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Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilen
Kapitel 4   Sprachverwendung, Sprachverwender und Sprachenlernende

4.6.4 Texte und Aktivitäten

Die Ausgabe (=output) eines Sprachproduktionsprozesses ist ein Text, der - einmal geäußert oder geschrieben - zu einem Gegenstand wird, der von einem bestimmten Medium transportiert und von seinen Produzenten unabhängig wird. Dieser Text wird dann zur Eingabe (= input) für den Prozess der Sprach-rezeption. Geschriebene Texte sind konkrete Objekte, ob sie nun in Stein gehauen, handgeschrieben, getippt, gedruckt oder elektronisch erzeugt sind. Sie ermöglichen Kommunikation trotz der vollständigen Trennung von Produzenten und Empfängern in Raum und/oder Zeit - eine Eigenschaft, von der die menschliche Gesellschaft in hohem Maße abhängt. In direkter mündlicher (face-to-face) Interaktion dienen Schallwellen als Medium; sie sind normalerweise flüchtig und unwiederbringlich. Tatsächlich können nur wenige Sprecher einen Text, den sie gerade im Lauf eines Gesprächs geäußert haben, detailgenau wiederholen. Sobald er seinen kommunikativen Zweck erfüllt hat, wird der Text aus dem Gedächtnis gelöscht - falls er dort überhaupt jemals als eigenständiges Ganzes repräsentiert war. Aber dank der modernen Technik können Schallwellen aufgezeichnet und gesendet oder in einem anderen Medium gespeichert und später wieder in Schallwellen zurückverwandelt werden. So wird die räumliche und zeit-liche Trennung von Produzenten und Empfängern möglich. Außderdem können Aufnahmen spontaner Diskurse oder Gespräche transkribiert und irgendwann später als Texte analysiert werden. Es gibt also zwangsläufig eine Beziehung zwischen den zur Beschreibung sprachlicher Aktivitäten vorgeschlagenen Kategorien und den Texten, die aus solchen Aktivitäten hervorgehen. In der Tat kann dasselbe Wort oft für beide verwendet werden: 'Übersetzung' bezeichnet entweder den Übersetzungsakt oder aber den produzierten Text. Gleichermaßen können 'Konversation', 'Debatte' oder 'Interview' die kommunikative Interaktion der Beteiligten bezeichnen, aber genauso auch die Abfolge der wechselseitigen Äußerungen, die eine bestimmte Textsorte konstituiert, der zu einem entsprechenden Genre gehört.

Die Aktivitäten der Produktion, Rezeption, Interaktion und Sprachmittlung finden alle in der Zeit statt. Der Echtzeitcharakter der Rede ist offensichtlich, sowohl bei Sprech- und Höraktivitäten als auch im Medium selbst. 'Vorher' und 'nachher' müssen in einem gesprochenen Text wörtlich genommen werden. Bei einem geschriebenen Text, der normalerweise ein statisches räumliches Produkt ist (außer den 'rollenden' Textdateien), ist das nicht notwendigerweise der Fall. Bei der Produktion kann ein geschriebener Text redigiert werden, man kann Passagen einfügen oder entfernen. Wir können nicht sagen, in welcher Reihenfolge seine einzelnen Elemente produziert wurden, auch wenn sie als eine lineare Kette von Zeichen vorliegen. Beim Lesen kann sich das Auge in beliebiger Richtung über den Text bewegen und dabei vielleicht wie bei einem Kind, das Lesen lernt, strikt der linearen Anordnung folgen. Geübte und erfahrene Leser werden wahrscheinlich den Text eher überfliegen und dabei nach Elementen mit hoher Informationsdichte suchen, um zunächst eine übergreifende Bedeutungsstruktur herzustellen. Beim zweiten Durchgang lesen sie dann sorgfältiger - und notfalls lesen sie den Text auch noch mehrmals. Dabei konzentrieren sie sich auf Wörter, Redewendungen, Sätze und Abschnitte, die für ihre Ziele und Zwecke besonders wichtig sind. Ein Autor oder Redakteur kann paratextuelle Mittel einsetzen, um diesen Prozess zu steuern und den Text entsprechend den Leseerwartungen des intendierten Publikums zu planen (siehe Abschnitt 4.4.5.3). Analog dazu kann ein gesprochener Text im Voraus so sorgfältig konzipiert werden, dass er spontan erscheint; dabei wird aber trotzdem sichergestellt, dass eine wesentliche Mitteilung unter den verschiedenen Bedingungen, die die Sprachwahrnehmung beeinträchtigen, effektiv übermittelt wird. Prozess und Produkt sind unauflöslich miteinander verbunden.

Der Text ist für jede sprachliche Kommunikation zentral; er ist das externe, objektive Verbindungsglied zwischen Produzent und Empfänger, ob diese nun direkt (face-to-face) oder über eine Distanz miteinander kommunizieren. Tabelle 8 stellt das Beziehungsgefüge zwischen dem Sprachverwendenden /Lernenden - auf den dieser Referenzrahmen sein Hauptaugenmerk richtet - und dem oder den an der Kommunikation Beteiligten, sowie den Aktivitäten und den Texten in schematischer Form dar. Eine durchgehende Linie zeigt eine produktive oder rezeptive kommunikative Aktivität in der unmittelbaren Umgebung des Sprachverwendenden/Lernenden, eine gestrichelte Linie dagegen eine in räumlicher oder zeitlicher Distanz.

In Schema 1: 'Produktiv' produziert der Sprachverwendende/Lernende einen gesprochenen oder geschriebenen Text, der von einem oder mehreren Hörern oder Lesern (normalerweise in einiger Entfernung) empfangen wird; sie sind in diesem Fall nicht zu einer Antwort aufgefordert.
In Schema 2: 'Rezeptiv', empfängt der Sprachverwendende/Lernende einen Text von einem Sprecher oder Schreiber, normalerweise aus einiger Entfernung, und ist auch in diesem Fall nicht zu einer Antwort aufgefordert.
Schema 3: 'Interaktiv' repräsentiert eine Situation, in der der Sprachverwendende/Lernende in einen direkten (face-to-face) Dialog mit einem Gesprächspartner tritt. Der Text dieses Dialogs besteht aus Äußerungen, die von beiden Partnern im Wechsel produziert bzw. empfangen werden.
Schema 4: 'Sprachmittlung', repräsentiert zwei Situationen: In 4.1 empfängt der Sprachverwendende/Lernende einen Text von einem nicht anwesenden Sprecher oder Hörer in der einen Sprache oder dem einen Code, und produziert daraufhin einen Paralleltext in einer anderen Sprache oder einem anderen Code, der von einer anderen Person als Hörer oder Leser in einiger Entfernung empfangen werden soll. In 4.2 agiert der Sprachverwendende /Lernende als Mittler in einer direkten (face-to-face) Interaktion zwischen zwei Gesprächspartnern, die nicht die gleiche Sprache oder den gleichen Code sprechen; er empfängt also den Text in einer Sprache und produziert einen korrespondierenden Text in einer anderen.

Abbildung 8
Schema 1 - Produktiv
1.1 Sprechen: Sprachverwender

Hörer

1.2 Schreiben: Sprachverwender

Leser

Schema 2 - Rezeptiv

2.1 Hören: Sprecher

Sprachverwender

2.2 Lesen: Schreiber

Sprachverwender

Schema 3 - Interaktiv
  Sprachverwender
Text 1
 
 
Text 2
(Diskurs)Partner
Sprachverwender
Text 3
 
 
Text 4
(Diskurs)Partner
Schema 4 - Sprachmittlung

4.1 Übersetzen: Partner A   Sprachverwender   Partner B
    Text A Text B  

Schema 4 - Sprachmittlung

4.2 Dolmetschen: Partner A Diskurs A Sprachverwender Diskurs B Partner B
    Text 1A Text 1B  
  Text 2A Text 2B
  Text 3A Text 3B
  Text 4A Text 4B

Über die oben definierten interaktiven und sprachmittelnden Aktivitäten hinaus gibt es noch viele weitere Aktivitäten, in denen Sprachverwendende/Lernende auf einen Textstimulus mit einem Text antworten müssen. Dieser Stimulustext kann eine mündliche Frage sein, eine Reihe geschriebener Anweisungen (z. B. eine Arbeitsanweisung in einer Prüfung), ein diskursiver Text, authentisch oder erstellt, oder eine Kombination aus beidem. Die erforderliche Antwort kann alles Mögliche sein, von einem einzelnen Wort bis hin zu einem Drei-Stunden-Essay. Sowohl der Eingabe- als auch der Ausgabetext können in der L1 oder der L2 gesprochen oder geschrieben sein. Die Beziehung zwischen den beiden Texten kann 'bedeutungserhaltend' sein oder nicht, muss es aber nicht. Dementsprechend kann man 24 Aktivitätstypen unterscheiden (selbst wenn man die Rolle außer acht läßt, die solche Aktivitäten beim Lehren und Lernen moderner Sprachen spielen, in denen der Lernende einen Text in der L1 als Antwort auf einen Text in der L2 produziert, was häufig in Zusammenhang mit soziokulturellen Aspekten der Fall sein kann). Beispiele sind etwa die folgenden Fälle, in denen Eingabe und Ausgabe jeweils in der Zielsprache erfolgen:

Tabelle 6 Aktivitäten 'von Text zu Text'
Input-Text Output-Text  
Medium Sprache Medium Sprache bedeutungs-
erhaltend
Aktivitätstyp
(Beispiele)
gesprochen L2 gesprochen L2 ja Wiederholung
gesprochen L2 geschrieben L2 ja Diktat
gesprochen L2 gesprochen L2 nein mündliche Frage/Antwort
gesprochen L2 geschrieben L2 nein schriftliche Antworten auf mündliche L2-Fragen
geschrieben L2 gesprochen L2 ja laut Lesen
geschrieben L2 geschrieben L2 ja Kopieren, Transkribieren
geschrieben L2 gesprochen L2 nein mündliche Antwort auf schriftliche L2 Anweisung
geschrieben L2 geschrieben L2 nein Geschriebenes als Antwort auf schriftliche L2-Anweisung

Zwar haben solche Aktivitäten 'von Text zu Text' auch ihren festen Platz in der alltäglichen Sprachverwendung, sie kommen aber beim Sprachenlernen und -lehren besonders häufig vor. Die eher mechanischen, bedeutungserhaltenden Aktivitäten (Wiederholung, Diktat, lautes Lesen, phonetische Transkrip-tion) erfreuen sich gegenwärtig im kommunikativen Sprachunterricht geringer Beliebtheit, zum einen wegen ihrer Künstlichkeit, zum andern wegen ihrer unerwünschten Rückwirkungen auf den Unterricht (backwash effect). Als Testinstrument wäre ihr Gebrauch jedoch zu rechtfertigen, da Performanz sehr stark von der Fähigkeit abhängt, mit Hilfe linguistischer Kompetenz den Informationsgehalt des Textes reduzieren zu können. Wie dem auch sei, der Vorteil, allen möglichen Kombinationen von Kategorien in taxonomischen Systemen nachzugehen, liegt nicht nur darin, Erfahrungen ordnen zu können, sondern auch darin, dass Lücken entdeckt und neue Möglichkeiten eröffnet werden.

 
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