Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Das heutige Saudi-Arabien im Ersten Weltkrieg
    Perspektiven auf eine kontingente Periode

    Für sich genommen, ist der Erste Weltkrieg für die Arabische Halbinsel nicht das einschneidende Ereignis, das es für weite Teile Europas darstellt. Allerdings verschärfte die Kriegssituation die Rivalität der beiden hauptsächlich präsenten Mächte, des Osmanischen Reichs und des British Empire.

    Diese Rivalität bot während des Krieges lokalen Machthabern die Möglichkeit, durch die Bildung von Allianzen zu versuchen, ihre regionalen Ambitionen zu verwirklichen. Dennoch muss die Entwicklung, welche im Folgenden skizziert wird, einen größeren Zeitraum in den Blick nehmen. Die territoriale Neuordnung des Vorderen Orients, die das wohl wichtigste Ergebnis des Kriegs für die Region war, war auch auf der Halbinsel erst in den späten 1920er Jahren abgeschlossen.

    Der internationale Konflikt bot diesen lokalen Machthabern die Möglichkeit, größere Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erhalten, als dies möglicherweise sonst der Fall gewesen wäre. Auch hier ist freilich zu bedenken, dass es sich hier eher um eine nochmalige Steigerung von Entwicklungen handelt, die sich bereits im Zeitalter des Hochimperialismus gerade in der Golfregion abgezeichnet hatten. Ebenso verschob das Verschwinden des Osmanischen Reichs nach Kriegsende und die Etablierung der Briten als dominanter ausländischer Macht erneut die internen Gleichgewichte.

    Die politische Ordnung auf der Arabischen Halbinsel 1914

    Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stellte sich die Arabische Halbinsel wie folgt dar: Ihre Ränder wurden mehr oder weniger direkt von zwei der Kontrahenten beherrscht, nämlich dem Osmanischen Reich und dem British Empire. Ersteres reklamierte die Küstenregion des Roten Meeres, den so genannten Hedschas, in dessen südlichen Teil die beiden heiligsten Städte des Islams, Mekka und Medina, lagen. Ferner beanspruchten sie das nach Süden angrenzende Gebiet einschließlich des Jemen als ihr Hoheitsgebiet. Vom Großraum Aden bis zum Oman und entlang der Küste des Persischen / Arabischen Golfs bis nach Kuwait hingegen hatten sich die Briten etabliert und übten teils direkte Herrschaft aus, teils standen sie in Vertragsbeziehungen zu den Lokalherrschern, die ihnen weitreichende Rechte vor allem in der Außen- und Verteidigungspolitik einräumten. In beiden Fällen war eine so großräumige territoriale Ausdehnung undenkbar ohne vielfältige Vertragsbeziehungen mit den lokalen Machthabern. Dabei hatten diese zahlreiche eigene Interessen im Blick und versuchten, sich durch alternative Kontakte einen möglichst großen Handlungsspielraum zu sichern.

    Ein Beispiel hierfür war Muhammad al-Idrisi, der Herrscher des Asir, einer zwischen Jemen und dem Hedschas gelegenen Berg- und Küstenregion. Er trat erst mit den Italienern in Kontakt und schloss 1915 einen Vertrag mit den Briten, um die osmanische Dominanz über die Region zu beenden und sich gegenüber dem Imam des Jemen abzusichern, der seinerseits Gebietsansprüche geltend machte. In der heiligen Stadt Mekka ferner gab es neben der osmanischen Verwaltung den Scherifen als Lokalfürsten, der sich trotz vielfältiger Regelungsversuche über die respektiven Aufgabenbereiche immer wieder in Konkurrenz zu den Osmanen sah. Im Ersten Weltkrieg war dies Hussein bin 'Ali, den die Osmanen 1908 in das Scherifenamt eingesetzt hatten.

    Im Inneren der Halbinsel konnten sich die Osmanen noch mehr oder weniger auf die Emire von Ha'il aus der Familie (Al) Rashid stützen, welche den Stammesverband der Shammar beherrschten und offiziell als osmanische Vasallen galten, während die Emire die Osmanen wohl eher als mächtige Verbündete sahen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts erwuchs ihnen allerdings in 'Abd al-'Aziz bin Sa'ud ein mächtiger Widersacher. Zu Jahrhundertbeginn noch Flüchtling in Kuwait, eroberte er 1902 die kleine Oasensiedlung Riad von der Familie Al Rashid zurück und begann, in Allianz mit den lokalen Stämmen, größere Teile des Landesinneren zu erobern. Damit begann, was heute als die Expansion des ,dritten saudischen Staates' bekannt ist, nämlich die Etablierung eines Emirats (später Sultanat, ab 1932 Königreich Saudi-Arabien) unter Leitung der Al Sa'ud und in enger Allianz mit Gelehrten der als Wahhabiyya bekannten puritanistischen Richtung des Islams unter den Al al-Shaykh.

    Der Erste Weltkrieg auf der Arabischen Halbinsel

    Die Geschichte des Ersten Weltkriegs in der Region lässt sich nun ganz unterschiedlich erzählen. Dies hängt davon ab, welche Perspektive gewählt wird. Zum einen kann man natürlich die Sicht der offiziellen Kriegsteilnehmer einnehmen, d. h. vor allem der Osmanen, die in jener Zeit von den Deutschen beraten und militärisch unterstützt wurden, und der Briten. Innerhalb dessen lassen sich populäre Heldennarrative ausmachen. Am bekanntesten ist dasjenige von Lawrence von Arabien, der ab Juni 1916 den antiosmanischen Arabischen Aufstand des Scherifen von Mekka, aus der Perspektive des arabischen Nationalismus auch als Große Arabische Revolte bekannt, als britischer Offizier begleitete. Aber auch auf der Gegenseite entstanden Heldengeschichten: Einer der Gegenspieler des Scherifen war der osmanische General Ömer Fahrettin Pascha, der als Kommandant einer osmanischen Truppe die Hedschas-Eisenbahn und die Stadt Medina gegen die vorrückenden Truppen des Scherifen verteidigen musste. Der ,Löwe (oder auch ,Tiger') der Wüste' verteidigte die Stadt noch 72 Tage über die osmanische Kapitulation hinaus und musste letztlich von seinen eigenen Männern festgenommen und den siegreichen Briten übergeben werden. Eine solche Geschichte der Imperien und Helden verdeckt jedoch vielerlei, darunter Widersprüche imperialer Politik ebenso wie das Leid der Bevölkerung der Kriegsgebiete und der in den Krieg verwickelten Soldaten. Sie verdeckt aber ebenso, dass die imperialen Rivalitäten, zugespitzt in der Kriegssituation, den lokalen Machthabern Handlungsoptionen eröffneten. Da es für unsere Zwecke nicht darum gehen kann, die Genese der nach dem Krieg kurzfristig existierenden fünf unabhängigen Staaten Hedschas, Nedschd, das Emirat der Al Rashid, Asir und Jemen im Detail zu verfolgen, soll im Folgenden versucht werden, diese Aspekte anhand des wohl zentralen Konfliktes jener Zeit zu illustrieren, nämlich der Auseinandersetzung zwischen den lokalen Herrschern des Hedschas und des Nedschd.

    Scherif Hussein bin 'Ali gegen 'Abd al-'Aziz bin Sa'ud oder:
    Das britische Foreign Office (Kairo) gegen das britische India Office (Delhi)?

    Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Briten, die gegen die mit den Deutschen verbündeten Osmanen in Nordafrika und im Vorderen Orient kämpften, auf der Suche nach regionalen Verbündeten waren. Dies galt insbesondere dann, wenn diese sich in die größeren Kriegsziele einfügen ließen. So hatten sich in der Großregion Syrien mit dem Zentrum Damaskus schon zu Beginn des Weltkriegs arabische Nationalisten zusammengefunden, die hofften, mit Unterstützung des Scherifen von Mekka die osmanische Herrschaft zugunsten eines großarabischen Reiches ablösen zu können. Dabei handelte es sich zunächst um eine kleine Minderheit. Allerdings hat wohl schon die Erfahrung des Krieges dazu beigetragen, die osmanische Legitimität weiter zu unterminieren: Die Periode war gekennzeichnet von der flächendeckenden Mobilmachung der jungen Männer, die an die Fronten geschickt wurden und durch den Krieg oder Epidemien umkamen, von der Einführung von Kriegswirtschaft, der britischen Seeblockade feindlicher Küsten und der damit einhergehenden Lebensmittelverknappung sowie der gnadenlosen Unterdrückung aller Zeichen möglichen Widerstandes gegen die osmanische Autorität. In Mekka war nicht nur die Pilgerfahrt des Winters 1914/15 bereits vom Krieg beeinträchtigt, eine britische Seeblockade, die die osmanischen Truppen von Nachschub abschneiden wollte, zwang den Scherifen von Mekka, sich mit dem osmanischen Gouverneur über Lebensmittellieferungen zu verständigen.

    Der Scherif von Mekka hatte eigene Ziele im Auge, nämlich die Errichtung eines großarabischen Reichs im Arabischen Osten unter seiner Herrschaft. Dieses formulierte er in seinem geheimen Briefwechsel mit dem britischen Hochkommissar im besetzten Ägypten, Henry McMahon, in den Jahren 1915 und 1916. McMahon war vorsichtig genug, eine Reihe von Vorbehalten zu machen, sowohl was jene lokalen Herrscher anbelangte, mit denen Großbritannien ebenfalls Bündnisse unterhielt, als auch was mögliche französische Ansprüche in Syrien betraf. Allerdings dürfte die ganze Reichweite der britisch-französischen Kriegszielabsprachen, wie sie in dem ebenfalls geheimen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 formuliert wurden, Hussein nicht ansatzweise bewusst gewesen sein. Angesichts britischer Niederlagen versuchte er auch bei den Osmanen sein Glück und bot seine militärische Unterstützung im Austausch gegen die Gewährung weitgehender Autonomie für die von ihm begehrten arabischen Gebiete an. Dies wurde allerdings von dem osmanischen Gouverneur in Syrien als ein Erpressungsversuch gewertet, der Husseins Illoyalität beweise – einer drohenden osmanischen Intervention kam Hussein deshalb im Juni 1916 mit der Ausrufung der Revolte gegen die Osmanen zuvor.

    Schon länger war der bereits erwähnte 'Abd al-'Aziz bin Sa'ud (im folgenden Ibn Sa'ud) ein offener Gegenspieler Scherif Husseins. Dies hing mit den Expansionswünschen Ibn Sa'uds auf der Arabischen Halbinsel zusammen. Mekka und Medina hatten hier nicht nur als Heilige Islamische Stätten einen besonders hohen Stellenwert, sondern auch die verhältnismäßig hohen Einnahmen aus der Pilgerfahrt (die allerdings im Krieg aufgrund der Blockaden und anderer Einschränkungen im Seeverkehr dramatisch sanken) lockten Ibn Sa'ud. Immerhin versprachen sie ein witterungsunabhängiges Einkommen in dem immer wieder von Dürren gebeutelten innerarabischen Emirat. Und auch die ihn unterstützenden wahhabitischen Gelehrten und Glaubenskrieger hatten eine ganz eigene Motivation, die heiligen Städte zu erobern, war ihnen doch die Verehrung der Gräber der Prophetengenossen ein tiefer Gräuel, den es zu beenden galt. Immerhin hatten sie schon im Rahmen der ersten saudischen Expansion in den Hedschas (1803) Mausoleen und Moscheen zerstört, um künftig das zu verhindern, was ihnen als Götzendienst erschien.

    Pikant daran war nun, dass die Briten anfänglich den Aufstieg Ibn Sa'uds als einem Verbündeten Kuwaits wohlwollend betrachtet und bis zum Ersten Weltkrieg wiederholt freundschaftliche Beratungen mit ihm geführt hatten. Teilweise lässt sich dies auf unterschiedliche Interessen des vor allem mit der Golfregion befassten India Office und des auf Ägypten und den Mashrek konzentrierten Arab Bureau in Kairo, das dem Außenministerium unterstand, zurückführen. Diese waren die wichtigsten der insgesamt zwanzig britischen Regierungsinstitutionen, die britische Interessen in der Region sichern sollten.

    Die Expansion des Machtbereichs von Ibn Sa'ud

    Bei Kriegsausbruch schlug Ibn Sa'ud den Herrschern von Kuwait, Ha'il und Mekka vor, ein Bündnis untereinander und mit den europäischen Mächten zu schließen mit dem Ziel, nicht in das Kriegsgeschehen verwickelt zu werden und die Unabhängigkeit zu erhalten. Als dies aufgrund der unterschiedlichen Interessen nicht zustande kam, begann er, aktiv mit den Briten zu verhandeln, denen seine Rivalität zum Emir von Ha'il (wie erwähnt, einem Verbündeten der Osmanen) entgegenkam. Das 1915 unterzeichnete und im Juli 1916 in Simla von der britisch-indischen Regierung ratifizierte Abkommen garantierte Ibn Sa'ud die Gebiete von Nedschd, El Hasa, Qatif, Jubail und den umliegenden Regionen im Gegenzug zu seiner Zusicherung, nicht ohne britische Zustimmung mit dritten Mächten in Kontakt zu treten oder ihnen Konzessionen zu machen. Im Gegenzug verpflichtete sich Ibn Sa'ud, Kuwait, Bahrain, Katar und Oman nicht anzugreifen. Dieser de facto Protektoratsvertrag, der Ibn Sa'ud noch mit einer regelmäßigen Subsidienzahlung und Waffenlieferung versüßt wurde, erwähnte die Westgrenze seines Territoriums mit keinem Wort.

    Insbesondere nachdem sich Hussein im November 1916 zum König Arabiens hatte ausrufen lassen, fiel es den Briten zunehmend schwer, einen offenen Konflikt zwischen ihm und Ibn Sa'ud zu verhindern. Insbesondere ermutigten sie ihn, gegen den Emir von Ha'il vorzurücken, nur, um ihn kurz vor dem Sieg im letzten Moment wieder auszubremsen. Allerdings endete diese Zurückhaltung Ibn Sa'uds nach dem Ersten Weltkrieg: 1921 eroberte er Ha'il, was zu erheblichen Grenzproblemen mit den Briten (die mittlerweile den Irak und Jordanien als Mandatsgebiete verwalteten) führte.

    Zwischen 1920 und 1926 eroberten Ibn Sa'uds Truppen Asir, das mittlerweile seine Bedeutung für die Briten verloren hatte und dem Ibn Sa'ud einen Protektoratsvertrag aufnötigte, der dem Muster britischer Protektoratsverträge ähnelte. Auch Hussein verlor durch seine Gegnerschaft zu der von den Briten und Franzosen vorgenommenen ,Neuordnung' und weitgehenden Unterwerfung des Vorderen Orients die Gunst der Briten, die ihn nur als König des Hedschas anerkannt hatten. Und auch in der Bevölkerung des Hedschas stieg der Unmut gegen das vielfach als ausbeuterisch empfundene Scherifenregime. Nachdem Ibn Sa'ud den Eindruck gewonnen hatte, dass Großbritannien nicht intervenieren werde, beschloss er 1924 den Angriff auf den Hedschas, der mit der blutigen Einnahme der Stadt Ta'if 1924 begann und im Dezember 1925 mit der Kapitulation Medinas und Djiddas endete.

    Der Erste Weltkrieg, die osmanische Niederlage und die darauffolgende Neuordnung des Vorderen Orients unter britischer und französischer Ägide stellten also tatsächlich einen wichtigen Rahmen für die Entwicklungen auf der Arabischen Halbinsel dar. Kann man aber die saudische Expansion primär als das Ergebnis britischer imperialer Politik sehen, wie dies ein Autor behauptet? Man muss wohl eher ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedener arabischer und britischer Interessen sehen. Es ist durchaus denkbar, dass in einer anderen Konstellation Hussein erfolgreich aus den lokalen Auseinandersetzungen hätte hervorgehen können. Auffällig ist auch, dass aus saudischer Perspektive der imperiale Kontext gegenüber den lokalen Akteuren fast vollständig in den Hintergrund tritt. Und in der Tat ist der Weltkriegskontext hier wohl am besten zu verstehen als eine Situation, die den lokalen Machthabern neue Möglichkeiten der Bildung von Allianzen zur Verwirklichung der eigenen machtpolitischen Ambitionen bot. Dass diese durchaus an Grenzen stießen, zeigt sich an den saudisch-irakischen Grenzproblemen, denn es war de facto der britische Hochkommissar Sir Percy Cox, der die Grenze festlegte.

    Die Not der Bevölkerung als Druckmittel

    Im Rahmen seiner Korrespondenz mit McMahon forderte der Scherif von Mekka neben Waffen und Munition auch die nicht unerhebliche Menge von 20 000 Säcken Reis, 15 000 Säcken Mehl, 3000 Säcken Gerste sowie 150 Säcken Kaffee und Zucker. Diese umfänglichen Nahrungslieferungen hingen mit der Seeblockade zusammen, welche Großbritannien gegen die osmanischen Gebiete verhängt hatte. Diese führte dazu, dass in den abgeschnittenen Gebieten ab der zweiten Jahreshälfte 1915, als die lokalen Getreidevorräte aufgebraucht waren, die Lebensmittelpreise drastisch zu steigen begannen und eine vor allem zwischen 1916 und 1918 teilweise dramatische Hungersnot ausbrach. Die Arabische Halbinsel war nun vollkommen von Importen abhängig. Dabei war Hedschas insofern privilegiert, als die Osmanen bemüht waren, zur Aufrechterhaltung von Pilgerfahrt und lokaler Loyalität in den Heiligen Stätten die Versorgung zu garantieren. Damit zogen sie sogar lebensnotwendige Vorräte aus Syrien ab und bemühten sich um zusätzliches Getreide aus dem Jemen.

    Der österreichische Orientalist Alois Musil, der während des Krieges zweimal in offizieller Mission die arabischen Stämme besuchte, um sie von einer Zusammenarbeit mit den Briten abzuhalten, berichtete, wie nach Ende 1916 die Briten die Küsten des Roten Meeres blockierten. „Da infolge der gegen die Ḥeǧāzbahn vorgenommenen Anschläge [durch die arabischen Aufständischen] der Verkehr zeitweise unterbunden und die Versorgung mit Lebensmitteln gestört war, litten die Bewohner der Küste Hunger und waren genötigt, die Forderungen der Engländer anzunehmen und sich für Ḥsejn [Hussein] zu erklären. [...] Um die Versorgung mit Lebensmitteln zu erleichtern, wurde al-Medīna von der Zivilbevölkerung im Frühjahr 1917 evakuiert, und es blieben daselbst nur die osmanischen Truppen, die fast für drei Jahre mit Lebensmitteln und Munition versorgt sind ...“. Musils Schilderung unterstützt die auch für Syrien bereits vorgebrachte Interpretation Schatkowski-Schilchers, dass die probritischen Sympathien vieler Araber eben auch eine ganz existenziell-materielle Basis hatten.

    Während viele der Einwohner in das ebenfalls von einer Hungersnot geplagte Syrien umgesiedelt wurden, scheinen andere gezwungen gewesen zu sein, auf eigene Faust loszuziehen. Die Biographie des Medinensers Muhammad 'Isa 'Abd al-Wahhab Safarji gibt einen Eindruck von der Not, in der sich die Flüchtigen befanden: „Fahri [der osmanische Kommandant] vertrieb die Bevölkerung Mekkas, nachdem er sich ihrer Nahrungsvorräte bemächtigt hatte [...]. Ein Großteil der Bevölkerung reiste ab, aber der Vater, seine Mutter und Schwester besaßen nichts, wovon sie hätten reisen können, bis Verwandte aus Mekka ihnen Hilfe schickten. Sie zogen mit einer Karawane Richtung Mekka, aber der Weg war voller osmanischer Truppen, die sich auf den Hügeln und Straßen konzentrierten [...]. Die Karawane war gezwungen, nach Malal und von dort nach al-Farisch zu ziehen. Auf dieser Reise waren sie großer Mühsal ausgesetzt durch Armut, Angst, Hunger und Durst. So fanden sie am Wegesrand die Reste eines toten Kamels. Sie zerteilten und aßen es aufgrund der Anstrengung und des Hungers.“ Ein andermal rettete ihnen ein mitleidiger Beduine das Leben, der seine Ration mit ihnen teilte. Auch in Yanbu' und Djidda wurde den Flüchtigen von mitleidigen Mitbürgern geholfen, Mekka zu erreichen, wo sie jedoch auch rasch dem dortigen Onkel „eine schwere Last wurden, weil die Lage aller schlecht war“.

    Ulrike Freitag
    ist Direktorin des Zentrums Moderner Orient (ZMO) in Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

    Links zum Thema

    Fikrun wa Fann als E-Paper

    Fikrun wa Fann als E-Paper

    Lesen Sie die Jubiläumsausgabe Fikrun
    „100 Jahre Erster Weltkrieg“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

    Bestellen

    Antragsformular

    Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
    Zum Antragsformular ...