Umweltaktivismus Engagement und Risiko in Brasilien

Zerbrochener Ast
Foto (Detail): © Sidney Possuelo

Sich für die Umwelt zu engagieren in einem Land, das sich durch Raubbau an seiner Bevölkerung und seinen Ressourcen auszeichnet, kann gefährlich sein. Wie ernst die Lage ist, wurde nach dem gewaltsamen Tod eines Umweltschützers und eines Journalisten im Amazonasgebiet klar. Es gibt sogar Aktivist*innen, die das Land aus Angst vor Repressalien verlassen müssen. 

Brasilien ist das Land mit der weltweit größten Biodiversität, aber auch das mit der größten Konzentration von Rendite und Land, also eins der ungleichsten Länder der Welt. Die Mischung aus sozialer Vulnerabilität, Abwesenheit des Staates und krimineller Ausbeutung von Bodenschätzen mündete in einer Reihe von gewaltsamen Aktionen gegen die traditionellen Gemeinschaften und jene, die sich für den Erhalt der Umwelt einsetzen.

Laut einem Bericht der Nichtregierungsorganisation Global Witness war Brasilien 2020 das Land mit den viertmeisten Morden an Umweltaktivist*innen weltweit – 20 bestätigte Fälle; nur übertroffen von Kolumbien, Mexiko und den Philippinen. Konflikte um Land, Wasser, Bodenschätze und Ressourcen des Waldes sind ein historisches Problem in Brasilien. Die Ermordung des Kautschukzapfers Chico Mendes 1988 war ein erstes einschneidender Moment dieser Dynamik.

Die Erkenntnis, dass das Überleben der Kautschukzapfer im Amazonasgebiet von der Erhaltung des Waldes abhing, motivierte ihn zur Gründung des ersten extraktivistischen Schutzgebiets in Brasilien im Bundesstaat Acre. Der Tod des von der UNO für sein Umweltengagement ausgezeichneten Aktivisten ging um die Welt und war auch im Land selbst, das gerade erst die Militärdiktatur hinter sich gelassen hatte, wie ein umweltpolitischer Weckruf. Doch Chico Mendes war kein Einzelfall. Laut der Landpastorale CPT, die Gewalt gegen Flussanrainer, Indigene, Landarbeiter*innen und Landlose dokumentiert, wurden allein in dem Jahr seiner Ermordung noch 104 Morde wegen Landkonflikten verzeichnet.

Verminderte Wachsamkeit

Ebenso wenig gilt die Ermordung des Indigenen-Experten Bruno Pereira sowie des Journalisten Dom Philipps im Juni dieses Jahres in Vale do Javari an der Grenze Brasiliens zu Peru und Kolumbien als Einzelfall. Sie fällt in eine Phase der nachlassenden Sanktionierung von Umweltverbrechen durch die brasilianischen Behörden. Seit Amtsantritt der Regierung Jair Bolsonaros 2019 wurden zahlreiche Dekrete, Vorschriften, Anweisungen und Gesetze erlassen, die auf eine verminderte Wachsamkeit gegenüber Umweltfragen zielen und die entsprechende Kriminalität angeheizt haben. „In dieser politischen Gesamtsituation geschehen solche Dinge nicht zufällig. Der Mord an Pereira und Philipps trägt die Handschrift der Bolsonaro-Regierung, die auch an anderer Stelle zu beobachten ist. Manche Fälle bekommen international Aufmerksamkeit, andere nicht“, sagt Maurício Angelo, der sich als Journalist auf den Bergbausektor in Brasilien spezialisiert hat. 

Pereira und Philips verschwanden am 5. Juni 2022 auf einer Reise in Richtung der Stadt Atalaia do Norte über den Fluss Itacoaí, nachdem sie sich mit Indigenen aus dem Vale do Javari getroffen hatten, dem Siedlungsgebiet der Völker Marubo, Korubo, Mayoruna, Matis, Kanamari, Tsohom Djapa, Kulina Pano sowie mindestens weiteren 16 Völkern, die zusammen die größte isolierte indigene Bevölkerung der Welt bilden. 

Ständige Bedrohung

Der Journalist Philips, der seit 2007 in Brasilien lebte und für Publikationen wie The Washington Post, The Guardian oder Financial Times schrieb, arbeitete an einem Buch über nachhaltige Entwicklung im Amazonasgebiet. Pereira war ein von der brasilianischen Behörde für Angelegenheiten der Indigenen (FUNAI) zertifizierter Experte, zum Zeitpunkt seiner Ermordung allerdings in der technischen Unterstützung der indigenen Organisation Unijava tätig. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen wurden Pereira und Philips von Männern getötet, zerstückelt und anschließen versteckt, die sich in der Region schon seit Längerem in der illegalen Ausbeutung von Fischfang und Jagd betätigen. 

Laut dem indigenen Anwalt von Unijava Eliesio Marubo, ist die Bedrohung von Umweltschützer*innen in der Region ein schon länger anhaltender Dauerzustand. „Das ist so, seit es Javari gibt. Nun aber reagieren wir verstärkt darauf, indem wir die Verbrechen untersuchen, anprangern und unsere Erkenntnisse mit den Behörden teilen“, sagt Marubo, der die Morde als eine kriminelle Reaktion auf die erhöhte Wachsamkeit vonseiten der Indigenen betrachtet, die von Pereira mit Drohnen und eigenen Kartierungen unterstützt wurde. 

Pereiras Witwe, die Anthropologin Beatriz Matos, verriet in einem Interview der brasilianischen Zeitschrift Piauí, wie sich ihr Mann der Sache der Indigenen und der Verteidigung ihrer angestammten Territorien verschrieben hatte. Zum Zeitpunkt seiner Ermordung stand er im Dialog mit Bewohner*innen der Region über Alternativen zur Ausplünderung der Fischgründe. „Es ist eine schwierige Aufgabe, denn illegale Fischerei und Drogenhandel bringen mehr Geld ein als traditioneller Fischfang”, sagt Matos, für die Pereiras  Mörder sich durch die Haltung der brasilianischen Zentralregierung ermutigt fühlten, ihr Verbrechen vor aller Augen zu begehen: „Vermutlich hielten sie es für nur einen weiteren Mord, der nicht weiter beachtet wird.”

Verfolgung und Spionage

Der Journalist Angelo verdeutlicht die Komplexität der Umweltverbrechen im Amazonasgebiet, in dem sich Entwaldung, Fischfang, Jagd und illegale Goldwäscherei überlagern. Hinzu kommen Drogenhandel, Landraub, sklavereiähnliche Ausbeutung, Polizeikorruption und illegaler Lobbyismus durch Politiker*innen, die eigenen Interessen innerhalb dieser Gemengelage verfolgen. Er schildert die Beschäftigung mit ökologischen und sozialen Themen in Brasilien als sehr riskant.

„Die Bedrohungen sind vielfältig, nicht nur gegen unsere körperliche Unversehrtheit, sondern sie umfassen seelische und juristische Übergriffe, die Drohung mit Waffen, Beschimpfung und Online-Belästigung sowie Spionage vonseiten der großen Bergbauunternehmen“, sagt er. Der Unesco-Bericht „Threats that silence“ zeigt auf, dass von 2016 bis 2020 in Brasilien insgesamt 14 Journalisten ermordet wurden, womit sich das Land in dem Top Ten der weltweit meisten ermordeten Pressevertreter*innen befindet.

Exil und Angst

Im November 2019 wurde der indigene Anführer Paulo Paulino Guajajra ermordet, der sich ebenfalls für die Rechte der angestammten Völker und ihrer Territorien im Bundesstaat Maranhão einsetzte. Ein weiterer Mitarbeiter der FUNAI, Ricardo Rao, flüchtete daraufhin nach Europa. „Es gibt kein freiwilliges Exil. Wer ins Exil geht, tut dies aus der Notwendigkeit, sein Land verlassen zu müssen“, sagt Rao. „Ich bin hierhergekommen, weil mir ein Ermittler der Polizei die Pistole an den Kopf gehalten hat. Meine Freunde werden ermordet, und mir sagte man, ich sei der nächste“, fügt er hinzu.  

Wenige Tage nach der Ermordung von Paulino Guajara, stellte Rao ein Dossier zusammen, in dem er Polizei und Behörden vorwarf, an der Ausbeutung von indigenen Territorien und an Morden in Maranhão beteiligt zu sein, und übermittelte es an das brasilianische Nationalparlament. Dann ging er nach Norwegen, wo er seit der Indigenen Olympiade 2014 Kontakte zur Sámi-Bevölkerung hatte. Er erhielt zunächst Asyl in Norwegen, ging dann nach Italien, von wo aus er die Situation in Brasilien aufmerksam verfolgt.   

Aufgerüttelt von den Morden an Dom Philips und Bruno Pereira (Letzteren kannte er aus gemeinsamen Trainings und einige Arbeitsaktivitäten), erhob Rao auf einer Veranstaltung über indigene Völker in Madrid schwere Vorwürfe gegen den derzeitigen Direktor der FUNAI Marcelo Xavier, bezeichnete ihn als Angehörigen des organisierten Verbrechens und durch seine Beteiligung an der Zerschlagung der Behörde letztendlich als Verantwortlichen für den Tod von Bruno Pereira. 

Xavier war direkt von Präsident Jair Bolsonaro als Direktor ernannt worden. Das Video mit den Anschuldigungen ging viral und lenkte die weltweite Aufmerksamkeit auf die Ereignisse in Brasilien. “Nachdem ich Brasilien verlassen hatte, wollte ich der Dimension den Ausmaßen der Situation größere Sichtbarkeit geben. Hätte meinen Warnungen beizeiten Gehör geschenkt, wären die Schüsse auf Bruno und Dom vielleicht nicht geschehen”, überlegt der Aktivist.

Der Einsatz für den Umweltschutz wird ohne eine entsprechende Verpflichtung der brasilianischen Regierung allerdings nicht weiterkommen. Brasilien müsste, so Angelo, die Politik wiederaufnehmen, die vor nicht langer Zeit schon einmal Wirkung gezeigt hatte – zwischen 2004 und 2016 ging die Entwaldung im Amazonasgebiet um 72% zurück. „Wir besitzen ein Tragwerk aus Erkenntnissen und Expertise, das mithilfe von Satelliten und durch den Einsatz der Institutionen zur Bekämpfung von Umweltverbrechen entstanden ist. All das verlangt nach mehr Staat. Was wir aber heute beobachten, sind die Abwesenheit des Staates sowie Kriminelle, die keine Angst haben, sanktioniert zu werden“, fasst er die Lage zusammen.