Foto: Kai Wiedenhöfer

    Flucht und Vertreibung

    Weihnachtsbäume in Jeddah, Bamiya in Deutschland
    Wie man im Displacement heimisch werden kann

    Eine bikulturelle Herkunft ruft erstaunlicherweise immer noch Erstaunen hervor – aber nicht mehr ganz so viel wie früher. Unsere Autorin hat es am eigenen Leib erfahren, hat sich zunächst über ihr Deplaziertsein gewundert und es mit Hilfe von Büchern und Reisen schließlich lieben gelernt.

    Meine Mutter vermisste vor allem Petersilie. Nicht die Petersilie mit den kleinen, krausen Blättern, sondern die glatte Petersilie, die man in dicken Bündeln auf Märkten kaufen kann. Sie vermisste auch frischen Koriander und Zucchini. Wir waren gerade mit der ganzen Familie zurück nach Deutschland gezogen, acht Jahre lang hatten wir in Jeddah gelebt und meine Mutter hatte sich gewisse Dinge zu kochen angewöhnt. Auch wir vermissten Diverses auf dem Esstisch – mein Bruder hatte sich bald damit abgefunden, dass es keine Bamiya mehr geben würde, mein Vater und ich trauerten unserer geliebten Molokhiyya aber noch Jahre hinterher. Meine Mutter bemühte sich redlich, das muss man so sagen, uns unsere Lieblingsgerichte trotzdem zu kochen. Sie fälschte, schummelte und improvisierte, und jeder neu eröffnete türkische Supermarkt in der Umgebung wurde immer sofort angesteuert, in der Hoffnung, doch mal Petersilie zu finden. So schwer konnte das doch nicht sein!

    Das war im Jahr 1988, in der kleinen Stadt mitten im Ruhrgebiet, und nirgendwo war ein Bund glatte Petersilie oder eine Zucchini aufzutreiben.

    Glücklich in Jeddah

    Dazu muss man vielleicht erklären, dass meine Mutter eine gebürtige Deutsche ist, mein Vater hingegen aus Saudi-Arabien stammt. Der Umzug nach Deutschland, in die Heimat meiner Großeltern mütterlicherseits, war in erster Linie der Idee geschuldet, dass wir Kinder, wohl vor allem ich, das Mädchen, es in Deutschland in der Schule leichter haben würden. Einfach war das für uns alle nicht, das stand fest. Besonders meine Mutter, diese blonde, patente Frau, erzählt noch heute mit viel Wehmut, wie gern sie damals in Jeddah gelebt hat, dass sie es noch heute als ein Zuhause begreift und manchmal vermisst.

    Ich habe inzwischen gelernt (aber das hat viele Jahre gedauert), dass es bei den meisten Menschen in unserer so genannten westlichen Welt mitunter Befremden und größeren Erklärungsbedarf auslöst, wenn man so etwas erzählt – eine deutsche Frau, eine gemischte Familie, wie kann das denn sein, dass sie sich dort so wohl gefühlt haben, in diesem fernen Land, das in unseren Breiten ja hauptsächlich durch Negativschlagzeilen bekannt ist. Und wo man als Frau doch so gar nichts darf. Autofahren! Ein Bankkonto eröffnen! Und dann vermissen sie auch noch Petersilie und rote Linsen?! Sind die denn noch bei Trost?

    Was das Essen angeht, haben wir uns mit dem neuen Zuhause dann wohl oder übel irgendwann arrangiert. Jeder Urlaub in Jeddah wurde mit Großeinkäufen beendet, man schleppte Ful Medammes in Dosen, rote Linsen, diverse Gewürze und frische Granatäpfel in riesigen Koffern zurück nach Deutschland. Wenn sich dann der Geruch von ausgebackenen Auberginen mit Granatapfelkernen, Knoblauch und Koriander in unserem deutschen Haus verbreitete, war das immer ein bisschen wie Weihnachten. Aber die Sehnsucht nach diesem alten Zuhause hat es am Ende auch nicht gestillt, und vielleicht auch immer ein bisschen größer gemacht.

    Andere Dinge waren noch schwieriger zu begreifen. Warum zum Beispiel bekamen wir ständig zu hören, in der Schule etwa, dass wir doch bestimmt jetzt sehr froh seien, in Deutschland zu leben, weil wir ja immerhin Deutsche seien. Unsere Andersartigkeit, vor allem die von uns Kindern, fiel nicht besonders stark auf – wir sprachen fließend und akzentfrei Deutsch, hatten weder besonders dunkle Haut oder Haare. Nur unsere seltsamen Namen, die man immerzu buchstabieren musste, waren das einzige, was uns erst auf den zweiten Blick als nicht ganz passend auswies, dort in der kleinen Stadt im Ruhrgebiet. Man begegnete uns freundlich, ja wohlwollend, möchte man sagen. Warum also fühlte man sich trotzdem so fremd? So außen vor? Und gleichzeitig so unfreiwillig annektiert? War es das kalte Wetter? Die fremden Kinder? Der Mangel an arabischen Lebensmitteln?

    Anpassungsversuche

    Wenn ich heute an diese ersten Jahre in Deutschland zurück denke, an all die Fragen, die ich mir selbst und die mir andere (nicht) gestellt haben, wird mir manchmal ziemlich schwindlig. Unsere Leben waren vertauscht worden, der einstige Urlaubsort bei den deutschen Großeltern war zum Zuhause geworden, das frühere Zuhause plötzlich nur noch Ferienziel. Ein Recht auf Fremdsein gab es trotzdem nicht, dank der Sprache, dank der deutschen Familienmitglieder. Und doch war da immer diese Sehnsucht, dieses Heimweh, bei uns allen.

    Das hingegen wollte so gar nicht zu all den Menschen passen, die immerzu darauf insistierten, dass es doch für uns in Deutschland viel besser ist jetzt. Viel freier. Viel schöner. Ich begann mich zu schämen, und das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmen müsste, weil ich das so gar nicht sehen konnte, was genau jetzt hier in der kleinen Stadt im Ruhrgebiet besser sein sollte, wurde immer stärker. Displacement. Wir hatten keinen Namen dafür. Nur eine diffuse innere Stimme, die immerzu sagte: „Du machst doch was falsch, wenn du dich hier nicht wohl fühlst. Alle sagen, du musst dich wohl fühlen. Es muss an dir liegen, ganz bestimmt.“

    Dieses Gefühl hielt ziemlich lange an. Ich konnte es nie jemandem wirklich erklären, zu groß die Scham und die Angst, dass es sich um ein eigenes Versagen, um einen eigenen Mangel handelt. Wenn ich mich nur noch mehr bemühe, dachte ich als junger Mensch, wenn ich mich noch mehr anpasse, blöde Witze über Araber mache, meine deutsche Sprache verfeinere und meine arabische Sprache ablege, wenn ich selbst immerzu behaupte, ich sei doch Deutsche, und mich immer weiter von meinem Arabischsein abgrenze, dann wird sich das Gefühl doch irgendwann mit den Feststellungen der anderen decken müssen.

    Befreiung durch die Literatur

    Dann kam der eine Satz, der mir damals, mit vielleicht 17 oder 18, kurz vor dem Abitur jedenfalls, zum ersten Mal ein einigermaßen bekanntes Gefühl beschrieb: „My name is Karim Amir, and I am an Englishman, born and bred, almost.“ (Mein Name ist Karim Amir, und ich bin Engländer, als solcher geboren und aufgezogen, fast jedenfalls.) Es ist der erste Satz aus Hanif Kureishis Roman The Buddha of Suburbia. Dieses ,almost‘ (fast jedenfalls), dieses kleine Wort, dieser Nachsatz, so einfach, so schlicht – und es enthielt all meine Zweifel, all mein Unwohlsein mit mir selbst und der Welt um mich herum. Da war jemand englisch, aber dann irgendwie auch doch nicht. Da war jemand ein anderer als sein Name eigentlich behauptete. Der Roman erzählte von Karims britischer Mutter, die sich die rassistischen Bemerkungen ihrer Nachbarn anhören muss, er erzählt von Karims indischem Vater, der obgleich als Muslim sozialisiert, sich in der kleinbürgerlichen Nachbarschaft plötzlich als buddhistischer Guru inszeniert, Yoga Workshops gibt und esoterische Vorträge hält, sich selbst eine neue Identität erfindet. Der Roman spielt sämtliche Töne, laut und leise, subtil und offensiv, an jeder einzelnen Figur durch – immer mit der Frage im Hintergrund: Wie lebt es sich mit fremdem Namen, fremdartigem Aussehen in einer engen, kleinen Vorstadt.

    Ich hatte längst begonnen, ununterbrochen zu lesen, sogar in einer Buchhandlung zu jobben, in der Hoffnung, vielleicht irgendwo eine Erklärung für diesen nebligen Graben in mir zu finden. Kureishis Roman erklärte mir, und wohl auch einer ganzen Generation von Migrantenkindern zum vielleicht ersten Mal, dass es nicht an einem selbst liegt, dieses komische Gefühl der Verschobenheit (Displacement), sondern dass es von außen kommt. Dass die anderen, die Mitschüler, die Kollegen, die Nachbarn es sind, die einen mit ihren gutgemeinten Bemerkungen einerseits oder auch mit offener Feindseligkeit andererseits immerzu exponieren, immerzu in die Position des ,anderen‘ versetzen. Der Buddha ist für mich bis heute eines der wichtigsten Bücher meines Lebens.

    Ich fühlte mich beflügelt, verstanden. So wie sich Gleichaltrige von Hesses Steppenwolf oder von den Beatniks verstanden fühlten. Ich begann, zu schreiben. Ich schrieb und schrieb, Tagebücher voll, versuchte, wie Kureishi, Worte und Bilder zu finden für das Gefühl der Fremdheit im Außen. Ich las und schrieb, schrieb mich aus der Kleinstadt heraus, aus den inneren Konflikten und den äußeren, mit meinen Eltern, meiner Familie, meinen Mitschülern. Ich schrieb mich aus der Isolation in eine neue, andere, wunderbare Form der Isolation, der des schreibenden Lesers.

    Ich verließ die kleine Stadt im Ruhrgebiet und zog in eine mittelgroße Stadt am Rhein. Dort gab es sehr grüne Wiesen, bunt gestrichene Altbauten mit viel Stuck und ein sonnengelbes altes Schloss, in dem sich die Universität befand, die ich dann besuchte. Dort gab es mehr Bücher, mehr Literatur, es gab neue Menschen, die mir sehr lieb wurden, die mir ausländische Filme zeigten, moderne Kunst nahbrachten und Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzonen unters Kopfkissen legten. Die Welt schien sich zu öffnen, es kam Luft hinein, in das von der Kleinstadtenge zusammengepresste Leben. Wie bei Karim, wie im Buddha, als es ihn nach London führt, wo er Schauspieler wird. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich zu Hause – in der Kunst, in der Sprache, die ich mir so akribisch und in all ihren Facetten zu eigen gemacht hatte.

    Und gleichzeitig, das merkte ich aber erst viel später, entfernte es mich immer weiter von der Familie, mit der ich doch dieses Gefühl der Fremdheit teilte, die Sehnsucht nach Zurückgelassenem, nach Petersilie und frischem Koriander.

    Reisen in die arabische Welt

    Erst ein Hauptseminar über Orientalismus rüttelte wieder an diesen Dingen, an der Herkunft, die ich doch endlich so weit hinter mir gelassen hatte. Edward Said rüttelte, die Orientreisenden des 19. Jahrhunderts rüttelten, Nervals Die Frauen von Kairo rüttelte. Da waren sie wieder, all die Bilder, die Geräusche, die Gerüche, die dort aus westlicher Perspektive beschrieben wurden, mit diesem ,orientalistischen Blick‘, wie wir Studenten lernten. Und ich wollte immer wieder aufschreien: „Ja, aber ein bisschen so ist es aber doch! Ihr wisst das nicht, aber ich, ich weiß das! Glaubt mir, ich kenne das, weiß, wovon ich rede!“ Da war sie wieder, diese Lücke, diese merkwürdige, schmerzhafte Lücke.

    Nach Orientalism nahm ich mir auch Edward Saids Autobiographie vor. Out of place. Eine Geschichte, so irrwitzig, so voller Gegensätze, voller Liebe, Trauer, Fragen und versuchter Antworten über die eigene Herkunft und den eigenen Platz in der Welt. Es gab einen neuen Kureishi-Moment. Und diesmal folgte kein erratisches, sondern ein systematisches Lesen. Ich las mich quer durch Kolonialliteratur, vor allem britische und französische, holte mir Denkstützen bei Susan Sontag und Joan Didion, schrieb, wie Didion sagt, „um herauszufinden, was ich eigentlich denke“, holte mir meine alte, meine erste, meine eigene Sprache zurück, las arabische Zeitungen und Bücher, besorgte mir arabische Filme und Serien. Ich öffnete die Tür wieder, ließ die arabische Sprache herein. Ein Wiedersehen nach langer Zeit. Ich begann, zu reisen. Ich reiste drei, vier Jahre lang jedes Jahr über Monate in sämtliche arabische Länder. Meist allein, manchmal auch nicht. Ich blendete all die Fragen danach, was ich da eigentlich tat, warum all das, aus, antwortete einfach nicht.

    Auf den Reisen las ich und schrieb. Schrieb Briefe, Artikel, Unmengen an Geschichten in bunte Notizbücher, schrieb von Begegnungen, die wir erlebten, Gefahren und Freuden, alles, was auf Reisen passiert. Ich schrieb plötzlich dreisprachig in meine Notizbücher, mein Kopf war völlig entfesselt, die Seiten füllten sich mit deutschen, englischen und arabischen Wörtern und Sätzen. Auf eine seltsame Art fühlte ich mich zum ersten Mal frei. Frei von wertenden, urteilenden Blicken der anderen.

    Ich spürte alte Sehnsüchte, vermisste aber plötzlich auch mein deutsches Bett, aß endlich wieder frisch zubereitete Falafel vom Straßenverkäufer und freute mich bei jeder Rückkehr nach Deutschland, dass meine deutsche Großmutter Sauerbraten, Rotkohl und Klöße auf den Tisch stellte. Aber die Lücke begann sich zu schließen. Allmählich und langsam. Und heilsam.

    All das funktionierte nicht nahtlos, nicht unfallfrei. Es blieben Menschen auf der Strecke, wie das immer so ist, wenn man sich häutet, wenn man glaubt, man müsse sich immerzu bewegen. Andere wuchsen mit mir, blieben oder kamen zurück. Halfen dabei, immer wieder anzukommen im Hier oder Dort. Ich richtete mir eine Welt ein zwischen vielen Ländern und Sprachen und mit vielen Menschen meines Herzens überall.

    Ich hatte die Enge der kleinen Stadt im Ruhrgebiet endlich abgelegt. Und angefangen, ein Buch zu schreiben.

    Integration heißt nicht Assimilation

    Die britische Schriftstellerin Taiye Selasi hielt vor einer Weile einen Vortrag mit dem Titel „Don't ask me, where I'm from, ask me where I'm local“. Ein Vortrag, der perfekt ins 21. Jahrhundert passt, stellt er doch fest, dass so etwas wie ,Herkunft‘ inzwischen gar nicht mehr mit Sicherheit auszumachen sei, dass Identitäten fluide sind und wir als jüngere Generation einer globalisierten Gesellschaft heutzutage an vielen Orten ,locals‘ sind. Selasi schreibt in ihrer Rede, sie sei ,local‘ in verschiedenen Kulturen, fühle sich nicht zwangsweise als Britin, Ghanaerin oder Amerikanerin. Jegliche Erfahrung habe ihren Ursprung in der ein oder anderen bestimmten Kultur. Jede Identität ist die Summe aus Erfahrungen.

    Lebensläufe wie diese, wie die von Taiye Selasi, wie mein eigener, die sind inzwischen längst Normalität. Menschen mit Eltern aus verschiedenen Ländern, Kulturen, Religionen, die sich in völlig unterschiedlichen Ecken der Welt niederlassen. Nur in der Umsetzung und in der alltäglichen Wahrnehmung scheint es noch Probleme zu geben. Dieses Gefühl des nicht ganz richtig Dazugehörens, des Außenvorseins nämlich, ist und bleibt Bestandteil all dieser Biographien. Wir suchen uns ein neues Zuhause, in der Welt, in der Kunst. Da, wo der Blick urteilsfrei sein kann.

    Niemand deplatziert sich selbst. Es ist keine Entscheidung, kein autonomer Akt, sich deplatziert zu fühlen. Es muss seine Ursache also im Außen haben. Etwas, was dem sich deplatziert Fühlenden entgegengebracht wird, was ihn daran hindert, sich am richtigen Ort zu fühlen.

    Kommt man als Migrant oder Auswanderer oder Flüchtling oder Third Culture Kid an einem Ort an, an dem man sich vorerst oder auch permanent niederlässt, beginnt man unweigerlich, sich anzupassen. Man lernt die Sprache, sofern man sie nicht bereits beherrscht, so wie wir damals, nimmt lokale Dialekte an, vielleicht eine bestimmte Körpersprache, Gewohnheiten, die zur Umgebung gehören. Man beobachtet seine Mitmenschen sehr genau, wird zum Verwandlungskünstler in der Masse, versucht, nicht aufzufallen, freut sich beinahe, wenn man immer häufiger vermittelt bekommt, wie gut man doch integriert sei. Man wird zum Chamäleon, jegliche Form bemerkbarer Andersartigkeit scheint plötzlich schambesetzt.

    Dabei wird viel zu oft vergessen, oder außer Acht gelassen, oder übersehen, dass erfolgreiche Integration nicht gleichbedeutend ist mit Annexion oder Assimilation. Denn dann verschwindet ein Teil des Selbst, es wird abgegeben, weggedrückt oder weggenommen.

    Arabisches Essen unterm Weihnachtsbaum

    Wir fühlten uns fremd in Deutschland, weil uns vertraute Dinge fehlten – unsere große Familie, mit der wir in Jeddah sehr viel Zeit verbrachten. Das warme Wetter, die Sonne, die regelmäßigen Wochenenden am Meer. Der laute Adhan fünfmal am Tag. Die Sprache, die sich plötzlich fremd anfühlte, weil sie nur noch mit dem Deutschen vermischt und von unserer kleinen Kernfamilie in unserer Küche gesprochen wurde, und nicht mehr aus Fernsehern, Radios oder Telefonen schallte, also nicht mehr allgegenwärtig war. Und nicht zuletzt bekannte Gerüche und Geschmäcker, Zucchini und Petersilie. All das ließ sich nicht überschreiben, oder gar ersetzen durch die Freiheit, mit dem Rad zur Schule fahren zu können, ohne Schuluniform, oder durch die Tatsache, dass meine Mutter sich nun auch wieder hinters Steuer setzen durfte.

    Ich träume von einer Zeit, in der all das nebeneinander stehen darf. In der nicht mehr gesehen wird, ob jemand dunklere Haut oder einen anders klingenden Namen trägt. Und in der sich niemand mehr schämen muss, weil auf ihn herab gesehen wird, aufgrund seines Fremdseins. In der es erlaubt, ja sogar selbstverständlich sein wird, dass man spielen und wechseln darf, frei zwischen all den Welten, die wir in uns tragen.

    Meine größte Inspiration hierbei, und das wissen sie, glaube ich, gar nicht, sind meine eigenen Eltern, die uns ein Zuhause gebaut haben, wo es jedes Jahr einen Weihnachtsbaum gab, aber auch mehrmals im Monat arabische Linsensuppe mit frischen Sambusak.

    Und heute gibt es überall Petersilie und Zucchini zu kaufen in Deutschland.
    Rasha Khayat, geboren 1978 in Dortmund, wuchs in Jeddah, Saudi-Arabien, auf. Als sie elf war, siedelte ihre Familie nach Deutschland zurück. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg und arbeitet als freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin. 2016 ist ihr erster Roman Weil wir längst woanders sind erschienen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2016
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