Foto: Kai Wiedenhöfer

    Psychologie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Das Ende eines Tabus?
    Auch Iran diskutiert über Kindesmissbrauch

    Es ist überall auf der Welt schwierig, über sexuellen Missbrauch von Kindern zu sprechen. Im Iran galten Diskussionen über das Thema aufgrund der islamischen Traditionen und der so genannten „Norm der Gesellschaft“ bis vor einigen Jahren als Tabu. Seit einiger Zeit scheint dieses Tabu gebrochen und die iranische Gesellschaft hat trotz allen Schwierigkeiten begonnen, dem Problem entgegenzutreten. Die Gesetze im Iran und die Skepsis der Sicherheitsorgane gegenüber NGOs erschweren allerdings die Arbeit.


    Schhh! Mädchen schreien nicht heißt ein Film der Regisseurin Pouran Derakhshandeh, der 2013 im Iran in die Kinos kam und viele Menschen tief berührt hat. Der Film erzählt vom Leben einer jungen Frau namens Shirin, die an ihrem Hochzeitstag den Hausmeister des Gebäudes umbringt. Die Polizei geht zunächst davon aus, dass der Hausmeister die junge Frau erpressen wollte, aber schließlich redet Shirin über ihre Kindheit und davon, dass sie als kleines Kind sexuelle Gewalt erfahren hat. Sie hatte jahrelang die Last dieses Schmerzes allein getragen und niemanden gefunden, mit dem sie ihr Geheimnis hätte teilen können. Als sie gemerkt hat, dass der Hausmeister ein kleines Mädchen sexuell missbrauchen wollte, hat sie die Kontrolle verloren und ihn getötet.

    Schhh! Mädchen schreien nicht gewann einige iranische und internationale Preise, wurde aber auch stark kritisiert. Auf der einen Seite waren Anhänger des iranischen Staates der Meinung, dass der Film ein düsteres Bild von der iranischen Gesellschaft und dem Justizsystem präsentiere. Auf der anderen Seite kritisierten Frauenrechtsaktivistinnen, dass der Film berufstätige Mütter beschuldige, sie würden ihre Kinder vernachlässigen, und ihnen indirekt eine Mitschuld am sexuellen Missbrauch ihrer Kinder gebe. Kinderrechtsaktivisten wiederum waren unzufrieden, dass der Film nicht das Thema sexuelle Gewalt in der Familie behandelte.

    Trotz aller Kritik muss man einen wichtigen Punkt berücksichtigen. Der Film Schhh! Mädchen schreien nicht brachte das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern in die Mitte der Gesellschaft. Was vor einiger Zeit unmöglich schien, wurde plötzlich Wirklichkeit. Es waren gewöhnliche Menschen auf der Straße, die über das Thema diskutierten, und nicht Psychologen oder Juristen.

    Der Film konnte sehr gut zeigen, warum der sexuelle Missbrauch von Kindern manchmal jahrelang unentdeckt bleibt und der Täter nie rechtlich belangt wird. Die traditionellen Sichtweisen und die Angst davor, das „Ansehen und den guten Ruf“ zu verlieren, zwingen viele Opfer und ihre Familien zu schweigen.

    Sexueller Missbrauch von Kindern und die Folgen

    Sexueller Missbrauch von Kindern bedeutet sexuelle Handlungen Erwachsener an oder vor Kindern. Der Täter nutzt seine Machtposition als Erwachsener, um das Kind zu sexuellen Handlungen zu zwingen, die ihn erregen und befriedigen. Sexueller Missbrauch von Kindern bedeutet nicht notwendigerweise Vergewaltigung, sondern beinhaltet auch das Küssen und Berühren des Kindes, ebenso wie das Kind zu zwingen, sich Filme und Fotos mit pornographischen Inhalten anzuschauen oder das Kind für die Produktion solcher Inhalte zu benutzen.

    In den meisten Fällen sind die Täter keine Fremden für das Kind. Sie gehören zur Familie und zum Freundeskreis der Eltern oder sind Mitarbeiter der Schule. Mit anderen Worten, die Täter sind meistens Vertrauenspersonen, die eine fürsorgliche und unterstützende Aufgabe haben. Sie nutzen diese Position, um sich dem Kind zu nähern.

    Sexueller Missbrauch verursacht starke physische und psychische Schäden beim Kind und hinterlässt langfristige Folgen. Sexuell missbrauchte Kinder sind mit verschiedenen Gefühlen wie Schuld, Scham, Wertlosigkeit, Angst, Wut und Einsamkeit konfrontiert. In vielen Fällen können Kinder über ihre Erfahrung nicht sprechen. Das Schweigen hat unterschiedliche Gründe, unter anderem die Angst, niemand würde ihnen glauben. Zudem lernen Kinder in Gesellschaften mit traditioneller Kultur sehr schnell, dass sie über bestimmte Bereiche ihres Körpers nicht sprechen dürfen. Solche Tabus führen dazu, dass das Kind nicht frei und ohne Angst davor, selbst beschuldigt zu werden, von seiner Erfahrung erzählen kann.

    Studien von Psychologen haben gezeigt, dass die psychischen Folgen von sexuellem Missbrauch bei den betroffenen Kindern schwere und langfristige Folgen haben können, wenn sie unbeachtet und unbehandelt bleiben. Diese Kinder könnten möglicherweise später selbst zu Tätern werden. Zudem haben Feldforschungen im Iran gezeigt, dass nahezu ein Viertel der dortigen Prostituierten während der Kindheit sexuell missbraucht worden ist.

    Psychologen und Kinderrechtsaktivisten betonen in Bezug auf sexuellen Missbrauch zwei Punkte: Erstens müssen Kinder über Sexualität und Grenzen aufgeklärt werden. Das Wissen und das Selbstbewusstsein des Kindes dafür zu stärken, den eigenen Körper zu schützen sowie das Neinsagen zu üben, sind die wirksamsten Methoden, um sexuellen Missbrauch zu verhindern. Der zweite ausschlaggebende Punkt besteht zum einen darin, die Zeichen eines geschehenen sexuellen Missbrauchs zu erkennen, zum anderen in der Reaktion der Eltern auf den Missbrauch. Plötzliche Veränderungen im Verhalten des Kindes müssen ernst genommen werden. Sich zurückziehen, fehlende Konzentration, Einnässen in der Nacht und die Angst des Kindes vor körperlicher Nähe können einige Anzeichen dafür sein, dass sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Wenn ein Kind plötzlich eine bestimmte Person meidet, zu der es zuvor eine gute und nahe Verbindung hatte, sollte der Grund dafür näher untersucht werden. Eltern sollten eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen und dem Kind die Möglichkeit geben, ohne Angst vor Vorwürfen über das Geschehene zu sprechen. Durch die frühe Erkennung der Anzeichen eines sexuellen Missbrauchs können dessen Fortführung und damit stärkere Beeinträchtigungen verhindert werden.

    Für die Prävention oder im Falle eines geschehenen sexuellen Missbrauchs kann es sowohl für das Kind als auch für die Eltern eine große Hilfe sein, einen Psychologen oder Familienberater zurate zu ziehen, denn viele iranische Eltern wissen nicht, wie und in welchem Alter sie mit ihren Kindern über Sexualität sprechen können. Alle Schritte auf dem Weg, sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern, hängen davon ab, das Tabu zu brechen und in der Gesellschaft darüber zu reden.

    Diskussionen in den Medien und Reaktionen der Verantwortlichen

    In letzter Zeit fällt auf, dass persischsprachige Medien sich mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern beschäftigen. Nicht nur persischsprachige Medien im Ausland wie Deutsche Welle, BBC Persian und Voice of America, die keine Zensur und Einschränkungen seitens der iranischen Regierung befürchten müssen, sondern auch inländische Nachrichtenagenturen und Zeitungen befassen sich mit diesem Thema.

    Ein weiterer Punkt, der bei einem Blick auf die Nachrichten und Artikel über sexuellen Missbrauch von Kindern auffällt, sind die Berichte über Vergewaltigungen von Jungen. Wenn in der Vergangenheit die Rede vom sexuellen Missbrauch von Kindern war, kamen den Menschen meistens Mädchen in den Sinn. Manche Experten sind der Meinung, dass es in der iranischen Gesellschaft aus religiösen und kulturellen Gründen schwieriger ist, über sexuelle Gewalt an Jungen zu sprechen. Nun scheint auch dieses Tabu überwunden zu werden.

    Ein Fall hat in den vergangenen Monaten besonders die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist der Fall eines Schulaufsehers in einer Grundschule für Jungen in Teheran, der im Mai dieses Jahres des sexuellen Missbrauchs an einem Schüler beschuldigt und verhaftet wurde. Den Eltern war das veränderte Verhalten ihres Sohnes aufgefallen. Nach einem Gespräch mit ihm fanden sie heraus, dass er sexuell missbraucht worden ist, und erstatteten Anzeige. Einige Zeit später haben auch die Familien von anderen Schülern den Schulaufseher angezeigt. Bisher hat die Gerichtsmedizin bestätigt, dass sechs Schüler vergewaltigt wurden. Der Richter hat die Verhandlung verschoben, da die Zahl der Anzeigen zunimmt und die Gerichtsmedizin noch nicht alle Fälle bearbeitet hat.

    Die iranische Presse hat den Verlauf des Falls in den letzten Monaten verfolgt. Auch die Kritik der Kinderrechtsaktivisten an den Verantwortlichen wurde thematisiert. Laut der iranischen Zeitung Shahrvand hatten einige Schüler den Schulaufseher dabei gesehen, wie er einen ihrer Mitschüler sexuell missbrauchte. Da sie aber nicht begriffen, was der Schulaufseher tut, dachten sie sich, er bestrafe ihren Mitschüler. Hätten diese Kinder das notwendige Wissen gehabt und hätten begriffen, dass das Gesehene kein gewöhnliches Ereignis ist, wären möglicherweise weniger Kinder missbraucht worden.

    Seit Jahren fordern viele Kinderrechtsaktivisten Sexualkundeunterricht in iranischen Schulen. Sie halten Aufklärung und Wissen für den ersten Schritt im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Obwohl Experten die Wichtigkeit des Sexualkundeunterrichts betonen, ist die Umsetzung solcher Unterrichtsinhalte in den iranischen Schulen äußerst schwierig. Der Kulturbeauftragte des iranischen Ministeriums für Bildung und Erziehung Hamidreza Kafash war der erste Amtsträger, der mit den Medien über den Fall des Schulaufsehers gesprochen hat. In einem Interview mit der Zeitung Shahrvand bezeichnete er die Aufklärung als Pflicht der Familien und sagte: „Im Iran kann man Themen, die mit Sexualität zu tun haben, nicht in Büchern drucken oder die Schüler direkt unterrichten. Man sollte sich etwas einfallen lassen, um die Familien der Schüler zu bilden.“ Ohne Personen oder Institutionen zu nennen, die Sexualkundeunterricht in den Schulen ablehnen, sagte er, das Problem hänge eher mit der „sozialen Sphäre“ im Iran zusammen und liege nicht beim Ministerium für Bildung und Erziehung.

    Bisher scheint das Ministerium für Bildung und Erziehung über die veröffentlichten Nachrichten vom sexuellen Missbrauch von Schülern unzufrieden. Den Familien einiger dieser Schüler wurde gesagt, sie sollten nicht mit den Medien darüber sprechen. Hamidreza Kafash rechtfertigte dies mit der Bewahrung der „nationalen Ehre“ und sagte, als Iraner wolle er es nicht, dass wenn zwei solcher Vorfälle in Teheran passieren, ausländische Medien darüber berichten.

    Im Iran werden keine genauen Statistiken über sexuellen Missbrauch von Kindern veröffentlicht. Diese Fälle werden unter dem allgemeinen Begriff „Kindesmisshandlung“ registriert und mit anderen Fällen, wie z. B. physischen Bestrafungen von Kindern, zusammengelegt. Allerdings kann man nach einem Blick auf Medienberichte und Äußerungen der Kinderrechtsaktivisten in den letzten Jahren mit Sicherheit sagen, dass es weitaus mehr als nur „zwei solcher Vorfälle“ gibt.

    Die Reaktionen der verantwortlichen Amtsträger in dem aktuellen Fall, ihr Schweigen und die Bemühungen, das Thema zu verharmlosen, lässt das Bild entstehen, das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern würde in offiziellen Institutionen nicht ernst genommen oder es gebe sogar Bemühungen, es geheim zu halten.

    „Gegenseitige Neigung“ und die Wut der Gesellschaft

    Der Vorsitzende der Nationalen Gesellschaft für Kinderrechte Mozafar Alvandi war einer der wenigen Verantwortlichen, der sich zum Fall des sexuellen Missbrauchs von Schülern durch den Schulaufseher geäußert und damit für Aufregung gesorgt hat. Er sagte Anfang August dieses Jahres zur Nachrichtenagentur ILNA: „Ich glaube, dass nicht alle Fälle erzwungen waren und dass es in einigen Fällen eine gegenseitige Neigung gegeben hat.“ Diese Äußerung erzeugte eine Welle von Reaktionen iranischer Nutzer in den sozialen Netzwerken, erstaunte und verärgerte viele Iraner. Erstaunen, da diese Worte in einem Land geäußert werden, in dem Homosexualität als eine schwere Strafe gilt, und Verärgerung, da Grundschulkinder dieser Neigung beschuldigt werden.

    Solche Äußerungen belasten nicht nur die vergewaltigten Schüler und ihre Familien, sondern könnten auch Familien mit ähnlichen Erfahrungen davon abhalten, über sexuellen Missbrauch zu sprechen und solche Fälle rechtlich zu verfolgen. Psychologen und Juristen sind sich zudem einig, dass selbst wenn unter besonderen Umständen und aus bestimmten Gründen sich die sexuellen Neigungen in der Kindheit weiter als normal entwickeln, bei sexuellem Kontakt zu Erwachsenen nicht von einer „Zustimmung“ des Kindes gesprochen werden kann, da dem Kind das Verständnis für die Bedeutung und die Folgen einer sexuellen Beziehung fehlt. Somit gelten auch solche Beziehungen als sexueller Missbrauch und der Erwachsene ist weiterhin für die Folgen verantwortlich.

    Es fällt schwer, einen positiven Punkt im kontroversen Fall des Schulaufsehers zu finden, aber die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und der Medien auf dieses Thema und der Mut der Familien, den sexuellen Missbrauch ihrer Kinder nicht zu verheimlichen, sind ein Hoffnungsschimmer. Die wachsende Sensibilisierung der iranischen Gesellschaft für das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern lässt sich klar erkennen. Es scheint, dass zumindest ein Teil der Gesellschaft sich dieser Problematik stellen und eine Lösung dafür finden will. Dennoch gibt es eine beachtliche Spanne zwischen der Haltung offizieller Institutionen und der Haltung von Nichtregierungsorganisationen in Bezug auf den Umgang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern.

    Nichtregierungsorganisationen und Geheimdienste

    Die Bemühungen, sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern und missbrauchten Kindern zu helfen, werden im Iran hauptsächlich von Nichtregierungsorganisationen, Sozialarbeitern und Kinderrechtsaktivisten unternommen. Obwohl die iranische Regierung seit 1999 einige Einrichtungen gegründet hat, um Probleme von Kindern anzugehen, und sie somit die Existenz dieser Probleme anerkannt hat, konnte sie noch keinen sicheren und vertrauenswürdigen Raum für missbrauchte Kinder schaffen. Manche Berichte beschreiben zum Beispiel, dass Kinder aus den Heimen der Wohlfahrt fliehen, da der Missbrauch dort fortgesetzt wird.

    Die meisten Nichtregierungsorganisationen, die unabhängig arbeiten, konzentrieren sich auf Kinder aus schwachen sozialen Schichten, wie z. B. Kinderarbeiter. Das Hauptproblem solcher Organisationen liegt in der Beschaffung ihres Budgets durch Spenden der Bürger. Die Arbeit dieser Organisationen wird durch die Skepsis der iranischen Sicherheitsorgane ihnen gegenüber erschwert. Aus diesem Grund lehnen Nichtregierungsorganisationen finanzielle Hilfen aus ausländischen Quellen ab. Frühere Erfahrungen haben gezeigt, dass die Annahme ausländischer Hilfen den Sicherheitsorganen einen Vorwand bieten könnte, um Nichtregierungsorganisationen konterrevolutionärer Aktivitäten und der „Verbindung zu ausländischen Staaten“ zu beschuldigen. Dasselbe gilt für Interviews mit Medien außerhalb des Irans, für die Thematisierung sozialer Probleme und die Kritik an der Regierungsarbeit, die als „Propaganda gegen den Staat“ interpretiert werden und juristische Folgen haben könnten. In den letzten Jahren sind einige Kinderrechtsaktivisten verhaftet und verurteilt worden.

    Die offiziellen Institutionen standen den sozialen Aktivitäten der Nichtregierungsorganisationen schon immer kritisch gegenüber. Denn die Thematisierung sozialer Probleme bringt auch Kritik an der Regierung und an manchen Gesetzen mit sich. Darüber hinaus sind Regierungsbehörden besorgt, ihre Position in der Gesellschaft könne geschwächt werden, und sie befürchten, die Kontrolle über den sozialen Sektor zu verlieren. Aus diesem Grund ist es auch ein langer und schwieriger Prozess, eine Genehmigung für die Gründung und die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen zu erhalten.

    Sexueller Missbrauch und die Gesetzeslage

    In Bezug auf den sexuellen Missbrauch von Kindern gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Sichtweise der Kinderrechtsaktivisten und den Gesetzen im Iran. Das iranische Gesetz erlaubt für Mädchen ab 13 Jahren und für Jungen ab 15 Jahren die Eheschließung. Eine Heirat ist auch in jüngeren Jahren möglich, wenn der Vater dies beim Gericht beantragt und ein Richter dem Antrag zustimmt. Nach Meinung der Kinderrechtsaktivisten stehen solche Gesetze im Widerspruch zu den Rechten der Kinder. Sie seien eine Erlaubnis für den sexuellen Missbrauch, da ein Kind sich weder frei noch bewusst zu einer Ehe entscheiden kann. Für den iranischen Staat hingegen sind diese Gesetze mit den islamischen Prinzipien vereinbar, und Kritik daran wird nicht akzeptiert.

    Laut der offiziellen Statistik haben im Iran in den ersten neun Monaten des letzten Jahres 29.000 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren und 1.500 Mädchen unter zehn Jahren geheiratet. Da einige Provinzen das Heiratsalter nicht registrieren und auch traditionelle Eheschließungen ohne Registrierung in vielen Regionen Irans verbreitet sind, zeigt diese Statistik nur einen Teil der Realität. Die Zahl der Kinder, die jedes Jahr zum Heiraten gezwungen werden, ist in Wirklichkeit weit höher.

    Obwohl das Heiratsalter seit Jaren in den mittleren und oberen Schichten der iranischen Gesellschaft gestiegen ist, stellt die Heirat der Töchter für Familien mit geringem Einkommen und vielen Kindern weiterhin eine Möglichkeit dar, um die Familie zu entlasten. Soziale Ungerechtigkeit und das Fehlen eines Gesetzes, das im Einklang mit den heutigen Maßstäben, dem internationalen Recht und der UN-Kinderrechtskonvention ein Mindestalter für die Eheschließung festlegt, haben dazu geführt, dass sexueller Missbrauch einen offiziellen und rechtlichen Rahmen findet. Die Änderung dieser Gesetze im Iran wird möglicherweise viele Jahre dauern, aber das spricht umso mehr für die Notwendigkeit der Bemühungen der Kinderrechtsaktivisten, damit die Gesellschaft für das Thema Kinderheirat ebenso sensibilisiert wird wie für die Problematik des sexuellen Missbrauchs.
    Parisa Tonekaboni lebt in Köln und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für den persischen Dienst der Deutschen Welle.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2014

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