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Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilen
Kapitel 4   Sprachverwendung, Sprachverwender und Sprachenlernende

4.4 Kommunikative Aktivitäten und Strategien

Um kommunikative Aufgaben zu erfüllen, müssen Sprachverwendende kommunikative sprachliche Handlungen ausführen und kommunikative Strategien anwenden.

Viele kommunikativen Handlungen, etwa ein Gespräch oder ein Briefwechsel, sind interaktiv, d.h. die Beteiligten wechseln sich in ihren Rollen als Sender und Empfänger häufig über mehrere Redebeiträge hinweg ab.

In anderen Fällen, wenn z. B. Gesprochenes aufgenommen oder gesendet wird, oder wenn geschriebene Texte versandt oder veröffentlicht werden, sind Sender und Empfänger voneinander getrennt, sodass die Empfänger nicht unmittelbar antworten können. Möglicherweise kennen sich Sender und Empfänger auch nicht persönlich. In diesen Fällen besteht das kommunikative Ereignis im Sprechen, Schreiben, Hören oder Lesen eines Textes.

Meistens produzieren die Sprachverwendenden, wenn sie sprechen oder schreiben, ihre eigenen Texte, um eigene Sprechabsichten darin auszudrücken. Manchmal agieren sie jedoch auch als Kommunikationskanal (oft, aber nicht notwendigerweise, in verschiedenen Sprachen) zwischen zwei oder mehreren Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht direkt miteinander kommunizieren können. Dieser Prozess der Sprach-mittlung kann interaktiv sein oder nicht.

Viele, wenn nicht die meisten Situationen umfassen eine Mischung verschiedener Handlungstypen. So kann z. B. im schulischen Fremdsprachenunterricht ein Lernender aufgefordert werden, den Ausführungen eines Lehrenden zuzuhören, ein Lehrbuch still oder laut zu lesen, mit Mitschülern in einer Gruppe oder einem Projekt zu interagieren, einen Übungstext oder einen Aufsatz zu schreiben, oder auch etwas zu übersetzen, entweder zur Übung oder um einem Mitschüler oder einer Mitschülerin zu helfen.

Strategien werden von Sprachverwendenden dazu eingesetzt, die eigenen Ressourcen zu mobilisieren und ausgewogen zu nutzen, Fertigkeiten und Prozesse zu aktivieren, um die Anforderungen der Kommunikation in einem Kontext zu erfüllen und die jeweilige Aufgabe erfolgreich und möglichst ökonomisch der eigenen Absicht entsprechend zu erledigen. Kommunikations- und Kompensationsstrategien sollten daher nicht einfach im Sinne eines Defizitmodells aufgefasst werden, d.h. als eine Möglichkeit, sprachliche Defizite oder fehlgeschlagene Kommunikation auszugleichen. Vielmehr setzen auch Muttersprachler regelmäßig kommunikative Strategien aller Art ein, die der jeweiligen Situation angemessen sind (eine ausführliche Darstellung folgt unten).

Den Einsatz kommunikativer Strategien kann man auffassen als Anwendung der metakognitiven Prinzipien Planung, Ausführung, Kontrolle (monitoring) und Reparaturhandlungen bei den verschiedenen Arten kommunikativer Aktivitäten, nämlich Rezeption, Interaktion, Produktion und Mittlung. Der Begriff 'Strategie' wird auf vielfältige Weise verwendet. In diesem Kontext ist damit die Auswahl einer möglichst effektiven Handlungsweise gemeint. Fertigkeiten, die für das Verstehen oder Artikulieren gesprochener oder geschriebener Sprache unverzichtbar sind (z. B. chunking, d.h. das 'Bündeln' eines Kontinuums von Sprach-lauten, um diese in eine Abfolge von Wörtern zu 'übersetzen', die eine propositionale Bedeutung haben), werden in Hinblick auf die jeweiligen kommunikativen Prozesse als untergeordnete Fertigkeiten eingestuft (vgl. Abschnitt 4.5).

Ein Fortschritt im Sprachenlernen zeigt sich am deutlichsten darin, dass Lernende fähig sind, an beobachtbaren sprachlichen Aktivitäten teilzunehmen und kommunikative Strategien einzusetzen. Daher stellen beide eine gute Basis für die Skalierung der Sprachfähigkeit dar. In diesem Kapitel werden Skalen für verschiedene Aspekte der besprochenen sprachlichen Aktivitäten und Strategien vorgeschlagen.

 
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