Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Imperialismus mit Hilfe der Eisenbahn
    Der Orient-Express und der Erste Weltkrieg

    Mit Sean McMeekins The Berlin-Baghdad Express und Alexander Wills Kein Griff nach der Weltmacht sind zwei neue Bücher zu Deutschlands Orientpolitik im Ersten Weltkrieg erschienen, die die Frage nach den deutschen Großmachtbestrebungen völlig unterschiedlich beantworten.

    „An das gute Gewissen der Deutschen ist eine Mine gelegt: Ein vermeintlich bewältigtes und integres Kapitel deutscher Vergangenheit, der Erste Weltkrieg, dürfte so unbewältigt sein wie die Hitlerzeit.“ Dieses Zitat aus dem Spiegel vom November 1961 ist die wohl passendste Charakterisierung dessen, was zum Beginn der sechziger Jahre von dem Historiker Fritz Fischer losgetreten wurde und die folgenden zwei Jahrzehnte den geschichtswissenschaftlichen Diskurs Deutschlands dominierte. Fischer widerlegte das bis dahin herrschende Narrativ, der deutsche Kriegseintritt sei lediglich eine unverschuldete und weitgehend unvermeidbare Konsequenz der historischen Umstände gewesen. Er spricht die deutsche ‚Schuld' am Großen Krieg zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit aus, eine Schuld, die bedingt wurde durch die imperialistisch und annexionistisch ausgerichtete Politik des Kaiserreiches. Diese These konnte sich in ihren Grundzügen zwar als Communis Opinio durchsetzen, ging aber nicht ohne lebhafte und langwierige Diskussionen einher, die die Geschichtswissenschaft in zwei Lager spalteten.

    Bereits der Titel von Alexander Wills Dissertation, mit der er 2009 an der Universität des Saarlandes promoviert wurde, nimmt Bezug auf diese Kontroverse. Kein Griff nach der Weltmacht rekurriert auf den Titel der damals von Fischer veröffentlichten Monographie Griff nach der Weltmacht. Im Fokus der über 300-seitigen Untersuchung stehen die geheimdienstlichen Aktivitäten Deutschlands, Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches im Vorfeld und während des Ersten Weltkrieges. Das Osmanische Reich stellte bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Bühne für die unterschiedlichsten Einflussversuche der verschiedenen Großmächte dar. Österreich-Ungarn und Großbritannien sahen ein besonderes Interesse darin, das Osmanische Reich als Bollwerk gegen das expandierende Russland aufrechtzuerhalten; Großbritannien wollte zudem die Verbindung zu seinen Kolonien in Indien erhalten; das Deutsche Kaiserreich erhoffte sich wirtschaftliche Vorteile. Da auch das Osmanische Reich durch die Präsenz dieser Staaten seine Interessen und durch das investierte ausländische Kapital seine Existenz gewahrt sah, begann bereits in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein lebhafter Wettkampf der Mächte auf osmanischem Boden – ein Wettkampf um Bündnisse, Weltansichten und Wirtschaftsinteressen.

    Propaganda und Heiliger Krieg

    Das wichtigste Instrument dieses Wettkampfes waren die geheimdienstlichen Aktivitäten. Will bedient sich hier der Kategorien von Symmetrie und Asymmetrie. Als der Krieg bereits begonnen war und das Osmanische und das Deutsche Reich eine Militärallianz geschlossen hatten, war den deutschen Akteuren schnell klar, dass das Mächteverhältnis unausgeglichen war, eine ‚symmetrische' Gegenüberstellung im Kampf nur eine Niederlage bedeutet hätte und das Osmanische Reich früher oder später in den Händen der Gegner zerfallen würde. „Es blieben also nur Wege, die möglichst ressourcenschonend eine große Wirkung zu entfalten versprachen. Diese Wege waren Revolutionierung, Propaganda in den gegnerischen Gebieten und verdeckte Operationen.“ Diese ‚asymmetrischen' Aktionen waren vielfältig angelegt und reichten von der Beeinflussung der Tagespresse in Konstantinopel über die Verteilung von Flugschriften bis hin zu Theateraufführungen und umfangreicher Bildungsarbeit. Ziel der deutschen Propaganda war es, einerseits das Image der Ententemächte zu schädigen, andererseits Sympathien für die eigenen Unternehmungen, Akteure und Ideen zu gewinnen.

    Doch welche Leitidee steckte überhaupt hinter dieser Propaganda? Baron Max von Oppenheim, Orientreisender und Gründer der Nachrichtenstelle für den Orient, war derjenige, der sich 1914 der Idee des Panislamismus für die deutsche Misere bediente und damit den Höhepunkt der Propagandamaßnahmen einleitete. Die Basis dieses Vorhabens waren die Muslime: Als Untertanen der verschiedenen Großmächte, weltweit verstreut, hatten sie untereinander ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das – so die Theorie – nur mobilisiert werden musste. So wurde die Propaganda genutzt, um dem Osmanischen Sultan die Rolle als Oberhaupt aller Muslime weltweit zuzuschreiben – eine Taktik, derer sich bereits Abdülhamid, enger Freund von Wilhelm II, einige Jahre zuvor bedient hatte. Diese Prämisse sollte schließlich idealerweise dazu führen, dass die Feinde des Osmanischen Reiches gleichermaßen zu Feinden aller Muslime wurden – eine ideale Grundlage, um gegen die Entente aus Frankreich und England einen Heiligen Krieg einzuleiten. Schnell erwies dieses Vorhaben sich als eine der vielen Kuriositäten und Widersprüchlichkeiten der deutschen Orientpolitik im Ersten Weltkrieg: Man wollte einen weltweiten Dschihad führen, der auf einem ,Aber' beruhte, denn es galt, die ungläubigen Verbündeten des Osmanischen Reiches – deutsche und österreichisch-ungarische Juden und Christen – von dem weltweiten Dschihad auszunehmen.

    Das Ziel, das hinter der Idee des von den Deutschen forcierten Panislamismus steckte, war laut Will in erster Linie die Schwächung der Ententemächte oder im besten Falle ein aktiver Kriegsbeistand für die Mittelmächte durch die mit Hilfe der Revolutionen gestürzten Regime. Durch die gezielte Propaganda sollte in den Kolonien eine Welle der Unruhe provoziert werden, die letztendlich im Heiligen Krieg, im Dschihad, gegen die Kolonialmächte gipfelte. Das Kaiserreich versprach sich, so Will, von dieser Strategie lediglich eine Entlastung an den Kriegsfronten und sie war nicht – wie das herrschende von Fritz Fischer angeregte Narrativ impliziert – eine bloße Voraussetzung für eine Expansionsbewegung in Richtung Osten. Das Osmanische Reich war demnach für Deutschland nur von indirekter Bedeutung, ein Mittel zum Zweck, das aber im Gegenzug auch Deutschland als Mittel zu eigenen Zwecken ausnutzte. Ein durch und durch symbiotisches Verhältnis also, das aus einer „Position der Schwäche“ heraus geboren wurde.

    Dies ist ein Punkt, an dem beide Historiker unterschiedliche Positionen vertreten, denn Sean McMeekin nennt andere Gründe für ebendiese Propagandaaktionen und das Umwerben des Panislamismus.

    Vision auf Rädern

    Auch McMeekin, Professor an der Bilkent Universität in Ankara, setzt sich mit der Fischer-Problematik auseinander und weiß seine Untersuchung als Beitrag zu dieser noch immer gelegentlich aufflammenden Kontroverse. Er unterstützt Fischers These von der Weltmachtgier Deutschlands, zumindest in den Grundzügen. Als roter Faden schlängelt sich der Berlin-Bagdad-Express durch McMeekins Monographie, jenes so sehnsüchtig von Kaiser Wilhelm vorangetriebene Projekt, jene dampfende Vision auf Rädern, die das Deutsche Kaiserreich mit dem Orient verbinden sollte. 1903 mit dem Bau begonnen, sah sich dieses Projekt mit vielen geographischen, finanziellen und logistischen Hindernissen konfrontiert und wurde zum Sorgenkind des Kaiserreiches. McMeekin zeigt auf, dass eben dieser Berlin-Bagdad-Express das Kernstück des deutschen Expansionswillens war. Er arbeitet die Bestrebungen heraus, die mit dieser Verbindung einhergingen: schnellere Waffenlieferungen und Truppenverschiebungen, die Errichtung von militärischen Stützpunkten weit im Osten und ein ungehinderter Zugang zum Persischen Golf. Dies galt, laut McMeekin, als Ausgangsbasis für eine deutsche Expansion in Richtung Osten. Ausführlich schildert er das Zögern der Osmanen, auf deutscher Seite in den Krieg zu ziehen, und die damit einhergehende Ungeduld und Machtlosigkeit des Deutschen Kaiserreiches. Denn ohne den Kriegseintritt des Sultans war die Dschihad-Idee völlig wertlos. Ende Oktober 1914 war es schließlich so weit: Das Osmanische Reich zog auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg und der Dschihad konnte beginnen.

    Nun kamen die deutschen und österreichisch-ungarischen ‚Agenten' ins Spiel; sie waren die wichtigsten Träger der panislamischen Idee. Ihre Aufgabe war es, Expeditionen in den einzelnen nordafrikanischen und arabischen Staaten zu leiten, um Propagandamaßnahmen zu implementieren, die schließlich den Heiligen Krieg gegen die Ententemächte entfesseln würden. McMeekin gelingt es, ein detailliertes, schillerndes Bild der einzelnen Personen zu zeichnen, ihre Misserfolge aufzuspüren, ihre Charaktereigenschaften und Wirkung auf die Muslime zu beschreiben. Während einige der ‚Agenten' durchaus vorbildlich, kompetent und erfolgreich handelten, gab es andere Akteure, die durch ihre Inkompetenz und die Unkenntnis der Regionen den Erfolg der panislamischen Idee gefährdeten. Die Propagandaaktionen waren oftmals Produkte ihrer Spontaneität, es kam zu Streitigkeiten und Missverständnissen; Sprachschwierigkeiten und kulturelle Unkenntnis taten ihr Übriges. Beispielsweise der Plan Oppenheims, in Medina Fotos als Teil einer Propagandamaßnahme zu nutzen, scheiterte an der Tatsache, dass im Islam die Abbildung von menschlichen und tierischen Wesen verboten ist. McMeekin argumentiert, dass eben diese Defizite, ergänzt durch die vielerorts wider Erwarten nicht vorhandene Bereitschaft zum Heiligen Krieg, dazu beitrugen, dass die große deutsche panislamische Idee scheitern musste.

    Erfolg oder Niederlage?

    Die Bewertung des Erfolges der Propagandaaktionen ist ein weiterer Punkt, an dem die Meinungen beider Autoren auseinanderklaffen. Will geht es im Gegensatz zu McMeekin darum, das negative Bild, das über die Erfolge Deutschlands im Orient bisher vorherrschte – und das ebenfalls von Fritz Fischer geprägt wurde – zu revidieren. Dabei gelingt es ihm, überzeugend die Erfolge einzeln herauszuarbeiten und sie den Bestrebungen Österreich-Ungarns, aber auch Frankreichs und Großbritanniens, gegenüberzustellen.

    Er zeigt auf, dass die deutsche Propaganda durchaus von Erfolg gekrönt war – sofern man an sie einen differenzierteren Maßstab anlegt als den, der das Ergebnis unter dem Gesichtspunkt des Kriegsausganges misst. Als Grundlage für seine These zieht Will vor allem britische Quellen heran, denen zu entnehmen ist, wie groß die Angst vor dem deutschen Einfluss im Osmanischen Reich war. Diese Quellen belegen, dass aufgrund der als positiv eingeschätzten Erfolge der Deutschen ein erheblicher finanzieller und materieller Aufwand betrieben wurde, um der deutschen Propaganda entgegenzuwirken. Insofern haben, so Will, die deutschen Agenten ihr Ziel erreicht: Großbritannien und Russland waren aufs Höchste alarmiert und setzten alle Hebel in Bewegung, um noch zu retten, was zu retten war. Die Konsequenz war eine deutlich geringere Präsenz der Entente-Truppen an den Kriegsschauplätzen Europas – und damit erwies sich die deutsche Strategie, zumindest auf den zweiten Blick, als erfolgreich.

    Vergessene Bündnisse

    Bemerkenswert bei der Lektüre beider Bücher ist, dass offenbar keiner der Autoren wusste, dass gerade eine weitere Monographie im Entstehen begriffen war, die das Gegenteil der eigenen These behaupten würde – denn auf keiner Seite findet sich ein Hinweis auf das jeweils andere Buch. Beide Werke erschienen in so geringem Abstand nacheinander – McMeekins Monographie wurde 2011 in Großbritannien veröffentlicht, Wills Dissertation 2012 in Deutschland –, dass dies auch kaum vermeidbar gewesen wäre.

    Beide Bücher zeichnen ein weit ausgreifendes Bild der ideologischen, wirtschaftlichen und bündnispolitischen Strukturen im Vorfeld und während des Ersten Weltkrieges. McMeekin und Will gelingt es, die opportunistische, von Widersprüchlichkeiten und einer gewissen Komik geprägte Politik der einzelnen Großmächte trotz ihrer Komplexität verständlich und nicht zuletzt auch spannend darzustellen.

    Die Relevanz beider Bücher ergibt sich nicht nur daraus, dass sie einen neuen Beitrag zu einer der wichtigsten Kontroversen in der Geschichtswissenschaft leisten. Ihr besonderes Verdienst liegt zudem darin, dass sie die enge Bündnispolitik zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich, die heutzutage aus dem kollektiven Gedächtnis beider Nationen bzw. ihrer Nachfolgestaaten verschwunden zu sein scheint, wieder in Erinnerung rufen. Vor allem der Wille auf deutscher Seite, die panislamische Idee und den Dschihad als Mittel zu nutzen, die eigenen Ziele durchzusetzen, ist eine viel zu oft vernachlässigte Kuriosität, die so manche gegenwärtige weltpolitische Entwicklung in ein anderes Licht rückt.

    Sean Mc Meekin: The Berlin-Baghdad Express: The Ottoman Empire and Germany's Bid for World Power, 1898–1918, Penguin Books, London 2011.

    Alexander Will: Kein Griff nach der Weltmacht. Geheime Dienste und Propaganda im deutsch-österreichisch-türkischen Bündnis 1914–1918, Böhlau Verlag, Köln 2012.

    Simone Falk
    ist Historikerin mit Schwerpunkt deutsche und polnische Geschichte an der Universität Kiel.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

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