Roma aus der Ukraine Hauptsache zusammenbleiben

Hauptsache zusammen bleiben
Auf dem Gelände zwischen Hauptbahnhof und Malinovský-Platz, wo Roma-Familien in drei Zelten untergekommen sind. | Foto: © Václav Pecl

Die Solidarität mit der Ukraine ist groß in Tschechien. Knapp 390.000 Kriegsgeflüchtete sind bisher offiziell registriert. Eine Gruppe aber wird dabei oft vernachlässigt: ukrainische Roma. Anna Demtschuk stammt selbst aus der Ukraine, lebt aber schon seit Langem in Brno. Dort ist sie Teil der Initiative Grand, die den Roma-Familien, die in der Stadt gestrandet sind, hilft.

Es ist Morgen. Ebenso wie noch zu Beginn des Krieges ist das die schwierigste Zeit des Tages. Sofort, wenn der Wecker klingelt, taste ich nach dem Handy und lese die neuen Nachrichten: Wie viele Menschen sind heute angekommen? Haben sie zu essen? Wer kann heute das Mittagessen liefern? Haben sie einen Schlafplatz? Wer sortiert und bringt ihnen Hygieneartikel und Sachen für die Kinder? Sie brauchen Medikamente, kann sich jemand darum kümmern? Das starke Gefühl, dass es hier wieder um Hilferufe geht, trifft auf die Realität, in der die meisten Menschen, vor allem die in hohen Funktionen, von diesem Problem die Finger lassen.

Ukrainische Roma. Sie kommen hier an großen Bahnhöfen zusammen. Es sind Frauen mit Kindern, große Familien, sie sind einfach so gekommen, mit nichts. Warum sind sie hier? Was suchen sie? Fliehen sie vor den Schrecken des Krieges, oder wollen sie hier nur Sozialleistungen? Diese Fragen mussten sich alle stellen, die diese Menschen in den vergangenen Monaten getroffen hat. Diese Fragen stelle auch ich mir, direkt morgens, während ich mir die Zähne putze, in den Rucksack Bonbons und ein paar Spielsachen für die Kinder packe und mich auf den Weg zum Hauptbahnhof mache, wo ich versuche, diesen Menschen die Situation ein wenig zu erleichtern und mehr über sie zu erfahren.

Ständig auf der Flucht

Ich bin Mitglied der Initiative Grand, die von Leuten getragen wird, denen das Schicksal der Roma-Familien aus der Ukraine nicht egal ist. Wir sind eine lose Gruppe, manche von uns kommen von NGOs, andere engagieren sich als Einzelpersonen. Manche transportieren zum Beispiel Paletten mit dem Auto, damit die Frauen und Kinder nicht auf dem nackten Boden schlafen müssen. Manche kochen Essen, das dann andere ausfahren und wiederum andere verteilen. Ich spreche vor allem mit den Frauen. Ich komme aus der Ukraine, also verständigen wir uns auf Russisch, welches eine der Sprachen ist, die sie so einigermaßen beherrschen.

Sie erzählen mir ihre Geschichten, wobei sie sich ständig gegenseitig ins Wort fallen: Sie kommen aus Berehowe, viele direkt aus der dortigen Roma-Siedlung, die es bereits seit etwa 100 Jahren gibt. Mittlerweile wohnen die Menschen auch dauerhaft dort. Es handelt sich um die größte derartige Siedlung in der Westukraine, etwa 5000 bis 6000 Roma leben dort. Die Siedlung, oder das Lager, wie die Einheimischen es nennen, entstand in Berehowe in den 1930er Jahren, als viele ungarische Roma vor den ungarischen Nazis in die Tschechoslowakei flüchtete [Das Gebiet um Berehowe gehörte als Teil der Karpatenukraine (Tschechisch und Slowakisch: Podkarpatská Rus) ab 1919 zur Tschechoslowakei bis es 1938 Ungarn zugesprochen wurde, Anm. d. Red.] Deshalb sprechen die meisten Roma in Berehowe ungarisch. Insgesamt leben in der Ukraine ungefähr 50.000 Roma. Im Jahr 2014 wiederholte sich für sie die Geschichte, als die Menschen aus der zweitgrößten ukrainischen Roma-Enklave im Donbas vor russischen Faschisten bis nach Kyjiw fliehen mussten.
 

„Kiew“ ist die deutsche Version des russischen Namens der ukrainischen Hauptstadt. Auf Ukrainisch heißt es Київ (Kyjiw). Spätestens seit der Invasion ist die Bezeichnung „Kiew“ zu einem symbolischen Überbleibsel der russisch-sowjetischen Kolonialisation geworden. Respektvoller ist es, die Hauptstadt der Ukraine als „Kyjiw“ zu transkribieren. Dasselbe gilt für Lwiw − ukrainisch Львів, russisch Львов | Anm. d. Red.

Krieg ist Chaos und Hunger

In Berehowe leben Roma seit Generationen und sind dort mehr oder weniger auf sich selbst gestellt. Viele von ihnen sind ungebildet und verfügen nicht über Identitätsnachweise, so dass sie nur schwer Arbeit finden. Das ist für die meisten Ukrainer*innen in dieser Region schwierig, und deshalb sehen wir viele von ihnen in Tschechien – auf Baustellen, noch häufiger an Fließbändern in Fabriken und in weiteren kaum sichtbaren, aber körperlich anstrengenden Berufen. Diejenigen aus der Roma-Community, die es geschafft haben einen Pass zu bekommen, fahren ins Ausland, um Geld zu verdienen, meistens nach Ungarn, in die Slowakei oder eben nach Tschechien. Jetzt jedoch herrscht Krieg in ihrem Land, und deshalb müssen die Männer in der Ukraine bleiben, um das Land zu verteidigen.

Für viele von ihnen ist das immer noch etwas Unvorstellbares. Was, wenn sie sterben? Wer wird dann die Familie ernähren? Sie haben Angst und in den Krieg ziehen wollen sie überhaupt nicht. Der Krieg ist etwas, das jede*n betrifft, ob man sich nun unmittelbar im Kriegsgebiet befindet oder in einer Siedlung an der ungarischen Grenze. Der Krieg bedeutet auch teurere Lebensmittel, wegfallende Arbeitsstellen und die fehlende Möglichkeit, sich im Ausland Arbeit zu suchen. Krieg bedeutet Angst in den Augen der Kinder. Krieg ist Chaos und Hunger. Während ich mit Šandor aus Berehowe im sogenannten Assistenz-Zentrum für Geflüchtete in der Schlange stehe, sucht er in seinem Handy nach einem Foto von seiner Familie, weil er mir seine jüngere Schwester zeigen möchte. Plötzlich ertönt eine Sirene aus dem Telefon. Ich erschrecke, aber er sagt nur: „Das ist nix, nur Luftalarm in Berehowe … “

Alles ist teuer

Wir stehen zwischen dem Hauptbahnhof und dem Malinovský-Platz, wo sich die Roma-Familien aufhalten. Ich spreche mit Irina. Auch sie lebt in der Siedlung in Berehowe. Irina zeigt mir Fotos von der Geburtstagsfeier ihres Sohnes. Das Zimmer sieht feierlich aus: auf dem Tische eine Torte und eine Flasche Cola, weiße Vorhänge – ein gemütliches, aber mehr oder weniger leeres Zimmer. Irina hat fünf Kinder, sie zeigt mir weitere Fotos: wie ihre Töchter in die Schule gehen oder sich für einen Ball zurechtmachen.

„Ich habe keinen Mann, also muss ich mich selbst um alles kümmern, und Salz kostet schon 80 Hrywen [etwa 2,20 Euro]“, beschwert sich Irina. „Alles ist so teuer, es gibt keine Arbeit und ich bekomme kein Geld mehr für die Kinder. Was soll ich machen?“ fragt sie – vielleicht sich selbst, vielleicht mich, vielleicht richtet sie die Frage auch an Gott.
 
  • Essensausgabe Foto: © Václav Pecl
  • 4 Jungs Foto: © Václav Pecl
  • 2 Jungs Foto: © Václav Pecl
  • Schatten Foto: © Václav Pecl
  • Lego Foto: © Anna Demtschuk

Es ist vormittags gegen zehn Uhr und auf dem Platz wird es langsam sehr heiß. Die Sonne scheint unerbittlich, die Kinder halten ihre Köpfe zum Kühlen unter den Strahl eines mobilen Wassertanks, manche der Frauen ziehen sich in ihre Zelte zurück oder in den einzigen Schatten, der jetzt am Eingang zu ihrer „neuen Siedlung“ ist. Es kommen weitere Frauen und fragen, ob ich ihnen helfen kann ein Papier „für die Bank“ auszufüllen. Sie sprechen vom Arbeitsamt, wo man die Sozialhilfe beantragen muss. Es sieht dort ja auch ganz ähnlich aus, wie in einer Bank: Es gibt Zahlen, man füllt Papiere aus und es wird Geld ausgezahlt.

Ihr müsst zusammenbleiben

Ich setze mich in die Sonne an die Tische, unter denen in der Nacht die geschlafen haben, die nicht mehr in die Zelte gepasst haben, und beginne die Papiere auszufüllen. Die Frauen haben ein Visum, ihre Kinder auch, aber sie haben keine Adresse, weshalb sie wahrscheinlich keine weiteren Sozialleistungen erhalten werden. Ich versuche, ihnen das zu erklären. Sie verstehen es selbst, aber ohne Geld finden sie eben keine Unterkunft. 

Wenn man eine Romni ist, nimmt man viele Dinge anders wahr. Vor allem sämtliche Symbole der Repression, wozu zum Beispiel weiße Männer, Polizist*innen, Stacheldraht, Sicherheitsdienst und auch Schlösser gehören. Man hat davor Angst, weil man weiß, dass die Mehrheitsgesellschaft sich mithilfe all dieser Symbole auch gegen einen selbst „schützt“. Wenn man dann eine ehemalige Kaserne sieht, kriegt man tatsächlich Angst, dass man dort für immer eingesperrt wird. Man sieht auch nicht den geringsten Grund, warum man mächtigen weißen Menschen glauben sollte, denn man weiß nur zu gut Bescheid über Pogrome, Holocaust und Rassismus. Man weiß, dass man zusammenbleiben muss, darin liegt die einzige Stärke. Und so bleibt man lieber draußen.

Scherben des königlichen Spiegels

Um die Mittagszeit ist es auf dem Platz vor Hitze nicht mehr auszuhalten, wir stellen Listen zusammen mit allem, was die Menschen brauchen: Kinderwägen, Kleider, Medikamente, nur das Nötigste. Und viele Anziehsachen für Babys. Hier auf dem Platz kann man nicht waschen, also ist gerade der Bedarf an Babykleidung sehr hoch. Sie fragen uns, ob wir etwas zu Essen bringen, und dann danken sie uns zutiefst und bitten darum, dass sie niemand mehr dort fotografieren soll, es sei ihnen peinlich und sie fühlen sich würdelos, wenn alle sehen, wie sie dort leben.

Schließlich gehe ich wieder. Ich fühle mich machtlos, bin traurig, verzweifelt und wütend. Ich weiß, dass es von diesen Menschen viel mehr gibt als nur die Frauen und Kinder hier auf dem Platz. Es sind Tausende und sie sind wie die Scherben des königlichen Spiegels, der bei einem Streit der Königssöhne zu Bruch ging und dessen Scherben sich dann überall verteilten. Und wenn sie nicht wieder verbunden werden, sind sie angeblich für immer verflucht. Der Krieg in der Ukraine enthüllt nur allmählich all die Probleme, vor denen die Regierungen und die Mächtigen die Augen verschließen. Ist eine Korrektur noch möglich? Können die Roma ihre Würde und Freiheit wieder erlangen? Und wäre es nicht schon mal ein Anfang, wenn sie sie in unseren Augen hätten?


Dieser Text ist zuerst im Deutsch-tschechisch-slowakischen Onlinemagazin Jádu erschienen und dort in voller Länge zu lesen.