Foto: Kai Wiedenhöfer

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    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Medienwandel in der Literatur
    Warum ich für das E-Book und nicht gegen Amazon bin

    Der deutschsprachige Buchhandel gilt als einer der besten der Welt. Aber die technische Entwicklung zum E-Book und die aggressive Geschäftspolitik des Online-Händlers Amazon werden von Buchhandlungen und Verlagen als Bedrohung wahrgenommen. Ist diese Entwicklung aber auch eine Bedrohung für die Autoren? Nein, sagt Stefan Weidner. Sie ist eine Chance.

    Die technische Entwicklung, die jetzt den Buchhandel heimsucht, haben die Musikbranche und die Fotoindustrie schon hinter sich. Erinnern wir uns kurz, was damals geschah. Eine Leica zum Beispiel galt früher einmal als die perfekte Kleinbildkamera, mit ihr wurde Fotografiegeschichte geschrieben. Außer dass sie sehr teuer war, ließ sich gegen eine Leica nichts sagen, sie war perfekt. Dann kam die Digitalfotografie. Verglichen mit den Bildern aus einer Leica waren alle Digitalfotos lange ein schlechter Witz; Leica setzte weiter auf analog. Vor ungefähr zehn Jahren trat der Moment ein, da die Vorteile der Digitaltechnologie auch Profis zu überzeugen begannen. Heutzutage sind gute digitale Kameras besser als die besten analogen. Leica ist der Pleite knapp entronnen und stellt nun auch digitale Kameras her. Aber die Profis haben in der Zwischenzeit fast alle auf japanische Kameras umgesattelt.

    Ist der deutsche Buchmarkt eine Leica?

    Perfektion, können wir daraus lernen, führt zu Überheblichkeit und Dünkel. Zugleich ist die Leica-Story eine traurige Geschichte; und ebenso traurig wäre es, wenn sie sich in Gestalt unseres Buchmarktes jetzt wiederholen sollte. Alle Zeichen weisen in diese Richtung: Die Perfektion einerseits, der Dünkel andererseits, die Unterschätzung einer neuen Technik, das konservative Bild von der eigenen Kundschaft (die überaltert ist) und schließlich die Überheblichkeit, mit der gesagt wird: Ein guter Fotograf wird doch wohl nur mit einer Leica arbeiten wollen. Wie Henri Cartier-Bresson. Und heute: Ein guter Autor wird doch wohl nur ein echtes Buch publizieren wollen. Wie Thomas Mann.

    Wenn es in der Protestbewegung gegen Amazon in Deutschland, Frankreich, den USA nur darum ginge, unfaire Geschäftspraktiken oder Wettbewerbsverzerrungen anzuprangern, ich würde mich ihr bedingungslos anschließen. Aber auch schon vor Amazon haben die großen Buchhandelsketten den Verlagen schon oft die Rabatte diktiert, haben manche Bücher gut (und zwar meistens minderwertige Beststeller), andere schlecht oder gar nicht platziert, und nur wenige haben gegen diese ebenfalls unfairen Geschäftspraktiken protestiert.

    Der Grund dafür, dass diesmal viel mehr Verlage und Autoren gegen Amazon protestieren, trägt den Namen E-Book. Wenn die Buchhandelsriesen ihr Monopol ausnutzen, verdienen die Verlage zwar weniger, aber das System Buchmarkt bleibt bestehen. Wenn Amazon seine Preisvorstellungen durchsetzt, kann es passieren, dass der Buchmarkt zusammenbricht.

    Wie Amazon den Buchhandel untergräbt

    Amazon möchte, dass die E-Books deutlich billiger werden als dieselben gedruckten Bücher. Zurzeit sind sie nur wenig billiger – so wenig, dass es sich eigentlich nicht lohnt, dafür auf das gedruckte Exemplar zu verzichten. Lieber ein paar Euro mehr zahlen und dafür etwas Richtiges in der Hand haben, sagen sich die meisten Leser. Folglich bleibt der Markt für elektronische Bücher klein. Wenn ich aber, wie es Amazon will, nur zehn Euro oder noch weniger für das E-Book zahlen müsste statt durchschnittlich zwanzig für eine gedruckte Version (oder sechzehn für das E-Book heutzutage), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich auf das E-Book umsteige – selbst wenn mir diese Art des Lesens bisher unsympathisch war.

    Wenn zunehmend mehr E-Books anstelle von gedruckten Büchern gekauft werden, wird der normale Buchhandel immer schneller schrumpfen: Die Buchläden verdienen weniger und weniger und verschwinden allmählich (wie es jetzt schon, wenngleich sehr langsam, der Fall ist). Die Verlage verlieren in der Folge ihr wichtigstes Vertriebsnetz und müssen stärker auf Online-Plattformen wie Amazon setzen. Das E-Book gilt nicht mehr nur als zu vernachlässigendes Spezialgebiet für Digital Natives, man begreift vielmehr seine Vorteile, und das gedruckte Buch wird zur Ausnahme, ein Fall für Liebhaber und spezielle Anliegen: Analoge Fotografie.

    Spätestens an diesem Punkt wird es auch für Autoren attraktiv, vorwiegend auf E-Books zu setzen: Publiziert man ohne Umweg ein elektronisches Buch, nimmt man etliche Glieder aus der Verwertungskette heraus, die derzeit an der geistigen Urheberschaft mitverdienen. Bekommt man als Buchautor zehn Prozent vom Ladenpreis, darf man als E-Book-Autor mit 30%, 50%, und wenn man exklusiv bei Amazon publiziert, derzeit sogar mit 70% rechnen.

    Das ist wirklich ein Horrorszenario für den normalen Buchhandel und wahrscheinlich für die Verlage. Aber auch für Leser und Autoren? Wäre es so, bestünde keine Gefahr, niemand würde sich darauf einlassen. Aber es ist eben kein Horrorszenario – kein schlimmeres jedenfalls als jeder Strukturwandel.

    Vorurteile gegen das elektronische Lesen

    Um das zu verdeutlichen, muss man mit ein paar Vorurteilen aufräumen, die der elektronischen Lektüre derzeit noch anhaften. Viele Menschen wissen zum Beispiel noch gar nicht, dass sie ein Lesegerät für E-Books längst besitzen: Das Tablet oder Smartphone, das mittels kostenloser Apps (zum Beispiel die Kindle-App von Amazon) mindestens so gut, ja oft sogar besser ist als die teuren E-Book-Reader mit ihren schwarz-weißen Bildschirmen, die das Papier imitieren wollen. Da es Apps für alle gängigen E-Book-Formate gibt, stellt sich die Frage nicht, ob ich ein E-Book bei Amazon, im iBook-Store, oder beim Online-Store eines beliebigen Buchhändlers kaufe.

    Aber will man Bücher wirklich auf dem Telefon lesen? Wer jetzt sagt, nein, der sollte bedenken, dass wir in Wahrheit inzwischen regelmäßig auf dem Telefon lesen: E-Mails, SMS, Nachrichten und Informationen aller Art. Und es geht ganz gut. Der Bildschirm des iPhones zum Beispiel zählt zu den kleineren. Ich habe dutzende Bücher darauf gelesen, auch zuhause, mit der gedruckten Version im Regal. Viele Gründe sprechen dafür. Es gibt zum Beispiel beim Kindle Reader eine atemberaubende Wörterbuchfunktion. Leichter und lieber habe ich fremdsprachige Bücher nie gelesen. Das beste arabische Wörterbuch, der Hans Wehr, erschließt sich mir auf meinem Telefon über eine simple PDF-Datei, von einem findigen Programmierer zur blitzschnellen Wörtersuche auf Arabisch oder in Lateinschrift aufbereitet. Wie leicht mein Reisegepäck seither ist!

    Und schließlich steht mir die ganze Weltliteratur, sofern die Autoren seit über siebzig Jahren verstorben sind, in etlichen E-Book-Formaten umsonst zur Verfügung. Aus all dem folgt: Es gibt aus Sicht des Lesers keinen zwingenden Einwand gegen das E-Book. Es ist die bessere Technik und sie wird sich durchsetzen wie die digitale Musik und Fotografie sich durchgesetzt haben, ohne freilich die frühere Technik völlig zu verdrängen.

    Wollen Verlage und Buchhändler verhindern, dass Amazon und ein paar andere amerikanische Vertriebsplattformen wie Google und Apple in der zukünftigen E-Book-Welt ein Monopol haben, müssen sie sich selber an die Spitze dieser Entwicklung setzen, und nichts weniger. Es reicht nicht, zusätzlich ‚auch‘ E-Books anzubieten, und vielleicht sogar ‚ein bisschen‘ günstiger. Es reicht nicht ‚auch‘ E-Book-Reihen aufzulegen, wie in Deutschland der Suhrkamp Verlag mit der edition suhrkamp digital oder der Hanser Verlag mit seiner Hanser Box. Es reicht nicht, zaghaft eigene Webseiten und E-Book-Plattformen aufzulegen, wenn man dort nur dasselbe E-Book für denselben Preis wie bei Amazon findet, die einen viel größeren Kundenstamm haben. Auch Leica hat irgendwann Digitalkameras für den Hobbyfotografen gebaut. Ich besaß mal eine. Sehr teuer, verdammt gut irgendwie, aber für denselben Preis hätte ich ein Profigerät bekommen. Inzwischen habe ich die Kamera verschenkt.

    Unsentimentaler Blick ist gefragt

    Um einen entstehenden Markt zu erobern und einen Strukturwandel, der so gründlich ist wie die Digitalisierung, zu überleben, braucht man Aggressivität und einen unsentimentalen Blick nach vorn. Amazon hat das, der klassische Buchmarkt hat das nicht, und das drückt sich in den hilflosen Protesten gegen Amazon aus. Ich verstehe die Gründe für den Protest und die Angst von Autoren, Verlagen und Buchhändlern vor dem Strukturwandel, aber das ändert nichts an der Verknöcherung und Reformunwilligkeit des Buchmarktes.

    Das gilt seltsamerweise auch für viele Autoren. Noch gibt es (jedenfalls in Europa und den USA, von der arabischen Welt reden wir nicht …) genug unter ihnen, die trotz der geringen Anteile am Verkaufsgewinn vom System profitieren – oft, indem sie es mit Hilfe von Agenten umgehen, beziehungsweise untergraben (und damit an seiner Schwächung teilhaben) und große, nicht rückzahlbare Vorschüsse aushandeln. Die Autoren aber, die nicht oder nur wenig profitieren, dürfen zumindest hoffen, irgendwann vielleicht doch noch in den Genuss zu kommen. Selbst solche, die gar nicht auf Gewinn aus sind, weil sie einer anderen Arbeit nachgehen, Professoren, Fachleute, Journalisten wie ich, profitieren vom Prestige, den das Buch bringt, abgesehen von allem, was sonst daran hängt, Preise, Stipendien, Lesungen, Professuren, jegliche Art von Renommee. Es gibt auf dem existierenden kapitalistischen Buchmarkt in Europa und den USA zu viele Akteure, die aus guten und ehrenwerten persönlichen Gründen kein Interesse am Wandel haben. Aber dann sollten sie dem Wandel nicht vorwerfen, er habe kein Interesse an ihnen.

    Die Trauer über den Buchmarkt, wie wir ihn kennen, wird groß sein und sehr berechtigt. Im Schmerz zu verharren schiene mir indessen absurd. Es gibt nämlich, so pietätlos das klingt, Gründe, den Wandel auch zu begrüßen. Das sind zum einen die technischen Vorteile des E-Books wie die Wörterbuchfunktionen, die Suchfunktionen, die leichte Transportierbarkeit, die schnelle Verfügbarkeit, die Verlinkung mit dem Internet. Da ist zum anderen der große Vorteil, dass viele E-Books umsonst (das gilt für alle Bücher oder Übersetzungen, deren Autoren vor 70 Jahren gestorben sind) oder sehr kostengünstig sind, und es nun auch für Menschen mit wenig Geld möglich ist, jederzeit Zugang zu Literatur zu haben. Und schließlich bringt die Entwicklung zum E-Book auch Vorteile für die Autoren.

    Ein Buch zu machen ist keine Freude mehr

    Denn das System des Buchhandels, so perfekt es in Europa und den USA war, hat auch ohne E-Book und Amazon seinen Zenit schon seit einiger Zeit überschritten. Statt die kreativen Energien zu verstärken, zu beschleunigen, zu fördern, wie es in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren der Fall war (in der großen Zeit von Verlagen wie Suhrkamp in Deutschland oder Les éditions de Minuit in Frankreich), bremst es sie aus, beschneidet es sie, zäunt es sie ein. Es macht vielen Autoren heute keine Freunde mehr, in diesem System ein Buch zu machen. Allzu oft kommen von den Verlagen Einwände, gibt es Wenn und Aber, können sich die Verlage nicht entscheiden oder entscheiden viel zu langsam. Eigenwillige Texte werden von ängstlichen Lektoren so lange korrigiert, bis sie klingen wie alle anderen Texte auch, und Autoren, die sich weniger als fünftausendmal verkaufen, werden von großen Verlagen aussortiert und müssen sich einen kleineren Verlag nehmen, wo sie noch weniger verkaufen – und nur die wenigsten Autoren können wirklich noch vom Schreiben leben, sogar im reichen Mitteleuropa.

    Das Verhältnis von Autor, Leser und Verlag braucht eine neue Dynamik, eine neue Freude an der Kreativität, einen Aufbruch zu neuen Ufern, mit neuen Ideen und neuen Techniken. Im alten System des Buchhandels wie wir ihn kennen, wird dieser Aufbruch aber nicht stattfinden, obwohl alle sich danach sehnen. Stattdessen macht Amazon weiterhin seine Geschäfte. Der alte Buchhandel auch noch irgendwie. Sie kämpfen gegeneinander. Die Leser und Autoren tun gut daran, sich in diesen Streit nicht einzumischen, sondern ihre Neugier und ihre Lust auf Texte zu bewahren und sich auf die neuen Entwicklungen zu freuen. Ich gestehe, ich bin froh, in einer Zeit des medialen Wandels zu leben.
    Stefan Weidner ist Chefredakteur von Art & Thought / Fikrun wa Fann. Zuletzt erschien von ihm bei Amazon als Buch und E-Book die Streitschrift gegen die anti-islamische Pegida-Bewegung in Deutschland unter dem Titel Anti-Pegida.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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