Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Bildung und Demokratie
    Partizipation als Schlüssel

    Das Bildungsniveau einer bestimmten Bevölkerung gilt als Indiz dafür, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich ein autoritäres Regime in Richtung Demokratie entwickelt. Zugleich spiegelt die Bildungspolitik eines Landes seine politische Situation. Wie kann es in Staaten mit einem problematischen Bildungssystem trotzdem zu demokratischen Veränderungen kommen und wie können ausländische Institutionen, zum Beispiel das Goethe-Institut, helfen?

    Die wechselseitige Abhängigkeit vom Bildungsniveau eines Volkes und der politischen Regierungsform kann zunächst auf theoretischer Ebene veranschaulicht werden. Eine Demokratie, so verrät uns die Politologie, setzt eine freiheitliche demokratische Grundordnung voraus, die durch einen „demokratischen Meinungs- und Willensprozess von der ‚Volkswillensbildungʻ“ geschaffen worden ist. Konkret bedeutet dies, dass für den Aufbau eines demokratischen Regimes ein Prozess durchlaufen wird, während dessen sich ein Volk mehrheitlich auf diese politische Ordnung einigt.

    Willensbildung des Volkes

    An dieser Stelle ist das Bildungsniveau eines Volkes entscheidend: Um sich aktiv an diesem Prozess beteiligen und ihn zugunsten demokratischer Strukturen entscheiden zu können, bedarf es mündiger Staatsbürger, denen partizipatorische Strukturen vertraut sind, die diese zu nutzen wissen und die außerdem zentrale Merkmale demokratischen Zusammenlebens (z. B. die Herstellung einer liberalen und pluralistischen Ordnung und die Mitmenschlichkeit im persönlichen Verhalten des Einzelnen) respektieren.

    Die notwendigen Kompetenzen für die Teilnahme an dieser ‚Volkswillensbildungʻ können in den öffentlichen Bildungsinstitutionen vermittelt werden; denn Schulen und Universitäten sind nicht nur Orte, an denen Fachwissen vermittelt, sondern an denen auch Werte weitergegeben und Meinungen geprägt werden. Diese Werte und Meinungen sind aber nicht zwingend Demokratie fördernd: Die inhaltliche Ausrichtung dieser unterliegt der jeweiligen Regierung. Daraus folgt die Beobachtung, dass die Bildungspolitik eines Staates als Spiegel für ein gesamtpolitisches Projekt dienen kann.

    Besonders in Ländern, die soziopolitische Umbrüche durchlaufen, ist es deshalb von großem Interesse, bildungspolitische Reformen und Entwicklungstendenzen zu beobachten und aus ihnen Rückschlüsse auf die ideologische Ausrichtung des neu zu konstruierenden Staates zu ziehen. Dies gilt auch für Ägypten und Tunesien – zwei Länder, die nicht nur vom arabischen Frühling betroffen, sondern auch besonders einschlägige Beispiele für den Verlauf einer postautoritären Transformation in der Region Nordafrika und Nahost sind.

    Bildung und politische Umbrüche in Ägypten und Tunesien

    Die Revolutionen in Ägypten und Tunesien – wie auch in anderen Ländern der Region Nordafrika und Nahost, in denen massive Aufstände der Bevölkerung seit 2011 zu nachhaltigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geführt haben – wurden hauptsächlich von den unter Dreißigjährigen getragen. Zum einen macht diese Altersgruppe den zahlenmäßig stärksten Anteil der Bevölkerungen dieser Länder aus (etwa 60 Prozent der ägyptischen und etwa 55 Prozent der tunesischen Bevölkerung), zum anderen ist sie von einer massiven Massenarbeitslosigkeit betroffen: 70,8 Prozent der insgesamt 13,4 Prozent Arbeitslosen (drittes Quartal 2013) sind unter 30 Jahre alt (CAPMAS – Central Agency for Public Mobilization and Statistics). Auffällig ist ebenfalls, dass die Mehrheit dieser jungen arbeitslosen Erwachsenen einen höheren Bildungsabschluss besitzt. Dies erklärt auch, warum die Bildungsreformen, die während der Transformationsphase in diesen Ländern implementiert werden, eine besonders große Rolle spielen. Da ein Großteil der ägyptischen und tunesischen Bevölkerung sowie verschiedene politische Parteien seit dem Sturz der autoritären Präsidenten Druck für eine schnelle Umsetzung dieser Reformen machen, sind sie außerdem zu einem der Indikatoren geworden, um die Effizienz der Regierungen in der post-revolutionären Phase zu messen.

    Bildungsscout

    Um die Entwicklungen im Bereich der Bildung während der Transformationsphase in Ägypten und Tunesien zeitnah beobachten und entsprechend reagieren zu können, hat das Goethe-Institut Kairo das Projekt Bildungsscout ins Leben gerufen. Dieses – wie auch weitere Transformationsprojekte – konnte auf der Basis der zwischen Deutschland und Ägypten sowie Deutschland und Tunesien 2011 abgeschlossenen Transformationspartnerschaft umgesetzt und dank der Förderung des Auswärtigen Amts finanziert werden.

    Die Aktivitäten des Projekts Bildungsscout sind sehr vielseitig: Seit Beginn des Projektes im Juni 2012 wurden Strukturen geschaffen, um die Veränderungen in den ägyptischen und tunesischen Bildungssystemen zeitnah zu beobachten, die so gewonnenen Informationen für deutsche und lokale Partner im Bereich der Bildungskooperation bereitzustellen sowie daraus Schlüsse für neue Projekte im Bereich der Bildungskooperation zu ziehen.

    Dass die Tätigkeiten des Bildungsscout-Projektes in Ländern, die sich in sozialen und politischen Umbruchphasen befinden, sinnvoll sind und zu einer besseren Anpassung der Bildungsprojekte an die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung führen, kann besonders deutlich an dem Verlauf der ägyptischen Transformationsphase und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die deutsch-ägyptische Bildungskooperation belegt werden.

    Islamisierung der Bildung?

    Die Transformationsphase in Ägypten kann bisher in zwei Abschnitte unterteilt werden. Der erste entspricht der Dauer des Mandats des gestürzten Präsidenten Mohamed Morsi, also vom 30. Juni 2012 bis zum 3. Juli 2013. Der zweite Abschnitt hat direkt daran angeschlossen und charakterisiert sich durch die Übergangsregierung.

    Beide Regierungen haben zu Anfang ihres Mandats angekündigt, sich intensiv um Reformen im Bildungsbereich zu bemühen. Während der Regierungszeit Mohamed Morsis wurde in diesem Zusammenhang der Terminus Nahda benutzt, der entweder als „Aufschwung“ bzw. „Entwicklung“, oder aber auch als „Renaissance“ bzw. „Erwachen“ übersetzt werden kann. Die zwei letzteren Übersetzungsmöglichkeiten haben dazu geführt, dass Gegner der Freiheit- und Gerechtigkeitspartei und Mohamed Morsis eine Islamisierung des Bildungswesens vorhergesagt haben. Die Entfernung der Spuren dieser angeblich angestrebten Islamisierung war dann auch seit Anfang des Inkrafttretens der derzeitigen Übergangsregierung Leitlinie für die von ihr eingeleiteten Veränderungen im ägyptischen Bildungswesen. Es konnte bisher jedoch beobachtet werden, dass während des Mandats Mohamed Morsis genauso wie unter der amtierenden Übergangsregierung keine nationale Bildungsstrategie ausgearbeitet und dementsprechend auch nicht umgesetzt worden ist. Konkret bedeutet dies, dass in beiden Fällen Reformen sporadisch ausformuliert und teilweise auch umgesetzt worden sind, diese jedoch nicht die Kernprobleme im ägyptischen Bildungswesen beseitigt haben.

    Unter beiden Regierungen wurden in einem ersten Schritt personelle Veränderungen durchgeführt: Von der Ebene des Erziehungsministeriums bis auf die Ebene des Universitätsdirektors bzw. Schulleiters wurden Personen aufgrund ihrer politischen Überzeugung von ihrem Dienst suspendiert und durch Anhänger der jeweils amtierenden Regierungspartei ersetzt. In beiden Fällen spielte dabei also die politische Zugehörigkeit eine weitaus größere Rolle als die Kompetenzen, die tatsächlich für die Ausführung dieser Art von Posten notwendig sind. Begründet wurden diese Maßnahmen damit, die Spuren der jeweils vorherigen Regierung beseitigen zu wollen. Im Falle der Regierung Mohamed Morsis wurden diese Veränderungen von politischen Gegnern als Vorbereitung für eine Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft gedeutet; im Falle der derzeitigen Übergangsregierung hat der Wille, Maßnahmen der vorherigen Regierung rückgängig zu machen, darüber hinweggetäuscht, dass auch von ihr primär machtpolitische Interessen verfolgt wurden und so der Einfluss des Militärs auch im Bereich der Bildung gesichert wurde.

    Die materielle Situation der Schulen

    Die Probleme in Ägyptens öffentlichen Schulen sind vielseitig: Überfüllte Schulklassen mit bis zu 100 Schülern in den Ballungsgebieten, bzw. in den ländlichen Gebieten unzureichende Infrastrukturen, die den Transport der Schüler zu den Schulen ermöglichen, stellen die größten Herausforderungen dar. Weitere Probleme materieller Natur sind die Lehrergehälter sowie die unzureichende Ausstattung der Schulen.

    Zu einem weitflächigen Neubau von Schulgebäuden kam es während des Mandats Mohamed Morsis nicht. Mögliche Erklärungen können zum einen die nachhaltigen Befürchtungen in der Bevölkerung sein, dass durch einen kategorischen Neubau von Bildungsinstitutionen eine Islamisierung des ägyptischen Schulwesens verwirklicht werden könnte, oder aber einfach die Tatsache, dass dieser Regierung nicht die notwendigen finanziellen Ressourcen zur Verfügung standen. Letzteres scheint auch für die derzeitige Übergangsregierung ein Problem darzustellen. Dafür wurde jedoch von der Übergangsregierung nach pragmatischen Alternativen gesucht und private Investoren überzeugt, in den Bau von neuen Schulgebäuden und auch neuen technischen Medien für den Schulunterricht zu investieren. Ob diese Investitionen ausreichend sind, um landesweit die Anzahl der Schulen nachhaltig zu erhöhen und auch die schulischen Infrastrukturen zu verbessern, kann noch nicht gesagt werden. Einen strategischen Plan für die Umsetzung dieser Art von Initiativen gibt es nicht.

    Problematische Lehrergehälter

    Während des Mandats Mohamed Morsis wurde auch versucht, Lösungen für die Erhöhung der Lehrergehälter zu finden. Besonders das Gehalt von Berufsanfängern, das bis dahin bei etwa 60 € pro Monat lag, sollte um 100 Prozent erhöht werden. Diese Erhöhung wurde landesweit jedoch erst im Zuge der Festsetzung des allgemeinen Mindestverdiensts für Beamte von etwa 120 € pro Monat im September 2013 umgesetzt. Nicht davon betroffen sind solche Lehrkräfte, die keine Festanstellung haben – dies betrifft unter Berufsanfängern über 60 Prozent – und mit einem nun festgesetzten Mindestgehalt von etwa 40 € pro Monat auskommen müssen.

    Neben den Initiativen zur Behebung materieller Defizite im öffentlichen Bildungsbereich, wurde auch den Inhalten der Curricula besondere Beachtung geschenkt. Wie bereits beschrieben, ist der Blickwinkel auf diese Veränderungen direkt mit den politischen Rahmenbedingungen verbunden. Während des Mandats Mohamed Morsis wurde erwartet, dass eben genau hier die befürchtete Islamisierung der jungen Generation Ägyptens ansetzen würde. So erklärt sich auch der sehr große Druck, die entsprechenden Veränderungen mit Beginn der militärischen Übergangsregierung wieder zu revidieren. Umso erstaunlicher ist es, dass die tatsächlich durchgeführten Veränderungen in den Curricula seit 2011 bis jetzt minimal sind. Veränderungen gab es in den Kernfächern Geschichte, Sozialkunde und Arabisch. Diese bestanden jedoch lediglich aus dem Weglassen bestimmter Kapitel der ägyptischen Geschichte – beispielswiese die Regierungszeit Hosni Mubaraks – oder der Einführung politischer Persönlichkeiten – zum Beispiel durch die Biographie Hassan El-Bannas unter dem Ex-Präsidenten Mohamed Morsi – bzw. deren Ersatz unter dem Mandat der nachfolgenden Regierung.

    Autoritäre Schulkultur

    Diese inhaltlichen Veränderungen erscheinen noch unbedeutender, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Kern des Bildungsprozesses nicht verändert wurde: die Methoden, wie Wissen vermittelt wird, und damit verbunden die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Durch die Vernachlässigung struktureller Reformen dominiert bis heute eine autoritäre Schulkultur, die nicht nur das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und zwischen Lehrern und Direktoren bestimmt, sondern auch das gesamte ägyptische Bildungssystem prägt (vgl. Linda Herrera und Carlos Alberto Torres, 2006). Es handelt sich dabei um ein hierarchisch aufgebautes System, in dem die alleinige Entscheidungsgewalt im Erziehungsministerium gebündelt ist. Die in ihm vorhandenen Strukturen sind pyramidenartig aufgebaut. Die verschiedenen Verwaltungsebenen des Erziehungsministeriums dienen allein dazu, Anordnungen des Ministeriums an die jeweils untergeordnete Ebene weiterzuleiten. Platz für Mitbestimmung bei der inhaltlichen Ausformulierung von Beschlüssen wird nicht eingeräumt. Im Gegenteil, es kann beobachtet werden, dass die einzelnen Bildungsinstanzen die von höchster Ebene praktizierte Autorität in ihrem Umgang mit der jeweils nächsten Stufe in der bildungspolitischen Verwaltungspyramide reproduzieren; ein Mechanismus, der sich bis zur letzten Stufe der Bildungspolitik – dem Klassenzimmer – beobachten lässt.

    Wie anfänglich bereits erwähnt, gehören die unter Dreißigjährigen zu den Hauptträgern der Revolutionen in Nordafrika und Nahost. In Ägypten konnte außerdem beobachtet werden, dass sich auch Minderjährige, die mehrheitlich Schüler öffentlicher Bildungseinrichtungen sind, Demonstrationen angeschlossen und mehr Mitspracherecht, Meinungsfreiheit und andere demokratische Werte gefordert haben. Diese Forderungen machten auch vor der Institution Schule nicht Halt und haben zunehmend mangels geeigneter Strukturen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Schülern, aber auch zwischen Schülern und Lehrern geführt.

    Diskutieren und partizipieren

    Aus dieser Beobachtung heraus ist im Rahmen des Projektes Bildungsscout die Idee entstanden, diesen Schülern Wege aufzuzeigen, um Meinungsverschiedenheiten verbal und konstruktiv auszutragen und gleichzeitig ihre Partizipation in der Schule zu stärken. Daher wurde im November 2013 begonnen, Debattierclubs in den Schulen aufzubauen. In einem Workshop, der von einem Experten des Projektes Jugend debattiert international geleitet wird, lernen die teilnehmenden Schüler und Lehrer von öffentlichen und privaten Sekundarschulen, nach bestimmten Regeln über verschiedene gesellschaftliche Themen zu diskutieren, verschiedene Meinungen zu tolerieren und gemeinsam Lösungsansätze zu finden. Dieses Projekt wird auch dieses Jahr weitergeführt. Über die Fortbildung von Lehrkräften zu Multiplikatoren soll die Möglichkeit eröffnet werden, dass Lehrer selbstständig das Projekt in verschiedenen Schulen anbieten und den Kreis der teilnehmenden Schüler und Lehrer erweitern. Ob diese Initiative eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern einleiten und darüber hinaus zu einer nachhaltigen Revidierung der Strukturen im ägyptischen Bildungssystem führen wird, liegt jedoch in den Händen der Ägypter.
    Heike Thee studierte Islamwissenschaften und Romanistik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Brsg. sowie Internationale Beziehungen und Vergleichende Politikwissenschaften an der Sorbonne-Universität und dem Politikinstitut Sciences Po in Paris. Seit Juni 2012 ist sie für das Transformationsprojekt Bildungsscout am Goethe-Institut Kairo verantwortlich.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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