Goethe-Institut Inhalt zurück weiter

Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilen
Kapitel 8   Sprachenvielfalt und das Curriculum

Kapitel 8 - Sprachenvielfalt und das Curriculum

8.1 Definition und Vorüberlegungen

Der Begriff mehrsprachige und plurikulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Sprachen zum Zweck der Kommunikation zu benutzen und sich an interkultureller Interaktion zu beteiligen, wobei ein Mensch als gesellschaftlich Handelnder verstanden wird, der über - graduell unterschiedliche - Kompetenzen in mehreren Sprachen und über Erfahrungen mit mehreren Kulturen verfügt. Dies wird allerdings nicht als Schichtung oder als ein Nebeneinander von getrennten Kompetenzen verstanden, sondern vielmehr als eine komplexe oder sogar gemischte Kompetenz, auf die der Benutzer zurückgreifen kann.

Der herkömmliche Ansatz beschreibt Fremdsprachenlernen so, dass man seiner muttersprachlichen Kommunikationskompetenz einzelne Bestandteile der Kompetenz, in einer fremden Sprache zu kommunizieren, additiv hinzufügt. Das Konzept einer mehrsprachigen und plurikulturellen Kompetenz hingegen tendiert dazu:

  • sich von der weit verbreiteten Annahme zu entfernen, dass sich L1 und L2 getrennt, wenngleich ausbalanciert gegenüber stehen; dies geschieht, indem Mehrsprachigkeit als Regelfall, Zweisprachigkeit hingegen als Sonderfall der Mehrsprachigkeit angesehen wird;

  • in Betracht zu stellen, dass ein Mensch nicht über eine Ansammlung von eigenständigen und voneinander getrennten Kommunikationskompetenzen verfügt, je nachdem, welche Sprachen man kennt, sondern vielmehr über eine einzige mehrsprachige und plurikulturelle Kompetenz, die das ganze Spektrum der Sprachen umfasst, die einem Menschen zur Verfügung stehen.

  • die plurikulturellen Dimensionen dieser vielfältigen Kompetenz zu betonen, ohne dabei notwendigerweise zu unterstellen, dass die Entwicklung der Fähigkeit, mit anderen Kulturen in Verbindung zu treten, und die Entwicklung der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit miteinander verbunden sein müssen.

Eine allgemeine Beobachtung kann dennoch gemacht werden, die verschiedene getrennte Sprachlernkomponenten und -wege in Verbindung bringt. Üblicherweise neigt man im schulischen Fremdsprachenunterricht dazu, Lernziele zu betonen, die entweder die allgemeine Kompetenz eines Menschen betreffen (besonders in der Grundschule), oder die kommunikative Sprachkompetenz (besonders bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 16 Jahren), während Kurse für Erwachsene (Studierende oder Berufstätige) Lernziele in Form von spezifischen Sprachaktivitäten oder als funktionale Kompetenz in einem speziellen Lebensbereich formulieren. Dass man im ersten Fall die Konstruktion und Entwicklung von Kompetenzen betont und im zweiten die optimale Vorbereitung auf Aktivitäten, die das erfolgreiche Handeln in einem spezifischen Kontext betreffen, erklärt sich aus den unterschiedlichen Aufgaben der allgemeinen Grundschulerziehung bzw. der beruflichen Bildung und der Weiterbildung. Der Gemeinsame Referenzrahmen behandelt dies aber nicht als Gegensatz, sondern hilft dabei, die unterschiedlichen Vorgehensweisen aufeinander zu beziehen und zu zeigen, dass sie eigentlich komplementär sein sollten.

 
Goethe-Institut Inhalt zurück weiter