Kronendal Music Academy in Südafrika „Das Gute an der Musik ist, dass der Schmerz aufhört, wenn sie anfängt“

Musikunterricht an der Kronendal Music Academy, Südafrika.
Musikunterricht an der Kronendal Music Academy, Südafrika. | Foto (Detail): © Thabang Radebe

Die südafrikanische Schriftstellerin Lindokuhle Nkosi besucht die Kronendal Music Academy in Hout Bay, einem Vorort von Kapstadt, welche musikalische Bildung für Kinder anbietet. Mit der Gründerin der Akademie Dwyn Griesel spricht sie über die Nöte durch die Coronapandemie und die Folgen für die Kinder, aber auch über die heilende Kraft der Musik.

Von Lindokuhle Nkosi

Angesichts des alten Hauses in Hout Bay, einem Vorort von Kapstadt, – anderthalb Stockwerke, mit hoch aufragendem Satteldach und terrassenförmig angelegtem Garten, der sich hinter dem Haus erstreckt –, ist es leicht, den Zauber zu unterschätzen, der in seinem Inneren liegt. Am Eingang begrüßen uns zwei Stühle, die aus Geigen oder anderen kleinen Saiteninstrumenten hergestellt wurden. Ein Vorgeschmack darauf, was uns hinter dem bescheidenen Vorraum erwartet – ein großer Aufenthalts- und Empfangsbereich, der sich zum dahinterliegenden Grün hin öffnet; links ein paar Musikzimmer und eine Treppe, die zu Unterrichtsräumen im Obergeschoss führt. Über uns bläst jemand in etwas Großes und Lautes, während um uns herum kleine Personen Instrumente balancieren, die größer sind als sie selbst, und sie vorsichtig an Tische, Stühle und Wände lehnen, während die jungen Schüler*innen der Kronendal Music Academy (KMA) ihr Mittagessen einnehmen, ein lecker riechendes Curry mit Huhn und Butternuss.

Wer kann erahnen, was die Zeit der Pandemie für diese Kinder bedeutet hat? Amnesty International zufolge führten die weltweiten Lockdowns zu einer Zunahme von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder. Nimmt man die gestiegene Finanz- und Ernährungsunsicherheit hinzu, fanden sich Menschen, die in ärmeren Stadtvierteln in Südafrika leben, unter immensem Druck von allen Seiten wieder.

Die Auswirkungen der Lockdowns

„Die COVID-19-Pandemie hat eine Eskalation der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen und Mädchen im südlichen Afrika ausgelöst. Sie hat zudem bestehende strukturelle Probleme wie Armut, Ungleichheit, Kriminalität, hohe Arbeitslosigkeit und das systematische Versagen der Strafjustiz verschärft“, erklärte Deprose Muchena von Amnesty International im Februar 2021.

Nach Beginn des Lockdowns in Südafrika nahm häusliche Gewalt in der Region innerhalb weniger Wochen stark zu. In der ersten Lockdown-Woche meldete der South African Police Service (SAPS) den Eingang von 2.300 Notrufen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt. Bis Mitte Juni 2020 waren im gesamten Land 21 Frauen und Kinder von intimen Partnern getötet worden und Morde hatten im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum um 20 Prozent zugenommen.

Auch die Kronendal Music Academy blieb von der Gewalt dieser Zeiten nicht verschont. Im März 2020 fuhren Gründerin Dwyn Griesel und Gebäudemanager Andile Petelo das Kapstadter Radrennen in T-Shirts, auf denen das Gesicht von Sibusiso Dakuse abgebildet war. Dakuse war ein zwölfjähriger Schüler, der kurz zuvor auf Empfehlung einer Lehrkraft in das Programm aufgenommen worden war. Ein 23-jähriger Mann, ein örtlicher Basketballtrainerassistent, bekannte sich zu dem Mord an Dakuse, nachdem die Leiche des Kindes auf der Kronendal Farm im Schilf entdeckt worden war.

„Es ist unbegreiflich, dass Sibusisos wunderbare Stimme nie wieder erklingen wird“, schrieb Griesel. Am Tag, bevor Dakuses Mörder vor Gericht erschien, teilte Griesel in den sozialen Medien einen Beitrag mit einem Video, in dem Dakuse bei einem Konzert melodisch What the World Needs Now is Love singt. Er sollte in Kürze erstmals als Solist auftreten.

Es dreht sich alles um die Kinder

„Ich würde sagen, die Kronendal Music Academy ist ein Zuhause für die Kinder. Wir lernen von ihnen. Außerdem sind wir ihnen Freunde. Bei allem, was wir hier tun, geht es um die Kinder“, erklärt Petelo. Er erledigt hier vieles, repariert, was Pflege und Fürsorge benötigt: schwere, quietschende Türen; fiepende, lose Instrumente; gebrochene Herzen. Ein Kollege erwähnte Griesel gegenüber, die die Akademie mit einem Erbe von nur 150.000 südafrikanischen Rand gründete, den Namen des ehemaligen Mitarbeiters des James House Home for Children.

Die Schule bietet 108 Kindern eine musikalische Ausbildung. Als einzige Musikschule in Hout Bay basiert sie auf einem hybriden Modell des sozialen Unternehmer*innentums, bei dem Schüler*innen, die sich die Gebühren leisten können, die wohltätige Arbeit der Schule subventionieren. Griesel, die über einen Bachelor of Music in Jazz Studies verfügt, sagt, dass sie schon „seit vor ihrer Geburt“ Klavier spiele. Wir stehen im Garten. Über uns schweben bruchstückhafte Klavierakkorde, in die sich der Duft von Gewürzen aus der Küche und das Lachen von irgendwo im Haus mischen.
  • Die Kronendal Music Academy, Südafrika, von außen Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Die Kronendal Music Academy, Südafrika, von außen
  • Kinder in der Kronendal Music Academy Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Kinder in der Kronendal Music Academy
  • Im Musikunterricht in der Kronendal Music Academy in Hout Bay Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Im Musikunterricht in der Kronendal Music Academy in Hout Bay, einem Vorort von Kapstadt
  • Klavier am Eingang der Kronendal Music Academy Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Klavier am Eingang der Kronendal Music Academy
  • Musikprobe in der Kronendal Music Academy in Hout Bay. Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Musikprobe in der Kronendal Music Academy in Hout Bay, Südafrika.
  • Großer Aufenthalts- und Empfangsbereich in der Kronendal Music Academy in Hout Bay. Foto (Detail): © Thabang Radebe
    Großer Aufenthalts- und Empfangsbereich in der Kronendal Music Academy in Hout Bay, Südafrika.
„Um ehrlich zu sein, ist die Pandemie für alle hart, aber in einer Krise kämpfen wir am besten.“ Griesel spricht abgehackt. Macht lange Pausen, um ihre Gedanken zu sammeln, bevor die vergangenen Monate wie sich überschlagend aus ihrem Mund stürzen. „Wir waren sehr traurig, dass wir unsere Aktivitäten nicht wie gewohnt weiterführen konnten, aber wir gingen nahtlos dazu über, unsere Familien in anderen Bereichen zu unterstützen.“

Die Akademie bietet nicht nur einen Ort für Musikunterricht, sondern auch ein außerschulisches Programm; gibt den Schüler*innen zu essen, hilft ihnen bei den Hausaufgaben und kümmert sich um ihre psychosozialen Bedürfnisse. Als der strenge Lockdown viele zwang, zu Hause zu bleiben, versorgte die Akademie mehr als 450 Familien in Hout Bay mit Essen.

An neue Realitäten anpassen

Während des strengen Lockdowns wurde der Unterricht auf WhatsApp verlagert, wobei die Lehrkräfte die Stunden aufnahmen und direkt an ihre Schüler*innen schickten. Im Juni 2020, als die Einschränkungen langsam gelockert wurden, konnten die Schüler*innen in die Akademie zurückkehren, während die Lehrer*innen online unterrichteten. Im August 2020 begannen die Lehrkräfte langsam in das Gebäude zurückzukehren, aber erst im April 2021 fingen sie an, wieder in aufgeteilten Proben zu arbeiten. Die Stelle, an der die Pandemie die Schule am härtesten traf, war beim Rückgang der Unterstützung und Mittel, die das Projekt am Laufen halten.

„Wir nehmen die Tatsache sehr ernst, dass unsere Lehrkräfte und unser Personal für ihren Lebensunterhalt auf ihre Arbeit angewiesen sind, und das wurde einfach gestoppt, ohne jede jeden Rückhalt, keine Unterstützung von der Regierung, nichts. Und ohne sie würde die KMA einfach zusammenbrechen“, führt Griesel aus.

„In unseren ärmsten Gemeinden war ein echter Lockdown nicht möglich. Die Erwartung, dass Kinder auf ihre Hütten und Häuser beschränkt isoliert bleiben, war komplett unrealistisch. So stellten wir fest, dass Kinder Traumatisierung, Vernachlässigung und Misshandlung stärker ausgesetzt waren. Und wir mussten uns ihrer annehmen. Wir mussten sicherstellen, dass sie einen Ort hatten, wo sie hin hingehen konnten, und Menschen, mit denen sie reden konnten. Und wir haben in der Folge die Auswirkungen beobachtet, die die Pandemie auf unsere Kinder und ihre Familien hatte, im Hinblick auf posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD), verzögerten Stress … all diese psychosozialen Traumaindikatoren der Pandemie begannen sich über die vergangenen sechs Monate hinweg zu zeigen.“ Daher bestand eine der großen Entscheidungen, die die Akademie zu Beginn 2022 traf, in der Einführung eines Musiktherapieprogramms, das mittlerweile täglich stattfindet. Neuere Studien belegen die positiven neurologischen Effekte von Musik auf die Behandlung von Hirnverletzungen, posttraumatische Belastungsstörungen und andere traumabedingte Erkrankungen.

„Der Beginn des Lockdowns war wie ein Dominoeffekt“, seufzt Griesel. „Uns wurde klar, dass wir unseren Kindern nicht einfach nur eine musikalische Ausbildung bieten können. Wir müssen sicherstellen, dass sie auf allen Ebenen gut versorgt sind.“