länder die gefügig sind, oder gefügig gemacht werden sollen.“ Nach einem kurzen Exportstopp im März 2022 exportiert Russland laut Qaim inzwischen wieder über 80 Prozent der Vorkriegsmenge – aber eben ganz bewusst nur in bestimmte Länder. „Und die Gefahr, dass sich natürlich durch eine Abhängigkeit von diesen Importen aus Russland eine Aufteilung der Welt in neue Schemata ergibt – also russland-freundliche Staaten, die abhängig sind von solchen Importen aus Russland und andere –, die ist real.“ 

Gestiegene Energiepreise verteuern Produkte 

Zugleich sind die Energiepreise wegen der befürchteten Knappheit explodiert. Das macht alle Transportwege teurer, was fast zwangsläufig zu Preissteigerungen führt. Für Länder wie Kenia ist außerdem dramatisch, dass der wichtige Stickstoff-Dünger nur mit Methan aus Erdgas produziert werden kann. Deshalb ist auch Kunstdünger infolge des Krieges teurer geworden. 

Steigerung der Lebensmittelpreise Grafik: © FAZIT Communication GmbH Die Knappheit von Getreide auf dem Weltmarkt liegt allerdings nicht nur am bisherigen Ausfall der Getreideexporte aus der Ukraine. Mitte Mai 2021 verkündete Indien ein nahezu vollständiges Exportverbot von Weizen, weil die Ernte infolge einer Hitzewelle deutlich geringer ausfallen wird als üblich. Im Jahr 2020 war das asiatische Land laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) mit knapp 110 Millionen Tonnen der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt. Qaim weist allerdings darauf hin, dass die Aufregung um den Exportstopp verkennt, dass Indien vor allem für den eigenen, riesigen Markt produzierte und in schlechteren Jahren sogar Netto-Importeur von Weizen war. Trotzdem erhoffte die Weltgemeinschaft, dass Indien als Exporteur die Ernährungskrise zumindest abfedern könnte.

Klimakrise verschärft Ernährungsunsicherheit

Der Exportstopp Indiens ist ein weiteres Beispiel für den dramatischen Einfluss, den die Klimakrise in den kommenden Jahren auf die Ernährungssicherheit haben wird. Auch am Horn von Afrika zeigen sich die lebensbedrohlichen Folgen der Klimakrise für einkommensschwache Menschen. Und derzeit ist nicht nur der Osten Afrikas von einer schweren Dürre betroffen, sondern auch Westafrika. Dort könnten bald knapp 40 Millionen Menschen hungern.

Geringe Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft

Die Häufung von Wetterextremen ist nicht der einzige Grund für den massiven Mangel an Lebensmitteln. Christian Borgemeister, ebenfalls einer der Direktoren des ZEF an der Universität Bonn, weist auf das starke Bevölkerungswachstum hin. „Die Steigerung der Produktionsmengen hat damit nicht Schritt gehalten“, bedauert Borgemeister. 

Dabei gäbe es eine Reihe von Ländern, die deutlich mehr produzieren könnten, ergänzt Qaim. „Die Landwirtschaft und ihre Förderung sind über Jahrzehnte hinweg sträflich vernachlässigt worden.“ Denn nach dem Entwicklungsmodell, das seit den 1950er-Jahren international propagiert wurde, hätten Industrienationen und Länder des globalen Südens vornehmlich auf die Industrialisierung gesetzt. „Die Landwirtschaft wurde nicht gefördert, sondern es wurde geschaut, wie man die Industrie vorantreiben kann“, erklärt Qaim. Ein Fehler, wie sich heute herausstellt. Anders als in Afrika, hätten allerdings viele Länder Asiens schon seit den späten 1960er Jahren und in den 1970er Jahren im Zuge der Grünen Revolution mehr in Landwirtschaft investiert, „weil man schrittweise die Bedeutung der Landwirtschaft für Hunger- und Armutsbekämpfung erkannte“, so Qaim. „In den meisten afrikanischen Ländern ist die Grüne Revolution aber ausgeblieben.“ 

Wege zu einer gerechten globalen Ernährung

Qaim und andere Experten sind davon überzeugt, dass selbst vor dem Hintergrund von Kriegen und Klimakatastrophen eine gerechte globale Ernährung möglich ist. „Dies bräuchte eine größere Nachhaltigkeit im Konsum“, betont der Agrarökonom Qaim. Und das bedeutete vor allem: weniger Verschwendung. Außerdem weniger Verwendung von Getreide als Futtermittel für Masttiere. „Also weg von dem hohen Fleischkonsum, den wir bisher vor allem in den reichen Ländern beobachten.“ Zugleich müsste die Produktion dort, wo es günstige landwirtschaftliche Bedingungen gebe, gefördert werden, auf eine nachhaltige und umweltfreundliche Weise. 

Mehr Unterstützung der Landwirtschaft in afrikanischen Ländern fordert auch der kenianische Agrarökonom Timothy Njagi. Zwar fördere die EU schon länger landwirtschaftliche Projekte in Afrika, folge da aber vor allem ihren eigenen Interessen. So habe sich Europa zum Beispiel für die Intensivierung der Milchwirtschaft eingesetzt. „Aber in den meisten Regionen Afrikas kann Vieh wegen der Trockenheit nur in extensiver Weidewirtschaft gehalten werden“, betont Njagi. Die EU-Programme liefen dort ins Leere. Wichtig für eine global gerechte Ernährung sei nicht zuletzt mehr Wissenstransfer, meint der kenianische Wissenschaftler. Das gilt auch für den „Green Deal“ der EU, dessen Ziel es ist, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. Die EU möchte damit globale Ernährungsstandards setzen. 

Auch afrikanische Länder müssen künftig mehr biologisch produzieren, wenn sie nach Europa exportieren wollen. „Aber so effektiv sind wir noch nicht“, sagt Njagi. Statt Afrika neue Handelshürden in den Weg zu stellen, sollte Europa beispielsweise sein Wissen über Möglichkeiten der biologischen Schädlingsbekämpfung mit Hilfe von Informationstechnologie teilen. Njagi schlägt mehr Kooperation zwischen afrikanischen und deutschen Universitäten vor. „Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten auf der Grundlage dessen, was Deutschland bereits entwickelt hat, lokale Lösungen finden, die an die hiesigen Verhältnisse angepasst sind und genauso gut funktionieren“, ist Njagi überzeugt. „Ohne dass wir einfach nur kopieren und übertragen, was anderswo angewendet wird.“