Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Der lange Marsch
    Europa im globalen Wanderungsgeschehen

    Migration ist kein neues Phänomen, sondern ist für das Menschsein konstitutiv und hat auch in Europa eine lange Geschichte. Dieser Text des Migrationsforschers Jochen Oltmer ordnet die Migration historisch ein und hilft uns, das Geschehen der Gegenwart besser einschätzen zu können.

    Migration bildete von Beginn der Geschichte der Menschheit an ein zentrales Element gesellschaftlichen Wandels. Deshalb ist die Vorstellung ein Mythos, räumliche Bevölkerungsbewegungen – auch über weite Distanzen – seien erst eine Erscheinung der Moderne oder gar der Gegenwart. Und nicht erst im Kontext der Entwicklung der heutigen Massenverkehrsmittel lassen sich globale Migrationen enormer Dimension ausmachen. Der Mensch der Vormoderne war ebenso wenig grundsätzlich sesshaft wie der Mensch der Moderne. Einen Mythos bildet auch die Auffassung, in der Vergangenheit habe Migration einen linearen Prozess dargestellt – von der dauerhaften Abwanderung aus einem Raum zur dauerhaften Einwanderung in einen anderen: Rückwanderungen, Formen zirkulärer Migration und Fluktuationen kennzeichnen die lokalen, regionalen und globalen Wanderungsverhältnisse in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Weder heute noch früher gingen Migranten in eine völlig unbekannte Fremde, vielmehr bildet die Bewegung innerhalb von Netzwerken ein tragendes Element der Geschichte und Gegenwart von Migrationen. Deren grundlegende Bedingungen und Formen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten kaum verändert.

    Von globaler Migration kann in größerem und großem Umfang seit dem Beginn der weltweiten politisch-territorialen, wirtschaftlichen und kulturellen Expansion Europas im 15. Jahrhundert gesprochen werden. Die Abwanderung von Europäern in andere Teile der Welt blieb vom 16. bis in das frühe 19. Jahrhundert in ihrem Umfang noch moderat, führte aber in der Folgezeit bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein zu einem weitreichenden Wandel in der Zusammensetzung der Bevölkerungen vor allem in den Amerikas, im südlichen Pazifik, aber auch in Teilen Afrikas und Asiens. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Abwanderung von Europäern, begann dann zugleich die Geschichte Europas als Zuwanderungskontinent.

    Die Historische Migrationsforschung hat seit den späten 1980er Jahren eine enorme Vielfalt von Wanderungsvorgängen der Vergangenheit erschlossen und ist heute in der Lage, Jahrzehnte und Jahrhunderte überblickende Entwicklungslinien zu verdeutlichen. Ihre Berücksichtigung ist nötig, um die migratorischen Prozesse und Strukturen der Gegenwart zu verstehen und zu erklären. Die folgende Skizze gilt den Bedingungen, Formen und Folgen der räumlichen Bevölkerungsbewegungen, die seit dem 16. Jahrhundert von Europa ausgingen. Sie fragt zudem nach den Hintergründen für die Transformation Europas zu einem Zuwanderungskontinent. Auf diese Weise möchte der Beitrag das Gewicht Europas für das globale Migrationsgeschehen der Neuzeit aufzeigen und zugleich deutlich machen, dass umfangreiche und weiträumige Migrationen eine historische Normalität darstellten.

    Aufbruch mit weitreichenden Folgen

    Der Begriff ,Migration‘ verweist auf räumliche Bewegungen von Menschen. Er meint jene Muster regionaler Mobilität, die weitreichende Konsequenzen für die Lebensverläufe der Wandernden hatten und aus denen Veränderungen sozialer Institutionen resultierten. Migration kann das Überschreiten politisch-territorialer Grenzen mit der Folge des Ausschlusses aus einem beziehungsweise der Inklusion in einen anderen Rechtsverband meinen. Aber auch räumliche Bewegungen innerhalb eines politisch-territorialen Gebildes können als Migration aufgefasst werden. Sie verweisen Migrantinnen und Migranten darauf, sich mit (erheblich) anderen wirtschaftlichen Gegebenheiten und Ordnungen, kulturellen Mustern sowie gesellschaftlichen Normen und Strukturen auseinanderzusetzen sowie Teilhabe in den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen zu erreichen oder zu erringen. So bildeten beispielsweise die räumlichen Bewegungen im Rahmen der Urbanisierung, insbesondere seit dem späten 18. Jahrhundert, zwar meist nur einen Wechsel des Ortes innerhalb eines Territoriums beziehungsweise eines Staates. Dennoch ergaben sich für die Migranten weitreichende Herausforderungen hinsichtlich der Integration in andere wirtschaftliche Segmente und Sektoren (Industrie oder Dienstleistungsbereich anstelle von Landwirtschaft) und mündete die Wanderung in veränderte Lebensformen (urban statt rural), Einstellungen und Orientierungen.

    Migration konnte unidirektional eine Bewegung von einem Ort zu einem anderen meinen, umfasste aber nicht selten auch Zwischenziele beziehungsweise Etappen, die häufig dem Erwerb von Mitteln zur Weiterreise dienten. Weil der Migrationsprozess grundsätzlich ergebnisoffen blieb, stellte die dauerhafte Ansiedlung andernorts nur eine der möglichen Ergebnisse von Migrationsbewegungen dar: In der Bundesrepublik wuchs der Umfang der aus dem Ausland zugewanderten Erwerbsbevölkerung von 1961 bis zum Anwerbestopp 1973 von circa 550 000 auf rund 2,6 Millionen an. Das Wanderungsvolumen war dabei erheblich: Vom Ende der 1950er Jahre bis 1973 kamen rund 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland, etwa elf Millionen, also fast 80 Prozent, kehrten wieder zurück.

    Migrantinnen und Migranten strebten häufig danach, durch den dauerhaften oder temporären Aufenthalt andernorts Erwerbs- und Siedlungsmöglichkeiten zu erschließen sowie Bildungschancen zu verbessern. Die räumliche Bewegung sollte ihnen also in solchen Fällen zu vermehrter Handlungsmacht verhelfen. Migration verband sich sehr oft mit (erwerbs-)biografischen Wendepunkten und Grundsatzentscheidungen wie Partnerwahl und Familiengründung, Eintritt in einen Beruf oder Wahl von Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplatz; der überwiegende Teil der Migranten waren folglich Jugendliche und junge Erwachsene. Die migratorische Chancenwahrnehmung bedingten spezifische sozial relevante Merkmale, Attribute und Ressourcen von Individuen beziehungsweise Angehörigen von Kollektiven (Familien, Haushalten, Gruppen, Bevölkerungen), darunter vor allem Geschlecht, Alter und Position im Familienzyklus, Habitus, Qualifikationen und Kompetenzen, soziale (Stände, Schichten) und berufliche Stellung sowie die Zuweisung zu ,Ethnien‘, ,Kasten‘, ,Rassen‘ oder ,Nationalitäten‘, die sich nicht selten mit Privilegien und (Geburts-)Rechten verbanden.

    Angesichts einer je unterschiedlichen Ausstattung mit ökonomischem, kulturellem, sozialem, juridischem und symbolischem Kapital erwiesen sich damit die Autonomiegrade von Migranten als Individuen beziehungsweise in Netzwerken oder Kollektiven als unterschiedlich groß. Ein Migrationsprojekt umzusetzen, bildete häufig das Ergebnis eines durch Konflikt oder Kooperation geprägten Aushandlungsprozesses in Familien, in Familienwirtschaften und Haushalten oder in Netzwerken. Die Handlungsmacht derjenigen, die die Migration vollzogen, konnte dabei durchaus gering sein, denn räumliche Bewegungen zur Erschließung oder Ausnutzung von Chancen strebten keineswegs immer nach einer Stabilisierung oder Verbesserung der Lebenssituation der Migranten selbst. Familien oder andere Herkunftskollektive sandten häufig Angehörige aus, um mit den aus der Ferne eintreffenden ,Rücküberweisungen‘ oder anderen Formen des Transfers von Geld die ökonomische und soziale Situation des zurückbleibenden Kollektivs zu konsolidieren oder zu verbessern. Eine zentrale Bedingung dafür, dass solche translokalen ökonomischen Strategien funktionierten, bildete die Aufrechterhaltung sozialer Bindungen über zum Teil lange Dauer und große Distanzen.

    Ob und inwieweit eine temporäre, zirkuläre oder auf einen längerfristigen Aufenthalt andernorts ausgerichtete Migration als individuelle oder kollektive Chance verstanden wurde, hing entscheidend ab vom Wissen über Migrationsziele, -pfade und -möglichkeiten. Damit Arbeits-, Ausbildungs- und Siedlungswanderungen einen gewissen Umfang und eine gewisse Dauer erreichten, bedurfte es kontinuierlicher und verlässlicher Informationen über das Zielgebiet. Ein zentrales Element bildete die mündliche oder schriftliche Übermittlung von Wissen über Beschäftigungs-, Ausbildungs-, Heirats- oder Siedlungschancen durch vorausgewanderte (Pionier-)Migranten, deren Nachrichten aufgrund von verwandtschaftlichen oder bekanntschaftlichen Verbindungen ein hoher Informationswert beigemessen wurde. Sie etablierten Kettenwanderungen, bei der Migrantinnen und Migranten bereits abgewanderten Verwandten und Bekannten folgten.

    Herkunftsräume und Zielgebiete von Migration waren mithin in der Regel über Netzwerke – Verwandtschaft, Bekanntschaft, Herkunftsgemeinschaften – miteinander verbunden. Loyalität und Vertrauen bildeten zentrale Bindungskräfte solcher Netzwerke. Die Bedeutung der Informationsvermittlung mithilfe verwandtschaftlich-bekanntschaftlicher Netzwerke kann nicht überschätzt werden: Mindestens 100 Millionen private ,Auswandererbriefe‘ sind beispielsweise zwischen 1820 und 1914 aus den USA nach Deutschland geschickt worden und kursierten in den Herkunftsgebieten im Verwandten- und Bekanntenkreis.

    Vertrauenswürdige, zur Genese und Umsetzung des Wanderungsentschlusses zureichende Informationen standen potenziellen Migranten häufig nur für einen Zielort beziehungsweise für einzelne, lokal begrenzte Siedlungsmöglichkeiten oder spezifische Erwerbsbereiche zur Verfügung, so dass realistische Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Zielen nicht gegeben waren. Die migratorische Handlungsmacht des Einzelnen blieb damit zwar einerseits beschränkt, andererseits aber beherbergte das Zielgebiet umfangreiche verwandtschaftlich-bekanntschaftliche Beziehungen, die Risiken minimierten und Chancen offerierten: 94 Prozent aller Europäer, die um 1900 in Nordamerika eintrafen, suchten zum Beispiel zuerst Verwandte und Bekannte auf, verringerten damit ihre Verwundbarkeit und erhöhten ihre Handlungsmacht vor Ort.

    Migrantennetzwerke boten einerseits translokal Wissen über Chancen und Gefahren der Ab- und der Zuwanderung, über sichere Verkehrswege sowie über psychische, physische und finanzielle Belastungen der Reise. Am Zielort garantierten Migrantennetzwerke Schutz und Orientierung im fremden Raum, vermittelten Arbeits- und Unterkunftsmöglichkeiten, halfen auch bei Kontakten mit Obrigkeiten sowie staatlichen und kommunalen Institutionen. Je umfangreicher ein Netzwerk war und je intensiver soziale Beziehungen innerhalb des Netzwerkes gepflegt wurden, desto mehr ökonomische und soziale Chancen bot es – die Attraktivität eines Migrationszieles bemaß sich an der Größe des Netzwerkes, auf das Migranten am Zielort rekurrieren konnten, und an der Intensität der im verwandtschaftlich-bekanntschaftlich konstituierten Netz gepflegten sozialen Beziehungen. Deshalb erhöhte ein Migrantennetzwerk nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Migration stattfand. Vielmehr konstituierte es auch Wanderungstraditionen und beeinflusste damit die Dauerhaftigkeit einer Migrationsbewegung, die über lange Zeiträume und zum Teil über Generationen existierte.

    Die Migrantennetzwerke wurden nicht nur durch Kommunikation und durch den Austausch von Leistungen auf Gegenseitigkeit aufrechterhalten, sondern reproduzierten sich insbesondere auch durch (nicht selten translokal und transkontinental ausgehandelte) Eheschließungen, durch die Etablierung von Vereinen und Verbänden, eine spezifische Geselligkeitskultur, aber auch gemeinsame ökonomische Aktivitäten. Schutz und Chancen, die Migrantennetzwerke boten, bedeuteten für den Einzelnen immer auch soziale Zwänge und Verpflichtungen. Die Aufrechterhaltung des Netzwerkes, das im Kontext der Migration existenzielle Bedeutung haben konnte, forderte Loyalität und die mit Leistung und Gegenleistung verbundene Akzeptanz kollektiver Verantwortung. Migrantinnen und Migranten wurden genötigt, spezifische Normen, Handlungsrationalitäten und Handlungsziele zu teilen, Mitglieder der Netzwerke unterlagen wegen der Geschlossenheit der verwandtschaftlich-bekanntschaftlichen Verbindungen enger sozialer Kontrolle, selbst über Tausende von Kilometern Entfernung hinweg. Vertrauen wurde erzwungen, Sanktionsmöglichkeiten mit zahlreichen Abstufungen gab es viele: Verlust von Reputation aufgrund des Schwundes von Vertrauenswürdigkeit, Entzug von Leistungen, soziale Isolation und Exklusion, die im Kontext der Migration die soziale Verletzbarkeit und die Risiken enorm erhöhten sowie die Wahrnehmung von Chancen durch räumliche Bewegungen minimierten.

    Im Kontext von Entsendungen als spezifischer Migrationsform ersetzte eine Organisation beziehungsweise Institution (Handelsfilialen oder multinationale Unternehmen, diplomatischer Dienst, Streitkräfte) das verwandtschaftlich-bekanntschaftliche Netzwerk. Entsendungen waren in der Regel auf begrenzte Aufenthalte andernorts zur Beschäftigung in Unternehmensfilialen, Tochter- oder Drittunternehmen ausgerichtet. Sie waren Ausdruck langfristiger Unternehmensstrategien, die auf die konstante Präsenz von Spezialisten in den verschiedensten Unternehmensstandorten zielten, und rahmten den Aufenthalt andernorts durch spezifische Infrastrukturen: Schulen, Klubs, Vereine, Verbände.

    Während in einem solchen Kontext die Handlungsmacht des Einzelnen zur Umsetzung eines Migrationsprojekts sehr hoch war, galt das für andere Konstellationen weit weniger; denn Migration stellte auch eine mögliche Reaktion auf Krisenkonstellationen dar, etwa dort, wo Abwanderung das Ergebnis von Umweltzerstörung oder akuter wirtschaftlicher und sozialer Notlage bildete. Darüber hinaus konnten Steuerungs- und Regulierungsanstrengungen institutioneller (staatlicher) Akteure die Handlungsmacht und damit die Freiheit und Freizügigkeit von Einzelnen oder Kollektiven so weit beschränken, dass es keine realistische Handlungsalternative gab. Die Menschen flohen vor Gewalt, die ihr Leben und ihre Freiheit direkt oder erwartbar bedrohte, zumeist aus politischen, ethno-nationalen, rassistischen oder religiösen Gründen. Zwangsmigration konnte aber auch gewaltsame Vertreibung, Deportation oder Umsiedlung bedeuten, die sich oft auf ganze Bevölkerungsgruppen erstreckte.

    Europäische Expansion vom 16. bis zum 19. Jahrhundert

    Mit der spanischen und portugiesischen Eroberung der Amerikas seit dem Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert verbanden sich zunächst nur in einem relativ geringen Umfang Bewegungen von Europäern. Ihre neuen Territorien verstanden die spanischen und portugiesischen Herrscher nicht als Siedlungsgebiete, sondern als Kolonien zum Zwecke wirtschaftlicher Ausbeutung. Voraussetzung für die dafür erforderliche ,Inwertsetzung‘ der überseeischen Besitzungen durch Erschließung und Abbau der Bodenschätze oder die Produktion von Agrargütern war eine große Zahl von Arbeitskräften. An ihnen aber mangelte es, da die Eroberungen zu einem immensen Rückgang der einheimischen Bevölkerung geführt hatten. Hintergrund waren die hohen Todesraten in den Kämpfen zwischen Einheimischen und Konquistadoren. Noch wesentlich stärker aber wirkte ein weiterer Faktor: Afrika, Asien und Europa waren aufgrund von Wanderungen, Handels- und Reiseverkehr über die Jahrtausende auch epidemiologisch verbunden geblieben, nicht aber Australien und die Amerikas, sodass nach dem Eintreffen der Europäer in der Neuen Welt Epidemiewellen die einheimische Bevölkerung dezimierten. Viele der Bakterien und Viren, die die Eroberer mitbrachten und gegen die sie immun waren, wirkten für die Einheimischen tödlich. Die Gesamtbevölkerung im spanischen Süd- und Mittelamerika der vorkolumbianischen Zeit von vielleicht 40 Millionen soll bis 1570 auf rund neun Millionen und bis 1620 auf nur mehr vier Millionen zurückgegangen sein.

    Dieser hier nur grob skizzierte Zusammenhang bildete vom späten 15. bis in das frühe 19. Jahrhundert einen zentralen Hintergrund globaler Wanderungsbewegungen: Überschlägige Berechnungen sind zu dem Ergebnis gekommen, dass circa zehn Millionen Menschen in den mehr als drei Jahrhunderten zwischen dem Eintreffen Kolumbus’ in der Karibik 1492 und dem Jahr 1820 in die Amerikas zogen. Davon kamen rund zwei Millionen aus Europa und etwa acht Millionen als Sklaven aus Afrika. Europa verließen neben den für die Etablierung und Aufrechterhaltung der Herrschaft nötigen Soldaten und Beamten auch zahlreiche Missionare. Europäer stellten darüber hinaus Kaufleute, Plantagenbesitzer und -betreiber, aber auch städtische Handwerker, Bauern sowie zu vielleicht einem Drittel Arbeitskräfte, die als Unfreie auf den Doppelkontinent gekommen waren. Außerhalb der Amerikas unterhielten Europäer um 1800 zwar rund 500 bis 600 Handels-, Verwaltungs- und Militärstützpunkte in Afrika, Ozeanien und Asien (ohne Sibirien), darunter aber gab es nur vier dauerhaft bestehende Ansiedlungen mit mehr als jeweils 2000 Europäern: das portugiesische Goa an der Westküste des indischen Subkontinents und das spanische Manila auf der philippinischen Hauptinsel Luzon sowie die niederländischen Niederlassungen Batavia (heute Jakarta) auf der indonesischen Insel Java und Kapstadt an der Südspitze Afrikas.

    Rasche Globalisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

    Seit dem frühen 19. Jahrhundert wuchs die Zahl der Menschen rapide an, die Europa den Rücken kehrten. Die Phase beschleunigter kolonialer Erschließung der Welt und ökonomischer Globalisierung in den letzten 30, 40 Jahren vor Beginn des Ersten Weltkriegs bildete dann den Höhepunkt. Der kleinere Teil der europäischen Interkontinentalwanderer nahm Pfade über Land und siedelte sich vornehmlich in den asiatischen Gebieten des Zarenreichs an. Der überwiegende Teil überwand die maritimen Grenzen des Kontinents: Von den 55 bis 60 Millionen Europäern, die zwischen 1815 und 1930 nach Übersee zogen, gingen mehr als zwei Drittel nach Nordamerika, wobei die USA gegenüber Kanada mit einer um mehr als das Sechsfache höheren Zuwandererzahl eindeutig dominierten. Rund ein Fünftel wanderte nach Südamerika ab, circa sieben Prozent erreichten Australien und Neuseeland. Nordamerika, Australien, Neuseeland, das südliche Südamerika sowie Sibirien bildeten als europäische Siedlungsgebiete Neo-Europas.

    Die Besiedlung der Neo-Europas bedeutete eine Verdrängung der einheimischen Bevölkerung in periphere Räume und zeigte nicht selten genozidale Tendenzen. Sie führte zu einer weitreichenden Marginalisierung oder sogar völligen Beseitigung der überkommenen ökonomischen und sozialen Systeme, Herrschaftsgefüge und kulturellen Muster. Den zentralen Anstoß für eine verstärkte europäische Zuwanderung bildete im 19. Jahrhundert in allen Fällen die beschleunigte Einbindung der Siedlungsräume in den Weltmarkt. Die europäische Nachfrage nach Rohstoffen und Nahrungsmitteln sowie der Investitionsschub durch den Kapitalexport aus Europa erzeugten einen hohen Arbeitskräftebedarf in einzelnen Teilen der Welt und ließ neue Migrationsziele für Europäer entstehen. Die Zuwanderung von Europäern wiederum führte dort zur Etablierung von Massenmärkten für europäische Fertigwaren, die die wirtschaftlichen Interdependenzen weiter verstärkten. Wesentliche Voraussetzung für den Anstieg der europäischen Überseemigration bildete die bereits seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bestehende migratorische Verflechtung zwischen Europa und den überseeischen Zielen: Pioniermigranten lieferten Informationen über Möglichkeiten, Pfade und Risiken der Abwanderung nach Übersee. Erleichtert wurden Fernwanderungen zudem durch die im Zuge der Industrialisierung wesentlich verbesserte Verkehrssituation in Europa, nach Übersee und in den Zielgebieten – Raum verdichtete sich. Dadurch verminderte sich nicht nur der zeitliche Aufwand für eine Reise. Auch die Kosten sanken erheblich.

    Ein enormer Anstieg der europäischen Zuwanderung in die USA setzte schon in den 1820er Jahren ein: Rund 152 000 Europäer erreichten die USA, in den 1830er Jahren dann bereits um die 600 000. Der Zeitraum von den 1840er bis zu den 1880er Jahren bildete dann eine Hochphase der Einwanderung mit insgesamt circa 15 Millionen Europäern, die hauptsächlich aus dem Westen, dem Norden und der Mitte des Kontinents kamen: Über vier Millionen Deutsche, drei Millionen Iren, drei Millionen Engländer, Schotten und Waliser sowie eine Million Skandinavier erreichten die USA, deren Bevölkerung in diesem halben Jahrhundert von etwa 17 Millionen auf 63 Millionen anwuchs.

    In Nordamerika stellte sich trotz der starken und anwachsenden Zuwanderung und trotz des hohen Bevölkerungswachstums keine Diskrepanz im Wachstum von Bevölkerung und Erwerbsmöglichkeiten ein – im Gegenteil: Der Bedarf an Arbeitskräften wuchs weiter. Hintergrund war ein agrar- und industriewirtschaftlicher Boom. Das wirtschaftliche Wachstum stand in einer engen Wechselbeziehung mit der permanenten territorialen Expansion über die 13 Gründungsstaaten der USA hinaus. Das Territorium der USA verfünffachte sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte. 1820 lebten noch fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung der USA in den Staaten der Ostküste, und nur ein Viertel lebte westlich der Appalachen. 1860 hatten interkontinentale Einwanderung und interregionale Migration in den USA dazu geführt, dass bereits die Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung westlich der Appalachen zu finden war. Diese Westbewegung von Millionen von Menschen europäischer Herkunft in die neu erschlossenen nordamerikanischen Räume kann unter den Begriff der ,Grenzkolonisation‘ gefasst werden. Diese fand in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ihr Ende und mündete in eine Phase expansionistischer Politik der Überseekolonisation der Vereinigten Staaten.

    Die koloniale Expansion der USA, Japans und vor allem europäischer Staaten erreichte in den drei bis vier Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg in der Phase des Hochimperialismus ihren Zenit. Die von den großen europäischen Imperien in den vorangegangenen Jahrzehnten zumeist bevorzugte informelle politische, wirtschaftliche und militärische Kontrolle über asiatische, pazifische, afrikanische oder lateinamerikanische Räume mündete in eine Situation zunehmender imperialistischer Konkurrenz in die fortschreitende Verdichtung formeller Kolonialherrschaft. Die Phase verstärkter kolonialer Expansion bildete zugleich eine Zeit beschleunigter internationaler ökonomischer Vernetzung, die weitreichende wirtschaftliche Transformationen hervorrief. Die bereits erwähnte Verkehrs- und Kommunikationsrevolution des 19. Jahrhunderts führte vor allem im Übergang zum 20. Jahrhundert zu einem weiteren beachtlichen Rückgang der Transportkosten. Immer mehr Menschen und Waren überwanden immer größere Distanzen. Kommunikationsverbindungen wurden rasch ausgebaut (regelmäßiger Postverkehr; Telegrafie, Telefon ab 1878). Zeitungen entwickelten sich zur billigen Nachrichtenquelle für jedermann aufgrund der rasanten Zunahme von Zahl und Auflage. Damit verbesserten sich auch die Möglichkeiten der Information über Ansiedlung und Jobchancen andernorts. Der beschleunigte Ausbau von Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen erleichterte zudem die Marktbildung im Migrationsbereich: Die global agierenden und untereinander konkurrierenden Schifffahrtsgesellschaften Europas und Nordamerikas erschlossen mithilfe modernster Werbemethoden und eines weit ausgebauten Systems von Agenten immer neue Abwanderungsregionen, um ihre Dampfschiffe mit Migranten zu füllen.

    Die Phase beschleunigter kolonialer Erschließung der Welt und ökonomischer Globalisierung in den letzten 30 bis 40 Jahren vor Beginn des Ersten Weltkriegs bildete den Höhepunkt der globalen Fernwanderungen der Europäer im 19. Jahrhundert. Durchschnittlich 50 000 Menschen hatten zu Anfang des 19. Jahrhunderts jährlich Europa über das Meer verlassen. Die 1840er Jahre bildeten eine Zäsur: 1846 bis 1850 gab es im Durchschnitt Jahr um Jahr bereits über 250 000 Transatlantikwanderer, davon gingen rund 80 Prozent in die USA und 16 Prozent nach Kanada. Zwischen 1851 und 1855 stieg diese Zahl auf 340 000 und damit auf das Siebenfache des Jahresdurchschnitts der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Weiterhin dominierten die USA mit 77 Prozent als wichtigstes Ziel gegenüber neun Prozent, die sich nach Kanada, und vier Prozent, die sich nach Brasilien wandten. Mit der Weltwirtschaftskrise der späten 1850er Jahre und dem Amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 ging zwar die europäische Zuwanderung in die USA deutlich zurück, sie überstieg mit dem Ende des Sezessionskriegs aber sogleich wieder das Niveau der frühen 1850er Jahre, um in der Weltwirtschaftskrise der 1870er Jahre erneut abzusinken. Seit den 1880er Jahren folgten die Höhepunkte der europäischen überseeischen Migration. In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre umfasste die europäische Überseemigration durchschnittlich fast 800 000 Menschen pro Jahr, immer noch ging der Großteil in die USA. Spitzenwerte erzielte sie in den anderthalb Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als durchschnittlich jährlich mehr als 1,3 Millionen Europäer die Alte Welt verließen.

    Häufig wird übersehen, dass transatlantische Migration von Europäern nie eine Einbahnstraße war: Je stärker im 19. Jahrhundert die lange dominierende Familienmigration zwecks landwirtschaftlicher Ansiedlung an Gewicht verlor und die individuelle Arbeitsmigration in industrielle Beschäftigungsverhältnisse anstieg, desto höher lag die Rückwanderung. 1880 bis 1930 kamen vier Millionen Menschen aus den USA nach Europa zurück mit enormen Unterschieden zwischen den einzelnen Gruppen: Nur fünf Prozent der jüdischen Transatlantikmigranten, aber 89 Prozent der Bulgaren und Serben kehrten zurück. Bei den Mittel-, Nord- und Westeuropäern lag der Durchschnitt bei 22 Prozent. Vor allem die Abwanderung über das Meer aus Ost-, Ostmittel- und Südeuropa, die seit der Wende zum 20. Jahrhundert dominierte, bedeutete immer seltener definitive Auswanderung und immer häufiger Rückkehr und zirkuläre Migration. Die Hälfte der Italiener beispielsweise, die zwischen 1905 und 1915 Nord- und Südamerika erreichten, kehrte nach Italien zurück.

    Gegenüber Nordamerika gewannen andere Neo-Europas an Gewicht, darunter vor allem Australien, Brasilien und Argentinien, aber auch Neuseeland, Uruguay oder Chile. Vor 1850 hatten die USA circa vier Fünftel aller Europäer aufgenommen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es circa drei Viertel, seit der Jahrhundertwende noch rund die Hälfte. Der Bedeutungsgewinn der Ziele außerhalb Nordamerikas war vornehmlich ein Ergebnis der Öffnung großer neuer Siedlungszonen für europäische Landwirte und der Entdeckung von Rohstoffvorkommen, deren Erschließung viele Arbeitskräfte erforderte.

    Neben die Ansiedlung von Europäern in den kolonialen Räumen traten die vielgestaltigen und umfangreichen Migrationen insbesondere von Afrikanern und Asiaten als unmittelbares oder mittelbares Ergebnis der globalen politisch-territorialen Expansion Europas und der von Europa ausgehenden wirtschaftlichen Globalisierung: Sie waren als Flucht, Vertreibung oder Umsiedlung Ergebnis der Aufrichtung und Durchsetzung von Kolonialherrschaft. Sie waren als Deportation Ergebnis des in vielen Kolonialgebieten praktizierten Zwangs zum Anbau marktförmiger Produkte oder der weitreichenden Etablierung von Plantagenwirtschaften, die auf längere Sicht auf zahlreiche (Zwangs-)Arbeitskräfte angewiesen blieben. Sie waren als Arbeitswanderungen Ergebnis der Veränderung ökonomischer Strukturen, darunter insbesondere der Exploration und raschen Ausbeutung von für die europäische Industrialisierung wichtigen Rohstoffvorkommen, der Umstellung der Landwirtschaft auf Handelspflanzen, des Wachstums urbaner Wirtschaftsräume oder des Ausbaus der Infrastruktur (Eisenbahn-, Kanal- und Hafenbau). Oder sie waren als landwirtschaftliche Siedlungswanderungen Ergebnis der meist gewaltsamen Erschließung und Eroberung neuer Siedlungszonen und -gebiete.

    Europa als Ziel der Zuwanderung seit dem späten 19. Jahrhundert

    Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts lief die europäische Transatlantikmigration als Massenphänomen aus, die das globale Migrationsgeschehen des ,langen‘ 19. Jahrhunderts geprägt hatte. In den 1920er Jahren erreichte die europäische Überseewanderung nicht mehr als die Hälfte der durchschnittlichen Jahresraten des Vorkriegsjahrzehnts. In den 1930er Jahren sanken die Ziffern angesichts der Weltwirtschaftskrise noch weiter ab: Zwischen 1931 und 1940 waren europaweit nur mehr 1,2 Millionen Überseemigranten registriert worden. Die Durchschnittsziffer von jährlich 120 000 Menschen bildete den niedrigsten Wert der gesamten 100 vorangegangenen Jahre. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs ließ dann die transatlantische Migration völlig auslaufen. Nach dem Krieg gab es zwar in den 1950er Jahren einen Aufschwung der europäischen Transatlantikmigration, der Umfang der 1920er Jahre oder gar der Hochphase des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aber wurde bei Weitem nicht mehr erreicht: Staaten wie Großbritannien, die Niederlande oder (West-)Deutschland, die lange wichtige Herkunftsländer der Abwanderung aus Europa gewesen waren, verzeichneten nun meist höhere Zu- als Abwanderungsziffern. Und die Migrationsströme anderer ehemals bedeutsamer Herkunftsländer der Transatlantikwanderung wie Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland richteten sich jetzt weitgehend auf die expandierenden Arbeitsmärkte der nord-, west- und mitteleuropäischen Industrieländer aus.

    Europa als Hauptakteur kolonialer Expansion und als Hauptexporteur von Menschen nach Amerika, Afrika, Asien und in den Raum des südlichen Pazifiks war lange nur selten Ziel interkontinentaler Zuwanderungen gewesen. In Großbritannien, dem Zentrum des weltweit größten Imperiums, stieg zwar bereits im Zuge der Expansion des 17. bis 19. Jahrhunderts die Zahl der Menschen afrikanischer oder asiatischer Herkunft an. Sie blieb aber relativ klein. Für 1770 sind beispielsweise 10 000 Menschen in Großbritannien ermittelt worden, die aus dem subsaharischen Raum stammten, London beherbergte die Hälfte von ihnen. Andernorts in Europa lebten wesentlich weniger außereuropäische Zuwanderer. Dies änderte sich langsam in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, als der Umfang der Bevölkerung außereuropäischer Herkunft stärker anwuchs. Anders als häufig vermutet wird, kamen hierbei keineswegs nur Angehörige der kolonialisierten Unterschichten.

    Ein zentraler Migrationskanal (gate of entry) von Pioniermigranten nach Europa bildete vielmehr der Erwerb akademischer Qualifikationen im Kontext des Kolonialismus: Funktionsfähig erwies sich koloniale Herrschaft nur aufgrund eines umfangreichen Apparates einheimischer Verwaltungsbeamter, mit der zunehmenden Verdichtung kolonialer Herrschaft seit dem späten 19. Jahrhundert wuchs dieses Heer von Kollaborateuren stark an. In der Zwischenkriegszeit gelangten immer mehr einheimische Verwaltungsbeamte und Offiziere, die nicht selten in den europäischen Metropolen ausgebildet worden waren, an die Spitze der kolonialen Verwaltungen. Und bei Weitem nicht alle Bildungsmigranten aus den Kolonien kehrten wieder in die Herkunftsgebiete zurück.

    Die Dekolonisation nach dem Zweiten Weltkrieg ließ diese bildungspolitisch motivierten Bewegungen im Raum keineswegs auslaufen: Viele ehemalige Kolonialmächte verstanden die Bildungsmigration aus den nun formal unabhängigen Staaten als eine Gelegenheit, künftige Führungskader an die ehemalige Kolonialmacht zu binden und mit ihrer Hilfe weiterhin Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur der neuen Staaten zu nehmen. Aus der Ausbildung von kolonialen Kollaborateuren ergab sich mithin nicht nur ein zentraler Kanal der Zuwanderung nach Europa, vielmehr entwickelten sich spezifische Muster globaler Bildungsmigration, die zum Teil bis heute fortwirken und immer wieder auch zu Daueraufenthalten in Europa führten. 1949/50 gab es beispielsweise 2000 Studierende aus den subsaharischen Kolonien in Frankreich, drei Jahre später hatte sich ihre Zahl verdoppelt und war mit circa 8000 am Ende des Jahrzehnts erneut auf das Doppelte angestiegen. Rund ein Zehntel aller Schülerinnen und Schüler höherer Schulen aus diesen Regionen soll in den 1950er Jahren seinen Bildungsweg in Frankreich weiterverfolgt haben. In Fortsetzung dieser Tradition zählten die französischen Universitäten im Akademischen Jahr 2000/2001 schließlich um die 30 000 Studierende allein aus dem subsaharischen Afrika, die rund ein Fünftel aller ausländischen Studierenden stellten.

    Daneben bildete die Schifffahrt einen weiteren frühen gate of entry der Zuwanderung von außerhalb Europas. Die im Zuge der Globalisierung rasch wachsenden europäischen Handelsmarinen rekrutierten seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend häufiger asiatische und afrikanische Männer für die körperlich anstrengenden und gesundheitlich belastenden Tätigkeiten unter Deck. Diese erreichten die europäischen Hafenstädte, wo vor und nach dem Ersten Weltkrieg erste kleine Siedlungskerne von Afrikanern und Asiaten entstanden. Aus Westafrika stammende Seeleute aus der Gruppe der Kru wurden beispielsweise seit dem späten 19. Jahrhundert Teil der Bevölkerung Liverpools, Londons oder Cardiffs und blieben bis in die 1970er Jahre mit der Schifffahrt verbunden. In Britisch-Indien warb die Handelsmarine seit den 1880er Jahren Heizer an, einige Hundert arbeiteten bald in den britischen Häfen oder verdienten ihr Geld in den Niedriglohnbereichen der Textilindustrie. Chinesische Seeleute kamen nach London, Hamburg oder Rotterdam, arbeiteten dort weiter im Transportgewerbe oder gründeten die ersten chinesischen Lokale und Restaurants. Eine weitere und damit dritte Gruppe von Asiaten, Afrikanern oder Westindern, aus der Pioniermigranten in Europa hervorgingen, bildeten die von den Kolonialmächten rekrutierten Soldaten auf den europäischen Kriegsschauplätzen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, von denen einige Tausend nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa blieben.

    Die eigentliche Massenzuwanderung auf den europäischen Kontinent begann aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gefördert vor allem vom Prozess der Dekolonisation: Die Auflösung der europäischen Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einer massiven ,Rückwanderung‘ von europäischen Siedlern nach Europa. Darüber hinaus wurde im Prozess der Dekolonisation die Zuwanderung kolonialer Kollaborateure in die ehemaligen ,Mutterländer‘ zugelassen, die als Verwaltungsbeamte, Soldaten oder Polizisten die koloniale Herrschaft mitgetragen hatten oder den Einheimischen als Symbole extremer (politischer) Ungleichheit in der kolonialen Gesellschaft galten. Vor allem das Ende der globalen Imperien der Niederlande (in den späten 1940er Jahren), Frankreichs (in den 1950er und frühen 1960er Jahren) sowie Portugals (Anfang der 1970er Jahre) brachte umfangreiche Fluchtbewegungen und Vertreibungen mit sich. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1980 kamen wohl insgesamt fünf bis sieben Millionen ,Europäer‘ im Kontext der Dekolonisation aus den (ehemaligen) Kolonialgebieten auf den europäischen Kontinent, darunter viele, die weder in Europa geboren waren noch je in Europa gelebt hatten.

    Nach dem Ende der Kolonialherrschaft in Indochina und dem Beginn des Unabhängigkeitskriegs in Algerien 1954 nahm Frankreich beispielsweise innerhalb eines Jahrzehnts 1,8 Millionen Menschen auf, die im Zuge der Dekolonisationskonflikte entwurzelt worden waren. Als noch umfänglicher erwies sich – im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des ,Mutterlandes‘ – die Zuwanderung im Prozess der Dekolonisation nach Portugal: Beginnend im Herbst 1973 kamen innerhalb nur eines Jahres fast eine halbe Million ,Retornados‘ aus den ehemaligen portugiesischen Besitzungen in Afrika (Mosambik, Angola, Kap Verde, Guinea-Bissau, São Tomé und Príncipe). Angola dominierte als Herkunftsland. Mitte der 1970er Jahre stellten die ,Retornados‘ nicht weniger als fast sechs Prozent der portugiesischen Bevölkerung. Aus der starken Migration im Kontext der Auflösung der europäischen Kolonialbesitzungen ergab sich ein Paradoxon der Geschichte der europäischen Expansion: Die europäischen Kolonialreiche waren in den europäischen Metropolen nach der Dekolonisation präsenter als davor.

    Darüber hinaus prägten sich umfangreiche postkoloniale Zuwanderungen ehemaliger Kolonialisierter nach Europa aus, weil wegen der zum Teil weiterhin bestehenden engen Verbindungen zwischen ehemaligen kolonialen Metropolen und in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten privilegierte gates of entry bestanden. Das galt unter den großen europäischen Zuwanderungsländern vor allem für Frankreich und Großbritannien, aber auch für die Niederlande und Belgien: Großbritannien bot seit dem British Nationality Act von 1948 allen Bewohnern der Kolonien beziehungsweise des Commonwealth eine einheitliche Staatsangehörigkeit sowie freie Einreise und Arbeitsaufnahme in Großbritannien. Diese offene Regelung wurde erst seit den 1960er Jahren schrittweise zurückgenommen.

    In den wirtschaftlich führenden Staaten Europas war die Zahl der Zuwanderer aus anderen Teilen Europas bereits im Zeichen von Hochindustrialisierung und Agrarmodernisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stark gestiegen. In der ökonomischen Rekonstruktionsperiode der ersten drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihren hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten und stark expandierenden Arbeitsmärkten kam es erneut und in noch wesentlich stärkerem Maße zur grenzüberschreitenden Fluktuation von Arbeitskräften im Rahmen eines spezifischen Migrationsregimes. West-, Mittel- und Nordeuropa bildeten das Ziel von Zuwanderern, die zumeist aus Anrainerstaaten des Mittelmeers kamen.

    Voraussetzung für Migration: finanzielle Ressourcen

    Globalisierung als Verdichtung sozialer Interaktionen und Vernetzungen zwischen Menschen, Gesellschaften, Ökonomien und kulturellen Systemen veränderte in dem vergangenen halben Jahrtausend die Welt grundlegend. Räume, in denen sich besonders dynamische Prozesse der globalen Vernetzung ausmachen ließen, können sehr häufig auch als Zentren ausgeprägter Zuwanderung beschrieben werden; denn Migration ist ein Element und ein Kennzeichen der Verdichtung von sozialen Interaktionen, sie ist Voraussetzung und Bestandteil der Vernetzung von Individuen und Kollektiven. Darüber hinaus tragen Migrationen zu Transformationsprozessen als Ergebnis der Globalisierung bei – sie veränderten die Zusammensetzung von Bevölkerungen, modifizierten ökonomische und soziale Strukturen, religiöse Praktiken oder künstlerische Ausdrucksformen. Migration war in den vergangenen Jahrhunderten ein zentrales Element der Globalisierung, ist es in der Gegenwart und dürfte es auch in Zukunft bleiben. Die Vorstellung, in den vergangenen Jahrhunderten seien in der Regel vor allem die Menschen zu Migranten geworden, die besonders arm und bedürftig gewesen seien, ist ein Mythos. Tatsächlich bildeten finanzielle Ressourcen nicht erst in der Gegenwart eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung eines individuellen Migrationsprojekts: Formalitäten für Ein- und Ausreisen mussten auch in der Vergangenheit bezahlt werden, erhebliche Reise- und Transportkosten kamen hinzu, Agenten oder Vermittler galt es in der Regel (teuer) zu bezahlen. Meist konnte nicht sogleich nach dem Eintreffen eine bezahlte Tätigkeit aufgenommen werden, zum Teil erwiesen sich Anfangsinvestitionen als nötig, Sparkapital wurde verbraucht, Geld musste geliehen werden. Für die Allerärmsten war die Umsetzung eines solchen Migrationsprojekts immer schon illusorisch. Unzählige Studien belegen: Armut schränkte die Bewegungsfähigkeit bereits in der Vergangenheit massiv ein.

    Häufig werden Teile der Wanderungsgeschichte eines Kollektivs (wie beispielsweise die Transatlantikmigration aus dem Europa des 19. Jahrhunderts) als Beleg für die Tatkraft und den Wagemut der eigenen Vorfahren herangezogen und Teile der Zuwanderungsgeschichte als Beleg für Offenheit, Toleranz und Weitsicht (wie beispielsweise die Migration der Hugenotten oder der ,Ruhrpolen‘). Selten allerdings gehen derlei Geschichten ein in die je aktuelle Aushandlung dessen, was als Migration und unter Migration verstanden wird. Diese Debatte bleibt weiterhin ganz einseitig geprägt durch eine Sicht, die Migration als Ergebnis von Krisen, Katastrophen und Defiziten sieht und ihre Folgen als Gefahr für Sicherheit, Wohlstand sowie gesellschaftliche und kulturelle Homogenität. Migration erscheint damit als Risiko, das dringend der restriktiven politischen Vor- und Nachsorge bedarf. Wanderungserfahrungen und (geschichts-)wissenschaftliche Erkenntnisse über abgeschlossene Wanderungsvorgänge werden in der Regel nicht als Ressource verstanden, gesellschaftliche Gelassenheit im Umgang mit dem Thema Migration zu gewinnen.
    Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift Kursbuch 183, September 2015 im Verlag Murmann Publishers.

    Jochen Oltmer, geb. 1965, lehrt Neueste Geschichte am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück. Zuletzt erschien Globale Migration. Geschichte und Gegenwart.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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