Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Flüchtlinge sind wir alle
    Wie die Deutschen und andere mit ihrem Displacement umgehen – oder nicht

    Die Bereitschaft der Deutschen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als andere Europäer, hängt auch mit der deutschen Geschichte zusammen: Denn viele Deutsche wurden nach dem Krieg aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben. Allerdings scheuten sich die Deutschen lange, sich mit diesem Teil ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Unsere Autorin schildert die tragische Geschichte ihrer Familie und zieht lehrreiche Parallelen zur Gegenwart.

    Seit meiner Kindheit begleiten mich innere Bilder von Flüchtlingen, die unsere Städte stürmen. Horden. Barbaren. Die alles zerstören, was wir nach dem Krieg an Zivilisation, an Kultur wiederaufgebaut und gerettet haben.

    Diese Massen der Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen, sind mein real gewordener Albtraum. Sie machen mir Angst wie vielen. Ich fühle mich bedroht, existenziell, praktisch, ökonomisch. Ich habe Angst davor, dass diese Fremden mir das Wenige, was ich habe, wegnehmen und mich vertreiben könnten.

    Welchem emotionalen Bodensatz entstammen diese Ängste, die, angesichts der ganz konkreten Herausforderung, ja Überforderung, die der Ansturm der Flüchtlinge an uns stellt, so viel Emotionales, Ungefiltertes preisgeben? In der deutschen Provinz, aus der ich stamme, gab es keine Ausländer. Die Fremden waren wir selber, meine Eltern, Großeltern, die aus dem Osten kamen. Flüchtlinge, zeitlebens.

    Bruchstücke von Erzählungen

    Damals. Ich erinnere mich an die Fabrik meines Vaters, die Bruchstücke eines Familienbetriebs, der eigentlich im Osten lag, enteignet worden war und von ihm und meinem Großvater im Westen wiederaufgebaut wurde, bis die Firmenneugründung Konkurs anmelden musste. Ich erinnere mich an eine großbürgerliche Welt, die nur noch in Bruchstücken, auf Familienfotos und in ein paar Möbeln hinübergerettet wurde, aber als Ganzes vernichtet war – unwiderruflich. Ich erinnere mich, dass diese Welt mitunter fragmentarisch sichtbar wurde, auch ihre Schattenseiten, etwa, wenn mein Großvater spätabends, unter dem Einfluss von einem Glas Wein, einwarf, dass in der Nazizeit doch nicht alles schlecht war und unter Hitler Autobahnen gebaut wurden. Dass es aufwärts ging – anfangs.

    Ich erinnere mich aber auch an unterdrücktes Schluchzen, an Bruchstücke von Erzählungen, von Bomben auf Dresden, Massakern an Juden, von jüdischen Vertretern in der Firma, die dank des stillen Wirkens meines Großvaters gerettet wurden. Aber diese Erzählungen blieben abgerissen, Fetzen. Und zwar nicht nur deshalb, weil der erzählende Großvater nicht imstande war, Kohärentes zu vermitteln, sondern auch, weil die Worte auf wenig Gegenliebe stießen. Es galt, eine heile Welt zu schaffen, innerhalb einer am Kaffeetisch der Großeltern für ein paar sonntägliche Stunden zusammengeschmiedeten Familie. Alles, was Anlass zu Streit, Zerwürfnissen und Trauer hätte geben können, wurde im Keim erstickt.

    In dieser Welt von im Osten enteigneten Fabrikanten, Flüchtlingen, die zu stolz waren, staatliche Hilfen zu erbitten, die aus eigener Kraft einen Neuanfang im Westen versuchten, der indes schnell scheiterte, gab es keinen Platz für eine zusammenhängende Erzählung, keine Beschreibung der Gefühle, die durch das ausgelöst wurden, was Enteignung, Flucht, Vertreibung mit der Familie gemacht hatten. Es gab auch keinen Platz für die damit verbundenen Emotionen, Wut, Angst, Verzweiflung.

    Der Überlebenskampf erstickte das Emotionale. Die gemeinsame, oftmals verbissene Anstrengung, es doch noch einmal zu schaffen. Wir krempeln die Ärmel hoch. Weiter.

    Erstes Treffen der Eltern

    1949. Nachkriegsberlin, damals noch nicht in zwei Hälften getrennt, dafür alles noch voller Trümmer. Ein reicher Onkel arrangierte das erste Rendezvous meiner Eltern: Mein Vater, Karl Lehmann, gerade aus vierjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, impotent, gebrochen, dennoch voller Tatendrang und Hoffnung, ausstaffiert in seinen besten Anzug mit großem Hut, traf meine einundzwanzigjähre Mutter, Alleinbesitzerin eines mittelständischen Unternehmens in Thüringen mit Namen Tabarz, bei einem Berliner Couturier. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte kindlich: Ich bin der Karli. Sie verlobten sich.

    Karl Lehmann, ausgestattet mit Sportwagen und einer großzügigen Apanage, studierte in Krefeld Textilingenieurwesen, um später das Gummiwerk zu übernehmen. Zudem sollte er noch eine Kette von Textilgeschäften leiten, die der reiche Onkel, der keine Erben hatte, an der Zonengrenze errichtet hatte.

    Bald, wenn Deutschland wieder vereint ist, wird uns der halbe Osten gehören – so war der Plan des Onkels, der die beiden zukünftigen Erben zusammenbrachte. Doch 1953 führte das Finanzministerium Berlin eine Betriebsprüfung durch, fand angebliche Verstöße gegen die Wirtschaftsgesetze der DDR und drohte mit einer Durchsuchung durch die Wirtschaftskommission. Meine Mutter floh mit einem Koffer voll Familiensilber und Dokumenten über den Berliner Anhalter Bahnhof.

    Wir schaffen das! Wir lassen uns nicht unterkriegen!

    Alle taten so, als habe es den Krieg nicht gegeben und als könne man die großbürgerliche Vergangenheit des Vorkriegs in die bundesrepublikanische Nachkriegsgegenwart hinüberretten.

    Gemeinsam mit seinem Vater baute Karl Lehmann in den nächsten Jahren im westfälischen Dorsten die in Sachsen gleich nach dem Krieg enteignete Kofferfabrik wieder auf. Doch 1966 musste die Firma Konkurs anmelden.

    Hinter den wiederaufgebauten Fassaden des deutschen Wirtschaftswunders lebten die Traumata des Krieges, Ängste und Schuldgefühle weiter. Meine Eltern waren eher Getriebene als Agierende. Hysterie, Tränen, dein Vater ist ein Versager, wir müssen uns trennen – ich erinnere mich an dramatische Szenen, die sich in meiner Kindheit vor mir abspielten, ohne dass ich imstande war, die Hintergründe zu begreifen. Meine Eltern unternahmen auch nichts, um mir etwas zu erklären. Ihnen selbst fehlten die Worte. Die übermächtigen Kräfte, die sie von außen erlebten, richteten sich als mütterliche Gewalt gegen mich. Mein Vater sah zu. Seine Aggressionen brachen sich in Wutausbrüchen Bahn. Schuld waren immer die Anderen: die Eltern, die Brüder, Geschäftspartner, Kunden, Banken. Wut und Enttäuschung richteten meine Eltern aber auch selbstzerstörerisch gegen sich selber. Eines Abends nahm mich meine Mutter zu sich ins Ehebett, morgens lag sie reglos neben mir. Mein Geschrei hatte wohl die Nachbarn alarmiert. Ich erinnere mich an Tücher, einen Krankenwagen und Sanitäter, die meine Mutter auf einer Bahre hinaustrugen. Ein Selbstmordversuch zu dritt in der Garage wurde abgebrochen.

    Später wurde niemals darüber gesprochen.

    Wir schaffen das. Es war eine Selbstüberschätzung auch der eigenen Kräfte, Möglichkeiten.

    Vergangenheitsbewältigung nur an der Oberfläche

    Deutschland wäre ein anderes Land geworden, wenn jenseits der offiziellen Vergangenheitsbewältigung eine emotionale Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stattgefunden hätte. Es wäre einerseits wärmer und andererseits rationaler. Allen Behauptungen zum Trotz, wir hätten in so vorbildlicher Weise die Vergangenheit bewältigt, ist dagegen zu sagen: Die Schuld der Nazis, unserer Väter, Großväter lastet noch immer auf unseren Schultern. Das bestimmt unsere Reflexe, auch in der Flüchtlingsfrage. Wir Deutschen sind Extremisten – im Guten wie im Schlechten.

    Die gleichen Reflexe, die gleichen Muster, die ich aus meiner Nachkriegskindheit kenne, begegnen einem auch heute, in der Flüchtlingsdebatte. Die gleiche Betriebsamkeit, der gleiche Aktionismus. Wir schaffen das. Augen zu und durch! Wir packen es. Es geht nach vorne. Weiter. Der ganzen Welt ein Beispiel. Diese Durchhalteparolen klingen zwanghaft. Sie wiederholen jene Muster, die schon die bundesrepublikanische Aufbauanstrengung begleiteten. 

    Aber diesmal, so meine Sorge, werden sie die Menschen in Deutschland nicht erreichen. Sie werden auch von der übrigen Welt, entgegen den medialen Durchhalteparolen, keineswegs als nachahmenswert wahrgenommen. Im Gegenteil, sie rufen Abwehr hervor, und zwar nicht nur bei der einheimischen Bevölkerung, sondern auch bei anderen Nationen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Deutschen mit den Flüchtlingen auch jenem Teil unserer Historie begegnen, den wir emotional, in den Tiefenschichten unserer Gefühle, nie als Teil von uns begriffen, sondern stets abgewehrt haben.

    Ein Volk, das sich hinter einen Führer scharte, Hitler, der zu Rassereinheit und Weltherrschaft aufrief. Und das ihm Gefolgschaft schwor noch in jenen Stunden, als der Kollaps dieser Idee die größte Völkerwanderung der Geschichte auslöste, nämlich die Vertreibung der Deutschen und anderer Völker. Auch das sind wir – Selbstvernichtung, Selbstauslöschung. Wir sind diesen Weg gegangen, bis zum bitteren Ende. Warum? Emotional haben wir uns diesen Fragen verweigert, weil wir die Antwort – unsere Fratze im Spiegel – nicht ertragen.

    Neue Barrieren: Ukraine

    Neulich reiste ich durch die Ostukraine. Es war eine Reise zu Orten der Zerstörung, von Flucht und Vertreibung. Ich war den Weg der Flüchtlinge zurückgegangen – an jene Stätten, die ihnen Heimat waren und die sie nun gezwungen waren zu verlassen. Ich kämpfte mich durch Checkpoints hindurch, an Auto- und Menschenschlangen vorbei. Mehrere Tage hielt ich mich in Donezk auf, im Gebiet der Separatisten, wo eine Junta die verängstigte Bevölkerung brutal im Griff hält. Ich schlug mich auf beide Seiten der Front durch. Getrieben von der Frage, wie Gewalt entsteht, aus welchen Abgründen, und was sie anrichtet mit den Menschen. Ebenso wollte ich wissen, was Flucht bedeutet auch für uns, die wir derzeit, Tag für Tag, so viele Flüchtlinge aufnehmen. Gebrochene, Verstörte, mit schwierigen Biografien. Können wir eigentlich helfen?, fragte ich mich immer wieder. Sind wir überhaupt dazu imstande?

    In Donezk, im Gebiet der von der Ukraine abgespaltenen Separatisten, traf ich Swetlana. Sie sah für sich und ihre Familie keine Perspektive mehr. Ihr Mann arbeitete in Konstantinowka, auf der ukrainischen Seite, und sie hatten dort in einer kleinen Mietwohnung bereits Zuflucht gefunden. Nun war sie ein letztes Mal nach Donezk zurückgekommen, um in ihrem Haus Wasser und Strom abzustellen. Swetlana wusste, sie würde nicht mehr zurückkehren.

    Swetlana: Eine Frau in mittleren Jahren, in Donezk geboren, die sich zeitlebens nie um Politik gekümmert hatte. Eine Mutter, die nur für ihr kleines Haus, ihre Familie gelebt hatte. Ihr Haus war nichts Besonderes, ein einstöckiger, grauer Flachbau aus den vierziger Jahren, preiswert erworben, den sie und ihr Mann in den letzten fünfzehn Jahren Stück für Stück instand gesetzt hatten, wohnlich gemacht, zurechtgeschnitten auf die Bedürfnisse der Familie.

    Swetlana weinte oft. Früher, sagte sie, waren sie, die Donezker, eine Einheit. Jetzt gab es zwischen ihr und der Nachbarin bereits eine Mauer. Sie trennte die, die geflohen waren, von denen, die zurückblieben, die die Bombardierung der Stadt erlebt hatten, Tote und Verwundete sahen und dem Terror weiterhin ausgesetzt blieben.

    Ich verstand auf einmal, was meine junge Mutter durchgemacht hatte, als sie, wie wenn es nur auf eine kurze Reise ginge, mit einem Koffer in der Hand ihre Villa und die Fabrik verließ. Damals. Ich verstand den Schmerz und das Schweigen darüber. Ich verstand, was Flucht bedeutet. Ich verstand in diesem Moment auch, warum die Vergangenheit meine Eltern nicht losgelassen hatte.

    Das Glaskugelidyll der Heimat zerplatzt an der Realität

    Meine Eltern hatten ihr früheres Leben zum Glaskugelidyll verklärt und im Regal abgestellt. Die deutsche Vereinigung gab ihnen die Chance, in die Heimat zurückzukehren. Sie rannten zurück in die Heimat und sahen, dass der künstliche Schnee hinter dem Glas der Kugel in der Wirklichkeit kalt war.

    Nach dreijährigem Papierkrieg mit der Treuhand, die die staatseigenen Betriebe der DDR abwickelte, bekam meine Mutter ihr zerfallenes Wohnhaus und die stillgelegte Fabrik zurück.

    Der erste Gang über das 20 000 Quadratmeter große Gelände führte durch Ruinen. Allein der Abriss baufälliger Hallen und die Beseitigung der Altlasten sollte 1,2 Millionen kosten. Zum Schluss war meine Mutter nur noch als Abwicklerin gut. Das alte Kesselhaus, der Schlauchsaal und Türmchenbau sind abgerissen, es ist nun ein fremdes Grundstück für mich, schrieb sie traurig in einem Brief. Der Verkauf der stehen gebliebenen Hallen im zum Gewerbegebiet erklärten Terrain ging schleppend voran, zumal die Situation der Handwerker im Ort trostlos war.

    Mein Vater hatte als Selbstständiger nie in die staatlichen Rentenkassen eingezahlt. Ihm stand nur eine kleine Pension zu. Er hatte vorzeitig seine Arbeit verloren, das Eigenheim war längst verkauft worden, der Erlös daraus ging zu Neige. Die Schulden wuchsen, sie waren bankrott.

    Ein letztes Telefonat mit meiner Mutter führte zum endgültigen Bruch. Dein Vater und ich wollen uns umbringen, damit dir noch ein Erbe bleibt, sagte sie da. Mein Leben ist verpfuscht.

    Ich fühlte mich bedroht, wie in der Kindheit, als ich ihren Schlägen ausgeliefert war und brach den Kontakt ab.

    Ein halbes Jahr später rief mich ein Kölner Polizist an und teilte mir mit, dass sie sich in einem Kölner Hotel in einer Badewanne das Leben genommen hatten.

    Vom Krieg zerstörte Persönlichkeiten

    Auf meinen Reisen, vor allem in die Krisengebiete der ehemaligen Sowjetunion, verstehe ich, dass ich nicht allein mit meinem unbewältigten Schmerz und meinen Schuldgefühlen bin.

    Der Krieg, erlebte ich vor Kurzem während meiner Ukraine-Reise, zieht nicht nur eine Mauer des Schweigens zwischen denen, die fliehen, und denen, die bleiben, er zieht auch eine Trennlinie zwischen Militärangehörigen und Zivilisten. Einer, der einmal im Krieg war, wird emotional nie mehr für ein ziviles Leben taugen, auch wenn er bestrebt ist, ungeachtet aller Betriebsamkeit und aller Durchhalteparolen.

    Ich traf Kaszbek, einen tschetschenischen Geschäftsmann, der nun auf der Seite der Ukrainer gegen die Russen kämpfte. Er hoffte, auf diese Weise zukünftig auch die Diktatur von seinem Widersacher Kadyrow, dem tschetschenischen Präsidenten von Putins Gnaden, zu brechen. Ich sah, wie er den alten Kampf seiner Vorfahren wiederaufnahm, dem er doch versuchte zu entfliehen, als es ihn als jungen Mann vor den Tschetschenienkriegen in die Ukraine verschlug. Nun, zwanzig Jahre später, trat er wieder an. Es ist auch ein Kampf gegen den eigenen Vater und den Bruder, die weiterhin in Tschetschenien leben und damit zu Kadyrow stehen. Ich sah, dass in der auseinandergebrochenen Familie Sprachlosigkeit herrschte.

    Ich sah seine Verstörung, seine Wut, ja Aggression, wenn ich ihn nach der Familie fragte. Er blieb in Mustern gefangen – kollektiven, nationalen –, die er nicht abstreifen konnte. Er, der erfolgreiche Geschäftsmann, der nun in den kriegerischen Konflikt gegen die Russen verstrickt war und dabei sogar Momente der Euphorie und des Glücks erlebte, die illusorisch waren in meinen Augen, war daran, alles zu zerstören, was er sich aufgebaut hatte. Er war bereits für das zivile Leben verloren.

    Ich sah, immer noch, schon wieder, meinen Vater und seinen älteren Bruder. Ihren Zwist. Den Krieg der Brüder.

    Bereits mit neunzehn Jahren war mein Vater als Panzerleutnant an die Front in Russland geschickt und dort mehrfach verwundet worden. Vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft zerstörten seine Jugend. Nach seiner Heimkehr gab es die östliche Heimat, so, wie er sie gekannt hatte, nicht mehr. Danach versuchte er, sich mit allen Mitteln dem westlichen kapitalistischen System anzupassen. Letztlich aber war er ein Mann ohne Eigenschaften. Man hatte ihn mehrfach durch den Fleischwolf der Ideologien gedreht – erst der Nazis, dann der Kommunisten, später des Kapitalismus –, und das hatte ihn gebrochen.

    Man hatte ihn enteignet, im wahrsten Sinne des Wortes. Auf diese Weise, sich selbst entfremdet, waren ihm auch die Worte, Erinnerungen abhandengekommen. Ja, in gewisser Weise hatte man sie ihm gestohlen, denn seine Geschichten von Krieg, Flucht und Vertreibung fanden, jenseits von Moral und Schuldzuweisung, im Nachkriegsdeutschland keinen Resonanzraum.

    Ich sah auch den älteren Bruder meines Vaters, der das Glück hatte, nie im Krieg gewesen zu sein. In der DDR geriet er als Sozialdemokrat zwischen die Fronten, wurde von seinen westlichen Genossen an die DDR verraten und in sibirische Lagerhaft verbannt. Er kam als Spätheimkehrer zurück. Im Unterschied zu meinem Vater hatte er das Glück gehabt, auf der ,richtigen Seite‘ gestanden zu haben. Das verlieh ihm Selbstbewusstsein, eine politische ,Überzeugung‘ – und Anerkennung, zumindest seitens des jüngsten Bruders.

    Die Brüder mochten sich nicht. Zwischen ihnen herrschte Verstörung. Sie redeten nicht viel miteinander. Es gab oft Streit.

    Der jüngere Bruder meines Vaters, ein Jurist, warnte ihn davor, den enteigneten Besitz meiner Mutter zurückzunehmen. Mein Vater legte es ihm als Missgunst aus. Zwischen ihnen brach der Kontakt ab.

    Ich – Kassandra

    Auf meinen Reisen durch den Osten fühle ich mich oft wie Kassandra – ich rede aus einer Zukunft, die andere, jüngere, die Flüchtlinge von heute, noch vor sich haben.

    Eines Morgens traf ich in Donezk Swetlana in ihrer Küche. Weinend. Vor ihr stapelten sich alte Familienfotos. Sie hatte sie aus den Alben gerissen, so wogen sie weniger und waren nun besser zu transportieren. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass diese Fotos auf der Rückseite beschriftet waren. Jetzt, in dieser Situation der Vertreibung, wurde ihr bewusst, dass sie wenig über ihre Familie wusste. Über ihre Mutter und ihre Großmutter, die Pogrome und Vertreibung, das Versprechen einer besseren Zukunft aus Odessa nach Donezk geschwemmt hatten. Damals. Nun versuchte sie, die Fetzen zusammenzufügen und zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass sich alles wiederholte.

    Lass von deinem Kampf ab, sagte ich zu Kaszbek, dem tschetschenischen Geschäftsmann, es sind die Kämpfe deiner Vorfahren. Nicht deine.

    Die Kinder setzen die Kämpfe der Eltern fort

    Einen Tag vor ihrem Freitod machten meine Eltern ihr Testament und setzten einen Fremden als Erben ein. Im ersten Moment fühlte ich mich erleichtert, als ich davon erfuhr. Nicht ich war also der Grund für den Selbstmord, so wie es meine Mutter bei dem letzten Telefonat suggeriert hatte.

    Achtzehn Jahre sind seitdem vergangen. Und meine toten Eltern haben nach wie vor Macht über mich, vielleicht sogar mehr als zu ihren Lebzeiten.

    Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an sie denke. Wie, frage ich mich, sahen ihre letzten Stunden aus?

    Vielleicht war es ja so: Zum Schluss waren sie nur noch Getriebene, beherrscht von ein paar manisch repetierten Worten, die gegen die Schädeldecken hämmerten: Finanzielle Not, der Gang zum Sozialamt droht, für einen Neubeginn zu alt. Der Entschluss stand seit Wochen fest, der Termin war gesetzt, die Uhr tickte. Bloß nicht nachdenken. Alles durchplanen.

    Das Leben ist verpfuscht, dann wird wenigstens der Abgang perfekt organisiert.

    Und viel war zu tun: Ein Auktionator wurde bestellt, die Wohnung gekündigt, der geleaste Audi zum Händler zurückgebracht. Wir gehen auf eine lange Reise. Ordnung muss sein. Die Wohnung wurde geputzt, sodass die zeitlebens vergötterten Dinge ein letztes Mal über die Lebenden triumphierten in all ihrem Glanz.

    Ihr letzter Tag

    Die üblichen morgendlichen Rituale: gemeinsames Frühstück im Bett, Zeitungslektüre, ankleiden. Wir haben alles im Griff. Der Blick der Mutter streift den Spiegel: Das feine graue Haar sitzt heute nicht wie sonst, egal. Sie ist die treibende Kraft, sie gibt die Befehle, der Vater gehorcht, wie immer in 44 Jahren Ehe. In ihrem Abschiedsbrief an eine Notarin trifft sie die letzten Verfügungen: Man möge ihre Urnen im Familiengrab in Thüringen beisetzen, bei der Beerdigung solle nur der Pfarrer anwesend sein.

    Dann schreibt sie das Testament. Das Wort Selbstmord fällt in den Schriftstücken nicht. Ihr Tod möge als Unglücksfall behandelt werden, bestimmt sie. Mein Vater signalisiert Zustimmung in schrägen, leicht zittrigen Krakeln.

    Alles muss weg: nicht nur die Adressbücher, die Lebensmittel, die Frühstücksreste, der Badezimmerabfall. Die Fassade eines gutbürgerlichen Lebens, von Sauberkeit und Ordnung, ist aufrechtzuerhalten, auch für die Fremden, die nach ihrem Tod die Wohnung betreten. In eine alte braune Reisetasche packt der Vater einen Föhn und eine Toilettentasche, obendrauf legt er eine Plastiktüte mit einem ordentlich zusammengefalteten dreipoligen schwarzen Stromkabel, dessen eines Ende blank liegt. Sie betreten die marmorgesäumte Hotelhalle, bezahlen im Voraus 420 Mark für ein Doppelzimmer, geben an der Rezeption eine Postkarte an die Notarin ab: Wir sind im Zimmer 525. Das Schild ,Bitte nicht stören‘ wird an die Hotelzimmertür gehängt. Der Vater schließt den Föhn an, prüft, er geht. Die beige Sitzbadewanne ist schnell gefüllt. Sie ziehen sich aus, quetschen sich nackt in die kleine Wanne, setzen sich einander gegenüber, ungelenk ineinander verkeilt. Schauen sich an. Loslassen. Über den Wolken. Gott, steh uns bei. Der Föhn fällt in die Wanne. Stromschläge. Aus. Vorbei.

    Man muss einander die Geschichten erzählen

    Oft ertappe ich mich dabei, dass ich die Muster meiner Eltern wiederhole. In einem grundsätzlichen Punkt allerdings unterscheide ich mich von ihnen: Ich lege alles offen, auch meine Schwächen. Ich finde, man sollte nichts verbergen. Selbst wenn es schmerzt, sollten wir einander unsere Geschichten erzählen. Nur so entgehen wir den Mustern, die die unerzählten Geschichten verbergen.

    Die Krisen von heute sind, im Osten wie im Süden, eine Folge dessen, was an den Tafeln, im engen Kreis, nie erzählt worden ist. Hier wie dort, diesseits und jenseits aller Grenzen und Checkpoints, fehlte die Erzählung als sinnstiftendes Element zwischen den Generationen. Diese Erzählung wäre nicht nur im gesellschaftlichen Rahmen in den Familien, zwischen Opfern und Tätern, notwendig gewesen, sondern sie hätte auch nationenübergreifend eine Brücke bilden können.

    Wie können wir heute, in Deutschland, den Flüchtlingen eine Heimat geben, wenn wir uns selbst fremd sind? Wenn wir selbst keine Heimat haben?

    Sich einander anvertrauen

    Mehr Privatheit, Offenheit, Intimität wäre vonnöten. Trotz siebzig Jahren ,Vergangenheitsbewältigung‘ stehen wir am Anfang. Flüchtlinge – das sind wir alle. Wir, hier in Deutschland, sollten die Fremden, die heute zu uns kommen, willkommen heißen, aber in unseren Grenzen, unter Abschätzung der uns gebotenen Möglichkeiten. Wir sollten sie und uns dabei nicht überfordern. Sicher, wir sollten uns öffnen. Sicher, wir sollten uns mit ihnen austauschen. Aber zuvor sollten wir uns endlich unserer eignen Geschichten und deren unserer Familien bewusst werden. Geschichten, die noch immer tief auf dem Boden der familiären Truhen ruhen und es endlich verdient haben, ans Licht zu kommen. Wir sollten sie uns untereinander erzählen, aber sie auch den Flüchtlingen anvertrauen. Erst dann werden wir auch in der Lage sein, die Geschichten der Fremden anzuhören. Nur wenn wir selbst wissen, woher wir kommen, wo wir jetzt stehen und was wir in Zukunft sein wollen, können wir den Fremden Schutz bieten und ihnen geben, was wir – und sie – am dringendsten brauchen: Heimat.

    Auch ich habe in Tabarz, der Heimat meiner Mutter, nicht den Sehnsuchtsort angetroffen, zu dem sie ihn verklärte. Auch für mich ist es kalt dort.

    Tabarz – das ist auch für mich bis heute ein Ort der Kämpfe und Auseinandersetzungen. Die Anwohner des Ortes haben die Geschichte meiner Familie aus ihrem Gedächtnis verbannt. Demnächst trage ich einen Streit mit dem Erben meiner Eltern vor Gericht aus.

    Das Familiengrab, in dem meine Eltern ruhen, ist vollständig verwildert, von Efeu überwuchert. Der schlichte braune Marmorblock, den meine Mutter vor ihrem Tod noch setzen ließ, weist bislang nur die Namen der Urahnen auf.

    Jetzt, achtzehn Jahre nach dem Freitod meiner Eltern, füge ich die Bruchstücke und Fetzen zusammen und schreibe an einem Roman über meine Familie. Ich hoffe, dass der Krieg endet und wir uns endlich versöhnen.
    Barbara Lehmann lebt als freie Autorin in Berlin und schreibt Reportagen für die Wochenzeitung Die Zeit und andere Medien. Sie übersetzt Theaterstücke und Prosa aus dem Russischen. Als Reporterin reiste sie wiederholt nach Tschetschenien. Zuletzt erschien ihr Roman Eine Liebe in Zeiten des Krieges.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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