Heimatlos und Hauslos Die Eishütte

Eine Hauswand mit einem Fenster, dessen Fensterscheiben fehlen und unter dem ein großes Loch klafft.
Hunderttausende Ukrainer*innen, einschließlich derer, die auf meiner Couch übernachtet haben, sind „hauslos“ geworden. Sie haben die Wände verloren, in denen sie lebten, oder mussten diese zurücklassen. | Foto (Detail): Igor-Francyshyn © Pexels

Polina Aronson schreibt über Heimatverluste auf beiden Seiten der Grenze und über Gräben, die der Krieg gerissen hat.
 

Das Grundgefühl, das mich seit Beginn des Krieges plagt, ist ein Gefühl allgemeiner Obdachlosigkeit. Bodenloser, endloser, quälender und verheerender Obdachlosigkeit. 

Erst erschien sie mir wie ein riesiges Loch, das bis zum Rand mit dichter, monochromer Dunkelheit ausgefüllt war. Doch mit der Zeit bekam diese Dunkelheit Facetten. Die Ukrainer*innen und Russ*innen, die vorübergehend in meiner Berliner Wohnung lebten – eine schwangere Frau aus Kramatorsk, eine Mutter und ihre Tochter aus Kyjiw, Artist*innen aus einem St. Petersburger Zirkus, die Familie eines Moskauer Professors – waren auf ganz unterschiedliche Arten obdachlos. Jeder und jede auf eigene Weise.
 

„Kiew“ ist die deutsche Version des russischen Namens der ukrainischen Hauptstadt. Auf Ukrainisch heißt es Київ (Kyjiw). Spätestens seit der Invasion ist die Bezeichnung „Kiew“ zu einem symbolischen Überbleibsel der russisch-sowjetischen Kolonialisation geworden. Respektvoller ist es, die Hauptstadt der Ukraine als „Kyjiw“ zu transkribieren. Dasselbe gilt für Lwiw − ukrainisch Львів, russisch Львов | Anm. d. Red.

Hauslos

Die Bedeutung dieses „auf eigene Weise“ wird in dem wunderbaren Film „Nomadland“ über moderne Nomad*innen genau beschrieben. Als eine der Hauptfiguren auf eine Bekannte aus ihrem früheren Leben trifft, sagt sie: „I am not homeless, I am houseless.” Was so viel bedeutet wie: „Ich bin nicht obdachlos, sondern ,hauslos‘. Ich habe einfach nur kein eigenes Haus.“ 

Hunderttausende Ukrainer*innen, einschließlich derer, die auf meiner Couch übernachtet haben, sind „hauslos“ geworden. Sie haben die Wände verloren, in denen sie lebten, oder mussten diese zurücklassen. Sie verließen ihre unter Beschuss und Bombardierung stehenden Häuser. Irgendwo habe ich die Worte einer Frau aus Kyjiw gelesen, die am Berliner Hauptbahnhof angekommen war: „Am Abend des 23. Februar habe ich noch darüber nachgedacht, welchen Mantel ich morgen anziehen soll. Und dann war einfach alles vorbei.“ Für viele, viele Ukrainer*innen war es ganz plötzlich „vorbei“, durch nur eine Explosion, einen Blitz; eine Druckwelle, die sie aus ihrer Deckung herausriss. Sie sind „hauslos“ in dem Sinne, dass es ihre Häuser nicht mehr gibt, oder bald nicht mehr geben könnte. Zurück bleiben nur Trümmer und Gräben. Hinter ihnen liegt eine brennende Leere.

Und doch sind sie nicht obdachlos. Im Gegenteil: Viele haben sehr starke Gefühle bezüglich ihres Zuhauses, in das sie definitiv zurückkehren wollen. Die Hälfte der Menschen, die nach Berlin kommen, sagt, dass sie die Situation nur „aussitzen“ möchte – und „sobald das alles vorbei ist, geht es sofort wieder nach Hause“. 

Zu Beginn des Krieges debattierten Dutzende ukrainischer Frauen, die unter Beschuss mit Kindern und Katzen aus ihren Häusern geflohen waren, in der Facebook-Community „Wie man aufhört, zu erreichen und anfängt, sich zu verschlechtern“ stoisch darüber, was in ein oder zwei Monaten aus dem dreckigen Geschirr in der Spüle und den im ganzen Land in Kühlschränken zurückgelassenen Schnitzeln und Hühnerbeinen werden würde. Wie werden wir das alles nur wieder sauber kriegen, Mädels, und wie lange müssen wir wohl lüften und alles abtauen?! 

Zwei oder drei Monate später kehrten die Kyjiw*innen, deren Häuser stehen geblieben waren, in ihre Stadt zurück. Ein ebenfalls aus Kyjiw stammender Freund, der von Ende Februar bis Mitte Mai in Ternopil im Westen der Ukraine gewesen war, schrieb: „Ich hatte Erdbeeren in einer verschlossenen Flasche im Gefrierschrank. Beim Auftauen war die Flasche explodiert und ringsum war alles voller Erdbeeren. Mittlerweile getrockneter Erdbeeren. Der Geruch verdorbenen Essens war absolut durchdringend. Ich habe drei Tage lang geputzt.“

In sozialen Netzwerken und in privaten Unterhaltungen teilen Ukrainer*innen die Produktnamen von Waschmitteln und Rezepte gegen Schimmel, denn ihre Häuser warten ja schließlich. Selbst wenn skrupellose Menschen sie plündern und verwüsten sollten, wird man doch eines Tages dorthin zurückkehren, um die Häuser zu reinigen, zu lüften und neue Vorhänge aufzuhängen. Selbst wenn das Haus zerbombt wird, wird es eines Tages ein neues geben.

Keine Heimat

Nicht so bei denen, die man sprachlich oder passtechnisch in der Kategorie „Russ*innen“ zusammenfassen kann. Viele dieser Menschen haben noch ein Haus, aber seit dem 24. Februar keine Heimat mehr. Im Unterschied zu den Ukrainer*innen denken sie beim Verlassen ihres Landes noch, dass sie nur temporär den Ort wechseln, oder allenfalls auswandern, aber nicht an Evakuierung. 

Ich habe von Leuten gehört, die ihr Zuhause buchstäblich durch ein offenes Fenster verlassen haben und dann etappenweise bis zur nächsten Landgrenze weitergegangen sind. Doch die meisten planen langfristiger. Einige 72 Stunden im Voraus, auch wenn das unter normalen Umständen noch immer eine geringe Zeitspanne ist, um das ganze Leben hinter sich zu lassen.  „Hallo, ich bin in Jerewan. Die Kinder sind bei meiner Frau, sie sind jetzt in meiner Nähe gefährdeter als ohne mich. Du hast nicht zufällig einen Job für mich?“. „Wie geht´s dir? – „Bin nicht mehr in Russland, sorry, kann jetzt nicht.“ – „Was ist denn los?“ – „Ich bringe gerade das Kind ins Bett und packe unsere Sachen“. „Mama hat über meinen Bruder Bargeld geschickt, morgen stelle ich meinem Vater eine Vollmacht aus, Abflug ist um 14.30.“

Wenn diese Leute ihre Wohnungen verlassen, schließen sie sie ab, drehen vorher Wasser- und Gashähne zu, schalten den vorsorglich abgetauten Kühlschrank aus, steigen erst in den Aufzug und dann in ihr Auto, einen Linienbus nach Iwangorod oder ein Taxi zum Flughafen. Ihre Häuser bleiben stehen und das abgeschaltete Modem signalisiert: „Wir sind ja immer noch hier, man müsste sich nur mal kurz umdrehen.“ Dieses Signal wird noch viele Jahre lang in ihren Ohren nachklingen. Vielleicht sogar für den Rest ihres Lebens. 

Diejenigen, die gegangen sind, betonen: Das war´s natürlich, es gibt keine Hoffnung mehr: „Hört doch auf, zu denken, dass eure wahre Heimat irgendwo im entfernten Russland liegt und dass die Emigration nur vorübergehend ist. Mein Zuhause ist jetzt der Ort, an dem ich mich mehr oder weniger dauerhaft aufhalte“, schreibt eine Journalistin, die mittlerweile in Israel lebt, auf Facebook. 

Viele aber haben ihr Zuhause verloren, ohne es zu verlassen. Sie sind wegen ihrer pflegebedürftigen Eltern an ihre Wohnungen gekettet, haben abgelaufene Pässe, sind nicht beweglich wegen ihrer Hunde. Wenn sie in die Küche gehen, pressen sie ihre Stirn gegen die Wand am Fenster; wenn sie einschlafen, tasten sie mit der Hand nach der Wand neben dem Bett. Doch die Kraft dieser Mauern spendet keine Zuversicht – im Gegenteil. Die Betonkapsel wird mit jeder Stunde enger, und Fenster und Türen werden blockiert durch jeden weiteren Erlass der Russischen Föderation Nummer soundso vom soundsovielten.

Schlussendlich verlieren die einen wie die anderen, ja, sogar diejenigen, die schon lange außerhalb der Grenzen Russlands leben und sich ihre Regierung selber wählen, die Heimat in der eigenen Sprache. Diese Menschen – ich gehöre selbst dazu – leiden an einer linguistischen Autoimmunkrankheit: die russische Sprache, die von Fremden instrumentalisiert wird, greift sie von innen an und zerfrisst sie.

Auf verqualmten Videos sind die erstaunten Flüche der Verbrecher und ihrer Opfer – „Scheiße ey, Fuck, sieh´ dir das an!“ – kaum voneinander zu unterscheiden. Das Objekt, auf Russisch „Bombe“ genannt, fällt auf ein Haus, in dem oft russischsprachige Menschen leben, und wenn es ihnen gelingt, sich zu retten, dann berichten sie uns davon teilweise auf Russisch. In diesen Geschichten geht es um Menschen mit nachvollziehbaren und vertrauten Namen, die nachvollziehbaren und vertrauten Angelegenheiten nachgehen. Katja wurde in ihrem Wohnzimmer durch das splitternde Fenster verletzt. Petja starb durch eine Bombe, als er gerade einkaufen ging. Nastja und ihre Kinder rannten in Richtung Evakuierung. Sergej ging die Straße entlang und geriet unter Beschuss. Kolja schrieb an seiner Dissertation, fuhr in die Bibliothek einer anderen Stadt und saß dort eine Woche lang im Keller, weil er das Haus nicht mehr verlassen konnte.

Zu solchen Geschichten lässt sich kein Sicherheitsabstand einhalten. Sie bestehen aus Wörtern, die jeder von uns jeden Tag in den Mund nimmt. 

Obdachlos

Ganz offensichtlich gibt es auch jene, die das Ausmaß ihrer Obdachlosigkeit noch nicht vollständig erfasst haben: diejenigen, die denken, dass der Buchstabe Z eine Art neues Deko-Element für das Wohnzimmer ist und kein Bohrer, der klaffende Löcher in die heimatlichen Wände reißt. Man munkelt sogar, dass diese Leute in Russland fast in der Mehrheit seien – wer weiß das schon genau. 

Wie auch immer: Während die Ukrainer*innen das schrubben, was von ihren Küchen, Bade- und Schlafzimmern übriggeblieben ist, wird es für die „Russ*innen“ immer klarer, dass sie sich nicht mehr von dem reinwaschen können, was gerade geschieht.

Ein Zuhause im Sinne von Heimat ist ein Ort, an dem man in alten Hausschuhen herumläuft, unter der Dusche vor sich hin trällert, mit dem Nachbarn Minecraft spielt, aus der Pfanne isst, einander „Häschen“ oder „Ihre Majestät“ nennt und auf der Tastatur des Fernsehers nach Belieben „On“ und „Off“ drückt. Dieser Ort existiert für „Russ*innen“, ob nun der Sprache oder der Staatsbürgerschaft nach, nicht mehr.

Es ist wie im russischen Märchen: Der Hase hatte einmal eine Basthütte, doch sie wurde zur Eishütte, und ihr Boden erstarrte in von Panzern gerissenen Kratern, Metall, Asche und fremdem Blut.*


*Anm.der Red.: Der Satz spielt auf das russische Volksmärchen „Die Hasenhütte“ (rus. «Зайкина избушка») an. Im Märchen baut sich der Hase eine Basthütte, der Fuchs eine Eishütte. Wenn die Eishütte im Frühling schmilzt, verjagt der Fuchs den Hasen aus seiner Basthütte und nimmt sie ein. Andere Tiere helfen dem Hasen, den Fuchs aus der Hütte zu verjagen. Das Märchen endet damit, dass der Hase wieder in seiner Basthütte wohnt. 
 
 

Das Projekt „Dunkle Zeiten, Helle Nächte“ des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem Magazin dekoder lädt Autorinnen und Autoren sowie Film- und Medienschaffende in Russland und im Exil ein, den neuen Alltag seit dem 24.2.2022 zu dokumentieren und zu reflektieren. Weitere Beiträge sind im Dossier auf dekoder zu finden.