Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Von Flüchtlingen und falschen Helden
    Wie Polen sein eigenes Displacement vergisst

    Viele osteuropäische Länder weigern sich besonders hartnäckig, Flüchtlinge aufzunehmen, darunter auch Polen. Eigentlich sollte dies verwundern, da es den historischen Erfahrungen dieser Länder widerspricht, die selbst durch ein häufiges Displacement ihrer Länder und ihrer Bürger geprägt sind. Der polnische Autor Stanisław Strasburger erläutert die herrschende Mentalität und hält die Geschichte seiner eigenen Familie und die Wahrheit der polnischen Literatur dagegen.

    „Als ich ein kleiner Junge war, hey / da nahm mich mein Vater und sagte zu mir: / das Wichtigste ist das, was man fühlt / hör immer auf dein Herz, hey“ – das sind die Worte eines Liedes der polnischen Bluesrockgruppe Breakout aus den siebziger Jahren. Die Rockmusik, die mal mehr, mal weniger erfolgreich ein Teil der Unterhaltungsindustrie im kommunistischen Polen war (den damaligen Machthabern sträubten sich die Nackenhaare angesichts der pro-westlichen Exzesse der langmähnigen Jugendlichen), war für viele eine Art von Ventil. Sie drückte die Sehnsucht nach einer anderen Welt aus: nach Freiheit und Vielfalt, die als begehrte Eigenschaften der Gesellschaften jener Länder auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges angesehen wurden.

    Der Wunsch zu reisen

    Als ich ein kleiner Junge war, verbrachte ich viel Zeit mit meiner Mutter. Bis heute erinnere ich mich gut daran, wie wir am Tisch im so genannten ,Großen Zimmer‘ saßen, das gleichzeitig als Ess-, Wohn- und Schlafzimmer meiner Eltern diente, und gemeinsam Reiseromane und Geschichtsbücher lasen. An der Wand im Kinderzimmer, das ich mir mit meiner Schwester teilte, hing eine große Weltkarte. In der grau-trüben Wirklichkeit des Kalten Krieges, voller beinahe unüberwindbarer Grenzen, schillerte diese Karte in den buntesten Farben. Es war eine physische Karte. Politische, wirtschaftliche und ethnische Aufteilungen schienen nicht zu existieren, auf der Karte waren sie ja nicht verzeichnet. In diesem Sinne wiederholte meine Mutter immer wieder, in der Pause zwischen der einen und der nächsten Lektüre: „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du ein Weltbürger wirst. Dass du dich an jedem Fleck auf dieser Welt zuhause fühlst und die Menschen verstehen kannst, auf die du triffst.“

    Meiner Mutter war es nicht vergönnt, viel zu reisen, obwohl sie ähnlich wie ihre Mutter (meine Oma) immer davon geträumt hatte. Eine prägende Erzählung in meiner Familie war die Geschichte meines Urgroßvaters (dem Vater meiner Oma). Der rebellische Schüler einer Vorstadtschule im damaligen Besatzungsgebiet des russischen Zarenreiches erlaubte sich einen gefährlichen Streich. Von patriotischen Gefühlen geleitet, aber vielleicht auch einfach nur von dem Willen, sich vor seinen Freunden aufzuspielen, stach er dem Porträt des Zaren im Klassenraum die Augen aus. Als Strafe drohte ihm die Verbannung in den ewigen Schnee von Sibirien. Um dem zu entgehen, floh er und umreiste als Flüchtling die halbe Welt (er war in den USA, aber auch in Südamerika). Während des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Europa zurück, um sich in den Dienst der neu entstandenen polnischen Armee in Frankreich zu stellen. Schließlich gelangte er nach Polen, das gerade seine Unabhängigkeit erlangt hatte.

    Meine Oma und Mutter, beide aus jeweils anderen Gründen, erzählten die Geschichte meines Urgroßvaters voller Wehmut. Beide bedauerten es, dass ihnen das Bereisen der Welt, wenn auch nur aufgrund politischer Unterdrückung, nicht möglich war. Viele Jahre lang (noch immer war ich der kleine Junge) gab ich meiner Oma zu Weihnachten das Versprechen: „Sobald ich groß bin und ein bisschen Geld verdiene, nehme ich dich auf Reisen mit.“ Und tatsächlich – es hat geklappt. Wir waren gemeinsam in Paris, Amsterdam, Köln, Cordoba und Granada.

    Kosmopolitismus als Patriotismus

    Die kosmopolitische Erziehung, die ich in meiner Familie den Spannungen des Kalten Krieges zum Trotz erfuhr, war keineswegs frei von patriotischen Elementen. Wie würde eine kurze Geschichte der Vaterlandsliebe aussehen, erzählt anhand des Beispiels dreier Generationen der Familie meiner Mutter?

    Als mein Urgroßvater die Polizei des Zaren provozierte, wuchs unter der russischen Besatzung bereits die vierte Generation von Bürgern der damaligen Republik beider Nationen auf (so hieß das Land der Polen und Litauer, das bis ins Jahr 1795 existierte. In den folgenden über 120 Jahren gab es den polnischen Staat gar nicht, sein Gebiet befand sich unter preußischer, russischer und österreichischer Besatzung). Ich weiß nicht, ob er sich unter anderen Umständen auch gegenüber der eigenen Regierung mit ähnlichem Widerwillen verhalten hätte – vielleicht leiteten ihn ja die Motive eines jungen Sozialisten, der sich jedem Despoten entgegensetzen würde, egal ob dieser ein ,Fremder‘ oder einer der ,Seinen‘ war? So oder so, als mein Urgroßvater vom wiederauferstehenden polnischen Militär hörte, warf er sein glückliches Leben in Brasilien hin (als ein solches erinnerte er es) und entschied sich für das unstete Los eines Soldaten. Leitete ihn dabei die Liebe zum Vaterland oder die Sehnsucht nach seinen Liebsten? Oder vielleicht fühlte er sich in Brasilien nicht ganz so gut, wie er es behauptete? Ich bin nicht sicher, ob er selbst in der Lage gewesen wäre, auf diese Fragen zu antworten.

    Der kleine Junge von damals zog aus dieser Geschichte über seinen Urgroßvater den folgenden Schluss: Menschliche Entscheidungen sind vielschichtig und lassen sich nur äußerst selten (wenn überhaupt) auf ein einziges, einfaches Motiv zurückführen.

    Seine Tochter, meine Oma, durchlebte den Zweiten Weltkrieg in Warschau unter deutscher Besatzung. Sie gehörte einer Untergrundorganisation an, die in Verbindung mit dem politischen System aus dem Polen der Vorkriegszeit stand. Das politische Profil der Gruppierung war eher konservativ, mit deutlich nationalen, um nicht zu sagen: nationalistischen Elementen. Der Bruder meiner Oma gehörte einer anderen, linken Organisation an. Heißt das, dass meine Oma eine Nationalistin und ihr Bruder ein Kommunist war? „Ach was!“, sagte sie, als ich danach fragte. „Weißt du, wie das in der Besatzungszeit war? Alles spielte sich im Verborgenen ab. Wir hatten schreckliche Angst davor, der Gestapo in die Hände zu fallen. Man ist der Gruppe beigetreten, in der man zufällig jemanden kannte. Es zählte der Kampf gegen den NS-Besatzer, das politische Programm war zweitrangig.“

    Skepsis gegenüber Helden

    Das Schicksal wollte es, dass der Bruder meiner Oma bei einem Bauunfall starb, gleich nach Ende des Krieges. Indessen erwies sich die politische Prägung ihrer Organisation als von der kommunistischen Regierung nicht gerne gesehen. In der Volksrepublik Polen musste meine Oma ihre Untergrundtätigkeiten Jahre lang verbergen. Ihr Kampf um ein freies Polen wurde nicht nur nicht gewürdigt, es wurden ihr dadurch sogar Probleme bereitet. Ihre Enttäuschung wurde von Schuldgefühlen vertieft: Anstatt sich für das Vaterland zu engagieren wie ein Romantiker des neunzehnten Jahrhunderts, der sich selbst und seine Liebsten aufopfert, um den Lauf der Geschichte zu ändern, hätte sie ihrem Bruder mehr Zeit widmen sollen. Seine „jugendlichen Exzesse“ hatten dazu geführt, dass er Probleme in der Schule hatte und in „schlechte Gesellschaft“ geriet, wie sie es nannte. Wäre das nicht geschehen, wäre er vielleicht nicht auf dem Bau gelandet und hätte überlebt.

    Der kleine Junge von damals lernte von seiner Oma eins: Skeptizismus gegenüber romantischen Helden und ihren bis heute hartnäckig überdauernden Ideen.

    Der Patriotismus meiner Mutter entwickelte sich unter den komplexen Bedingungen der kommunistischen Realität. Es war keine Zeit für Helden, und die Liebe zum Vaterland führte damals das Leben eines Bastards. Auf der einen Seite impfte die damalige Propaganda, gewissermaßen entgegen den starren Grenzen der Staaten und politischen Blöcke, den Menschen die Überzeugung ein, nationale Identität sei ein bourgeoises Relikt, gut für die Bevölkerung des modrigen Westens. Im Kommunismus, ja, da gab es Proletarier, unabhängig von Hautfarbe, Sprache oder Herkunft!

    Ethnischer Nationalismus trotz Kommunismus

    Auf der anderen Seite gründeten die Kommunisten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf den Ruinen des multikulturellen und multireligiösen polnischen Zwischenkriegsstaates ein beinahe völlig monolithisches System. Neue Grenzen wurden gezogen und ethnische Säuberungen durchgeführt. Ein emanzipiertes Bildungsprogramm, das gesellschaftlichen Aufstieg und Geschlechtergleichstellung propagierte, ging einher mit Vereinheitlichungsmaßnahmen zum Ziel der Nivellierung von Regionalismen. Das betraf die polnische Sprache, den Literaturkanon und das Geschichtsbild.

    Entgegen dem Anschein war die Volksrepublik Polen ein Nationalstaat. Die Regierung in Warschau propagierte ein Bildungsmodell, dessen Achse das polnische Volk war. Der beliebte Ausdruck ,Brüdervölker‘ unterstrich zwar den internationalistischen Charakter der kommunistischen Staatengemeinschaft, aber de facto berief er sich auf ein Völker-Konzept im ethnischen Sinne (jedenfalls in Polen war das durch und durch der Fall).

    Interessanterweise akzentuierte die Volksrepublik in ihrem Gründungsmythos das mittelalterliche Polen unter seiner ersten Herrscherdynastie der Piasten und inszenierte sich in ihrer propagandistischen Vereinfachung als Nachfolger dieses feudalen Staates, dessen Grenzverlauf dem des kommunistischen Polen sehr ähnlich war. Kritisch positionierte man sich aber gegenüber der zwischen dem Schwarzen Meer und dem Baltikum ausgedehnten polnisch-litauischen Republik beider Nationen, jenem multikulturellen Föderalstaat, dessen Blütezeit ins sechzehnte und frühe siebzehnte Jahrhundert fiel. Bezeichnend ist, dass auch nationalistische Strömungen – sowohl vor dem Zweiten Weltkrieg als auch heute – sich auf den Mythos der polnischen Piasten berufen.

    Zurück zu meiner Mutter: Wie sähe ihr erträumter Patriot aus, erwachsen aus der Zeit des dekadenten Spätkommunismus? Es wäre eben jener ,Weltbürger‘. Ein Mensch, der sich der Komplexität seines Landes samt dessen Vergangenheit bewusst ist. Der in der Sprache seines Vaterlandes verwurzelt ist, aber auch noch einige andere beherrscht. Ein Mensch, der im Einklang mit der arabischen Reiseliteratur (über die meine Eltern nur wenig wussten; in der Erziehung ihrer Kinder ließen sie sich eher von jenem Herzen leiten, von dem Breakout sang) die Distanz zu ,dem Anderen‘ nicht als unüberwindbaren Unterschied aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Konfession wahrnimmt, sondern als individuelle, zufällige Eigenschaft. Es lohne sich, diese Distanz zu verringern, auch wenn das gelegentlich eine gewaltige Herausforderung sein mag.

    Natürlich ist der Patriot meiner Mutter eine Utopie. Aber er ist die Verkörperung einer bunten und heiteren Utopie. Meine Mutter glaubte daran, dass nach 1989, in einer globalisierten Welt, ihre Zeit anbrechen würde.

    Scham

    Leider ist heute in Polen eine andere Utopie verbreitet. Sie erhebt sich über individuelle Erfahrungen (solche, wie zum Beispiel in meiner Familie) und zwingt in ihren totalitären Bestrebungen den Bürgern die einzig richtige Identität auf: die nationale. Ich bezweifle, dass sie den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Ich glaube nicht daran, dass die von mir beschriebenen Elemente aus meinen Familienerinnerungen irgendeine rare Randerscheinung polnischer Erfahrungen sind. Im Gegenteil: Ich wage zu behaupten, dass die Mehrheit der Bürger meines Landes von einer freien und farbenfrohen Welt träumt, wie jene an der Wand in meinem Kinderzimmer, ohne Mauern und Stacheldrahtzäune (um es in der Sprache der Gegenwart auszudrücken: von einer Welt der schwindenden Grenzen).

    Also was geschieht hier? Unsere eigenen gesellschaftlich-politischen Eliten berauben uns unserer Träume. Wie in einer grässlichen Matrix erfolgt eine Reaktivierung politischer Fiktion, also einer Nation als ethnischer Gemeinschaft mit einem auf ihr beruhenden Staat. Damit verbunden ist eine konsequente politische Sprache, ein entsprechendes Bildungsmodell und eine dazugehörige Kulturpolitik.

    Das romantische Konzept des Staates als Emanation der vitalen Kräfte eines ethnischen Volkes wird heute nicht nur in Polen, sondern auch in anderen Ländern Ost- und Zentraleuropas revitalisiert. Im Rahmen eines vereinheitlichenden, nationalen Wahns wahrhaftig revolutionärer Bestrebungen, erodiert die Sprache der Debatten im öffentlichen Raum. Sie wird zu einer Sprache der Konfrontation, in der unmittelbare Gewalt zu einem angebrachten Werkzeug zur Konfliktlösung avanciert. In der von Zerrissenheit gebeutelten EU gibt eine solche Strategie ein trügerisches Gefühl von Sicherheit und garantiert einen schnellen Wahlerfolg.

    Leider ist das ein riskantes Spiel. Wie die Erfahrungen des Totalitarismus aus dem zwanzigsten Jahrhundert zeigen, ist die menschliche Natur nicht unschuldig. Wenn es eine Zustimmung zu Gewalt gibt und der Staatsapparat sie gutheißt, nutzen die Menschen dies aus – unabhängig von ihrer Abstammung, Religion und davon, wo auf der Weltkarte sie leben. In den Kasematten der Gestapo wurden die Häftlinge nicht nur von bestialischen Polizisten gefoltert, sondern auch von Stenotypistinnen aus dem Stadtamt. Zufällig dazu abgeordnet, Verhöre zu protokollieren, standen die Frauen, von der staatlichen Gutheißung ermutigt, von ihrem Schreibtischplatz auf und traten auf die gefolterten, sich vor Schmerzen windenden Opfer ein.

    Ich sage es ohne Umschweife: Ich schäme mich für die destruktiven Machenschaften der Eliten meines eigenen Landes.

    Nämlich anstatt für Polen in der globalisierten Welt einen guten Platz zu finden (und Weltbürger heranreifen zu lassen, wie meine Mutter es sagen würde), stacheln viele unserer Politiker Ängste und Unsicherheiten an. Der Fiktion einer ethnischen Nation werden weitere beigemengt, wie zum Beispiel der Isolationismus, also die Notwendigkeit, die Grenzen zu schließen – aufgrund der Gefährdung der ,Unseren‘ durch die ,Fremden‘.

    Zynische Debatte um Flüchtlinge

    Erschütternd ist, dass sich sowohl in den Mainstream-Medien als auch unter den Politikern selbst, sogar auf allerhöchster Ebene, Zyniker eingenistet haben. Nichts zeigt das so deutlich wie die Debatte um Flüchtlinge in Polen: „Glaubst du denn, irgendjemand hätte sich einfach so für die Sache interessiert?“, sagte mir einer der einflussreichsten Redakteure einer großen polnischen Tageszeitung. „Wir wissen alle, dass es unmöglich ist, die Grenzen zu schließen, egal ob in Polen oder in Griechenland. Und diese paar Tausend Flüchtlinge, die Warschau in Brüssel aufzunehmen versprochen hat, die sind doch nur wie ein Tropfen im Ozean. Niemand würde sie wahrnehmen. Wir waren es, die aus ihnen ein Thema gemacht haben. Und jetzt gibt es etwas, worüber wir schreiben können.“

    Derselbe Redakteur regt sich über Hasskommentare der Internetuser auf. Er ruft zur Beachtung der christlichen Werte von Toleranz und Nächstenliebe auf. Gleichzeitig labt sich seine Zeitung an der Angst der wohlhabenden Polen, die (nebenbei bemerkt nicht ohne die Teilnahme der Medien, die jener Redakteur mitgeprägt hat) Panik schieben. Panik, dass sie vielleicht ein kleines bisschen zusammenrücken und das, was sie haben, teilen müssen. Doch in ihrem eigenen, besten Interesse: Sicherlich muss man hier nicht extra darauf hinweisen, dass Polen, ähnlich wie andere europäische Länder, nicht nur ausreichend Möglichkeiten hat, Flüchtlinge oder gar eine große Gruppe von Migranten aufzunehmen, sondern dringend Menschen braucht, die hier leben und arbeiten – die ein Teil von uns werden.

    Leider sind einmal erweckte Ängste, je länger sie einen Nährboden haben um so widerstandsfähiger gegen rationale Argumente.

    Polnische Mythen und die Realität der Flüchtlinge

    Mit einer kleinen Stimmenmehrheit gewann im Mai 2015 in Polen der Kandidat der derzeit regierenden national-konservativen Partei die Präsidentschaftswahlen. Einige Monate später, im Herbst, erlangte besagte Partei die Mehrheit der Mandate im Parlament und konnte allein regieren. Eine prägnante Aussage des neuen Außenministers zum Thema Flüchtlinge fügt sich ein in die von der neuen Regierung propagierte Geschichtsschreibung mit nationalem Profil. „Können wir uns folgende Situation vorstellen“, sagte Waszczykowski im Gespräch mit dem Infokanal des polnischen öffentlichen Fernsehens kurz vor seinem Antritt des Ministeramtes, „wir senden unsere Armee aus, um für Syrien zu kämpfen, während einige Hunderttausend Syrer in Berlin in der Straße Unter den Linden Kaffee trinken und dabei zusehen, wie wir um ihre Sicherheit kämpfen?“

    Der Minister wies darauf hin, dass die jungen Syrer, die in Schlauchbooten nach Europa kommen, nicht „nach Wasser, Essen und Kleidung fragen, sondern danach, wo sie ihr Handy aufladen können“.

    Er behauptete, die Polen könnten auf eine Tradition des Kampfes für die Unabhängigkeit zurückgreifen und insbesondere auf eine Tradition, ihre Armee im Exil zu formieren, um für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen. Dies sei ein gutes Beispiel, das es nachzuahmen lohne.

    Die Aussagen des Ministers kann man folgendermaßen zusammenfassen: Wenn in deinem Land Krieg herrscht, dann solltest du nicht fliehen, sondern kämpfen. Insbesondere, wenn du ein junger Mann bist. Aber ganz sicher nicht in der Emigration auf der faulen Haut liegen. Ganz zu schweigen von der Frage, was du denn überhaupt für ein Flüchtling bist, wenn du dir ein Smartphone leisten kannst! Waszczykowski deutet an, dass es sich hierbei ganz und gar nicht um Flüchtlinge handelt, sondern diese Menschen unberechtigt Asyl verlangen, ihren Vermögensstand verschleiern und oben drauf noch keine Liebe für ihr Land empfinden.

    Es ist nicht mal die Geschichte seines Landes, die der Minister auf diese Menschen projiziert, sondern eine manipulierte, nationalistisch-militaristische Vision dieser Geschichte. Neben der totalitarisierenden Annahme einer Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft (das Vaterland in Not), der Propagierung von Gewalt als effektives Mittel im politischen Kampf (wenn sie in den Krieg zögen, würden sie den Feind besiegen und das Land befreien) und sexuellem Chauvinismus (die Rolle junger Männer ist der Kampf), ist ein weiteres Element jene romantische Vorstellung der Geschichte als eine Domäne von Helden, die durch ihre Taten und persönliche Aufopferung den Lauf der Dinge ändern.

    Was für eine Heuchelei, insbesondere aus dem Mund eines polnischen Ministers! Die Erfahrungen der Polen im zwanzigsten Jahrhundert, aber auch die Teilungszeit davor, über die der Herr Minister schließlich sehr gut Bescheid weiß, sind ein Beispiel für den genau entgegengesetzten Lauf der Geschichte: Nicht eine einzige isolierte, militärische Auflehnung der Polen, egal ob im Land oder außerhalb initiiert, hat eine Befreiung, das Ende der Besatzung oder gar irgendeinen entscheidenden Sieg herbeigeführt.

    Entgegen der leeren Worte des Ministers samt seiner verlogenen historischen Narration hat Polen eine lange Tradition, nicht zuletzt eine literarische, in der auch die zivile Perspektive eine Stimme erhält. Ist der Mensch als Individuum großer Geschichte ausgesetzt, so reißt sie seinen Alltag förmlich in Stücke und treibt ihn in bedrückende Enge. An erster Stelle steht dann nicht der Kampf gegen den Feind, sondern der Versuch, ein normales Leben zu führen – allem zum Trotz.

    Ich möchte zwei literarische Beispiele anführen, die es meiner Meinung nach erlauben, ein anderes Polen wahrzunehmen als das, welches von der gegenwärtigen Regierung propagiert wird. Es ist ein offenes Polen, das auch meiner Familiengeschichte viel näher steht. Und – ganz nebenbei bemerkt – ist es ein Polen, mit dem durch die Schullektüre fast jeder Schüler in Berührung kommt. Vielleicht ist dies also ein Polen, das sich den Ideen des Ministers entgegenstellt?

    Die Matrix der Großen Geschichte oder die Matrix des Beines?

    Im Jahre 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, begab sich Witold Gombrowicz, einer der bedeutendsten polnischen Romanschriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, als Journalist auf eine Reise nach Südamerika. Als kurz darauf Hitler in Polen einfiel, beschloss er, nicht zurückzukehren. Er blieb in Argentinien. Der völlig mittellose und des Spanischen nicht mächtige Flüchtling fand sich in schrecklicher Armut wieder. Seine literarische Karriere musste er gewissermaßen wieder von Null an aufbauen.

    In seinen Texten widmete Gombrowicz den Themen Polentum, Patriotismus und Geschichte viel Platz. Sein erster berühmter Roman mit dem Titel Ferdydurke (er wurde unter anderem ins Englische und Deutsche übersetzt) erscheint derzeit auch auf Arabisch. Obwohl nationale Themen in ihm keine so große Rolle spielen wie zum Beispiel in Trans-Atlantik und Pornographie, beziehe ich mich auf eben diesen Text.

    Pikanterie wird dieser meiner Entscheidung dadurch verliehen, dass im Jahre 2007, als die auch gegenwärtig wieder in Polen regierende Partei an der Macht war, Ferdydurke aus dem Kanon der Schullektüre gestrichen wurde. Und obwohl es später wieder auf die Liste gesetzt wurde, so sind doch die verächtlichen Worte des damaligen Bildungsministers bezeichnend, die er über Grombrowicz äußerte (übrigens nicht unähnlich der Logik Waszczykowskis!): Er sei ein Mann, der sich „im Jahre 1939 vor dem Wehrdienst drückte und auf der Suche nach Abenteuern nach Argentinien reiste“.

    Wovon erzählt Gombrowicz? Sein Ich-Erzähler ist der knapp über dreißigjährige Jozio. Eines Morgens wacht Jozio auf und stellt fest, dass er wieder ein Jugendlicher ist. Sein altmodischer und apodiktischer Lehrer, der sich gleichzeitig als komplexbeladener, unsicherer alter Mann herausstellt, drängt den Protagonisten in die Rolle des Schülers hinein. Zwar ist sich Jozio bewusst, dass er erwachsen ist, aber doch schafft er es nicht, sich dem gesellschaftlichen Druck entgegenzustellen: Solange ihn seine Umgebung als Schüler wahrnimmt, verhält er sich nicht nur wie einer, sondern nimmt sich auch selbst als ein solcher wahr.

    In einer Schlüsselszene von Ferdydurke schreibt Gombrowicz über den „Patriotismus des Beines”. Der Lehrer begleitet Jozio in eine Pension, wo der Junge wohnen soll. Die Gäste treffen die Hausherren nicht an, im Vorraum empfängt sie die sechzehnjährige Tochter der Gastgeber. Zwischen den Protagonisten entspannt sich ein stillschweigendes Spiel: Der bejahrte Lehrer labt sich heimlich am Anblick der Beine des Mädchens, und provoziert Jozio (oder vielleicht gibt er nur vor, ihn zu provozieren), sich für sie zu interessieren. Indessen spürt Jozio, dass wenn er der Provokation seines Lehrers unterliegt (oder dem Reiz der Beine des Mädchens), er sich nie wieder aus der Rolle des Jugendlichen befreien können wird. Die Anstrengungen des Lehrers nehmen groteske Gestalt an. Der Flirt der Jugendlichen (oder vielleicht der Alten?) schafft eine eigentümliche Verbindung, den „Patriotismus des Beines“. Die Wahrheit ist die: Jeglicher Matrix des Paukers zum Trotz, fühlt sich Jozio (und wie sich zeigt, auch sein Lehrer) eben nicht von den Helden der Großen Geschichte der ,Erwachsenen‘ angezogen, sondern von der ,Unreife‘, mit der das Mädchen reizvoll kokettiert. Jener „Patriotismus des Beines” ist übernational und ahistorisch: Wir alle sind Menschen – und haben Beine!

    An anderer Stelle geht der Autor von Ferdydurke einen Schritt weiter. Er erwähnt, dass nicht nur kleine Jungs Katzen ertränken und Vögelchen quälen, sondern auch ausgewachsene Jungs gerne zur Gewalt greifen. Wozu? Um ihre Unreife und die Komplexität der Welt zu vertuschen, die sich den vereinheitlichten, ideologisierten Bestrebungen des vermeintlichen Erwachsenseins entwindet. „Hat nicht deshalb Trotzki gefoltert? Und Torquemada?”, fragt Gombrowicz rhetorisch. Und was sagt unser Herr Minister dazu?

    Junge Männer

    Miron Białoszewski, ein anderer bedeutender polnischer Prosaiker und Dichter des zwanzigsten Jahrhundert, durchlebte den Zweiten Weltkrieg in Polen. Sein Buch Nur das was war: Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand wurde in den Kanon der Schullektüre aufgenommen.

    Zur Erinnerung: Der Warschauer Aufstand war der knapp über zwei Monate lang andauernde Versuch, die Hauptstadt Polens von der Besatzung Hitlers zu befreien. Er brach am 1. August 1944 aus. Die polnische Widerstandsbewegung zählte darauf, dass sie den sich zurückziehenden Feind besiegen würde.

    Der Aufstand endete mit einer militärischen und politischen Niederlage. Ihr Preis war von exorbitanter Höhe: Es starb fast eine Viertelmillion Menschen. Ein großer Teil Warschaus wurde zerstört, Hunderttausende Zivilisten gelangten in Gefangenschaft. Białoszewski war einer von ihnen. Hätte der heute bereits verstorbene Autor (damals war er ein junger Mann im Alter von 22 Jahren) vorhersehen können, dass Ausschnitte aus seinen Erinnerungen sich so ausgezeichnet in die gegenwärtige polnische Debatte über Flüchtlinge einfügen?

    Als die Deutschen in den ersten Tagen des Aufstandes einzelne Bereiche Warschaus isolierten und so den Widerstand in einem Stadtteil nach dem anderen erstickten, nahm die Lage der Zivilbevölkerung dramatische Ausmaße an. Es fehlte an Wasser, Nahrung, an Verbandsmaterial für die Verwundeten. Sich in den Kellern zu verstecken, konnte das Überleben nicht sichern: Der Beschuss vom Boden und aus der Luft war zu stark. Hinzu kam, dass die Deutschen, sobald sie ein Gebäude eingenommen hatten, die Bewohner hinauszerrten und sie oft noch an Ort und Stelle erschossen.

    In dieser Situation versuchten einige, ihr Leben zu retten, indem sie durch die Abwasserkanäle in ruhigere Teile der Stadt flüchteten. Białoszewski erinnert sich folgendermaßen daran: „[Wir alle hatten] das Einstiegsloch zum hiesigen Kanal […] sehr genau betrachtet, in Erwägung gezogen, auf die Möglichkeiten geprüft, besprochen und umringt […], besonders die Männer, denn wir hatten die größte Angst – und vor allem die jungen. Denn die Ersten, die sie erschossen – das waren die jungen [Männer]. […] Nur weg von hier! Nur die Frauen würden zurückbleiben, und die hatten es immer leichter.”

    Der Warschauer Aufstand ging in die Annalen der Großen Geschichte ein. Der Herr Minister und seine Mitstreiter berufen sich gern auf dieses Ereignis als Beispiel patriotischer Gesinnung. Schon der am Aufstand teilnehmende Białoszewski wusste, dass er ein Teil jener Großen Geschichte ist. Doch half ihm das irgendwie? „Nur dass dieses Wissen nichts so Großartiges war. […] Unsere Könige hatten uns nicht vor Unglück behütet. Und wir behüteten unsere Könige nicht. Und das, was nach ihnen kam. Das alles. Das alles”, kommentiert er das Drama der zerstörten Stadt. Hat Minister Waszczykowski das etwa vergessen?

    Wir lassen uns nicht zum Narren halten

    Als ich mich hinsetzte, um diesen Text zu schreiben, spürte ich Widerwillen. Ich war gerade erst von einer mehrwöchigen Reise aus Thailand zurückgekehrt. Obwohl Südostasien auch seine Probleme hat, spürte ich vom ersten Tag der Reise an, dass ich freier atmen konnte. Ich ließ die stickige Atmosphäre der europäisch-mediterranen Welt hinter mir. Beinahe vergaß ich die verkniffenen Minen der polnischen (und anderer europäischer) Politiker, die uns zu einem imaginären Kampf zur Verteidigung unserer Grenzen und künstlicher Identitäten anstacheln.

    Auf dem Rückflug von Bangkok nach Warschau schaute ich mir einen Spielfilm über einen Boxer an. Der Sportler lernte, wie man die linke Schulter hebt und mit dem angewinkelten Arm seinen Kopf schützt, um gleichzeitig bereit zu sein, mit der rechten Faust treffsichere Schläge auszuführen. Als ich mich hinsetzte, um diesen Text zu schreiben, verhielt sich mein Körper genauso: angespannte Schultern, eine Haltung bereit zum (Gegen-)Angriff. Ich fühlte mich, als befände ich mich nach meiner Rückkehr von der Reise in einer feindlichen Umgebung, die zunehmend versucht, aus mir einen Erben der so genannten Großen Geschichte und einen zum Gefecht bereiten Sohn des Volkes zu machen.

    Bevor ich also mit dem Schreiben begann, musste ich die Anspannung abbauen. Klar, ich hätte einfach über Statistiken schreiben können, darüber, dass mehr als vierzig Prozent der Polen dafür sind, Flüchtlingen Zuflucht zu erteilen, wenn diese Zahl im letzten Jahr auch etwas kleiner geworden ist. Ich hätte auch über die polnische katholische Kirche schreiben können, die sich in letzter Zeit bei mehreren Anlässen als Befürworter der Hilfe für Flüchtlinge erwiesen hat. Aber auch darüber, dass es derzeit keine politische Partei gibt, die sich für eine Öffnung Polens gegenüber Migranten einsetzt; darüber, dass man Flüchtlinge in aller Öffentlichkeit aufs Schlimmste beschimpfen darf, und sich kaum jemand daran stört. Und dann hätte ich ausführen können, dass all dies aus der Teilungszeit im neunzehnten Jahrhundert und den daraus resultierenden Emigrationswellen der Polen entstanden ist, mit den verlorenen Aufständen, den Irrwegen des Kommunismus und der Zeit nach 1989. Oder ganz im Gegenteil: dass es eben NICHT daraus entstanden ist … Genau, die ganze Zeit über fühlte ich: Es wären nur noch weitere leere Worte, das ist es nicht, das kann es nicht sein! Meine Hände blieben verkrampft, es war unmöglich, zu schreiben.

    Und plötzlich, heureka! Ich erinnerte mich an damals, „als ich ein kleiner Junge war”, an meine Schullektüre, an Białoszewski und Gombrowicz. Ich spürte, wie sich meine Muskeln entspannten und wie auf meine Lippen das weltbejahende Lächeln meiner thailändischen Freunde zurückkehrte. Es erschien meine auf ihr Herz hörende, hocherfreute Mutter (der Weltbürger ist für eine Weile in seine Heimatstadt zurückgekehrt): Es lebe die farbenfrohe und heitere Utopie! Und da dachte ich mir, die Sache ist doch ganz einfach: Jemand schraubt an der Matrix rum. Um mit Gombrowicz zu sprechen, wir werden in eine Form gepresst, die weder eine historische Erfahrung polnischer Familien ist noch unserer gesellschaftlich-kulturellen Prägung entspricht. Diese Form ist nichts als eine Leere.

    Nein, ich bin nicht naiv. Ich bin mir des Risikos bewusst, dass Minister Waszczykowski und Seinesgleichen Erfolg haben könnten mit ihrem Herumgeschraube und den leeren Worten. Aber diesen Spaß gönne ich ihnen nicht.

    Und so schreibe ich meine Worte gegen all die verkniffenen Minen – mit einem Lächeln auf den Lippen: Die Leere liegt zwar auf dem Weg, doch sie bleibt auf der Strecke. So will ich hoffen. Und damit genug!
    Stanisław Strasburger ist ein polnischer Schriftsteller und Publizist. Zuletzt erschien von ihm die Sachbuchfiktion Besessenheit.Libanon, 2015 in Polen und 2016 in Deutschland. Sein polnischer Roman Handlarz wspomnień (Der Geschichtenhändler) wurde auch ins Arabische übersetzt (Beirut, 2014). Darüber hinaus organisiert er u. a. Projekte in den Bereichen Kunst und Erinnerungskultur zwischen Polen, Deutschland und Libanon.

    Übersetzung: Simone Falk

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016
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