Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Der Mythos vom Paradies Europa
    Eine Analyse der Beziehung zwischen Migrant und Raum

    Der Flüchtling ist ein Mensch, der durch sein Verhältnis zum Raum bestimmt ist, aber nicht dadurch begrenzt wird. Denn egal, wo sich der Flüchtling real aufhält, trägt er in sich immer noch einen zweiten Raum, einen Innenraum, seine Erinnerungen, Ängste, Hoffnungen. Diese stehen in einem Spannungsverhältnis zur alten und neuen Realität des Flüchtlings und bergen ein subversives Potential, das auch die Gesellschaften ansteckt, zu denen der Flüchtling geflohen ist.

    Strenge Wächter wachen über die unsichtbaren Pforten unserer Innenwelt. Wohin auch immer unsere Wanderung uns führt, wir bleiben unserer Heimat, dem Orient, stets verhaftet. Dem Ort, an den Gott die Verdammten schickt, wenn in der Hölle kein Platz mehr ist. „Wandere nicht aus!“ Immerfort ertönt der Ruf aufs Neue. „Lass deine Heimat nicht zurück! Gib die Erde deiner Vorfahren nicht preis! Geh nicht weg!“ Der Ursprungsort mit seinen verinnerlichten Diktaten und Geboten verfolgt uns.

    Das autoritäre Gedächtnis ist uns quasi eingepflanzt worden. Wenn wir auswandern, tritt es einfach unbeirrt auf der Stelle, dem Körper trotzend, den räumlichen Dimensionen trotzend, den geografischen Entfernungen trotzend. Das Gedächtnis verharrt dort, wo es zur Welt kam, verharrt in seinen Ängsten und seinen repressiven Obsessionen. Hat man längere Zeit in der Sphäre der Tyrannei gelebt, ist das Gedächtnis nicht mehr in der Lage, sich vom Schrecken, den es erfahren hat, frei zu machen. Es ist ein schöpferischer Schrecken, dessen Strahlkraft den anderen Sphären erst ihre Identität verleiht. Nur der latente Schrecken in uns vermag es, die Dinge zu benennen. Er ist die wahre und einzige Stimme in uns.

    Wer der Hölle der von Katastrophen heimgesuchten Heimatländer entfliehen will, der kann auf zweierlei Arten migrieren: Zum einen indem er, um des Vergessens willen, eine seinem Gedächtnis diametral entgegengesetzte Richtung einschlägt; nicht um seine Seele zu retten, sondern um seine Wesensart und Existenz von Grund auf umzugestalten; nicht um zu retten, was es aus den Klauen der Tyrannei zu retten gälte, sondern um auszuradieren, was nicht einmal die Tyrannei aus seinem angstgelähmten Ich hat ausradieren können. Die Migration endet in diesem Fall mit der totalen Assimilation, der Verschmelzung mit den Gesellschaften der neuen Heimatländer. Die zweite Art von Migration besteht darin, sich gerade deshalb von der Heimat zu entfernen, um das Gedächtnis vor dem Vergessen zu bewahren und den Rest seines Lebens damit zu verbringen, den Schrecken zu feiern, ihn auszukosten, sich seiner zu rühmen, sich es in ihm wohnlich einzurichten. Einen Schrecken, den man tagtäglich wieder heraufbeschwört, um die Dinge zu erkennen und zu benennen, um seine Abweichung von der intakten menschlichen Natur offenzulegen.

    Jener Schrecken ist charakteristisch für uns, die wir unter dem Joch der Diktatur gelebt haben. Schrecken als Unterscheidungsmerkmal. Schrecken, der sich im Laufe der Zeit zu einer Form von innerer Wahrnehmung entwickelt hat, der nicht nur allem Existierenden seinen Stempel aufdrückt, sondern der auch alles Zukünftige kontaminiert. Der Flüchtende ist einer, der sich nicht weit von seinem angstbewohnten Zuhause wegbewegen kann. Erst unter dieser Prämisse erschließt sich uns das Diktum des französischen Philosophen Gilles Deleuze, wonach der Migrant einer ist, der sich nicht von der Stelle bewegt und der erst dadurch zum Migranten wird, indem er beschließt, bei sich zuhause zu verharren.

    Ich kann mich mit dem Begriff des Asyls nicht anfreunden. Mit Asyl ist Innehalten, Stillstand, Erschlaffung verbunden. Flucht hingegen endet nicht mit dem Erreichen des sicheren Ufers. Asyl bedeutet notgedrungenes Stehenbleiben, wo der Zufluchtsort kein weiteres Voranschreiten erlaubt. Der Akt des Fliehens ist demgegenüber ein fortwährender Prozess mit wechselnder Kostümierung. Für den Fliehenden gibt es nirgendwo einen Ort, der frei von Schrecken ist. Es geht für ihn nicht nur darum, Gerechtigkeit im elementaren politischen Sinne zu erfahren, also der staatlichen Willkürherrschaft bzw. der unmittelbaren Gefahrenzone zu entrinnen. Vielmehr ist das eigentliche Ziel der Flucht, aus der Sphäre des Schreckens auszubrechen. Das Fliehen ist ein mythischer, imaginärer Prozess, welcher der Logik der Utopie und nicht der Logik des nackten rationalen Denkens unterliegt. Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen dem, was wir unter Gefahrenzone verstehen, und der Sphäre des Schreckens. Der Fliehende kann zwar der Gefahrenzone entkommen, doch um die Sphäre des Schreckens endgültig zu verlassen, bedarf es komplexerer psychologischer und politischer Mechanismen. Denn beim Schrecken handelt es sich um ein imaginativ verinnerlichtes Konzept, das nicht einfach verschwindet, wenn die unmittelbare Gefahr vorüber ist.

    Verharren im Zustand des Schreckens

    Die dramatischsten Momente in der mentalen Biografie des Flüchtenden sind jene Übergangsmomente, in denen sich der Schrecken von einem an eine bestimmte politische Realität gebundenen Phänomen in eine existentielle Realität verwandelt. Von einer Einzelerscheinung, die zeitlich und räumlich fest verankert ist, in einen Zustand, der eine nicht zu überwindende existentielle Zäsur markiert. Die Momente also, in denen sich das Fiktive als wirkungsmächtiger erweist als das Reale, und die Imagination als konkreter als die Wirklichkeit.

    Das Verharren im Zustand des Schreckens führt nicht notwendigerweise zum Stillstand und zum Dahinschwinden. Der vom Schrecken Heimgesuchte ist mithilfe seiner Imaginationskraft in der Lage, weiter voranzuschreiten. Er vermag seine Reise durch heterogene Sphären der Phantasie fortzusetzen. Doch jene Sphären zu durchqueren impliziert nicht die Überwindung der die Psyche beherrschenden Angst. Erich Kästner hat einmal gesagt: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.“ Dieses Bonmot führt in gewisser Weise vor Augen, welche Art von Prozessen in der Psyche des Flüchtenden ablaufen. Es ist nicht möglich, diese mentalen Vorgänge allein durch Deutung der in seinem Unterbewusstsein angestauten Hinterlassenschaften zu verstehen, oder durch simplifizierende Urteile über seine religiöse und ideologische Rückständigkeit. Der Flüchtende imaginiert eher als dass er reflektiert, bringt eher Vorstellungen als Begriffe hervor.

    Das Trugbild, für die Flüchtenden sei Europa automatisch gleichbedeutend mit dem Paradies, entbehrt jedweder realen Grundlage. Die Wahrheiten, die der im Flüchtenden steckende Schrecken zum Ausdruck bringt, sind komplexer. Das propagierte Bild vom ,Westen‘ als einer Art Paradies auf Erden tritt in bestimmten Phasen der Exilerfahrung und unter dem Druck spezifischer Mechanismen in Erscheinung. Dahinter steckt der Versuch, den unbändigen Drang nach permanenter Flucht zu bezwingen und der Verlockung des ewigen Umherwanderns zu widerstehen.

    Der Westen führt dem Neuankömmling von Anfang an vor Augen, dass das Paradies unwiederbringlich verloren ist. Diese schmerzhafte Wahrheit steigert den Grad der Entfremdung zwischen dem Flüchtenden und den realen Räumen. Seine Vorbehalte gegenüber dem Westen speisen sich nicht in erster Linie aus rein ideologischen oder religiösen Prämissen. Sowohl die Bewunderung für den Westen als auch der maßlose Hass ihm gegenüber entspringen beide der ambivalenten, ungeklärten Beziehung zwischen dem Selbst und dem Raum.

    Vom Verschwinden des Raums

    Der Schrecken hat sich von der ,Angst vor dem Offensichtlichen‘ zur ,Angst vor dem Unterschwelligen‘ gewandelt. Er ist ein Identitätsmerkmal, das den Flüchtenden auf seinem Weg begleitet. Der Flüchtende weiß sich auch nach seiner Ankunft im Westen nicht vor möglichen Gefahren sicher. Ich meine hier nicht die natürlichen potenziellen Gefahren, mit denen der Mensch konfrontiert ist, sondern das jähe, erschreckende Gefühl, dass die Flucht niemals enden wird. Immer wenn der Flüchtende einen Ort erreicht, erscheint ihm dieser plötzlich nicht mehr als das ersehnte Ziel. Schon warten neue Wege auf ihn. Der Zufluchtsort ist nur eine von vielen Etappen auf der endlosen Reise, nichts weiter als eine Zwischenstation. Denn der ermattet auf der Pritsche irgendeines Lagers liegende Flüchtende wird nicht zur Ruhe kommen. Eine Stimme flüstert ihm ohne Unterlass ins Ohr: Da sind noch andere Wegstrecken, die zurückgelegt werden wollen.

    Das Problem des Flüchtenden ist primär eins des Bildes, das er sich vom Raum macht. Das bedeutet, seine Raumvision ist bestimmend für seinen mentalen Zustand. Jede Flucht ist ein Entfliehen aus einem bestimmten politischen Territorium, aus einem bestimmten Segment des natürlichen Raums. Indem er flieht, versucht der Migrant, dem Raum wieder seine ursprüngliche Beschaffenheit zurückzugeben, seine Realität als ein Territorium des Lebens, die er in der Zeit vor dessen Fragmentierung in Staaten und Populationen besessen haben mag.

    Es gibt in der Imagination des Flüchtenden keinen ,paradiesischen Westen‘. Denn die Erzählung von einem Garten Eden, der den Flüchtenden auf der anderen Seite erwartet, entspringt einem rein westlich konstruierten Migrationsnarrativ. Dem Flüchtenden geht es darum, den unpolitischen Charakter des Raums wiederherzustellen, ihn wieder zu einem Ort zu machen, der noch keiner Polarisierung unterworfen ist. Das Sich-Entfernen aus der Todeszone ist nur das erste Etappenziel, der erste Schritt. Das eigentliche Ziel ist es, aus dem politisch aufgeladenen Raum heraus- und in den natürlichen Raum einzutreten, nicht um des Überlebens willen, sondern um in einer anderen Welt anzukommen. Der Migrant erhofft sich, im Westen nicht-ideologisierte Areale vorzufinden. Es geht ihm nicht um den Übertritt aus der Hölle ins Paradies. Er wandert aus, um nach einem verschwundenen Territorium zu suchen. Die Flucht ist ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, doch ist sie gleichzeitig auch ein Versuch, die Welt wieder als ein öffentliches Gut zu definieren, auf das alle Geschöpfe Anrecht haben.

    Nach seiner Ankunft im Westen steht der Flüchtende am Scheideweg: Entweder unterwirft er sich der Macht des Raumes, oder er setzt seine virtuelle Reise durch innere Sphären fort, durch die Ebene des Utopischen, des von der Psyche ins Unterbewusste Verdrängten, welches sich in unkontrollierten Reaktionen auf die Phänomene des Alltags Bahn bricht.

    Die Kapitulation vor der Macht des Raumes bedeutet die Ausblendung der moralischen und philosophischen Dimension der Flucht. An diesem Punkt bedarf es für den Flüchtenden eines wirkungsmächtigen Mythos, einer identifikationsstiftenden Erzählung wie der vom ,paradiesischen Westen‘, damit er seine Kapitulation rechtfertigen kann. Die Illusion, dass das Bild vom Westen und das Bild vom imaginierten Raum einander entsprechen, zählt nicht zu den primären Triebfedern für die Migration. Der Mythos vom ,paradiesischen Westen‘ kommt erst dann ins Spiel, wenn der Migrant einer moralisch-ideologischen Rechtfertigung bedarf für die Beendigung seiner Reise und für das Eingeständnis, dass seine Suche nach einem von ideologischen Vorzeichen unbelasteten Ort ins Nirgendwo geführt hat.

    Die Entstehung des Konzepts vom Paradies Europa in der Psyche des Migranten ist nichts weiter als ein Selbstschutzmechanismus, der in keinerlei Bezug zur tatsächlichen Wahrnehmung und Erfahrungswelt des Migranten im Westen steht. Er hat auch nichts mit dem tatsächlichen Charakter des Westens als politischer und kultureller Entität zu tun. Das Bild vom Paradies erfüllt eine fundamentale Funktion im Hinblick auf die Unterdrückung des tief verankerten Wunsches nach ständigem Unterwegssein. Es ist also eine Art von psychologischer Täuschung, um das Selbst zu zwingen, sich dem Raum, in den man geraten ist, auszuliefern. Das gängige westliche Verständnis vom Migranten als einem Wesen, das danach giert, das Paradies Europa zu okkupieren, übersieht, dass dieses Bild nichts weiter ist als ein psychologisches Mittel, mit dessen Hilfe sich der Migrant von der Last des Imaginierten frei machen und sich seiner inneren Stimme entziehen kann, die ihn zum endlosen Weiterwandern in welche Richtung auch immer antreibt. Das westliche Paradies hat für den Migranten nichts mit dem Begriff Paradies in seiner gängigen Bedeutung zu tun. Es ist kein ökonomisches oder politisches Paradies, sondern ein Symbol, ein psychologisches Kürzel, um die Niederlage der Phantasie gegenüber der Realität zu bezeichnen.

    Eine Weltsicht, die nach der Dichotomie ,orientalische Hölle / abendländisches Paradies‘ gestrickt ist, bedeutet gewissermaßen den endgültigen Todesstoß für die ursprüngliche Dichotomie ,Imagination / Realität‘. Es ist unmöglich, den radikalen Aspekt dieser ursprünglichen Dichotomie zu beseitigen, ohne sich einer Imagination anderen Typs zu bedienen, die einem hilft, sich wieder in die Welt einzugliedern. So ist der Mythos vom paradiesischen Westen einer der stärksten Antriebskräfte für den Prozess der Integration. Der Flüchtende kann sich nicht auf den Prozess der gesellschaftlichen Integration in die westliche Gesellschaft und in die neue politische und kulturelle Umgebung einlassen, ohne einen Mythos zu Hilfe zu nehmen, dessen Wirkungsmacht die der ursprünglichen Dichotomie aufwiegt, die ihn zur Flucht veranlasst hat. Um die Imagination zu bändigen, bedarf es einer verheißungsvollen Sprache, die in der Lage ist, das Mythische mit dem Realen zu versöhnen. Dies wird – so wie im Falle des Westens – nicht möglich sein ohne Rückgriff auf reale Gegebenheiten.

    Diejenigen Migranten, die an den Mythos vom westlichen Paradies glauben, werden darum kämpfen, in dem Schmelztiegel ihrer neuen Heimat aufzugehen, ohne sich nach anderen Räumen – ob reale oder imaginierte – zu sehnen. Sie sind die Parvenüs, wie Hannah Arendt sie genannt hat; begierig danach, mit der neuen Umgebung bedingungslos zu verschmelzen. Denn der Integrationsprozess führt letztlich nicht einfach nur zur Versöhnung mit dem Raum, sondern setzt allen Tendenzen zur Auflehnung gegen das politische Milieu ein Ende. Niemand protestiert weniger und ist stärker um ein diszipliniertes Erscheinungsbild bemüht als der integrierte Migrant.

    Die Ästhetik der Integrationsverweigerung

    Der andere Typus von Migrant stellt das genaue Gegenmodell dar. Er ist eine Figur, die sich gegen die Macht des Raums sträubt, unfähig, sich auf den Stillstand einzulassen. Denn der utopische Raum wird in ihm den Wunsch weiterzuziehen am Leben halten, den Drang, in Bewegung zu bleiben, in welche Richtung auch immer. Vielleicht wird er von Kontinent zu Kontinent ziehen, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, besessen von der fixen Idee der Transition. Man würde einem groben Irrtum unterliegen, wenn man das Projekt Flucht auf den rein physischen Übergang von einem Raum zum anderen reduzierte. Der wahre Flüchtende, derjenige, der nach einem Land sucht, das keinen Besitzansprüchen unterliegt, nach einem von nationalistischer und religiöser Imprägnierung verschonten Fleckchen Erde, wird seine innere psychisch-mentale Reise fortsetzen, auch wenn er an dem Ort bleibt, die ihm die Einwanderungsbehörden zugewiesen haben. Seiner neuen Umgebung bringt er hingegen einen tief verwurzelten Argwohn entgegen. Möglicherweise führen ihn seine Zweifel zu einer schöpferischen Entfremdung von den Menschen, oder aber vielleicht zu einem Rückfall in die Vergangenheit. Die Erinnerung an den Ur-Raum ist von Kindheitsbildern geprägt, wie dem von der liebevollen Umarmung durch die Mutter. Solche Bilder sind es, die dem Raum seine mythische Aura verleihen. Das Bild des utopischen Raums entspringt in der Vorstellung des Migranten dem Bild des mütterlichen Ur-Raums, wo das Selbst noch mit der Welt in Einklang war und sich keinen apriorischen Nomen unterwerfen musste. Wenn die Richtung, die der Migrant einschlägt, die des Rückzugs ist, also der Sehnsucht nach den Dingen, die mit den Kindheitserinnerungen zu tun haben, so kann es geschehen, dass bei manchen diese Tendenz in eine Art Feindseligkeit gegenüber der Welt abdriftet. In dem Fall tritt an die Stelle des Bilds vom Paradies Westen eine verteufelnde Sichtweise, die von ideologisch geprägten extremistischen Gruppierungen ausgenutzt werden kann, um die Kluft zwischen dem Migranten und seiner westlichen Umgebung zu vertiefen.

    Nicht der Verführung durch das paradiesische Bild vom Westen zu erliegen, ist an sich noch kein beunruhigendes oder negatives Phänomen. Für den Migranten ist es wichtig, dass er sich einen Teil seines Widerstandsgeistes bewahrt, dass er sich also nicht gänzlich in den jeweiligen Räumen auflöst. Die totale Assimilation an das Umfeld, ein passives Aufgehen im gesellschaftlichen Schmelztiegel macht die notwendige kritische Distanz zwischen dem menschlichen Individuum und der gesellschaftlich-politischen Umgebung zunichte. Das Festhalten an jener Distanz ist eine grundlegende Bedingung, um nicht zu willfährigen Robotern zu werden.

    Wer sich nicht integriert, ist deshalb noch nicht gleich ein passives, isoliertes Wesen, eine kulturell und sprachlich entfremdete Kreatur. Vielmehr lässt sich dadurch jener schöpferische Schrecken aufrechterhalten, der den ewigen ,Werdeprozess‘ nach sich zieht. Ganz im Sinne der Aufforderung Nietzsches, „gefährlich zu leben“. Gefahr steht hier für Veränderung, Weiterentwicklung. Aus dem Migranten soll ein wahrhaftiger „Nomade“ im Deleuze’schen Sinne werden, einer, der nicht nur geografische Räume durchquert, sondern Deleuze’sche „Fluchtlinien“ und neue Freiräume stiftet. Dem also die Aufgabe zukommt, die Semantik des Raums zu erweitern und den statischen Strukturen innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung neue Wendeschleifen hinzuzufügen. Im Zustand des Schreckens lebt es sich anders als im Zustand der Sicherheit. Der Fürchtende erliegt nicht so schnell der Versuchung, auf die Leichtigkeit des Ortes, auf oberflächliche Prosperität zu vertrauen, sondern betritt in kultureller Hinsicht Neuland. Seine Existenz ist also von anthropologischer Bedeutung, ist er doch einer, der aufgehört hat, Orientale oder Abendländer zu sein. Er ist vielmehr eine Art Zukunftsdetektor, der Wegbereiter eines Menschentypus, der sich nicht in die existierenden Gussformen einpassen lässt.

    Das bedeutet also, dass es zwei Muster von Integrationsverweigerung gibt: Zum einen ein rückwärtsgewandtes, reaktionäres und isolationistisches, welches eine Art Zerstörungslust hervorbringt und von dem Wahn lebt, die realen Räume auszulöschen, um Platz zu schaffen für die utopische Imagination. Dessen permanente Suche nach einer religiösen Rechtfertigung und der obsessive Wunsch nach Zerstörung des Westens (wie auch des Orients) sind bezeichnend für sein regressives Bedürfnis nach Rückkehr zum Paradies der Kindheit. Die Krise des Selbst und seiner Verortung erlebt hier ihren Höhepunkt. Die Errichtung des utopischen Raums hat die vollständige Zerstörung des Selbst und gleichzeitig des Raums zur Vorbedingung. In der Figur des religiösen Selbstmordattentäters treffen wir auf einen Typus, bei dem die Neigung zum Sich-Zurückziehen mit einem Drang zur Zerstörung des Selbst und der realen Räume einhergeht.

    Der zweite Typus von Integrationsverweigerer glaubt nicht an das westliche Paradies. Er entwickelt eine Art von Realitätssinn und kritischer Wahrnehmung gegenüber den menschlichen Dingen im Allgemeinen, lässt sich nicht blenden oder zum Hass aufstacheln. Sein Konflikt mit dem Ur-Raum wird zur Grundlage für eine Art von universeller Weltsicht und zu einer permanenten Triebfeder zur Entdeckung von neuen Möglichkeiten und noch nicht erprobten Lebenswegen. Die Intensität des in seinem Inneren Erlebten führt zur Herausbildung eines übergreifenden humanen Empfindens, das ihn aus der Sackgasse des Identitätsdenkens herausführt. Er ist ein Vorbote für das Aufkommen einer anthropologischen Sichtweise, die darauf basiert, den Menschen einfach so zu begreifen wie er ist, fernab ideologischer Etikettierungen. Im Erfahrungsschatz der Migration ist ein anthropologischer Diskurs latent angelegt, der die Unterwerfung des Menschen unter die Bedingungen des politischen Milieus sowie seine Reduzierung auf ein religiöses, politisches oder ethnisches Wesen ablehnt. Der Mensch erscheint darin vielmehr als ein Wesen, das nicht einfach nur gegen die politische Situation im Orient mit seinen Identitätskonflikten, sondern auch gegen die Logik der europäischen Moderne rebelliert, indem es aufoktroyierte Kategorisierungssysteme, Mechanismen der pragmatischen Unterteilung und rein opportunistische Maßstäbe an den Begriff der gesellschaftlichen Integration ablehnt. Der Nexus zwischen der Identität des menschlichen Individuums und einem bestimmten Staat, einer bestimmten politischen Einheit, einer bestimmten Religion, sowie die Identifizierung und Klassifizierung des Menschen auf einer solchen Grundlage ist eines der gefährlichsten Phänomene, die mit dem Projekt der europäischen Moderne einhergegangen sind.

    Der Migrant als Zerstörer des Raums

    In zahlreichen Ländern Europas waren die Einwanderungswellen mit dem Aufkommen schwerer sozialer und politischer Krisen verbunden. Man kann den Charakter jener Krisen nicht allein anhand der zum jeweiligen Zeitpunkt herrschenden politischen und ökonomischen Bedingungen verstehen. Die gegenwärtige Krise geht in ihren Ursprüngen auf die Zeit der Aufklärung zurück, sowie auf die damaligen erbitterten Auseinandersetzungen über die Bedeutung einiger philosophischer Kernbegriffe wie ,Mensch‘, ,Bürger‘ und ,Fremder‘. Das derzeitige Szenario lässt sich ohne Rückgriff auf die von Foucault in Bezug auf die seit mehr als drei Jahrhunderten im Westen vorherrschenden biopolitischen Mechanismen geprägten Begriffe nur schwer verstehen. Denn die gegenwärtig grassierende Fremdenphobie geht einher mit einer Angst des politischen und ökonomischen Systems vor dem Auftauchen von Bevölkerungsgruppen, die sich nicht so einfach in die allgemeine biopolitische Ordnung integrieren lassen.

    Der Migrant muss in kürzester Zeit zu einem beherrschbaren Subjekt werden, sich in ein Klassifikationsschema einordnen lassen, um dem Staat die Praktiken des Identifizierens und Überwachens zu ermöglichen. Denn Sorge macht in erster Linie die Herausbildung von nicht-identifizierbaren und leicht einer direkten und dauerhaften Kontrolle zu unterwerfenden Bevölkerungsgruppen. Der Staat, welcher am laufenden Band neue Systeme der Überwachung und Bestrafung entwickelt hat, sieht sich einem Phänomen gegenüber, dem er nicht in der gebotenen Geschwindigkeit Herr zu werden vermag. Denn es gelingt ihm nicht, jene Gruppen in das biopolitische System zu integrieren, mithilfe dessen er sie überwachen und sich zunutze machen könnte, wie und wann er es für angemessen erachtet.

    Die Verknüpfung zwischen dem Phänomen der Terrorangst und dem der Angst vor den Fremden sowie den Migranten ist ein besorgniserregendes Zeichen für die Bereitschaft der öffentlichen Ordnung, bei der Gefahrenbekämpfung in die Irrationalität zurückzufallen. Ferner ist sie Ausdruck dafür, dass der Westen an seine eigenen Grenzen stößt. Denn das System der Herrschaft der Technik über den Menschen kollidiert hier mit den ihm inhärenten Defiziten, mit seinem nicht zu kittenden inneren Riss. Viele der politischen Institutionen im Westen versuchen nach wie vor trotzig, die Fremden aus der juristischen Kategorie Mensch auszuklammern. Denn übertriebene Furcht und deren Schüren bis an die Grenze des Pathologischen gehört nicht nur zum Handwerkszeug der extremen Rechten. Sie sind vielmehr Teil von Verteidigungsmechanismen, durch die der Westen versucht, die Überwachungssysteme zu verstärken und zu erneuern. Nach außen hin wird ein drohender Zusammenbruch des politischen Raums simuliert, damit dieser sich zusätzliche Rechte aneignen kann, die es ihm erleichtern, die Systeme der Isolation und der Überwachung zu verschärfen.

    In Deutschland sind es nicht nur Bücher wie die von Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci, die vor einem totalen Zusammenbruch warnen und erneut Begriffe wie ,Untergang des Abendlandes‘, ,kultureller Selbstmord‘ und ,kulturelle Entartung‘ in Umlauf bringen. Mittlerweile stimmen auch bedeutende Philosophen wie Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk in diesen Chor ein. Dieses Übermaß an Angst hat nichts mit den Migranten zu tun, sondern vielmehr mit dem erneuten Einsatz von Angst als effektiver Waffe, um die totalitäre Herrschaft des modernen Staates über das Leben des Individuums zu festigen.

    Mit dem Auftauchen einer hohen Zahl von Migranten auf den Straßen der westlichen Länder ist ein Stück des abendländischen Raums in den Zustand der Unordnung zurückgekehrt, wie er vor dem Aufkommen des Märchens vom irdischen Paradies Normalität war. Das Bild vom Paradies war nicht nur ein vom Westen ausgesandtes Signal, um die Bewunderung der anderen auf sich zu ziehen und den industriell und politisch zurückgebliebenen Kulturen einen Minderwertigkeitskomplex einzupflanzen, sondern es war auch eine Art Autosuggestion, um eine konstruktive Verbindung zwischen dem Selbst und dem Raum aufzubauen, zwischen dem westlichen Menschen und dem ihn umgebenden politischen Milieu. Die gegenwärtig erwachende Angst hat nicht nur zum Ziel, den Abendländer für die Gefahren der Migration zu sensibilisieren, sondern auch, anderen drohenden Auswüchsen einen Riegel vorzuschieben. So soll verhindert werden, dass der Mechanismus der Disziplinierung des westlichen Individuums durch Inklusion in das politisch-gesellschaftliche Milieu kollabiert und dieses nach rechts oder nach links abdriftet.

    Die Sicherheit und die Gewähr, dass keine fremden Elemente die Sphäre des Alltagslebens erschüttern, sind in den vergangenen Jahrzehnten zu den hervorstechenden Charakteristika des Lebens in den industrialisierten Gesellschaften geworden. So konnte das westliche Individuum jahrzehntelang frei von direktem gesellschaftlichen und politischen Druck leben, der es dem Extremismus in die Arme getrieben hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich jene besorgte Grundstimmung also keiner wirklichen moralischen Prüfung unterziehen müssen, die das Ausmaß ihrer Toleranz und Rationalität festgestellt hätte. Deshalb ist beim westlichen Menschen die Angst vor den eigenen latent vorhandenen negativen Potenzialen mindestens ebenso groß wie die Angst vor der latenten teuflischen Seite des Migranten. Und die Phobie vor unbekannten Kräften, die dem westlichen politischen Denken entspringen und die rationale Ordnung des Westens zerstören, ist mindestens so groß wie die Phobie vor dem, was der Migrant in seiner inneren Schattenwelt verbirgt. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass das in breiten Gesellschaftsschichten des Westens vorherrschende mentale Bild vom Raum massiv gestört ist. Es bahnt sich eine Rückkehr des Bilds vom Angstraum ins westliche Gedächtnis an.

    Das Auftauchen des Flüchtenden mit seinem fremden Erscheinungsbild und seinem furchteinflößenden Hintergrund hat bei manchen unter dem Einfluss reiner Phantasiegebilde zu einem veränderten Bild vom Raum geführt. Dieser ist zu einem von Gefahren ,besessenen‘ Territorium geworden. Jenes fremde Wesen, das den Weg bereitet hat für die Rückkehr des Bildes vom ,Gefahrenraum‘ ins westliche Gedächtnis, das die auf dem Grund der Psyche schlummernde Paranoia geweckt und Wellen von unbewussten Reaktionen gegenüber den Fremden ausgelöst hat, wird nun als primitives, unzähmbares Geschöpf angesehen, als wildes Tier, das die historische Ruhe des Westens durcheinanderbringt. Die berüchtigte ,Nacht von Köln‘ war nichts als eine zwangsläufige und zu erwartende Inkarnation des in der europäischen Phantasie existierenden Stereotyps über den Migranten. Dieser ist nicht nur ein vom Schrecken Getriebener, sondern auch einer, der Schrecken verbreitet. Nicht nur einer, der dem Raum entflieht, sondern auch einer, vor dem der Raum flieht. Denn der vor der Zerstörung seines Heimatlandes Fliehende ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, wo immer er auftaucht zum Zerstörer der Ordnung der Dinge und der Räume geworden.
    Bakhtiyar Ali ist ein kurdischer Autor und Romancier. Er wohnt in Köln. Seine Romane werden in viele Sprachen übersetzt.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016

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