Foto: Kai Wiedenhöfer

    Psychologie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Der Geruch der Fremde
    Migration und die Vertreibung aus der Kindheit

    Eine Psychotherapeutin berichtet aus ihrer Praxis mit Patienten aus Nordafrika und Nahost – viele von ihnen sind als Kinder nach Deutschland gekommen oder als Kinder von Einwanderern hier aufgewachsen. Diese Situation verursacht sehr spezifische psychische Belastungen für die Kinder, die auch das Erleben der Erwachsenen prägen. Ein durch die psychoanalytische Behandlung herbeigeführtes Verständnis kann hier helfen.

    Seit vielen Jahren suchen Menschen meine psychoanalytische Praxis auf, deren Wurzeln in Nordafrika oder dem Vorderen Orient liegen. Es kommen Kriegsflüchtlinge, es kommen Arbeitsmigranten, es kommen Menschen, die übergesiedelt sind, um hier mit ihrer Ehepartnerin (die ihrer Herkunftskultur entstammt oder auch hier ihre Wurzeln haben kann) zusammen zu leben. Es kommen junge Erwachsene, die als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland migriert oder geflohen sind oder ihnen, nachdem diese eine gewisse Stabilität hatten schaffen können, gefolgt sind, wie auch junge Erwachsene, die zum Studium nach Deutschland aufgebrochen sind. Erleichtert wird dies durch eine Errungenschaft des deutschen Gesundheitssystems, nämlich den Zugang zu Psychotherapie für alle Versicherten, unabhängig vom Einkommen.

    Herausforderungen für Einwanderer

    Es gibt viele Gründe, die Heimat zu verlassen: Der Traum von einem besseren Leben und der Wunsch, sich aus unerträglichen Zuständen und Elend zu befreien, gehören zu den wichtigsten. Einzuwandern führt zu einer allgemeinen Erschütterung des Selbstgefühls, die sich über viele Jahre hinweg bemerkbar macht. Das Hineinfinden in eine anderssprachige Alltagswelt, überhaupt eine Fremdsprache – viele der Zugewanderten sind erst hier mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen – verlangt über einen langen Zeitraum eine beständige zusätzliche seelische Anstrengung. Auch Hierarchien, die sich hier weniger ausgeprägt und anders zeigen als etwa im Maghreb oder Vorderen Orient, verunsichern.

    Migration wirft immer auch soziale Fragen auf. Die soziale Herkunft macht sich in der Regel auch im Ankunftsland bemerkbar. Angehörige der wohlhabenden und gebildeten Schichten verfügen über andere Mittel, sich eine neue Lebenswelt zu erschließen, als Landbewohner aus dem Rif in Marokko oder aus den ostanatolischen Bergen. Allerdings entwickeln sich im Einwanderungsland auch Beziehungen unter Angehörigen verschiedener Schichten, die zu Hause verpönt gewesen wären. Viele Erwachsene haben eine soziale Degradierung zu verkraften, die Schul- und Bildungsabschlüsse werden hier nicht als gleichwertig anerkannt und die sozialen Bezüge, die ihnen in ihrer Heimat Reputation verschafften, sind zerbrochen oder zumindest hier ohne Bedeutung. Kulturelle Unterschiede zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland beeinflussen das Hineinfinden. Auch Phantasien prägen das Ankommen; und zwar die der Ankommenden über ihren neuen Lebensort ebenso wie die Phantasien der Ansässigen über das Land oder den Herkunftsraum der Ankommenden.

    Die Auswirkungen auf Kinder

    Ich möchte mich hier mit einem meines Erachtens besonders bedeutsamen Aspekt befassen, mit der Frage, wie die kindliche Entwicklung durch Migration eine besondere Prägung erhält. Welchen Einfluss hat das Aus- und Einwandern in der Kindheit auf die Beziehung der Kinder zu den Eltern, auf ihr Selbstgefühl und den Erwerb der Fähigkeit, die eigenen Kräfte einschätzen zu können? Kinder sind in jedem Fall Betroffene, die nicht gefragt werden, ob sie bleiben oder gehen wollen. Dies teilen alle Kinder miteinander, die durch den Umzug der Familie ihre vertraute soziale Welt verlieren. Allerdings sind die Unterschiede eines Umzugs von Hessen nach Bayern andere als die von einem Dorf im Rif-Gebirge nach München: Die Eltern selbst sind in ganz unterschiedlicher Weise von der neuen Alltagswelt erschüttert, das beeinflusst Halt und Sicherheit, die sie dem Kind bieten können, das sich in die neue Lebenswelt einfinden muss. Zwar behandle ich Erwachsene, aber das Besondere ist, dass sie in einer bestimmten Zeit ihres Lebens einen äußeren Einbruch mit kumulativen Wirkungen erleben mussten, in dem sich idealtypisch der kleine Mensch aus Vertrautem mit nur allmählichen Veränderungen sein vorläufiges Begreifen der Welt formt. Diesen Kindern wurde früh das kindlichen Vertrauen in die Sicherheit der Welt erschüttert. Sie werden gewissermaßen früh aus der Kindheit vertrieben; im schlimmen Fall sind sie traumatisiert. Jungen und Mädchen entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang damit und mit der Verunsicherung von Mutter und Vater. Hier konzentriere ich mich auf die weibliche Entwicklung.

    Frühe Trennung von der Mutter

    Eine 29-jährige verheiratete Politologin begab sich aufgrund einer Essstörung in die Psychotherapie. Sie zweifelte an ihrem Beruf und war sich schließlich der Liebe ihres Ehemannes nicht mehr sicher. Sie fragte sich, ob sie es wagen wollte, mit ihm ein Kind zu bekommen – ja, ob sie überhaupt selbst Mutter werden wollte oder ob nur der mit den Jahren wachsende familiäre Druck dies verlangte.

    Sie war im Alter von nicht ganz einem Jahr von der Mutter bei den Großeltern zurückgelassen worden. Die Eltern waren Lehrer in der östlichen Türkei; Mitte der 70er Jahre folgte die Mutter der Anwerbung weiblicher Arbeitskräfte für Deutschland. Später konnte der Vater nachkommen. Als die Tochter gut drei Jahre alt war, wurde sie von den Eltern zu sich geholt. Sie berichtete, die Eltern hätten in der Zeit der Trennung für sie Tonbandkassetten besprochen und ihr diese sowie Briefe geschickt. Sie erzählte eine Familienanekdote: In der Zeit der Trennung habe sie die weißen Wände des Hauses der Großmutter mit einem Stift bemalt. Auf die Frage, was sie da mache, habe sie der Großmutter geantwortet, sie schreibe einen Brief an die Mutter. Die Großmutter brach im Mitgefühl mit dem Trennungsschmerz der Enkelin in Tränen aus; sie schimpfte nicht über die Kritzeleien. Sobald die Tochter alt genug war, versprach ihr die Mutter, sie werde während der ersten drei Lebensjahre des ersten Kindes der Tochter für alles aufkommen, was das Kind brauche. Während der Zeit der Psychotherapie wurde die Patientin schwanger und setzte sich intensiv mit dem Angebot der Mutter auseinander. Lange in ihr verborgen gehaltene Gefühle, die sie viele Jahre unverstanden beschwert hatten, wurden wiederbelebt: ihre Wut der Mutter gegenüber, ihre Trauer darüber, alleingelassen worden zu sein, sowie Wünsche nach absoluter Unabhängigkeit. Ergebnis dieses Prozesses war ihr Entschluss, das Angebot der Mutter anzunehmen.

    Das Opfer der Rückkehr

    Ein anderes Beispiel: Eine 45-jährige verheiratete, berufstätige Frau, Mutter von drei Kindern, suchte wegen gravierenden Schlafstörungen, diversen körperlichen Beschwerden ohne organischen Befund sowie der lastenden Depression psychotherapeutische Hilfe. Aus ihrer Kindheit berichtete sie, der in Deutschland als Industriearbeiter lebende Vater habe seine Frau mit den beiden erstgeborenen Kindern – darunter sie – bei seiner Mutter in einem Bergdorf der Osttürkei zurückgelassen. Er fand sich schließlich bereit, Frau und Kinder nach Deutschland zu holen; sie war fünf Jahre alt. Einige Zeit später, als es der Großmutter zu beschwerlich war, allein zu leben, erbot sich die Achtjährige, zur Großmutter zu ziehen, damit die Mutter mit den jüngeren Geschwistern in Deutschland beim Vater bleiben konnte. Unter der harten Hand der Großmutter in kargen Verhältnissen hütete sie Schafe und Ziegen und besuchte die Dorfschule. Besuch von den Eltern bekam sie einmal in fünf Jahren. Als 13-Jährige magerte sie schließlich so stark ab, dass eine Ärztin aufgesucht wurde. Diese drängte mit Nachdruck darauf, dass der Vater die Tochter nach Deutschland hole, ihr Leben sei gefährdet.

    Zurück bei der Familie hatte sie sich Mutter und Vater sowie den Geschwistern entfremdet. Die deutsche Sprache hatte sie inzwischen verlernt. Nach einer Zeit der Aufsässigkeit entschloss sie sich, eine verantwortliche Rolle für die jüngeren Geschwister und die Mutter zu übernehmen. In der Schule strengte sie sich an; die Bemühungen wurden von einem Lehrer erkannt, der dafür sorgte, dass sie von der Förderklasse auf eine Regelschule wechseln konnte. Ein weiterer Schulwechsel erlaubte ihr, die Fachhochschulreife zu erwerben. Bis heute hat sich das Muster der Übernahme von Verantwortung erhalten, die bis zur Untergrabung ihrer leibseelischen Gesundheit geht.

    Als Kleinkind auf der Flucht

    Ein drittes Beispiel: Eine als anderthalb Jahre altes Kind mit ihren Eltern einem vorderasiatischen Bürgerkriegsland entflohene junge Frau suchte mich zu dem Zeitpunkt auf, als sie ihr Studium abschließen sollte. Sie war dazu nicht in der Lage, weil sie u.a. die Vorstellung nicht ertragen konnte, dann in einem schönen großen Büro jenes Unternehmens zu sitzen, in dessen Untergeschoß der Vater Schichtdienst leistet. Wenn der Vater ihr dieses Bild in hoffnungsvoller Absicht entwarf, dann ergriff sie ein reißender Schmerz. Als sie nach bestandenem Diplom dann eine Stelle antrat, in der sie ihrem Abschluss entsprechende Aufgaben übernahm – und es handelte sich nicht um eine Vollzeitstelle, sondern um eine, die es gerade ermöglichte, dass sie nicht noch zusätzliche Jobs annehmen musste – war sie mit Phantasien beschäftigt, was sie alles dem Vater, der Mutter zukommen lassen wollte. Zugleich erschienen ihr die Eltern als Aufschneider oder gar Lügner, wenn sie von all dem Land erzählten, das ihnen in der alten Heimat zu eigen war. Die Eltern kamen aus wohlhabenden und gebildeten Verhältnissen. Das Selbstbild der jungen Frau pendelte zwischen dem, was sie schließlich „Ghettokind“ nannte, und Phantasien, eine Prinzessin zu sein – immerhin hatte die Urgroßmutter am Herrscherhof gelebt. Im Verlauf einer langen und intensiven Behandlung gelang es ihr zunehmend, divergierende innere Bilder und Lebensentwürfe zu integrieren und die Spannungen zu ertragen, wo die Divergenz noch groß war; es wurde ihr auch möglich, die Schuldgefühle gegenüber Mutter und Vater auszuhalten, als sie schließlich ihre eigene Lebenswirklichkeit deutlich verbessern konnte.

    Innerer und äußerer Druck

    Diese Beispiele mögen einen Eindruck davon geben, mit welchen Gefühlen, Spannungen und Handlungen Kinder zurecht kommen müssen, deren Leben von Migration gezeichnet ist: mit Gefühlen der Verlassenheit und Trennungen, sogar von Mutter und Vater; mit Opfern, sowohl in der erhebenden wie auch quälenden Dimension. Bei den Eltern zeigen sich Schuldgefühle, die manchmal mit Bestrebungen der Wiedergutmachung einhergehen, manchmal verleugnet oder mit Forderungen zugedeckt werden. Für die Unsicherheit ihrer Eltern haben die Kinder unwillkürlich ein feines Gespür.

    Die Verschränkung von innerpsychischer und äußerer Konstellation wird viel zu selten hinreichend erkannt und verstanden. Die innere Ausrichtung an divergierenden sozialen Rollenerwartungen, die ein enormes Spannungspotential im Inneren bilden, wird ebenfalls viel zu selten verstanden. Die Kinder und Jugendlichen bleiben nicht nur allein, manchmal wird sogar durch Reaktionen der deutschen Welt oder der der Zugewanderten die innere Spannung verstärkt. Wie diese sich im Verlauf des Lebens fortwährend bemerkbar macht, möchte ich an einem weiteren Beispiel ausführlicher zeigen.

    Der Geruch der Fremde

    Die aus Nordafrika stammende Frau Mitte Dreißig wandte sich aufgrund ihrer zunehmenden depressiven Gedrücktheit an mich. Sie klagte über die gescheiterte Beziehung zu einem Mann und erwähnte ihren Wunsch, Kinder zu bekommen. Nicht lange zuvor war in der alten Heimat die Großmutter verstorben; die letzte der Generation der Großeltern. Mit Stolz sprach sie von ihrer Arbeit in einem Kinder- und Jugendhaus, in dem sie – als ausgebildete Erzieherin – eine Stelle innehatte, die üblicherweise Fachhochschulabsolventen vorbehalten ist. Nun fürchtete sie, durch ihre Lustlosigkeit und Unaufmerksamkeit alles, was sie an ihrem Arbeitsplatz erreicht hatte, aufs Spiel zu setzen. Ich erfuhr von früheren großen Konflikten mit der Familie – bis hin zum Weglaufen aus dem Elternhaus im Alter von 15 Jahren. Trotz der Klagen, oft Selbstanklagen, nicht gut genug zu sein („nichts gebacken zu kriegen“), war für mich deutlich, dass mir eine kraftvolle und aufgeweckte Person gegenüber saß. Die Verständigung zwischen uns war gut, so dass ich mit dem Vorschlag einer Psychoanalyse nicht zögerte, dem sie trotz des zeitlichen Aufwands gerne folgte.

    Sie ist das älteste von sechs Kindern. Der Vater lebte und arbeitete bereits zur Zeit der Heirat der Eltern in Deutschland und ging nacheinander verschiedenen einfachen Beschäftigungen nach; zuletzt und bis zur Rente in einem gut gesicherten Arbeitsverhältnis. Als sie elf Jahre alt, war verließ die Mutter mit ihr und den beiden jüngeren Brüdern das Haus der Eltern des Vaters und zog zu ihrem Mann nach Deutschland. Drei weitere Geschwister kamen in Deutschland zur Welt.

    Das Bild, das die Analysandin (d. h. die Patientin der Psychoanalyse) von ihrer Lebenswelt entwarf, war deutlich polarisiert:
    • die nordafrikanische Welt bekam alle Zeichen der Rückständigkeit, des Eigennutzes, des Heuchlerischen, der Verleumdung und der sozialen Kontrolle,
    • dagegen wurde die deutsche Welt zur offenen, interessanten und begehrten. In der Sprache gebrauchte sie mit Lust deutsche Redensarten und Sprichworte. Der Klang der Sprache war ihr angenehm, seit sie als Kind die Cousins und Cousinen während der Urlaube in der alten Heimat in dieser Sprache miteinander reden gehört hatte.


    Dass viele der eigenen Erlebnisse diesem schwarz-weiß-Bild nicht entsprachen, erschütterte es nicht. Stimmungseinbrüche folgten, wenn ihr Gefühl, nicht gut genug zu sein, die Oberhand gewann. Am Arbeitsplatz strengte sie sich dann noch mehr an und wagte nicht, überzogene Forderungen zurückzuweisen. Alsbald wurde deutlich, dass die härtesten Forderungen nicht von den Kollegen an sie gerichtet wurden, sondern aus ihrem eigenen Inneren kamen. Um diesen eingeschliffenen Mechanismus infrage zu stellen, der zur einschneidenden Fessel geworden war, war es unumgänglich, ihn bewusst zu machen. Gleichermaßen war es erforderlich, die verschütteten guten Erinnerungen wieder zugänglich zu machen. So ergab sich im Verlauf der Zeit ein bunteres Bild ihrer Lebensentwürfe und allmählich auch die Möglichkeit, die diversen Konflikte, die keine tragfähige Lösung gefunden hatten und der Verdrängung oder der Spaltung in ein schwarz-weiß-Bild anheim gefallen waren, präziser zu bestimmen.

    Szene: Die Prinzessin des Patriarchen

    Erinnerungen an die ersten Jahre der Kindheit wurden lebendig und zeigten ein lebhaftes, wildes Mädchen, das beim Großvater väterlicherseits eine Sonderstellung einnahm. Sie begleitete ihn frühmorgens und spielte in seiner Nähe, während er der Feldarbeit nachging; sie durfte auf seinem Schoß sitzen; er brachte ihr regelmäßig vom Wochenmarkt Süßigkeiten mit. Sie verstand früh, dass sie sich gegenüber der Mutter einiges herausnehmen konnte, da sie fraglos des Schutzes des Großvaters gewiss war. Alle hatten vor dem Großvater Angst, der mit strenger Zucht über seine Söhne und Töchter geherrscht hatte; nur die kleine Enkelin fühlte sich von dem Patriarchen geliebt und beschützt. In dieser Gewissheit wagte sie es, den Vater bei seinen Heimatbesuchen abzuweisen und seine Geschenke links liegen zu lassen. Statt ihn zu vermissen, machte sie ihn in ihrer Phantasie zum Störer des Zusammenlebens im Haus des Großvaters. An eine Strafe ihrer Ungebärdigkeit und Zurückweisung erinnerte sie sich wütend: Der Vater brachte sie zu einem Baum im Garten, unter dem sie so lange sitzen musste, bis er ihr erlaubte, ins Haus zurückzukehren.

    Szene: Abwesende Väter und der Geruch der Fremde

    Dennoch ließ sich ein schmerzliches Gefühl über den ihr immer fremdgebliebenen Vater nicht gänzlich aus ihrem Erleben verbannen. Ihr demonstratives Desinteresse am Vater war auch der Versuch, den Schmerz, ihm nicht wichtig genug zu sein, dass er bei ihr bleibt, unfühlbar zu machen. Seine für ein Kleinkind unvorstellbar lange Abwesenheit und die Zeit, die er während der Urlaube außerhalb des Hauses verbrachte, nahm sie als Zeichen seines Desinteresses an ihr. Ein erstes Begreifen, dass es weitere abwesende Väter gab – aus fast jeder Familie des Dorfes war wenigstens ein Sohn in einem europäischen Land –, war ihr mit etwa sechs Jahren möglich. Und sie verstand, dass es unterschiedliche Fremde gibt, die sie am Geruch des Mitgebrachten zu identifizieren vermochte: „Deutschland roch nach Gummibärchen und Belgien süß, nach Waffeln.“

    Eine weitere Entdeckung fiel in diese Zeit. Sie besuchte mit ihrer Mutter eine entfernt Verwandte, die mit ihrer Tochter in einem alten, selbst für das Kind sichtbar ärmlichen Haus lebte. Spontan äußerte sie gegenüber der Gleichaltrigen, sie habe ein Loch in ihren Pantoffeln. Daraufhin erhielt sie eine empörte Zurechtweisung: „Du hast ja einen Vater, der euch zu sich holen wird!“ Die Reaktion des Mädchens ließ ihr keine Ruhe. Schließlich begriff sie, dass der Vater des Mädchens in der Fremde eine neue Familie hatte und sich nicht mehr für die im Dorf Zurückgelassene interessierte. Er schickte weder Geld noch Geschenke. Für den unabsichtlich der anderen zugefügten Schmerz schämte sie sich unmittelbar, noch bevor sie begriffen hatte.

    Szene: Einbruch der Disziplinierung

    Der Schulbesuch im Dorf wurde zur verhassten Pflicht: Das sonst so selbstbewusste Mädchen fürchtete sich in der Klasse und nässte ein. Sie verstand nichts und wurde von den Lehrern bloßgestellt, auch geschlagen. Die Mitschüler nahmen ihr die schönen Stifte und Hefte weg, die der Vater aus Deutschland mitgebracht hatte. Sie wollte nicht mehr zur Schule gehen. Schließlich weigerte sie sich eines Morgens, die geschlossenen Schuhe anzuziehen, die sie extra für die Schule vom Vater bekommen hatte, und wollte sich nicht auf den Weg machen. Diesmal schritt der Großvater ein: Er herrschte sie an und schlug sie. So zornig hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie war voller Angst – auch während sie sich an dieses längst verschüttete Erlebnis in einer Analysestunde erinnerte – und musste sich fügen.

    Nun erfand sie andere Mittel der trotzigen Selbstbehauptung: Wenn sie ihre Hausaufgaben machen sollte, setzte sie sich in die Sonne und schlief regelmäßig ein. Alle Ermahnungen fruchteten nicht. Wie anders in Deutschland: Hier ging sie gern zur Schule, sie konnte plötzlich rechnen, alles war interessant. Bald befürwortete die Lehrerin ihren Wechsel in die altersentsprechende Klasse. Zwar war ihr Deutsch noch holprig, aber sie konnte dem Unterricht gut folgen. Diese Neugier erhielt sie sich über die gesamte Zeit der schulischen und beruflichen Ausbildung; sie treibt ebenfalls den analytischen Prozess voran.

    Szene: „Alles war harâm“ versus Mittlerin zur offiziellen deutschen Welt

    Sie erzählte mir von den zunehmend strengeren Kleidungsvorschriften für sie, von Schlägen bei geringen Vergehen oder Missverständnissen, die sie und die beiden ihr folgenden Brüder trafen. Das Zuhause wurde ihr zum Gefängnis. Es gab viele Aufgaben im Haushalt, und die Möglichkeiten, sich außerhalb der Wohnung mit Freundinnen zu treffen, waren beschränkt. Ihr gefiel die Schule in Deutschland, und sie wollte weiter lernen, wollte Abitur machen und studieren. Die Eltern hatten andere Vorstellungen: Sie sollte so bald wie möglich Hausfrau und Mutter werden – obwohl sie in der alten Heimat den Schulbesuch für wichtig erachtet und auch Tanten dort studiert hatten. Nach einer Eskalation des familiären Konflikts lief die 15-Jährige weg. Das anschließende Gespräch zwischen einer Vertreterin des Jugendamts und den Eltern ermöglichte zweierlei: Sie konnte in die Familie zurückkehren und weiterhin zur Schule gehen. Die väterliche Autorität war erschüttert, die Schande, jemanden von einem Amt in den eigenen vier Wänden empfangen und Rechenschaft über die Führung der Familie ablegen zu müssen, wollte der Vater nicht erneut riskieren.

    Hatte die Jugendliche in diesem Konflikt ihren Informationsvorsprung – in Deutschland dürfen Kinder nicht geschlagen werden; es gibt die Schulpflicht bis zum Alter von 16 Jahren; das Jugendamt kann von Kindern kontaktiert werden – in einer Notsituation selbstständig aktiv genutzt, so wurde sie in vielen Fällen von den Eltern dazu aufgefordert, als Mittlerin zwischen den Welten zu fungieren. Sie übernahm Aufgaben, die üblicherweise von den Eltern erledigt werden, regelte den Umgang mit Ämtern und Versicherungen, begleitete die Mutter bei Arztbesuchen. In dieser Hinsicht kehrte sich das Autoritätsgefälle von Eltern und Kindern geradezu um. Dieser Umbruch begann bald nach ihrer Ankunft in Deutschland.

    Szene: Die „deutschen“ und die „nordafrikanischen“ Kinder der Eltern

    Die Geburt des ersten Kindes der Familie in Deutschland wurde zu einem lange nachhallenden schmerzlichen Erleben. Die Zwölfjährige litt, wenn sie die zärtliche Zuwendung des Vaters zu seiner neugeborenen Tochter erlebte, der das Baby auf den Arm nahm und ihm einen Kosenamen gab. Das Neugeborene hatte die uneingeschränkte Liebe des Vaters und machte ihn glücklich; all ihre Anstrengungen im Haushalt brachten der älteren Tochter nicht das ein, was das Baby einfach so erhielt.

    Dies mitzuerleben rührte zugleich an den kaum betrauerten Verlust der schützenden Gegenwart des Großvaters und den Verlust der vertrauten Lebenswelt mit ihren Tröstungen und Verlockungen – der Spielgefährten und Erwachsenen, der Gassen, Häuser, Felder, Tiere, Gerüche und des Lichts – durch die Auswanderung. Diese brachte, wie sich erst im Verlauf des Lebens zeigen sollte, eine viel tiefere Spaltung mit sich.

    Die Etablierung der Familie in der neuen Heimat – mehr als zehn Jahre nach der Eheschließung der Eltern – vollzog sich in einem vielschichtigen Prozess der Veränderung. Die Geburt des ersten Kindes in Deutschland gründete die Familie neu. Die Position der Mutter war in der ersten Zeit des Zusammenlebens in vielem der der erstgeborenen Kinder ähnlich: Wie sie kannte sie sich nicht in der neuen Welt aus; wie sie verfügte sie nicht über die neue Alltagssprache; wie sie lebte sie zum ersten Mal außerhalb der Großfamilie. Aber mit der ersten Schwangerschaft und Geburt in Deutschland ergriff sie allmählich die Position des weiblichen Familienoberhaupts. Der Vater suchte seit dem Zusammenkommen der Familie ebenfalls nach einem neuen Selbstverständnis. Er fand Sicherheit in einer Vertiefung seines Glaubens, gab nach und nach zuvor angenommene Gewohnheiten auf (Rauchen, Alkoholtrinken) und begann regelmäßig zu beten. Die älteste Tochter hatte sich den überkommenen moralischen Vorstellungen einer werdenden Frau zu fügen; sie wurde wiederholt auf die Bedeutung der Jungfräulichkeit hingewiesen. Sie ihrerseits hatte den Triebschub der Pubertät zu bewältigen und wollte mit den freizügigeren Kleidungs- und Frisurstilen ihrer Generation mithalten. Ein Versuch, Kopftuch zu tragen und damit eine entspanntere Beziehung zu Vater und Mutter zu erreichen, blieb erfolglos; sie beendete ihn nach kurzer Zeit. Sie schloss sich eng an eine Freundin und deren Familie an und suchte dort Orientierung, gar Zuflucht.

    Alle zusammen – auch der Vater hörte ihr zu – hatten in einer deutschen Mitbewohnerin des Hauses eine Mittlerin. Sie war es, die mit den anderen Hausbewohnern zum Willkommensgruß für die Mutter mit den Kindern dafür sorgte, dass in einer gemeinsamen Aktion das Treppenhaus gestrichen und mit Luftballons geschmückt wurde.

    Rebellion, Verantwortung und die Gabe, Unterstützung anzunehmen

    Dank der Aufmerksamkeit der erfahrenen Ausbilderin fiel die Angst der jungen Frau vor der Abschlussarbeit auf: Wiederholt fragte jene nach, wie weit sie mit der Arbeit sei, bis die junge Auszubildende schließlich zugeben musste, sie habe noch gar nicht angefangen – und die Abgabefrist war inzwischen nahe. Nun schlug die Ausbilderin vor, ihr zu erzählen, was sie schreiben wolle. Tag für Tag hörte sie zu und kommentierte das Gehörte. Darüber klärten sich die Vorstellungen der jungen Frau; jetzt war sie in der Lage, sie niederzuschreiben. Für diese Arbeit mit ihrem klaren pädagogischen Verständnis erhielt sie eine Auszeichnung – und wurde von ihren Mitschülern beneidet. Kaum traute sie sich selbst, sich ihres Erfolgs zu freuen.

    Gerne hätte sie ein Studium angeschlossen. Damit wäre allerdings ein selbständiges Leben in einer eigenen Wohnung in weitere Ferne gerückt. Heute, wo sich die familiären Beziehungen entspannt haben, sagt die Mutter zur Überraschung der ältesten Tochter: „Für dich war es schlecht, dass wir so spät nach Deutschland gekommen sind, sonst hättest du studiert.“ Von den drei in Deutschland geborenen Kindern schließt eines gerade sein Studium ab, das andere hat es kürzlich aufgenommen und das jüngste besucht noch das Gymnasium; alle drei in Marokko Aufgewachsenen haben Lehrberufe ergriffen.

    Konfliktkonstellationen

    In diesem szenischen Überblick finden sich exemplarisch die Themen und Konfliktkonstellationen wieder, die typisch für die Kinder von Zuwanderern aus Nordafrika und Vorderasien sind:
    • die großen Rätsel, weshalb die Familie nicht zusammenlebt,
    • die Polarisierung der Lebenswelten, die den betroffenen Kindern nicht als problematisch und damit veränderbar auffällt,
    • die Polarisierung des eigenen Inneren, die sie nicht fassen können,
    • die Konfrontation mit Eltern, die in ihrer Verunsicherung rigide werden; und dadurch bei den Kindern gegensätzliche Impulse wecken, sich der Rigidität zu erwehren, aber eben auch den Wunsch aufkommen lassen, die schwachen Eltern zu schützen,
    • die frühe Verantwortung in der Familie, bei der sie sich auf kein Vorbild stützen können, stärkt einerseits Größenphantasien und weckt andererseits Ängste, einen folgenreichen Fehler zu begehen. Diese Konstellation kommt einer Vertreibung aus der Kindheit gleich,
    • der andere Status der im neuen Land geborenen Kinder verstärkt die Geschwisterrivalität, was teilweise durch die frühe Übernahme einer mütterlichen Rolle verdeckt wird.
    Wer aus einer Kultur mit einer deutlichen Dominanz der Männer und der Zügelung der Triebhaftigkeit durch Zurückhaltung und Verhüllung der Frauen im öffentlichen Raum kommt, wird in einer freizügigeren Kultur, die andere Formen der Triebunterdrückung kennt, selbst einem höheren Triebdruck unterliegen als in der Herkunftskultur; das verunsichert. Die Angst davor, dass die Kinder, insbesondere die Mädchen zügellos werden, ist gesteigert. Beides führt häufig zu Gegenmaßnahmen, die rigide Verhaltens- und Beziehungsmuster hervorbringen können. Es gibt familiäre Konstellationen, in denen Schärfe der Verunsicherung, der Konflikte, der Gewalt und Rebellion unerträgliche Formen annimmt bis hin zur äußersten Gewalttätigkeit. Milderen Verlauf nehmen die unvermeidlichen Konflikte, wenn sich die Eltern achten und lieben, wenn die ersten Lebensjahre der Kinder in einem wesentlich stabilen Lebenszusammenhang und der Gewissheit, dass sie geliebt werden, erfolgen. Und freilich ist es hilfreich, wenn sie über schöpferische Kraft und Neugier verfügen, und sie sich diese durch alle Krisen hindurch bewahren können. Dann werden die erweiternden Möglichkeiten der Migration die traumatisierenden übersteigen.

    Schlüsse

    1. Kinder sind für viele Jahre auf Fürsorge und Schutz der Eltern und des weiteren familiären Umfelds angewiesen. Erst allmählich bilden sich Verstand und Erkenntnis aus, die unabhängiger vom direkten Erleben sind und sprachlich verfügbar werden (Sigmund Freuds Begriff dafür ist „Probehandeln“). Kein Kind kann entscheiden, ob es die vertraute Lebenswelt und die vertrauten Menschen verlassen möchte. Kein Kind kann ermessen, was es heißt, die Heimat zu verlassen – selbst Erwachsene ahnen nicht, wie tiefgreifend die Veränderung ist! Umso wichtiger ist es, dass mit Kindern von Anfang an, also bereits mit Babys, über wichtige Tatsachen und Veränderungen gesprochen wird. Es kommt nicht darauf an, dass sie mit dem Verstand begreifen, sondern auf das sich so vermittelnde Gefühl, in guter Obhut zu sein. Das mildert die unvermeidlichen Härten eines Lebensschicksals wie der Migration – der ganzen Familie, eines Elternteils oder beider Eltern – mit ihren zahlreichen Trennungen, Verunsicherungen, Gefühlen der Verlassenheit. Im günstigen Fall entwickelt sich das Kind weiter ohne große Auffälligkeiten, lernt die beständige von außen und innen angestoßene Auseinandersetzung für sich schöpferisch zu wenden – auffällig sind die vielen AutorInnen, FilmemacherInnen, KünstlerInnen, MusikerInnen und WissenschaftlerInnen nicht-deutscher Herkunft –; im ungünstigen Fall wird es traumatisiert mit schweren Folgen für die psychische und körperliche Entwicklung.
    2. Die Triebentwicklung des Kindes wird von den mit der Migration aufgegebenen besonderen Rätseln ebenfalls berührt. Die Unruhe aus dem Inneren, die immer mit dem sexuellen Begehren einhergeht, verstärkt die Spannung in der Begegnung mit der äußeren Lebenswelt; beides kann vom Kind und Jugendlichen nicht immer auseinandergehalten werden. Unterschiedliche Verhaltensweisen resultieren daraus, die einen blockieren das Begehren, andere begeben sich auf eine rastlose Suche nach Befriedigung, ohne sich wirklich auf eine Gefühlsbeziehung einlassen zu können.
    3. Im Verlauf der Kindheit erwirbt das Kind allmählich die Fähigkeit zu erkennen und zu ertragen, dass die ihm Liebsten zugleich böse Seiten haben, und es selbst nicht immer Mutter und Vater liebt, sie manchmal sogar hasst. Ambivalenz der Liebesobjekte wie der eigenen Empfindungen ihnen gegenüber tolerieren zu können, ist Zeichen eines Entwicklungsfortschritts gegenüber der zunächst existierenden inneren Spaltung in Gut und Böse. Die Abwesenheit eines zentralen Liebesobjekts oder beider beispielsweise durch Migration beeinflusst unausweichlich diesen Prozess; ebenso ein Leben im neuen Land mit verunsicherten Eltern und dem Einbruch unermesslich vieler, neuer Eindrücke auf einmal. Es kommt zu einer besonders prägnanten Spannung von hier – dem Vertrauten, seiner Gerüche, Geräusche, Sprache, Farben, des Lichts, dem Ort der Sicherheit (der Eltern), und dort – dem Unbekannten, das aufregend ist, angsterregend und Neugier weckend. Dies prägt alle aktuellen und künftigen Beziehungen zu anderen Menschen, zu sich selbst und der eigenen Aktivität. Das Ergebnis ist eine Spaltung, die im guten Fall aufgehoben und in einen Konflikt überführt werden kann, um dann nach einer erträglichen Lösung zu suchen. Im schlimmen Fall kann die Spaltung nicht durchlässig werden, sondern verfestigt sich und wird verleugnet, mit für das Individuum und seine Beziehungen schädigenden Folgen
    4. Das Zusammenleben in der neuen Heimat konfrontiert Kinder und Jugendliche mit Eltern, die sie auch schwach erleben, weil sie sich in vielem nicht auskennen. Einerseits führt dies zu einer Aufwertung der eigenen Position und der Abwertung der Eltern. Andererseits erzeugt es Angst vor Fehlern mit gravierenden Konsequenzen, die nicht überschaut werden können. Entwicklung und inneres Wachstum von Kindern und Jugendlichen braucht die Vorstellung starker Eltern und eine allmähliche Entdeckung ihrer Schwächen. Werden Letztere zu offenkundig, so sind sowohl Kinder wie Eltern im Umgang miteinander gezeichnet: Eltern schämen sich vor den Kindern ihrer Schwäche, sie suchen sie vielleicht durch besondere Strenge zu überspielen; Kinder begehren dagegen auf, wünschen aber unbewusst, die Eltern nicht zusätzlich zu schwächen. So kann es sein, dass Jugendliche ihre Erfolgsmöglichkeiten ausblenden und ihre intellektuellen Fähigkeiten unbewusst deshalb vernachlässigen, weil sie es nicht ertragen, weiter zu kommen als die Eltern, die durch Migration oder Exil eine Degradierung erlitten haben oder aber mit besonderer Anstrengung sich einen bescheidenen Platz in der neuen Gesellschaft erkämpft haben. Ein großes unbewusstes Schuldgefühl entsteht und behindert auch die freie Entfaltung in privaten Beziehungen und am Arbeitsplatz; es trägt nicht selten dazu bei, dass Kinder und Jugendliche dann in ausbeuterische Konstellationen geraten, in denen sie sich seelisch und körperlich verausgaben, ohne die Früchte ihrer Anstrengungen genießen zu können.
    5. Problematische Schlussfolgerungen werden häufig gezogen und selten als problematisch durchschaut: Die unvermeidlichen Kämpfe der Heranwachsenden mit den Eltern werden von den zugewanderten Kindern oder Kindern der Zuwanderer oft vor dem Hintergrund der vermeintlichen Rückständigkeit der Eltern gesehen. Dabei sind sie Teil dessen, was allgemein Heranwachsende in sich verändernden Gesellschaften („heiße Kulturen“ nach Lévi-Strauss) mit der Elterngeneration ausfechten. Das Gefühl der die Pubertät begleitenden Größenphantasien verknüpft sich mit der verfrühten Vermittlerrolle, die die Kinder in der neuen Umgebung einnehmen mussten, zu einem abschätzigen Bild der elterlichen Potenz. Wird dieses Bild in der Psychoanalyse problematisiert, so stößt das häufig zunächst auf Widerstand, ist aber in der Wirkung befreiend: Ein ganz durchschnittlicher Eltern-Heranwachsender-Konflikt erscheint, statt der einer Abwertung der (elterlichen) Herkunft. Mitunter ergibt sich daraus auch ein neuer Blick auf die Fähigkeit der Eltern, sich und die Familie hier durchgebracht zu haben.

    Fazit

    Zur Freisetzung der libidinösen und kreativen Kräfte der Kinder und Jugendlichen, der späteren Erwachsenen, kann Psychoanalyse einen hilfreichen Beitrag leisten: Im „analytischen Raum“ kann die, wie ich ausgeführt habe, vielfach verstärkte Spannung und Polarisierung in den eigenen Lebensentwürfen in einer ruhigen Atmosphäre ohne Handlungsdruck erlebt und betrachtet werden. Darüber eröffnet sich die Chance, die eigenen Wünsche und Ängste sowie die überkommenen Lösungen der Konflikte neu zu überdenken, Abschiede und Verluste zu betrauern und innerlich frei für die Suche nach Lösungen zu werden, die dem aktuellen Leben angemessener sind. Der englische Psychoanalytiker D. W. Winnicott sprach vom „Möglichkeitsraum“ (potential space), der für die Entfaltung der menschlichen Kreativität von zentraler Bedeutung sei. Freilich kann auch die Gesellschaft ihren Beitrag leisten, indem sie kulturelle Räume für Kinder und Jugendliche bereitstellt, in denen sie sich erproben und die spannungsvollen Polarisierungen nicht forciert werden.

    Gelingt die innere Öffnung und Milderung der Spannung von alter und neuer Heimat, wird daraus ein Ankommen, das auch die Verbindung zum Alten halten kann, so bietet Zuwanderung eine unerhörte Chance, äußere Bedrängnis hinter sich zu lassen, aber eben auch der Neugier und den Träumen zu folgen. Diversifizierte Lebenswelten eröffnen einen weiten Spielraum für alle, auch für die eingesessenen Mitglieder der Gesellschaft. Schon ein schlichter Blick auf die Literaturpreise oder die künstlerischen und wissenschaftlichen Auszeichnungen offenbart, wie sehr inzwischen Menschen mit nicht-deutscher Herkunft die Kultur der Bundesrepublik bereichern; ich verdanke meiner psychoanalytischen Arbeit mit Einwanderern überaus anregende Begegnungen und Auseinandersetzungen.
    Sigrid Scheifele ist promovierte Philologin und Diplom-Soziologin und arbeitet als Psychotherapeutin mit vielen Patienten auch aus der arabisch-islamischen Welt in Frankfurt.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2014

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