Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Wie uns die Revolution vom Schreiben abhielt
    Eine Art Zeugnis

    Wie verhält sich ein Schriftsteller mit politischem Bewusstsein angesichts der turbulenten politischen Gezeiten in Ägypten? Wie hält er sich über Wasser, ohne mit dem Strom zu schwimmen? Ohne nur noch politisch zu werden, oder ohne der Politik für immer Adieu zu sagen? Saad al-Kirsh versucht, mit der Machete des Worts einen Weg durch den politisch-literarischen Dschungel zu schlagen.

    Im Januar 1991 fragte ich Jussuf Idris, warum er sich vom literarischen Schreiben abgewendet und stattdessen in Streitereien und Auseinandersetzungen in seinen wöchentlichen Artikeln für die Zeitung al-Ahram gestürzt habe. Würde man diese in Büchern zusammenfassen, kämen mehr Seiten zusammen als seine Kurzgeschichtensammlungen haben, von Die billigsten Nächte bis zu Ein fleischliches Haus. Ich hatte damals vermutet, dass er vor der Konfrontation mit seiner Vergangenheit geflohen war – einer Vergangenheit, die in seiner Revolte gegen die dominierende Form der Kurzgeschichte bestanden hatte. Er hatte damit ein Zeitalter literarischer Kraftlosigkeit beendet und eine neue Erzählweise begründet, die nur sich selbst glich. Ohne Bedauern hatte er zu mir gesagt: „Wenn man an einer Demonstration teilnimmt, auf der die Demonstranten laut rufen und verfolgt werden, wie kann man sich dann in eine Ecke zurückziehen, um eine Kurzgeschichte zu schreiben?“ Er gab die Antwort selbst: „Auch wenn du einen absolut freien Kopf hast, werden die Rufe der Menschen dich zwangsläufig verlocken und vom Schreiben abhalten.“ An jenem Tag sagte er mir auch: „Ich bin kein hauptberuflicher Schriftsteller. Ich möchte die Welt verändern.“

    Die literarische Revolution von Jussuf Idris war erfolgreich, aber seine Zwischenrufe außerhalb der Literatur haben immer noch kein Echo gefunden. Diese Zwischenrufe waren wie Titel oder Motti für Bücher, etwa: Wir müssen uns bilden, Leute und Die Armut des Denkens und das Denken der Armut.

    Nach Jussuf Idris gab es keinen Star mehr in der literarischen Szene, abgesehen von ein paar kurzlebigen Sternchen, die von kapitalistischen Verlegern hervorgebracht wurden, um das Bedürfnis des Marktes zu befriedigen. Diese Autoren erfüllten eine Saison lang oder zwei ihre Aufgabe, dann suchten die Verleger sich neue, um die Langeweile der Leser zu durchbrechen. Ebenso gab es in der literarischen Szene keinen großen Kritiker, den man hätte respektieren können, oder einen ,Literaturpapst‘, der den Mut besessen hätte, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu fordern, die dazu geführt hatte, dass sich manch einer versehentlich der Schriftstellerei zugewandt hatte; und der so ehrlich gewesen wäre, die Pseudobegabten aufzufordern, sich eine andere Arbeit zu suchen, und die Blöße des trivialen oder orientalistischen Schreibens aufzudecken. Ich rufe nicht dazu auf, jemandem das Recht auf Veröffentlichung abzusprechen, sondern zu einer kritischen Aufklärung, dazu, leichte Literatur als leichte Literatur zu bezeichnen, so dass unerfahrene Leser nicht durcheinanderkommen und lernen, eine Fata Morgana von der Realität zu unterscheiden.

    Vom Hirten zum Autor

    Es lohnt sich, an dieser Stelle auf meinen langen Weg als Autor zurückzublicken, der gut und gerne für mehrere Leben ausreichen würde. Ich betrachte das Kind, das ich gewesen war und das fest den Stock umklammert, mit dem es den Esel führt. Seine Hand ist vor Kälte ganz steif. Der Junge haucht hinein, um sie zu wärmen, damit er die Sichel führen und den Klee für das Vieh schneiden kann. Wegen der Feldarbeit ordnet er sich in der Schule zu spät in der Reihe der Schüler ein. Ich denke daran, wie er wie durch Zufall lernte, ohne dass jemand sich um ihn kümmerte, abgesehen von der Mutter, die nicht lesen konnte, die ihn drängte, weiter zur Schule zu gehen. Ich erinnere mich an jenes Kind, das nun, mit Beginn der Sekundarschule, etwa im Jahr 1982, zum Jungen geworden war; als der Besuch der Buchmesse von Kairo ein Traum war, der mit einem ägyptischen Pfund hätte verwirklicht werden können – und doch unerreichbar blieb ... das Pfund und der Traum. Ich betrachte dieses Kind, blicke zurück und seufze tief, als hätte ich hundert Jahre gelebt. Und ich hätte nicht geglaubt, dass jenes Kind ein dramatisches Leben gelebt hat, und dass es in der ganzen Welt Freunde jeglicher Couleur haben würde.

    Ich schlich mich sozusagen in die Welt des Schreibens hinein. Nur der Zufall wollte es, dass ich die Schule beendete. Es hatte nicht viel gefehlt, und ich hätte sie geschmissen, wäre da nicht meine Mutter gewesen, die mir die Lust am Erzählen vererbt hat. Dann wollte es der nächste Zufall, dass ich die Geschichten aufschrieb und dass jene, die sie in der Rohfassung lasen, meinten, es seien Kurzgeschichten. Seit ich Student an der Universität von Kairo gewesen war, waren viele von der Idee begeistert, dass ich sie veröffentliche. Ich habe nichts geplant, so zumindest erinnere ich mich, und ich habe nicht davon geträumt, die Welt zu verändern. Ich behaupte auch nicht, ein Projekt zu haben, das ich verwirklichen möchte. Genauso wenig bin ich damit beschäftigt, zu einer Definition des Schreibens zu gelangen. Es genügt, dass es ein Zauber ist, der mich gefangen nimmt und der alles andere überflüssig macht. Das Schreiben gibt mir das Gefühl, über dem Leben zu stehen, reicher zu sein als jeder andere, größer als jeder Posten, und die Realität bestätigt dies.

    Künstlichkeit stößt mich ab. Ich mag keine Schwammigkeit und keine Schminke, weder in Bezug auf das Schreiben noch auf Gesichtern oder Körpern. Ich gebe auch nicht vor, kreativ oder revolutionär zu sein. Ich habe etwas geschrieben, und dann sagt man, es sei Literatur oder auch die Biographie einer Stadt oder eines Ortes. Ich habe an einem großen Ereignis teilgenommen, das ich als Revolution betrachte – womit ich anderen nicht das Recht absprechen möchte, dieses Ereignis anders zu bezeichnen. Der ,Freitag des Zorns‘ war die absolut härteste und schönste Zeit für mich.

    Ich habe nie diesen ständig wiederkehrenden Satz geschrieben oder in einem Fernsehprogramm gesagt: „Als wir auf dem Tahrir-Platz waren ...“ Und ich habe meine Kinder während der achtzehn Tage nicht auf den Platz mitgenommen. Erst nach dem Rücktritt von Mubarak kamen sie mit mir, um zu feiern. Das war der 12. Februar 2011. Und während all der darauffolgenden Demonstrationen, Proteste und Auseinandersetzungen habe ich niemals geschrieben, ich sei auf dem Weg da und dahin. Und wenn ich zurückkam, habe ich nie gesagt, ich habe daran und daran teilgenommen. Ich war jedes Mal optimistisch, wenn ich mich in einer Menge befand, in der mich niemand kannte und ich niemanden kannte. In solchen Momenten war ich mir sicher, dass die Revolution weiter ging und dass sie siegen würde. Denn diese Studenten der Revolution, der Gerechtigkeit und der Freiheit waren glaubwürdig und hungerten nicht nach Brot oder Kameras. Der Hunger nach Kameras verdirbt viele Dinge.

    Heute, vier Jahre später, stelle ich fest, dass ich trotzdem viel geschrieben habe. Ich hatte am 8. Januar 2011 gerade meinen Roman Washm Wahid („Ein einziges Tattoo“) beendet, dann stürmten die Ereignisse mit all ihren Veränderungen und Überraschungen auf uns ein. Ich hätte niemals – sogar nach dem Rücktritt von Mubarak – gedacht, dass ich etwas über die Revolution schreiben würde. Ich hatte mich wie jeder andere Bürger an der Revolution beteiligt und nicht behauptet, eine Prognose über den Fortgang abgeben zu können. Trotz meines Buchs Die Revolution jetzt habe ich mir nicht eingebildet, ich sei angestellt bei der Revolution oder der Schriftstellerei. Ich schrieb als ich selbst und zeichnete meinen Wankelmut, meine Hoffnungen und meine Enttäuschungen auf. Ich wollte mich nicht mit denen messen, die damit prahlten, das erste dokumentarische Buch über die Revolution geschrieben zu haben, oder den ersten Roman über die großartigen achtzehn Tage, die das Gesicht Ägyptens veränderten.

    Tage der Unschuld

    Es war mir ein wichtiges Anliegen, den Geist dieser Tage wieder heraufzubeschwören, die Tage der Unschuld. Die Revolution jetzt ist die Fortentwicklung eines Buches, das nicht fertiggestellt wurde und das ich im August 2010 begonnen hatte.

    Ich entschuldige mich bei allen Ägyptern, dass ich, wie viele, vor der Revolution gefürchtet hatte, dass mit ihr ein stürmisches Chaos einhergehe oder dass sie das Chaos sei, bei dem nichts bleibt, wie es war. Dann kam die Revolution und deckte in den ersten Tagen der Unschuld einen zivilisatorischen Kern auf, der von einem Sumpf überlagert gewesen war, in dem Mubarak und Konsorten Algen und giftige Fäulnis gepflanzt hatten. Deshalb hatten viele versucht, sich durch eine individuelle Erlösung daraus zu retten. Die Herausforderung bestand nun darin, dass das Schreiben sich auf der Höhe der Revolution bewegte, ihrer Kreativität und ihrer Spontaneität nahkam, dass ich ,in der Revolution‘ schrieb und nicht ,über die Revolution‘, dass ich von Nahem beobachtete, was der Rest der Welt ,von oben‘ aus verfolgte, also Details, deren Wellen und Schwingungen die Kameras nicht aufnehmen konnten; dass ich über den Geist schrieb, der die Menschen inspirierte, über das, was sie miteinander teilten: die Angst, die Nacht, die Zigarette, das Brot, das Glas Tee, das Lachen, die Hoffnung.

    Ich warte auf den Tag, an dem ich aufhören werde über öffentliche Angelegenheiten zu schreiben und zu meinem Roman zurückkehren kann, den ich im Januar 2014 begonnen habe. Ich befasse mich nicht mit Politik, aber ich bin gezwungen, mich mit den Veränderungen zu beschäftigen, die einem den Verstand rauben, und angesichts derer einem die wenigen Menschen, die noch eine feste Überzeugung besitzen, fast wie Götter erscheinen. Ich verfüge auch nicht über den Luxus oder den ,freien Kopf‘, mich an einen ruhigen Ort inmitten des Sturms zurückzuziehen.

    Was ich jetzt in Ägypten sehe, und vielleicht in der ganzen arabischen Welt, erinnert mich an den Ausspruch von François Truffaut: „Jeder Mensch hat zwei Berufe. Seinen eigentlichen Beruf und die Filmkritik.“ Und obwohl ich die Entwicklungen und Auseinandersetzungen der arabischen Revolutionen verfolgt habe, bin ich nicht in der Lage, ein Urteil abzugeben.
    Saad al-Kirsh ist Herausgeber der ägyptischen Literaturzeitschrift al-Hilal, einer der angesehendsten und ältesten der arabischen Welt. Zu seinen zahlreichen Büchern zählt u. a. die Revolutionschronik al-Thaura al-An [Die Revolution jetzt].

    Übersetzung: Larissa Bender

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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