Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Das Gedicht ist auf der Straße
    Über die Bewegung #şiirsokakta in der Türkei

    In Folge der Gezi-Proteste und in Wechselwirkung mit den sozialen Medien ist in der Türkei eine Bewegung entstanden, die den öffentlichen Raum mit Lyrik beschriftet und zum Bestandteil des literarischen Lebens in der Türkei wurde.

    Als am 01. Juni 2013 die Proteste um ein Bauvorhaben im Istanbuler Gezi-Park in landesweite Demonstrationen gegen die türkische Regierung umschlugen, fand sich ein großer, gesprühter Schriftzug auf der hölzernen Eingangstür des französischen Generalkonsulats in der zentralen İstiklal Caddesi (Unabhängigkeitsstraße), in unmittelbarer Nähe zum Taksim Platz: „La poésie est dans la rue!“ („Die Poesie ist auf der Straße“). Dieser Spruch als Reminiszenz an die 1968 von Studentenunruhen ausgelöste Pariser Revolte, der er entspringt, wurde von Istanbuler Protestierenden in den folgenden Tagen aufgegriffen, ins Türkische übertragen („şiir sokaktadır“, „şiir sokaklardadır“, „şiir sokakta!“) und auf weitere Stellen im öffentlichen Raum gesprüht. Wie bei der Pariser Revolte stand er zunächst in übertragenem Sinn für den Ausdruck der poetischen Kraft des Straßenprotests und auch für dessen lyrische Schönheit.

    Auf den Konzeptkünstler Rafet Arslan, Pseudonym Bay Perşembe (Herr Donnerstag), geht eine kleine, aber erhebliche Änderung in der Interpretation dieses Spruchs zurück. Rafet Arslan schrieb während der Protestzeit mit einem Filzmarker den Slogan „Defteri kapat, şiir sokakta!“ an eine Istanbuler Hauswand und stellte einen Vers des Gedichts Mor Külhani („Lila Rowdy“) von Ece Ayhan darunter. Nun lässt sich das Wort ,şiir‘ als Gattungsbegriff im Sinne von ,Lyrik‘ oder ,Poesie‘ verstehen, als Einzelbegriff aufgefasst hat es die Bedeutung ,Gedicht‘.

    Arslans Slogan „Defteri kapat, şiir sokakta!“ in Zusammenhang mit der Verwendung eines Gedichtausschnitts meint konkret: „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ und wurde in den folgenden Wochen und Monaten als Aufruf verstanden und propagiert, die Straßen mit Gedichten (oder einzelnen Strophen beziehungsweise Versen) zu beschriften.

    Lyrik und Protest

    Die Präsenz von Lyrik während der türkischen Proteste im Sommer 2013 war von Beginn an auffällig. Gedichtlesungen waren Teil von Protestveranstaltungen, Gedichtzitate fanden sich immer wieder in den Reden auf Kundgebungen. Nâzım Hikmets berühmte Verse „Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür / ve bir orman gibi kardeşçesine / bu hasret bizim...“ („Leben wie ein Baum einzeln und frei / und brüderlich wie ein Wald, / das ist unsere Sehnsucht ...“) war auf gedruckten und selbstbeschrifteten Plakaten und Bannern der Protestierenden im Gezi-Park zu sehen, dessen Bäume von der Abholzung bedroht waren; Hikmets Verse verbreiteten sich über die sozialen Medien, wurden u. a. großflächig auf die Ufermeile von Alsancak in İzmir gesprüht, und wiederum für Plakate und Banner im Ankaraner Widerstandspark, dem Kuğulu Park, verwendet.

    Als Anfang Juni die ersten Demonstranten starben, waren es verschiedene Verse aus Hasan Hüseyins Korkmazgils bekanntem Gedicht Haziranda ölmek zor („Es ist schwer im Juni zu sterben“), ursprünglich auf Orhan Kemal und Nâzım Hikmet verfasst, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden per Hand zwei Vierzeiler von Ataol Behramoğlu auf ein großes Transparent geschrieben und im Gezi-Park an einer Stange über der temporären Mahnstelle für die Toten der Proteste aufgehängt.

    Einen großen Bekanntheitsgrad sollte ein Foto erlangen, das eine junge Demonstrantin mit einem selbstgemachten Plakat zeigt, auf dem zu lesen war: „Turgut Uyar’ın dizeleriyiz!“ („Wir sind die Verse Turgut Uyars“). Der Spruch ist eine ironisierte Abwandlung des bekannten Slogans der Kemalisten, der Anhänger des Gründers der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk: „Mustafa Kemal’in askerleriyiz!“ („Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“), in Anspielung auf den türkischen Unabhängigkeitskrieg.

    Ausdruck von Individualität

    Der auf dem Plakat der jungen Frau erwähnte Dichter Turgut Uyar gehörte wie der von Rafet Arslan zitierte Dichter Ece Ayhan zu einer lyrischen Avantgarde-Bewegung, die in den 1950er-Jahren begann und unter dem Namen İkinci Yeni („Zweite Neue“) bekannt wurde.

    Die Dichter der „Zweiten Neuen“ richteten sich sowohl gegen die Verwendung einer schlichten Sprache in der Lyrik, wie es von der Vorgängerbewegung Garip („Fremdartig“) – oder auch Birinci Yeni („Erste Neue“) – um Orhan Veli Kanık, Oktay Rifat und Melih Cevdet postuliert und vertreten worden war, als auch gegen die direkte politische Aussage und Stellungnahme im Gedicht. Insofern mag der Bezug zu den Dichtern der „Zweiten Neuen“ während der politischen Gezi-Proteste zunächst verwundern, aber er charakterisiert das zentrale Anliegen eines Teils der Protestierenden, den Wunsch nach einer individuellen Lebensführung, ohne beständige staatliche, politische Einmischung und väterlich-autoritäre Bevormundung, und drückt die Sehnsucht nach einer anderen Welt aus, wie sie sich in den oft surrealen Versen der Dichter der „Zweiten Neuen“ finden lässt.

    Als eine stark frequentierte, von einer anonymen Gruppe betriebene Seite auf Facebook, die sich der İkinci-Yeni-Bewegung widmet und nach ihr benannt ist, die Fotos von Rafet Arslans Beschriftung und der Frau mit dem Turgut-Uyar-Plakat veröffentlichte, verbreiteten sich die zugehörigen Slogans weitläufig im Netz und fanden sich wenig später mehrfach in gesprühter oder handgeschriebener Form auf den Straßen reproduziert wieder.

    Nach dem Ende der Gezi-Proteste brachte eine Studentenorganisation Aufkleber in Parks und auf Straßen an, die mit Arslans Spruch „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ dazu aufriefen, den öffentlichen Raum weiterhin mit Gedichten zu besetzen.

    Anfang September 2013 eröffneten die Betreiber der oben genannten İkinci-Yeni-Seite einen ebenso anonym geleiteten Twitteraccount unter dem Namen „şiir sokakta!“ und führten den Hashtag #şiirsokakta ein. Begleitet wurde diese Einführung mit kurzen Manifesten, die zum einen reflexiv konstatierten, dass sich der Lyrik im öffentlichen Raum natürlich keine unmittelbare Handhabe gegen die aktuellen negativen gesellschaftlichen Gegebenheiten biete, sie als Straßenkunst aber vielleicht auf lange Frist dazu beitragen könne, Denkanstöße zu geben und eine kleine Verschiebung zum Besseren zu bewirken, zum anderen wurde explizit zur Beschriftung von Straßen, Wänden, Bänken, Telefonhäuschen mit Gedichten oder einzelnen Versen nach der Vorgabe von Rafet Arslan aufgerufen: mit Filzmarker, in möglichst kleingehaltener Schriftgröße, so als ob man in ein Heft schriebe.

    Schnelle Verbreitung

    Die Einführung des Hashtags, die Subsumierung von fotodokumentarischen Aufnahmen der in den öffentlichen Raum geschriebenen Lyrik unter einem einzigen Link, die einfache Möglichkeit, das diesbezügliche Straßengeschehen auf einen ‚Klick‘ einsehen und verbreiten zu können, dadurch selbst den Impuls zur Teilnahme zu bekommen, bildete die Voraussetzung dafür, dass binnen weniger Wochen eine ganze Bewegung entstehen konnte, vornehmlich von Schülern und Studenten getragen, die seitdem öffentliche Räume in der Türkei in großem Ausmaß mit Lyrik beschriftet. Waren es am Beginn Hunderte von Beteiligten, zählten sie sich nach wenigen Monaten in die Tausende, später in die Zehntausende.

    Zu diesem raschen Anwachsen trugen weitere Faktoren bei. Der anfängliche Fokus der Bewegung auf die İkinci-Yeni-Dichter, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Edip Cansever, Ece Ayhan, İlhan Berk, die damit verbundene Abstinenz einer direkten politischen Aussage, verband junge Lyrikliebhaber aus dem ganzen Land, über politische, ethnische und religiöse Grenzen hinweg. Hatten die Gezi-Proteste und die Reaktion der Regierung auf diese Proteste die Türkei in zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Lager gespalten, gelang es der #şiirsokakta-Bewegung zumindest eine kleine Brücke für die jüngere Generation zu bauen, mit der sie die nach wie vor vorhandene Kluft überwinden konnte und kann.

    Erste Berichte in großen Tageszeitungen im Oktober 2013 stellten die Bewegung und ihre Ausdehnung über das ganzen Land auch einem älteren Publikum vor, das keine der jungen Generation vergleichbare Affinität zu den sozialen Medien hat, und ließ die Bewegung auch hier ,Aktivisten‘ und ,Multiplikatoren‘ gewinnen.

    Im November 2013 eröffnete der Student Nuhat Elçe einen weiteren Twitteraccount, der sich ausschließlich dem lyrischen Straßengeschehen und dem bezüglichen Hashtag widmet. Über Monate, in täglich stundenlanger Arbeit verbreitete Nuhat Elçe das an seinen Account gesendete oder das unter dem Twitterlink gefundene Bildmaterial weiter. Die Follower-Zahlen der beiden erwähnten Twitteradressen sind mittlerweile sechsstellig.

    Zahlreiche weitere auf die Bewegung bezogene Accounts folgten, auf Twitter, in Facebook, bei Instagram. In Online- und Printmedien, von Tageszeitungen bis zu Fanzines, fanden (und finden) sich weiterhin regelmäßig Reportagen über #şiirsokakta.

    Unübersehbare Lyrik

    Lyrik in ihrem Ausdruck als Straßenkunst ist in türkischen Städten unübersehbar geworden. Waren es für mehrere Monate insbesondere die Verse Cemal Süreyas, wie „Hayat kısa, / Kuşlar uçuyor“ („Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“), und Turgut Uyars, wie „İkimiz birden sevinebiliriz göğe bakalım“ („Wir beide können uns auf einmal freuen lass uns in den Himmel schauen“), die sich im öffentlichen Raum lesen ließen, führte das immer weitere Anwachsen der Bewegung dazu, dass man sich inzwischen beinahe die komplette jüngere türkische Lyrikgeschichte von der Straße aus erschließen kann (oder natürlich über ihre Spiegelung im Internet), von Tevfik Fikret über die Dichter der Garip-Bewegung, von Ahmed Arif, Nilgün Marmara, Özdemir Asaf, Can Yücel oder Attilâ İlhan bis zu bekannten Gegenwartsdichtern, wie etwa Gülten Akın, Haydar Ergülen, Birhan Keskin. Dabei gehört es zu den Verdiensten von #şiirsokakta, u. a. die Verse des 1973 mit 25 Jahren verstorbenen Ankaraner Dichters Arkadaş Z. Özger einem breiteren Publikum bekanntgemacht zu haben.

    Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir, mit ihrem zugehörigen Aufkommen an Studenten (die Gelände der Universitäten sind häufig selbst auch zu begehbaren Lyrikanthologien geworden), aber sie ist bis in die Kleinstädte aktiv.

    Auf Kurdisch geschriebene Gedichte und Verse lassen sich inzwischen auf der Straße finden, ebenso die ersten Versuche angehender Dichter.

    Auch wenn immer wieder großflächigere Arbeiten entstehen, manchmal über komplette Hauswände gesprüht oder gemalt, sind es die per Filzmarker in die Straßen geschriebenen (und meist mit dem Hashtag şiirsokakta versehenen) Verse, die zum ,Markenzeichen‘ der Bewegung wurden.

    Reaktion der Behörden

    Neben den kritischen politischen Slogans im öffentlichen Raum sind inzwischen auch die Gedichtzeilen ins Visier der jeweiligen Stadtverwaltungen geraten und werden mit grauer Farbe überstrichen, wenn sie entdeckt werden, was vor allem an den zentralen Orten der Städte dazu führt, dass vielen #şiirsokakta-Schriften nur noch eine kurze Sichtbar- und Lesbarkeit vergönnt ist. Das allerdings ruft dann wiederum den Widerstandsgeist der jungen Lyrikliebhaber hervor, und meist finden sich kurze Zeit später an den gleichen Plätzen neue Gedichtbeschriftungen; eine Haltung, die sich beispielhaft in einem Spruch aus dem November 2014 artikuliert, der in der Nähe des Tünel (İstanbul, Beyoğlu) auf einer kleinen von der Stadtverwaltung übermalten Stelle zu lesen war: „Und auch wenn ihr noch tausend Mal löscht / Schreiben wir noch tausend und ein Mal wieder / Schließ das Heft, das Buch / #şiirsokakta“.
    Achim Wagner, 1967 in Coburg geboren, lebt als freier Autor und Fotograf in Ankara und Berlin. 2014 publizierte er zu diesem Thema den Fotoband şiir sokakta bei Nika Yayınevi, Ankara.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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