Die „Uberisierung" der Arbeit Führen digitale Geschäftsmodelle zu mehr Prekarität?

Die enorme Nachfrage nach sogenannten „uberisierten“ Dienstleistungen während der Lockdowns im Rahmen der Covid-19-Pandemie hat jene Wirtschaftszweige stärker ins Licht gerückt, die auf der Nutzung von Online-Plattformen beruhen. Worin besteht die aus diesem Geschäftsmodell hervorgehende Prekarisierung der Arbeit und wen betrifft sie?

Von Aurélie Le Floch

Am 19. April 2022 hat das Pariser Gericht den Lieferdienst Deliveroo wegen „Schwarzarbeit“ zu 375.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Auslöser für den Prozess war der Status der Zusteller*innen, die als Kleinunternehmer*innen für Deliveroo arbeiten: Das Gericht hat ein Unterordnungsverhältnis zwischen dem britischen Unternehmen und seinen Kurier*innen festgestellt, da ihre Arbeitsbedingungen denen von Arbeitnehmer*innen ähneln (feste Arbeitszeiten, das Tragen von Uniformen, die Verwendung vorgegebener Sprachcodes, etc.), allerdings profitieren sie im Unterschied zu letzteren nicht von der entsprechenden Sozialversicherung. Indem Deliveroo die Kurier*innen in dieser Form arbeiten lässt, habe das Unternehmen in den Jahren 2015 und 2017 ungefähr 6,4 Millionen Euro Sozialversicherungsbeiträge eingespart. 

Hinter diesem symbolträchtigen Prozess steht das, was die Medien und einige Forscher*innen „Uberisierung der Arbeit“ nennen, ein Begriff, der 2017 in das französische Wörterbuch Le Petit Larousse aufgenommen wurde. Die Definition lautet: „Das Geschäftsmodell eines Unternehmens oder ein Geschäftsfeld werden durch einen hinzukommenden Akteur gefährdet, der die gleichen Dienste zu niedrigeren Preisen anbietet, die von Selbstständigen statt von Angestellten erbracht und meist über Plattformen im Internet gebucht werden.“

Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung der Arbeit

Im Kontext der Massenarbeitslosigkeit lassen sich die Menschen leichter auf schwierige oder sogar schlechte Arbeitsbedingungen ein. Unfreiwillige Teilzeitarbeit und befristete Verträge werden immer mehr zur Normalität. Dabei besteht das Interesse der Unternehmen darin, Stundenvolumen und Gehälter so weit wie möglich an ihre Bedürfnisse oder, im Fall der Plattformen, an die Bedürfnisse der Kund*innen anzupassen – zum Nachteil der Personen, die unter diesen Bedingungen arbeiten, und in dauernder Flexibilität und Unsicherheit leben.

Die Online-Plattformen verstärken diese Entwicklung noch: Sie greifen oft auf Dienstleister*innen zurück, die unter dem Status Kleinunternehmer*in für sie tätig sind, was für die Betroffenen mehr Autonomie und Verantwortung bedeutet, während sie wirtschaftlich von den vermittelnden Online-Plattformen abhängig sind. Eine widersprüchliche Situation, in der die Dienstleister*innen in Scheinselbstständigkeit arbeiten und deshalb nicht die Sozialversicherung bekommen, die Angestellten zusteht. Für standardisierte Leistungen, wie die Lieferungen von Waren oder das Reinigen von Räumlichkeiten, steht den Plattformen außerdem eine große Zahl von Anbieter*innen zur Verfügung, die somit in ein Konkurrenzverhältnis zueinander treten: Der Auftrag geht an die Person, die am schnellsten auf die Anfrage der Kund*innen reagiert.

Unterschiede in der Ausführung

Abgesehen von diesen Beobachtungen, wird das Modell in unterschiedlichen Ausführungen genutzt: „Die Situation der Kleinunternehmer*innen unterscheidet sich, je nachdem ob es sich um eine nebenberufliche oder eine hauptberufliche Tätigkeit handelt“, sagt Marie-Anne Dujarier, Professorin für Soziologie an der Université Paris Cité. Tatsächlich haben die Nutzer*innen der Online-Plattformen ganz verschiedene Profile: Handwerker*innen oder andere Arbeitnehmer*innen, die bereits in einer festen Anstellung sind, Studierende, Rentner*innen, Mütter und Hausfrauen, Personen auf der Suche nach einer Festanstellung oder im professionellen Umschulungsprozess …  Für diejenigen, die neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Kleinunternehmer*innen arbeiten, haben die Einkünfte aus selbstständiger Arbeit nicht dieselbe Bedeutung.
 
Lulu dans ma rue Ein Arbeitsalltag unter der Lupe: El Hadi berichtet

„Ich bin 25 Jahre alt. Seit 5 Jahren arbeite ich über Lulu dans ma rue als Umzugshelfer. Die Aufträge bekommen wir über eine App, die die Anzeige direkt an Lulus (Dienstleister*innen) weiterleitet, deren Profil dem Gesuch entspricht. Meistens arbeite ich im Team mit anderen Lulus, manchmal auch allein. Wenn uns ein Auftrag interessiert, dann setzen wir uns mit den Kund*innen in Verbindung, um den Ablauf und die Uhrzeit zu besprechen. Sobald die Dienstleistung erbracht ist, schicken wir den Kund*innen eine Rechnung. Ich bekomme ungefähr 60 % der Summe, die ich in Rechnung stelle. Lulu behält eine Provision von 21 % und die restlichen 23 % gehen an die Urssaf. Mein Monatsgehalt liegt je nach Nachfrage zwischen 800 und 1.400 Euro, im Sommer läuft das Geschäft besser. Mir gefällt der Kontakt mit den Kund*innen, die Flexibilität der Arbeitszeiten, und dass ich selbst über meinen Tagesablauf entscheiden kann. Wenn ich Urlaub haben möchte, dann nehme ich einfach keine Aufträge an. Vorher war ich Zusteller, aber ich mache lieber Umzüge. Die schwankenden Einnahmen sind allerdings schon ein Nachteil, einen festen Job würde ich vorziehen." | © Lulu dans ma rue
Ein anderer Teil der Selbstständigen hat diesen Status freiwillig gewählt. So zum Beispiel einige der Fachkräfte, die ihre Dienste über das Unternehmen Lulu dans ma rue anbieten. Das solidarische Dienstleistungszentrum besteht aus einer Internetplattform und Kiosken in der französischen Hauptstadt, und bringt die Anwohner*innen des jeweiligen Pariser Viertels mit Privatpersonen in Verbindung, die verschiedene Leistungen erbringen (Handwerksarbeiten, Hilfe bei Problemen digitaler Art, Haustier-Sitting, usw.). Ein Teil der Anbieter*innen (30 bis 40 %) durchläuft einen Einführungsprozess und erhält berufliche und soziale Beratung. „Lulu dans ma rue ermöglicht es den Selbstständigen, einen Kundenstamm aufzubauen und Schwarzarbeit zu vermeiden“, sagt Charles-Édouard Vincent, Gründer von Lulu dans ma rue. „Viele ziehen den flexiblen Status als Kleinunternehmer*in und die Möglichkeit, nur bestimmte Aufträge anzunehmen, dem starren Rahmen eines Arbeitsverhältnisses vor. Wir versuchen, die Unternehmensphilosophie so vielen Leuten wie möglich zugänglich zu machen.“ Die Arbeit im Rahmen von Lulu dans ma rue kann diesen Menschen dabei helfen, wieder eine berufliche Tätigkeit aufzubauen.

Setzt sich die „uberisierte“ Arbeit durch?

Findet diese Entwicklung auch in ganz Frankreich und den oben genannten Situationen statt, kann man von einer globalen „Uberisierung“ der Arbeitswelt sprechen? „Als Soziologin verwende ich diesen Begriff nur, wenn es konkret um Apps geht, die Personenmietwagen vermitteln“, sagt Marie-Anne Dujarier. „Die sozioökonomischen Modelle dieser Marktplätze sind, je nach Sektor, sehr unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit von Unternehmen wie Le Bon Coin, Uber, Foule Factory, TaskRabbit, Deliveroo, Netflix oder Airbnb besteht darin, dass sie die Anbieter*innen (oder Dienstleister*innen) über digitale Tools mit Kund*innen in Kontakt bringen. Die Geschäftsmodelle, die Unternehmensabläufe und die juristischen Problematiken unterscheiden sich jedoch stark voneinander, je nach Art der Aufgaben und der Ausrüstung, die benötigt wird, um sie auszuführen.“

Genau genommen betrifft die „Uberisierung“ demnach nur die Fahrer*innen von Personenmietwagen, die für ihre Tätigkeit bestimmte Apps nutzen, also 0,1 Prozent der berufstätigen französischen Bevölkerung. Davon abgesehen: „Diese Marktplätze sind weniger für die Prekarität verantwortlich, als dass sie von ihr profitieren, und die Tatsache, dass Personen, die sich nicht auf ein festes Gehalt verlassen können, schlechtere Arbeits- und Lebensbedingungen akzeptieren, ist genauso alt wie der Lohnkapitalismus.“ Es sei hinzugefügt, dass in Frankreich 90 Prozent der Berufstätigen Angestellte oder Beamt*innen sind. „Man kann also kaum von einer Uberisierung der Gesellschaft sprechen“, so Marie-Anne Dujarier.

Ein „Mitnahmeeffekt“ von kurzer Dauer?

Vor allem für bereits benachteiligte Bevölkerungsschichten kann das, was man allgemein unter „Uberisierung“ versteht, negative Auswirkungen haben. So lautet der Befund von Guillaume Almeras, nationaler Beauftragter für den Bereich Arbeit und Solidarische Wirtschaft des Secours Catholique, Hilfswerk der französischen römisch-katholischen Kirche: „Von der aktuellen Umgestaltung der Arbeitswelt sind vor allem die Personen betroffen, die ohnehin am meisten Schutz bedürfen, die Personen, die wir im Alltag unterstützen. Diejenigen, die über psychologische und intellektuelle Ressourcen verfügen, haben weniger Probleme. Dennoch: Wie soll man sich in einem uberisierten Arbeitsverhältnis eine Zukunft aufbauen, mit unmöglichen Arbeitszeiten, täglichen langen Arbeitswegen, die nicht bezahlt werden, wenn die Banken einem nur in einer stabilen finanziellen Situation Geld leihen? Diese Form der Arbeit trägt dazu bei, die Ungleichheit und Zersplitterung der Gesellschaft in geschützte und nicht geschützte Gruppen voranzutreiben. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Privatisierung stellt er unseren Gesellschaftsvertrag in Frage, zum Nachteil der Schwächsten.“

Noch ist fraglich, ob dieses Modell Bestand haben wird, seine Tragfähigkeit scheint nicht erwiesen zu sein. „Die Anbieter*innen verdienen nur wenig, die Unternehmen machen regelmäßig Verluste und der Staat zahlt hohe Subventionen bei gleichzeitigem Steuerausfall. Letzten Endes ziehen nur die Verbraucher*innen einen Gewinn aus den günstigeren Preisen, vorausgesetzt, sie stören sich nicht an den Arbeitsbedingungen der Dienstleister*innen“, schlussfolgert Marie-Anne Dujarier.
 

Lieferung nach Hause: Das spanische „Rider-Gesetz“ ist das erste seiner Art in Europa

Das im Mai 2021 verabschiedete „Rider-Gesetz“ hat das spanische Arbeitsrecht revolutioniert, es verpflichtet die Online-Lieferdienste, ihre Fahrer*innen fest anzustellen, sodass sie eine Sozialversicherung bekommen. Ein Jahr nach Verabschiedung des Gesetzes haben einige der Zusteller*innen die Festanstellung angenommen, andere haben den spanischen Markt verlassen oder arbeiten stattdessen für Subunternehmen – eine Art, die Vorschrift zu umgehen. Nichtsdestotrotz hat das „Rider-Gesetz“ dazu geführt, dass mehrere Tausend eine Festanstellung bekommen haben. Außerdem hat es sicher auch dazu beigetragen, in Frankreich und anderen europäischen Ländern eine ähnliche Bewegung anzustoßen.