Braune Grüne Umweltschutz von Rechts

Grüne Themen im braunen Gewand: Nicht jeder, der sich für Umweltschutz einsetzt, ist automatisch auch ein Grünen-Wähler. Hier ein Aufmarsch von Anhängern des „III. Weges“  2019.
Grüne Themen im braunen Gewand: Nicht jeder, der sich für Umweltschutz einsetzt, ist automatisch auch ein Grünen-Wähler. Hier ein Aufmarsch von Anhängern des „III. Weges“ 2019. | Foto (Detail): © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Sebastian Willnow

Wer grüne Grundsätze für gut und richtig hält, kann nicht rechts sein? Weit gefehlt. Umwelt- und Naturschutz ist längst auch bei denen angelangt, deren Gedankengut ansonsten als rechtsaußen bezeichnet wird. 

Die Webseite ist in einem moderaten Design gehalten – kompetent und konservativ soll der Internetauftritt von „Die Kehre – Zeitschrift für Naturschutz“ erscheinen. Auf der Startseite des Naturschutz-Projektes um Jonas Schick finden sich Artikel zu „Ressourcenknappheit“, „Der Mensch, eine Naturkatastrophe?“, „Biomasse: Landwirtschaft und Klimaschutz“ oder „Im Schatten der Windkraft stirbt der Artenschutz“. Themen, die spätestens mit Fridays for Future die gebotene Relevanz in der politischen Diskussion und Einzug in die Mitte der Gesellschaft erhalten haben.

„Die Kehre“ kommt aber nicht aus dem grün-alternativen Milieu. Im Gegenteil, sowohl Bündnis 90/Die Grünen (Grüne) als auch die linke Öko-Szene markieren sie als Teil des Problems im Naturschutz, denn Chefredakteur Schick kommt aus der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB). Die Zeitschrift unterstützt der Verein „Ein Prozent für unser Land“, den das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) wegen rechtsextremer Positionen beobachtet. Diese einschlägigen Positionen und Kontakte verdeckt die seit 2020 erscheinende Zeitschrift erst gar nicht. Sie versucht offen, ökologisch Interessierte und Engagierte für rechte Positionen zu gewinnen. Beim Verkaufsstart am Kiosk warb „Die Kehre“ gleich auf dem Cover mit einem fünfseitigen Interview mit Björn Höcke – dem Thüringischen Landtagsfraktionsvorsitzenden der Alternative für Deutschland (AfD), den Sozialwissenschaftler*innen und BfV als Rechtsextremen bezeichnen.

Virulente Positionen

Die AfD widerspricht der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass der Klimawandel auch durch die Lebens- und Produktionsweisen des Menschen nachhaltig beeinflusst wird – spricht sich aber für Umweltschutz aus. Mit einer Kampagne „Grüne stoppen – Umwelt schützen“ greift sie gezielt die Grünen an. In der grünen Politik sieht sie „5 Grüne Umweltsünden“: dazu zählen der Ausstieg aus der Kernenergie – diese sei eine „Zukunftsenergie“ –, der Ausbau von Wind- und Solaranlagen, um „Flora und Fauna“ zu schützen, und das „Ende des Autos mit Verbrennungsmotor“, da für diesen „Klimawahn“ die „deutsche Automobil- und Zulieferindustrie“ geopfert werde. Im Flyer „Schöne grüne Welt?“ warnt die vermeintliche Alternative aber nicht nur vor den Grünen, sie warnt ebenso vor weiteren Parteien: „Die grüne Umweltpolitik der Altparteien ist ein Angriff auf unsere Freiheit, unseren Wohlstand und unserer Umwelt.“ Ihr Credo: nur die AfD schützte vor einem „neuen Ökosozialismus“ und garantiere den gebotenen Umweltschutz umzusetzen, der Arten-, Landschafts- und Naturschutz mit moderner Industrie in Einklang bringe.

Die rechtsextreme Kleinstpartei „Der III. Weg“ sieht die Grünen nicht minder als Bedrohung. Im Bundestagswahlkampf 2021 verbreitete die Partei in Sachsen und Bayern ein Plakat mit dem gut lesbaren Satz „Hängt die Grünen“ – weniger leicht lesbar war ergänzt, dass durch diese Plakate die „nationalrevolutionäre Bewegung“ bekannt gemacht werden solle. Die Plakate waren in grün gehalten, „Der III. Weg“ selbst versteht sich als „volkstreu & grün“.

Die ersten Grünen waren Braune

Neu ist das alles nicht, bereits in ihrem ersten Grundsatzprogramm von 1967 forderte die Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) den Schutz des Waldes, eine gesetzliche Verpflichtung zur Reinerhaltung der Flüsse und „zur Entgiftung und Bindung von Industrie- und Kraftfahrzeugabgasen“. „Ein ökologisch denkender Mensch“, so führte in den 1970er-Jahren der NPD-Bundesvorsitzende Martin Mußgnug aus, nehme „automatisch eine rechte Position ein“. Die Sorge des Verlustes der „gesundheitlichen Substanz“ durch eine verfehlte Umweltpolitik bewegte bereits 1973 die Partei auf ihrem Bundesparteitag. Die Mitglieder stimmten zu, einen Passus „Volksgesundheit und Umweltschutz“ in das Parteiprogramm aufzunehmen. Der Titel offenbart die Intention: In Angst um das „gesundete Erbgut“ des deutschen Volkes erklärten sie, dass „der Schutz der Natur und Umwelt (...) unerlässliche Vorbedingung für die Erhaltung des menschlichen Lebensraums und der Volksgesundheit“ sei. Bis heute ist das für die NPD ein Thema: Auf der Webseite der Partei kann man ein T-Shirt mit dem Slogan „Umweltschutz – Heimatschutz“ und dem Parteilogo bestellen.

Weit verbreitet ist auch die Kritik an der Moderne, verbunden mit der Sehnsucht nach einem vermeintlich harmonischen Ursprung einer vormodernen Welt. Sie beginne schon mit der Vergangenheits- und Naturverklärung der Nationalromantik um 1800, schreibt Andreas von Bernstorff in Ökologie von rechts – Von der deutschen Nationalromantik bis zur AfD 2021 im Dossier der Heinrich Böll Stiftung. Zum Schutz der deutschen Heimat zählte man neben nationaler Denkmalpflege auch die Pflege der Kulturlandschaft. Der Heimatschutz wurde zum historisch-ästhetischen Paradigma des Naturschutzes in Deutschland, was bis in die jüngste Zeit reicht: Deutscher Wald und deutsche Eiche erschienen als starke nationale Symbole. Diese Idealisierung war eine Reaktion auf den Beginn der Industrialisierung und Urbanisierung in Deutschland. Ab 1835 erfasste dieser Bruch alle und alles. Die Vernichtung des natürlichen Lebensraums und die Zerstörung der menschlichen Gemeinschaften wurden gleichermaßen beklagt wie die Entfremdung des Menschen von sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur. Einzelne Kritiker machten „die Juden“ als vermeintlichen Antreiber der Entfremdung vor der eigenen Art aus und markierten die Moderne als „jüdische Projekt“.

Reichsnaturschutz seit dem Dritten Reich

Die ideologische Prägung der unterschiedlichen Verbände führte dazu, dass die Nationalromantiker 1933 keinen großen Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten. „Sie erleben eine Hohe Zeit des Naturschutzes im Dritten Reich“, betont von Bernstorff. Denn 1935 wurde mit dem „Reichsnaturschutzgesetz“ ein praktikables Regelwerk geschaffen, das bis 1976 fortwirkte.

Selbst bei der Gründung der Grünen-Partei wirkten alte Nazis mit. Herbert Gruhl (1921 – 1993), der 1980 im Vorstand der frisch gegründeten „Grünen“ war, hatte zwar keine NS-Vergangenheit. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Bundesvorsitzende des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) vertrat jedoch einschlägige Positionen. In verschiedenen publizistischen Werken beklagte er, dass die Einwanderungspolitik der „europäischen Völker“ eine „sagenhafte Dummheit“ sei oder dass „viele Kulturen in einem Raum zusammengemixt“ würden. Der Wert des Gemisches sinke „mit zunehmender Durchmischung“. Mit dem Herausdrängen von Gruhl und seiner Anhänger*innneschaft aus der Partei begann für Rechtsextreme der Verrat der Grünen an Umwelt- und Naturschutz.

Rechte Tendenzen in grünen Berufen

Diese historische Verankerung offenbart, dass Natur-, Tier- und Heimatschutz für rechte Gruppierungen keine Themen sind, die sie nur aufgreifen, weil Bio gerade hip ist, Nachhaltigkeit en vogue oder Vegan trendet. Die grünen Braunen sehen die ökologischen Themen vielmehr als ihre ureigenen Themen, jedoch erweitert um den Volkschutz. Wie sehr sie damit auch heute in den Natur- und Umweltschutz hineinwirken, zeigte kürzlich eine Befragung unter Studierenden.

Im Juni 2022 legte die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) in Kooperation mit dem Institut für Diversity und Nachhaltigkeit (diversu e. V.) eine Studie über rechte Tendenzen in grünen Berufen vor. Die Studie folgt bei der Definition „grüner Berufe“ der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMLE) klassifizierten 14 Berufssparten – von Agrarwissenschaften bis zum Weinbau. An den entsprechenden Hochschulen gibt es unter den Studierenden wie auch unter den Lehrenden „problematische Einstellungen, die nicht verharmlost werden dürften“, so Lukas Nicolaisen, Leiter von FARN. Knapp 30 Prozent der befragten 804 Studierenden an 34 Hochschulen berichteten von teils gewalttätigen Stör- und Sabotageversuchen einzelner Personen oder Gruppierungen des neurechten Spektrums, die der IB, der Jungen Alternative für Deutschland und einschlägigen Burschenschaften zuzurechnen seien.

Doch auch eigene Vorstellungen der Befragten offenbaren für FARN und diversu e.V. Diskussionsbedarf. Den „Einsatz der extrem Rechten für den Natur- und Umweltschutz“ halten 61 Prozent „für Taktik“. Diese Fehleinschätzung, glauben die For­sche­r*in­nen, dürfte dem Lehrinhalt geschuldet sein, in dem die rechten Positionen der ökologischen Vordenker kaum reflektiert werden. Christine Katz von diversu e. V. betont: „Die Umfrage macht sichtbar, dass – und zum Teil welche – Anknüpfungspunkte für antidemokratisch, populistisch und rechtsideologisch gefärbte Positionen in vermeintlich wertneutralen, faktenbasierten, natur- und umweltwissenschaftsbezogenen ‚grünen‘ Studiengängen bestehen.“ Es fehle an einer Auseinandersetzung über die Entstehung, Strukturierung und Verfasstheit westlicher wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer Institutionen. Die Debatte um den Klimawandel auch als soziale Herausforderung bedarf dieser Reflektion.