Foto: Kai Wiedenhöfer

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    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Wärmecharakter im Denken
    Joseph Beuys’ Idee eines Omnibus für alle, durch alle, mit allen

    Auf den deutschen Künstler Joseph Beuys und seine Ideen über die Gestaltung des Zusammenlebens („Soziale Plastik“ = das Soziale als Kunst) geht eine weltweit einmalige Initiative zurück: Der OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE, der seit vielen Jahren durch Europa fährt und dafür wirbt, dass sich die Menschen die Demokratie von den Politikern zurückholen und stärker durch Eigeninitiative gestalten.

    Dies soll ein Manifest sein, auf die Würde des Menschen, auf die Schönheit der Welt und auf eine sinnerfüllte, gemeinsame Zukunft. Dieser Text ist kein Mitspielen im Katastrophenkonzert des Zeitgeschehens, kein angsterfülltes Erstarren im Überwältigtsein durch ein unaufhaltsames Fortrollen unveränderbarer Ereignisse, denen der Mensch hilflos ausgeliefert ist. Denn wir haben es selbst gemacht und können es auch wieder ändern.

    „Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an. Das ist die neue Qualität des Willens.“ – Joseph Beuys

    Wir sind Zeugen eines großartigen Augenblicks der Menschheitsentwicklung. Wir leben zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Menschen erstmalig als Menschheit erfahren. Das nennen wir Globalisierung. Der Blick ist nicht mehr nur auf das nähere Umfeld beschränkt, sondern mit umfassenden Informationen aus allen Weltgegenden versorgt. Selbst wenn man unterstellt, dass die Informationen durch die neuen Techniken auch mit einem großen Anteil gezielter Desinformationen durchsetzt sind, so ändert dies nichts an dieser Grunderfahrung. Wir wissen, dass wir Menschen verantwortlich sind für den Zustand der Welt. Wir wissen, dass die Natur durch uns ins Ungleichgewicht gerät und wir wissen auch, dass wir verantwortlich sind für die Art und Weise unseres Zusammenlebens. Auch wenn es nicht allen bewusst ist, so werden wir es zumindest fühlen. Der Mensch hat jetzt die Verantwortung für den weiteren Verlauf der Erdenentwicklung. Ich habe die Verantwortung für meine Biographie.

    Ja, ich bin auch Naturwesen, ein Geschöpf, das seinen Ursprung nicht kennt, aber auch ein mündiges Wesen, das im Gegensatz zu den von uns gequälten Tieren und Pflanzen Verantwortung für den Zustand und die Zukunft der weiteren Entwicklung trägt. Jede(r) und ALLE haben ab jetzt die Gestaltungsverantwortung für die Erde.

    Soziale Plastik

    Diese Erfahrung im Denken, Fühlen und Wollen ist die Lebensentdeckung des weltbekannten Künstlers Joseph Beuys, der 1986 in Deutschland verstorben ist. Er hat ein Gesamtkunstwerk gesehen, das durch uns Menschen entstehen kann und hat diesem gemeinsamen Werk den Namen „Soziale Plastik“ gegeben. Die Soziale Plastik ist ein lebendiges, in stetigem Wandel begriffenes Kunstwerk, das nur in der Gegenwärtigkeit der Menschen besteht und vergeht, aus dem unmittelbaren, intuitiven Erfassen und Erzeugen der stimmigen Proportionen unter- und miteinander. Mit der Natur und mit den Menschen.

    Mit dieser Idee im Bewusstsein kann jeder Mensch unmittelbar mit der künstlerischen Gestaltung seiner eigenen Biographie beginnen und in diesem Sinne auch mit allen anderen Menschen zusammen dieses Gesamtkunstwerk der Sozialen Plastik wagen. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist wohl der berühmteste Satz von Joseph Beuys. Vielleicht auch der am meisten Missverstandene. Es war nie damit gemeint, dass jeder Mensch im klassischen Sinne Künstler sei, ein Bildhauer, Maler, Musiker. Es war immer schon damit gemeint, dass ab jetzt jeder Mensch die Verantwortung für die Gestaltung seines Lebens und der Welt hat, auch wenn er NICHTS tut.

    Kommunikation mit einem Omnibus

    Um vom persönlichen, auch privaten Gestalten zum gemeinsamen Gestalten des Zusammenlebens aller Menschen zu kommen, benötigen wir ein Kommunikationselement. Und da kommen das gemeinnützige Unternehmen OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE und die Idee der Volksabstimmung ins Spiel.

    Haben Sie schon einmal eine fahrende Schule getroffen, mit LehrerInnen, die zu Ihnen kommen, die mit Ihnen sprechen, Ihre Ideen, Wünsche und Gedanken mitnehmen und weitertragen? Deren LehrerInnen sich selbst immer auch als SchülerInnen verstehen? Die fest davon überzeugt sind, dass wir alle die gleichen Rechte haben, und es deshalb unabdingbar ist, dass wir die Form unseres Gemeinwesens auch in gleichberechtigter Weise gemeinsam abstimmen? Menschen, die diesen sozialen Gestaltungsprozess als Kunst betrachten und Ernst machen mit der Aussage des Künstlers Joseph Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler“? Dann sind Sie auf den ungewöhnlichen OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE getroffen, der schon seit 27 Jahren durch Deutschland und Europa fährt und die Menschen immer daran erinnert, ihr Freiheitswesen zu entwickeln.

    In jedem Frühjahr startet der OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE erneut. Er ist acht Monate im Jahr unterwegs. Er fährt von Stadt zu Stadt, zu Veranstaltungen, Universitäten und Schulen. Er steht in Fußgängerzonen, auf Marktplätzen, Schulhöfen und dem Uni-Campus, immer das Gespräch suchend.

    Seit 15 Jahren ist Werner Küppers der OMNIBUS-Kapitän. Er selbst sagt, dass er mit dieser Arbeit seine Lebensaufgabe gefunden hat. Er bildet die Konstante der alltäglichen Helden im stetig wechselnden Feld. Er und drei wechselnde MitfahrerInnen verstehen sich als Humuserzeuger der Zukunft, die Substanz schaffen für die Chance auf ein sinnerfülltes Zusammenleben der Menschen untereinander, im wesensgemäßen Wechselspiel mit der Natur. Diese vier Menschen leben und arbeiten im und am OMNIBUS. Regelmäßig fahren auch Schüler- und StudentenpraktikantInnen mit und erleben sich so als sinnvolle Mitgestalter einer gemeinsam getragenen Idee.

    Im Zentrum der Arbeit steht immer die Idee des Instruments einer dreistufigen Volksabstimmung. Was aber bedeutet das, ganz praktisch? Zunächst einmal bedeutet es, dass die Mitwirkenden des OMNIBUS-Unternehmens den Gedanken ernst nehmen, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat. Nicht die gleichen Fähigkeiten, Möglichkeiten, dieselbe Bildung, etc., sondern dass er im Gesamtkonzert der Entscheidung des weiteren Zusammenlebens seine Würde hat und deshalb im Augenblick der Entscheidung eine Stimme besitzt, wie alle anderen auch. Diese Würde des Menschseins verleihen wir uns gegenseitig. Und wer ruhig und tief in sein Innerstes horcht, der weiß, dass es so ist.

    Die Gestaltung des Gemeinwesens in einer Demokratie erfolgt also nicht nur über das Wählen von Vertreterinnen und Vertretern, die dann als Parlament oder als Regierung die gesetzlichen Regelungen treffen, sondern auch über Abstimmungen in einzelnen Sachfragen durch alle. Diese sogenannten Volksabstimmungen sollen dreistufig geregelt sein, nämlich in der Reihenfolge Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid. Dies ist in allen deutschen Bundesländern bereits so geregelt, allerdings auf je unterschiedliche Weise und mehr oder weniger anwendungsfreundlich, und dort wo sie sinnvoll geregelt sind, haben es die Bürger durch Volksabstimmung selbst festgelegt.

    Die großen Fragen des Zusammenlebens sind bisher von der direkten Demokratie noch ausgeschlossen, da es immer noch keine Regelung für bundesweite (oder sogar europaweite) Volksabstimmungen gibt.

    Was bedeutet Volksabstimmung?

    Im Gegensatz zu einem Referendum, in dem eine von der Regierung formulierte Frage dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird, zeichnet sich die Volksabstimmung durch das Initiativrecht aus. Dies ist die erste Stufe des Volksabstimmungsprozesses und ermöglicht jedem Menschen, einen Veränderungsvorschlag zu machen. Er muss im weiteren Verlauf dann eine festgelegte UnterstützerInnenzahl finden, um ein rechtmäßiges Verfahren einreichen zu können. Nach einer verfassungsrechtlichen Prüfung kann das Parlament den Vorschlag zum Gesetz erheben oder es kommt zur zweiten Stufe des Volksabstimmungsprozesses, dem Volksbegehren. Jetzt muss die Initiative durch eine deutlich höhere Anzahl von Befürwortern nachweisen, dass die Bevölkerung über diesen neuen Vorschlag abstimmen will. Auch nach dem Gelingen dieses zweiten Schrittes kann das Parlament dem Vorschlag zustimmen. Erfolgt dies wiederum nicht, so findet zwingend der dritte Schritt des Volksabstimmungsverfahrens statt, der Volksentscheid. Jetzt kann das Parlament einen Gegenvorschlag machen und die Bürgerinnen und Bürger stimmen über die beiden Vorschläge ab. Dann entscheidet sich, ob die Mehrheit eine neue Regel für das Zusammenleben will oder nicht.

    So ist jeder Mensch an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt, sowohl durch die Möglichkeit des Vorschlagens von neuen Ideen, als auch durch den Volksabstimmungsprozess, bis hin zur endgültigen Entscheidung, bei der jeder Mensch nur eine Stimme hat. Erst durch die Volksabstimmung entsteht eine Demokratie, vorher existiert sie noch gar nicht. Und auch das Verfahren des Volksabstimmungsprozesses muss durch die Bürgerinnen und Bürger selbst festgelegt werden und kann nicht durch politische Vertreterinnen und Vertreter entstehen. Der Souverän, die Gemeinschaft der zusammenlebenden Menschen, stellt die Regeln für die Gestaltung seines Gemeinwesens selbst auf. Und damit können wir auch ein weltweit einmaliges Ereignis beschreiben, dass mit Hilfe des OMNIBUS im deutschen Bundesland Hamburg stattgefunden hat.

    Im Jahre 2004 haben sich die BürgerInnen von Hamburg ein selbst gestaltetes Wahlrecht per Volksabstimmung gegeben. Dies ist das erste Mal, dass die Menschen, die Vertreter wählen wollen, sich die dafür nötigen Regeln selbst gegeben haben und nicht die PolitikerInnen, die gewählt werden wollen. Damit haben sich Letztere aus ihrer machtinteressierten Perspektive bis heute nicht abgefunden und versuchen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, das Regelwerk wieder auf ihre Interessen hin zu ändern. Diese Gelüste mussten zweimal durch aufwändige neue Volksabstimmungen von den BürgerInnen Hamburgs gestoppt werden, bis hin zu einer Verfassungsänderung. Jetzt bestimmen die WählerInnen die Regeln der Wahl und nicht diejenigen, die gewählt werden wollen.

    Die Themen des OMNIBUS

    Neben seinem stetigen Bemühen durch das andauernde, tägliche Gespräch am fahrenden OMNIBUS, die Willenskräfte der Bevölkerung für die bundesweite Volksabstimmung zu erwecken, ist das OMNIBUS-Unternehmen mit weiteren, vielfältigen Aktivitäten unterwegs. Bundesweit organisiert ein Team mindestens 10 Veranstaltungen im Jahr. Die Themen bearbeiten immer die nächsten Schritte hin zu einer selbstgestalteten Gesellschaft. Aktuell sind dies das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, die Abschaffung der Massentierhaltung, das Ergründen einer neuen Geldordnung, die Befreiung der Schulen und Universitäten von staatlicher Bevormundung und die Flüchtlingsbewegungen in der Welt.

    Immer ist Johannes Stüttgen, Meisterschüler von Joseph Beuys, als Referent mit dabei. Er und Brigitte Krenkers sind auch die Gründer und Gesellschafter des OMNIBUS. Sie haben miterlebt, wie Joseph Beuys sich selbst in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Schritt für Schritt hin zur Idee einer Gestaltung von Gesellschaft, verstanden als künstlerische Aufgabe, entwickelt hat. Johannes Stüttgen hat diese Entwicklung in seinem grundlegenden Werk Der ganze Riemen umfassend beschrieben.

    Der OMNIBUS hat im Jahr 2009 auf Einladung durch das Goethe-Institut auch eine spektakuläre Reise durch 12 Länder in Südost-Europa gemacht, hin zum Ursprungsort der Demokratie in Athen, aber auch bis nach Istanbul. Deutlich wurde auf dieser Fahrt, wie viel Hoffnung die Menschen in das deutsche Vorbild setzen. Sie bewundern unsere Strukturiertheit und Umsetzungsfähigkeit, halten uns für wenig korrupt und sind meistgehend davon überzeugt, dass wir deshalb eine gut funktionierende Demokratie entwickelt haben. Sie haben aber eine deutliche Wahrnehmung davon, dass die rein parlamentarische Demokratie zum Spielball von Einzelinteressen wird, da die Parteien vor der Wahl die Hoffnungen der Menschen bedienen, sich nach der Wahl aber an keine Versprechen gebunden fühlen. Vor diesem Hintergrund sind die Früchte direktdemokratischer Abstimmungen in Deutschland unmittelbar verständlich und werden wie Frischluft erlebt. Wir haben auf diesen Reisen mit dem Omnibus erfahren, welche Erwartungen die Menschen an uns haben und wie wichtig es ist, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen und uns als Träger und Ursprung der politischen Souveränität, also der basisdemokratisch legitimierten Herrschaft, zeigen und beweisen. Eigentlich kennen wir Menschen schon die richtige Form politischer Partizipation, wir müssen uns nur gegenseitig daran erinnern und uns so gegenseitig darin bestärken.

    Das Ich und die Gesellschaft

    Die Sehnsucht und Suche nach uns selbst führt zur Auflösung aller Traditionen und verlangt nach einer in uns selbst begründeten Neubestimmung aller Begrifflichkeiten. Dies ist aber nur möglich durch eine vorläufige Trennung vom gesellschaftlichen Ganzen. Hier ich, da die Welt. Dies ist auch der Ursprung eines notwendigen Egoismus, der jedoch die Entdeckung des Gemeinsamen nicht dauerhaft überlagern darf. Das Ohnmachtsempfinden der Menschen gegenüber dem versteckten, symbiotischen Zusammenwirken von Vertretern aus Politik und Wirtschaft, die versuchen, ihre egoistischen Einzelinteressen zu verwirklichen, erzeugt jetzt zunehmend wieder die Sehnsucht nach klaren Regeln. Es ist nicht verwunderlich, dass manche Menschen glauben, die Regeln des Zusammenlebens jenseits von eigennützigen, menschlichen Bedürfnissen müssten am besten aus göttlicher Hand stammen. Jedoch der Konflikt der Menschen untereinander, der durch das notwendige Auslegen und Interpretieren der göttlichen Vorgaben entsteht, wird unauflöslich sein und ähnliche Probleme mit sich führen wie rein weltlich begründete Gesetze. Was fehlt, ist die Entdeckung einer allen gemeinsamen Ebene: „der Gott in mir“. Die Regeln müssen aus unserem gemeinsamen Inneren entstehen, aus der Ebene in uns, die von allen Menschen geteilt wird.

    Somit sind wir wieder angekommen bei: Jeder Mensch ist ein Künstler, nicht zuletzt im gemeinsamen und gleichberechtigten Gestalten aus der Freiheit heraus. Und in Form einer Demokratie, deren Regeln wir selbst gestalten. Jeder Mensch hat eine Stimme. Das ist das Zeichen der Zeit und dafür leben und arbeiten die Menschen des OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE.
    Michael von der Lohe wurde 1953 geboren. Er ist Fotograf, Autor und Geschäftsführer des OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE seit 2004 sowie Initiator der Aktion „Der Aufrechte Gang“.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2015
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