Algeriens heikle Sprachpolitik „Teilen, um besser zu herrschen“

Zwei Straßenschilder in französischer, arabischer und in der Berbersprache stehen in Tizi Ouzou in der algerischen Kabylei (Foto vom 01.12.2007).
Zwei Straßenschilder in französischer, arabischer und in der Berbersprache stehen in Tizi Ouzou in der algerischen Kabylei (Foto vom 01.12.2007). Die Kabylen zählen zu den Berbern, die als die ursprünglichen Einwohner Algeriens gelten. Sie haben ihre Traditionen und ihre Sprache trotz Islamisierung, Arabisierung und der französischen Kolonialzeit bis heute bewahrt. | Foto (Detail): Ulrike Koltermann © picture alliance / dpa

In Algerien gibt es eine offizielle Sprache: Arabisch. Doch Französisch ist aus dem Alltag nicht wegzudenken und auch Tamazight, eine Berbersprache, wird in der Verfassung als Landes- und Amtssprache bezeichnet. Der Journalist Nourredine Bessadi wirft einen Blick auf die emotional geführte Diskussion um Algeriens offizielle Sprachen.

Von Nourredine Bessadi

Seit Algeriens Unabhängigkeit 1962 stehen die politischen Entscheidungsträger vor dem ungelösten Problem, welche Identität das Land annehmen soll und in welcher Sprache sie dies ausdrücken wollen. Dabei steht die Frage der Rehabilitierung der arabischen Sprache im Raum, die Arabisierung genannt wird und noch heute zu heftigen Diskussionen führt.

Damals herrschte in Algerien in der öffentlichen Meinung der Konsens darüber, dass die arabische Schriftsprache im unabhängigen Algerien wieder einen wichtigen Platz erhalten sollte. Symbolisch stand Arabisch für den Islam, den identitären Anker der Algerier*innen während der Kolonialzeit. Wie die Debatten in der Nationalversammlung 1963 um das erste algerische Staatsbürgerrecht zeigen, stellte die Tatsache, Moslem zu sein, ein sehr wichtiges Element der Staatszugehörigkeit dar. Für einen großen Teil der Algerier*innen schien es normal, dass die arabische Sprache wieder den Platz einnehmen sollte, den sie während der Kolonisierung verloren hatte.

Die Rehabilitation des Arabischen beruhte daher auf zwei Säulen: dem Islam und dem Kampf für die Befreiung des Landes.

Für die konkrete Umsetzung gab es zwei Möglichkeiten. Eine Möglichkeit war die Einsprachigkeit des Arabischen einzuführen, welche das Französische nach und nach im Zuge der sprachlichen Zurückeroberung der verschiedenen Bereiche ersetzt. Die Möglichkeit der Zweisprachigkeit hingegen beinhaltete, die arabische Sprache verstärkt zu unterrichten und daneben die französische Sprache zu erhalten.

Offizielle Einsprachigkeit

Anders als in Marokko und Tunesien wurde sich in Algerien für die Einsprachigkeit des Arabischen entschieden, zumindest offiziell. In der Realität erwiesen sich die Dinge als weit komplizierter, denn das Arabische konnte das Französische nicht vollständig ersetzen. Die politischen Entscheidungsträger haben das Französische übrigens nie endgültig verbannt, trotz einem der Sprache gegenüber oft feindlich geführten offiziellen Diskurs.

Wie kommt es, dass das Französische nach sechs Jahrzehnten einer Politik der bewussten Arabisierung noch eine so bedeutende Stellung in Algerien innehat? Liegt es an Algeriens soziolinguistischer Realität, in der diese Sprache feste Wurzeln gefasst hat, oder am Scheitern der Politik der Arabisierung? Oder handelt es sich vielmehr um eine von den politischen Machthabern gewollte Situation, die sich nicht festlegen und so die ideologische Konfrontation instrumentalisieren, indem sie die Befürworter der Arabisierung weiterhin gegen diejenigen ausspielen, die die französische Sprache erhalten wollen?

Diese ideologische Konfrontation von zwei Wertesystemen zeigt sich ganz offen in der linguistischen Konfrontation. Auf der einen Seite stehen die entschlossenen Befürworter der Arabisierung, die sich auf den Mittleren Osten, den Islam und die sogenannte arabische Nation berufen. Auf der anderen Seite stehen jene, die sich zur westlichen Welt hinwenden, verkörpert durch die französische Sprache. Da das Französische durch die französische Kolonisierung Algeriens mindestens ambivalent betrachtet werden muss, können ihre Gegner auf die koloniale Vergangenheit verweisen und die Befürworter der Sprache als hizb fransa (Partei Frankreichs) bezeichnen. Hinzu kommt, dass die Unterstützer der Arabisierung sich oft sowohl gegen das Französische als auch gegen die algerischen Sprachen, nämlich das algerische Arabisch und vor allem das Tamazight, wenden.

Sieg der französischen Sprache?

Einen neuerlichen Anstoß der Debatte lieferte im April 2020 das Vorhaben der Abfassung und Übersetzung der offiziellen Texte des algerischen Staates. Die Frage, welche der beiden Versionen, die arabische oder die französische, die Quellversion darstellt, erhitzt die Diskussion.

Neu ist, dass die überarbeitete Verfassung eine metalinguistische Passage enthält, in der es explizit um den Gebrauch der beiden Sprachen und die Frage der Übersetzung geht. Da die französische Sprache offiziell auf den Rang einer Fremdsprache zurückgestuft ist, hatten ihr die amtlichen algerischen Texte bis dahin keine explizite Erwähnung gewährt. Die Wörter „Französisch“ oder „französische Sprache“ waren sogar sorgfältig vermieden worden. Nur mit sehr versteckten und vagen Bezeichnungen wie „Fremdsprachen“ und „anderen Sprachen“ war auf die französische Sprache verwiesen worden.

Indem Gesetzestexte auf Arabisch und Französisch erscheinen, die jetzt explizit genannt werden, nimmt der algerische Staat nun eine juristische Zweisprachigkeit an. Der algerische Rechtstext wird offiziell auf Arabisch verfasst. Seit 1969 heißt es in der Präambel des Richtergesetzes, die Justiz sei ein „Attribut der Souveränität des Volkes und geschieht in seinem Namen und in seiner Landessprache“. Die französische „Version“ stellt weiterhin das authentische Referenzdokument dar, also den Quelltext, statt nur eine Übersetzung des arabischen Textes zu sein.

Die Bedeutung des Französischen im Alltag

Französisch ist weiterhin die erste Fremdsprache in algerischen Schulen sowie Unterrichtssprache in vielen Universitätsstudiengängen (Medizin, Pharmazie, Zahnmedizin, Informatik, Architektur und anderen). Viele Verwaltungseinrichtungen, insbesondere im Wirtschafts- und Bankensektor, arbeiten weiterhin auf Französisch. Dies gilt auch für die algerischen Medien, von denen ein großer Teil das Französische verwendet.

Es ist heutzutage weiterhin einfacher, in Algerien Arbeit zu finden, wenn man Französisch und Arabisch spricht statt nur Arabisch. Die Sprache von Molière behält einen privilegierten Platz im Alltag vieler Algerier. Dies bezeugen auch die vielen Lernenden dieser Sprache in privaten Sprachschulen sowie in Französischinstituten im ganzen Land. Dies wird zudem durch eine algerische Literatur des französischen Ausdrucks belegt, die noch am Leben ist.

Ist Tamazight eine heimliche zweite Amtssprache?

Trotz des Eintrags im vierten Artikel der Verfassung als zweite Landes- und Amtssprache arbeitet die algerische Verwaltung weiterhin auf Arabisch und Französisch anstatt Tamazight. Dort heißt es: „Tamazight ist ebenfalls Landes- und Amtssprache.“ In Artikel drei der Verfassung steht aber:  „Arabisch ist die Landes- und Amtssprache. Arabisch bleibt die Amtssprache des Staats. “ Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Artikel zu widersprechen. Der eine besagt, dass Arabisch die Amtssprache des algerischen Staats bleibt, und der andere, dass Tamazight ebenfalls eine Amtssprache ist.

Auch hier scheinen die politischen Machthaber Interpretationen nicht ausschließen zu wollen, indem sie den tatsächlichen Status des Tamazight im Ungewissen lassen. Manche behaupten, die Entscheidungsträger wollen sowohl die Verfechter der amtlichen Bestätigung des Tamazight wie auch die Gegner dieser Maßnahme zufriedenstellen. Erstere, indem ein eigener Artikel Tamazight als Landes- und Amtssprache bezeichnet (Artikel vier); zweitere durch die Aussage, dass Arabisch die Amtssprache des Staats bleibt (Artikel drei).

Der ungeklärte Status der Sprachen Arabisch, Französisch und Tamazight in Algerien ist häufig Thema öffentlicher Debatten und stellt weiterhin einen gern durch die politische Elite instrumentalisierten Streitpunkt dar. Sowohl im Hinblick auf Französisch als auch auf Tamazight kochen bei jeder Gesetzesüberarbeitung oder Verfassungsänderung die Emotionen hoch.

Alles deutet darauf hin, dass die politischen Entscheider in Algerien ihre Karten in der Hand behalten wollen, um sie zu gegebener Zeit einzusetzen und auf die alte Strategie des „Teilens, um besser zu herrschen“ zurückzugreifen. Dafür lassen die Machthaber viel Raum für Interpretationen und leidenschaftliche identitäre Debatten, die sich an den in Algerien gesprochenen Sprachen entzünden. Mit anderen Worten: Die politische Macht gibt auf keine Frage eine klare Antwort. Und das gilt ebenso für Tamazight wie für Französisch.