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Mehrere Kohleskizzen von Vögeln und Menschen in verschiedenen Positionen
Haim Sokol zeichnet Menschen als Vögel und verarbeitet damit seine Zerrissenheit als Künstler aus Russland. | Illustration: © Haim Sokol, Iwan Weber

Können Künste uns in schweren Zeiten Trost schenken? Haim Sokol zeichnet Menschen als Vögel und verarbeitet damit seine Zerrissenheit als Künstler aus Russland.

Vogel mit Menschenkörper Illustration: © Haim Sokol Ich wurde kürzlich gefragt, ob wir jetzt Kunst brauchen – und wenn ja, wozu.

„Jetzt“ ist ein Euphemismus, der das Wort „Krieg“ ersetzt. Und das Wort „Krieg“ wiederum erlaubt es uns, Dinge wie „Tod“, „Bombardierung“, „Okkupation“, „Plünderung“, „Vergewaltigungen“ und viele andere entsetzliche Dinge nicht explizit zu benennen. 
Gitterähnliche Zeichnung Illustration: © Haim Sokol Meine Antwort darauf ist länger ausgefallen. Das Wichtigste jedoch habe ich nicht gesagt.
Ich habe nicht gesagt, dass wir die Kunst immer brauchen, und zwar überall, nämlich als einen Weg, unser Nichteinverständnis auszudrücken. Dass wir die Kunst nicht nur zur Mahnung oder zur Unterhaltung brauchen, sondern auch, um Zeugnis abzulegen, als Trost und als Erlösung. Und zwar jetzt umso mehr. Besonders dort, wo der Krieg eingezogen ist. Auch aber an dem Ort, von dem der Krieg ausgeht. 

Ich habe nicht gesagt, dass es den Menschen an Empathie fehlt, weil sie schlicht und einfach nicht über genügend Fantasie verfügen. Viele können sich ganz grundsätzlich nicht in andere hineinversetzen. Und auch deshalb braucht es die Kunst. Jetzt umso mehr. 

Die Kunst sollte sich jetzt allerdings neu denken. Ihre Grenzen, Formen und Aufgaben umformulieren. Vielleicht glaube ich deswegen auch, dass die Poesie jetzt mehr denn je zur Hauptform aller Künste wird. Denn die Poesie ist ein Mittel, die Sprache umzudeuten, der Ort, an dem sie ihre Haut abstreift, sich transformiert und mutiert. Der Ort, an dem sie zu etwas anderem wird und doch sie selbst bleibt. Hier sind die schwachen, ängstlichen, unsicheren Stimmen, die polylingualen, queeren und weiblichen Stimmen besonders wichtig und werden gebraucht. Wir müssen dringend zurück zum Akzent, zum Stottern, Schnarren und Lispeln. Wir müssen unsere Muttersprache verfremden, und umgekehrt.
 
Vogel mit geöffneten Flügeln Illustration: © Haim Sokol Für mich ist das gerade aktuell, weil ich nach Israel ausreise und gleichzeitig zurückkehre. Die Muttersprache zu verfremden ist  für mich – keine Redewendung, sondern eine Realität, die erneut an Struktur gewinnt. Die Dekolonialisierung von Sprache bedeutet in meinem Fall wortwörtlich die Translokation meines eigenen Körpers von einer Sprachumgebung in die andere. Das ist ja „jetzt“ das Schicksal vieler. Mir aber ist Hebräisch nicht fremd. Und der Umzug nach Israel bedeutet für mich eine Re-Kolonialisierung. Dort sind die Worte „Krieg“, „Tod“, „Flucht“ und „Okkupation“ keinesfalls weiter weg oder abstrakter. Sie werden lediglich in einer anderen Sprache ausgesprochen und sind mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen. Im Zusammenhang damit denke ich viel darüber nach, was Heimat ist, denke an Flucht und Migration, an Tod, Ressentiments und die Möglichkeit von Sühne, an Gewalt und Trauma. An Verwandlung und Mutation. 

Eigentlich denke ich aber immer daran.

Geduckter Vogel Illustration: © Haim Sokol Wenn Sie verstehen möchten, warum sich die Menschen bei mir in Vögel verwandeln, dann schauen Sie sich doch einfach an, wie Migrant*innen dahocken. Oder wie Kinder auf Spielplätzen spielen. Selbst wenn Menschen auf Versammlungen an Armen und Beinen gepackt und zu den Mannschaftswagen getragen werden, erinnern sie an Vögel.

Schauen Sie sich Aufnahmen von Menschen im äußersten Stadium der Erschöpfung an – Häftlinge in Auschwitz zum Beispiel, oder hungernde jemenitische Kinder. Mit ihren dünnen Knöchelchen und dem aufgeblähten Brustkorb ähneln sie Vögeln ohne Federn. 
 
Vogel schaut nach rechts Illustration: © Haim Sokol Ich denke an Transmutationen. Daran, dass sich Menschen in Vögel und andere Tiere verwandeln. Oder Frauen in Männer und Männer in Frauen. Die Toten verwandeln sich in Fallrohre. Oder Dinge. Oder andersherum. Oder gleichzeitig. 
Umriss von drei Menschen Illustration: © Haim Sokol Wechseln der Stuhl, der Herrenmantel oder die Socke ihre Eigenschaften, wenn man sie rosa färbt? Werden im Zuge von Migration erworbene kulturelle Kompetenzen, zum Beispiel eine Sprache, zum Teil unseres Körpers, zur DNA, die dann weitervererbt wird? Ist Migration eine eigene Form der Mutation?
Metamorphose?
Vogel in Kleidung Illustration: © Haim Sokol Ist Metamorphose die Rettung? Oder eine Form des Widerstands?
Vogel schaut nach links Illustration: © Haim Sokol
In der „Lehre vom Ähnlichen“ spricht Walter Benjamin von der bedeutenden Rolle mimetischer Begabung für die Formierung von Sprache. Ähnlichkeit ist somit keine bestehende Analogie, sondern eine Identifizierung mit dem Objekt, eine (durch Handlungen erworbene) Assimilation, ein Erreichen von Ähnlichkeit mittels Imitation, die nach Benjamin auf alte Protopraktiken des Lesens zurückgeht – die Astrologie, das Wahrsagen unter Zuhilfenahme von Innereien, Ornamente und Tanz. Und das Gleiche lässt sich auch über Bilder sagen. Benjamin nennt die Handschrift ein „Archiv intelligibler Gleichnisse“, denn sowohl im Brief als auch in der Körperpraxis (etwa dem Tanz) drückt sich das Unbewusste aus, und das heißt: eine Gesamtmasse an Analogien, die unser angeborenes Gedächtnis archiviert und die doch in ihrer semiotischen Bedeutung für uns nicht zu entschlüsseln sind. Wenn dem so ist, kann man auch Grafiken, also etwa Briefe, als ein Archiv der Analogien sehen. Und dann sind meine Vögel, eingebettet in die Ornamente sowjetischer Teppiche oder billiger, mit Watte gefüllter Matratzen, auf denen Migrant*innen schlafen, wie alte Runen oder Hieroglyphen, die in bestimmten Konstellationen Geschichten erzählen, an die wir uns zwar nicht erinnern können, aber die wir kennen. 

Manchmal denke ich, dass, selbst wenn mir meine Eltern nichts über den Krieg erzählt hätten, selbst wenn ich keine Bücher gelesen und keine Filme gesehen hätte, ich dennoch alles darüber wüsste. Weil ich mehr weiß, als ich sehe und höre, weil ich mehr weiß, als in Büchern steht. Ich weiß mehr, als ich weiß. Aber was ist das für ein Wissen? In der wissenschaftlichen Literatur bezeichnet man es als „Postmemory“. Als eine seltsame Mischung aus dem, was du über die Vergangenheit weißt, was du verstehst, was du darüber denkst, wie du dich mit der Vergangenheit in Verbindung setzt und was du dabei fühlst. Einfacher gesagt: Es ist eine Erinnerung an Erinnerung. Meine eigene Erfahrung vermischt sich in der Erinnerung mit etwas Fremdem, das Vorstellungsvermögen wiederum mit meinen eigenen Handlungen. Das bedeutet, dass ich in gewisser Weise das Leben eines anderen lebe, dass ich jemandes Schicksal teile. Aber es bedeutet genauso, dass jemand anderes, oder andere von dort, aus der Vergangenheit, durch mich eine zweite Chance erhalten. In gewissem Sinne werde ich zu ihnen, und sie werden zu mir. Daher auch die Frage: Wenn ich zeichne, wer führt dann meine Hand? Und, vor allem: Durchlebe ich in diesem Moment den Tod einer anderen Person, oder befreie ich mich oder jemand anderen von einer unerträglichen Erinnerung? 
 
Vogel schaut nach rechts Illustration: © Haim Sokol Die Erinnerung besteht aus sensitiven Spuren, die von Ereignissen oder Menschen in unserem Bewusstsein hinterlassen werden. Damit diese Spuren nicht verblassen, nutzen die Menschen die verschiedensten Erinnerungstechniken, etwa den Besuch von Grabstätten, das Zelebrieren von Feiertagen usw., oder Gegenstände, wie zum Beispiel Fotografien. Doch selbst wenn man über solche Rituale, Denkmäler und Archive verfügt, muss man immer und immer wieder daran erinnern, was ihr Inhalt ist, wozu sie dienen und warum. Und nun stellen Sie sich vor, dass es von jemandem oder von etwas keine Spur mehr gibt, weder ein Denkmal noch eine Fotografie. Vogel schaut nach rechts Illustration: © Haim Sokol Und dass er oder sie ermordet wurde. Von wem? Daran erinnern wir uns auch nicht mehr. Oder die Personen wurden gar nicht ermordet, sondern waren nur Sklaven oder Geflüchtete. Genau für solche Gelegenheiten braucht es Fantasie. 
 
Um durch diesen Nebel an suggestiven und suggerierten Wahrheiten zu sehen, braucht man allerdings mehr als nur ein bisschen Fantasie. Die Vergangenheit radikal zu durchdringen, bedeutet, sich (zumindest zeitweise) von der eigenen Identität und Biografie loszusagen, ja, wenn es notwendig ist, selbst von unserem Abbild im Spiegel – von allem also, was uns als Persönlichkeit ausmacht – und uns vorzustellen, wir seien jemand anders.
 
 

Heimat
ist eine Art Surrogat
ein seltsamer Euphemismus
der Totalität andeutet
Hatten die Indigenen
im vorkolumbianischen Amerika
oder die französischen Bauern
bis zur großen Revolution
oder die leibeigenen russischen Bauern
eine Heimat
Was ist das
Haus Feld Baum
Der Baum hat eine Heimat
Ob Heidegger wusste,
dass seine Eiche solche Ausmaße erreichen würde
Wahrscheinlich dachte er einfach nur darüber nach,
ob er das gewollt hätte
Jemand stirbt für die Heimat
auf dem Schlachtfeld
Doch in den Gaskammern
wird ja auch für die Heimat gestorben
Und wenn jemand für die Heimat umkommt
bedeutet das, dass jemand für die Heimat mordet
In der Thora ist Heimat
Genesis
Lech Lecha
Geh´ immer
Für immer
in der prolongierten Zukunft
aus deinem Land
Es ist das Gebot der Toten
von ihrer Heimat
das Gebot der Lebenden
aus dem Haus ihres Vaters
Das Gebot all derer, die nicht gleichgültig sind
Die Erde
ist ein Grab
Die Heimat
ist eine Gebärmutter
Das Vaterland
ist Sperma
Doch wenn das so ist
Wo ist dann die Heimat
ungeborene Kinder
geschändete und getötete Frauen
Wo ist meine Heimat
Ich bin ein haltloser Kosmopolit
auf der Haaresbreite der Zeilen wandelnd
von einer Heimat
in die andere
und dabei bemüht,
den Blick nicht nach unten zu richten

Vogel schaut nach rechts oben
Illustration: © Haim Sokol

Das Projekt „Dunkle Zeiten, Helle Nächte“ des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem Magazin dekoder lädt Autorinnen und Autoren sowie Film- und Medienschaffende in Russland und im Exil ein, den neuen Alltag seit dem 24.2.2022 zu dokumentieren und zu reflektieren. Weitere Beiträge sind im Dossier auf dekoder zu finden.