Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Das Meer des Wissens
    Taha Husain und die Demokratisierung der Bildung in Ägypten

    Der ägyptische Autor Taha Husain hat bereits Ende der dreißiger Jahre gewusst, dass die Zukunft Ägyptens von der Reform seines Bildungssystems abhängt. Seine Schrift „Die Zukunft der Bildung in Ägypten“ ist ein Plädoyer für ein aufgeklärtes, demokratisches und mediterranes Ägypten.

    Zu Beginn seiner 1926 erschienenen Autobiographie al-Ayyâm, einem der bekanntesten Texte der arabischen Moderne, beschreibt Taha Husain die Enge der Welt, wie er sie in seiner frühen Kindheit wahrnahm: „Er war überzeugt, dass die Welt zu seiner Rechten an jenem Kanal endete, der nur wenige Schritte von ihm entfernt vorüberfloss. Warum auch nicht? Er sah ja die Breite des Kanals nicht und konnte nicht ermessen, dass ein munterer Junge von einem Ufer ans andere springen konnte; er konnte sich nicht vorstellen, dass es jenseits des Kanals genau dieselben Menschen, Tiere und Pflanzen gab wie diesseits.“ Ein Augenleiden hatte ihn bereits als Kleinkind erblinden lassen und seinen Horizont entsprechend begrenzt. Aber es ist nicht allein diese körperliche Einschränkung, die der Autor in seinen Erinnerungen beschreibt. Gemeint sind zugleich die Enge der dörflichen Provinz, der kulturellen und religiösen Traditionen und die Beschränkungen des eher ärmlichen Lebens, in das er 1889 hineingeboren worden war und die in ihm die Sehnsucht nach der Welt „jenseits des Kanals“ haben aufkommen lassen. Über Wissen und Bildung sollte er seinen Weg in die weite Welt finden. Sein offenbar lebenslang unstillbarer Wissensdurst ermöglichte ihm den Ausbruch aus seiner engen Welt: Aus dem blinden Dorfjungen wurde so einer der einflussreichsten Intellektuellen der arabischen Moderne, der als Autor von Theaterstücken und Romanen, als Herausgeber von einflussreichen Zeitschriften, als Literaturkritiker, als Hochschullehrer und als Bildungspolitiker das ägyptische und das arabische Geistesleben insgesamt nachhaltig geprägt hat.

    Gehorsam statt Diskussion

    Nach dem Besuch der dörflichen Koranschule folgt Taha Husain als Dreizehnjähriger seinem älteren Bruder zum Studium an die al-Azhar nach Kairo. Er erlebt dies als großes Abenteuer; es ist für den blinden Jungen die erste Stufe seines triumphalen Aufstiegs. In der ägyptischen Metropole lernt er die Wissenschaft als „Meer ohne Ufer“ kennen und wird von einer unbändigen Begeisterung für sie erfasst. Er ist „entschlossen, sich in dieses Meer zu werfen, daraus zu trinken, soviel ihm beschieden war und sogar bereit, in ihm zu ertrinken. Welcher Tod wäre dem edlen Menschen würdiger als der, der ihn auf der Suche nach dem Wissen ereilt und einem Ertrinken in der Wissenschaft gleichkäme“, schreibt er im zweiten Teil seiner Autobiographie. Doch schon bald weicht die anfängliche Begeisterung der Enttäuschung über die Begrenztheit dessen, was an der Azhar gelehrt wird. Als er von den Lehrveranstaltungen des Reformtheologen Muhammad Abduh (1849–1905) hört, eröffnet sich ihm eine neue Welt des Wissens, die ihm die traditionelle Lehre schal und hohl erscheinen lässt. Diskussionen sind dort nicht vorgesehen, statt Freiheit der Wissenschaft herrschen strenge Hierarchie, Gehorsam und Indoktrinierung. Im Laufe der Zeit werden seine Zweifel an der Lehre der Azhar immer stärker und mit diesen Zweifeln wächst seine neue Liebe zur Literatur, die von den Azhar-Gelehrten nicht zu den ernsthaften Lehrstoffen gezählt wird. In der klassischen arabischen Dichtung findet Taha Husain ein Gegenmodell zu den theologischen Diskursen. Er entdeckt „den Unterschied zwischen der Rohheit des azharitischen Geschmacks und der Geschliffenheit der Alten [...], zwischen der Stumpfheit des azharitischen Geistes und dem kritischen Urteil und Kunstverständnis der Alten.“ Im dritten Teil seiner Autobiographie spricht er sogar von einer „geisttötenden Langeweile, unter der er schrecklich litt“ (III, 9). Die Azhar-Scheichs, die er wegen ihres großen Wissens zunächst so bewundert hatte, werden nun mehr und mehr zu abschreckenden Feindbildern. In ihren Vorlesungen, erinnert er sich, „hörte er stets dieselben faden Floskeln und wiedergekäuten, sterilen Vorträge, die weder sein Herz noch seinen Geschmack oder Intellekt ansprachen und ihm nichts Neues vermittelten“. Aus enttäuschter Liebe wird bald Rebellion und Taha Husain wird mit ein paar Freunden der Azhar verwiesen.

    Er wechselt daraufhin an die erst seit 1908 bestehende Ägyptische Universität und wird später zu deren erstem Absolventen überhaupt. An dieser in direkter Konkurrenz zur altehrwürdigen Azhar nach westlichem Vorbild gegründeten Universität lernt er eine ganz andere Form des Lernens kennen. Beim Besuch seiner ersten Vorlesung kommt ihm der Professor „so neu und so fremd vor, wie man überhaupt neu und fremd sein kann“. Er wird völlig in den Bann gezogen und kann vor Aufregung nach dieser Erfahrung nicht schlafen. „Das ägyptische Universitätsleben“, idealisiert er diese Zeit später, „war ein ununterbrochenes Fest, das die Ägypter Abend für Abend feierten, so verschieden sie im Bildungsniveau auch sein mochten. Ob arm, ob reich, traditionell oder europäisch gekleidet, strömten sie in die Hörsäle.“ Die Ägyptische Universität wird in der Rückschau zu einer einenden Schule der Nation, die alle Unterschiede überbrückt. Gleichzeitig wird die Azhar als „die Tortur seines Geistes“ geschmäht. Aber die Ägyptische Universität sollte nicht die letzte Stufe seines Aufstiegs sein.

    Der Westen als Vorbild und als Gegenüber

    Taha Husains weiterer Bildungsweg führte ihn im November 1914 als Stipendiat nach Frankreich, wo er in den folgenden vier Jahren sein Studium fortsetzte, zunächst in Montpellier, später dann in Paris. Die Begegnung mit dem Westen hatte arabische Literaten seit dem frühen 19. Jahrhundert herausgefordert. Man verglich die eigene Kultur, Religion und Tradition mit der westlichen Moderne und diskutierte die Notwendigkeit von Reformen. Spätestens seit Rifaa at-Tahtawis (1801–1873) Bericht über die 1826 bis 1831 von ihm betreute Studienmission nach Paris stand die französische Metropole auch für ägyptische Intellektuelle für die Kultur der westlichen Moderne schlechthin. Tahtawi war Paris und seinen Einwohnern offen und mit Sympathie begegnet, hatte aus einer vergleichsweise selbstbewussten Haltung heraus die Vor- und Nachteile der europäischen Gesellschaft beschrieben, einiges davon als vorbildlich und nachahmenswert dargestellt, anderes aber auch als unpassend bezeichnet und klar abgelehnt. In den Jahrzehnten nach Tahtawi verkrampfte sich das Verhältnis zwischen arabisch-islamischer Welt und Europa spürbar. Vor dem Hintergrund des rasanten Machtzuwachses der militärisch drückend überlegenen Europäer im Zeitalter von Kolonialismus und Imperialismus wurde die Debatte auf arabischer Seite zunehmend apologetisch. Fortschritt und Moderne wurden nun – vom Westen wie vom Osten – immer mehr zu einem europäischen Monopol umgedeutet. Als spiegelverkehrte Gegenbewegung entstanden Abgrenzungsreflexe, die die Andersartigkeit der eigenen Kultur betonten, und der Rückzug auf das, was man als eigene Identität und Tradition begriff.

    Gamal al-Din al-Afghani (1839–1897) und Muhammad Abduh (1849–1905) forderten die Neubegründung der islamischen Identität durch eine Rückkehr zu den reinen Quellen der Religion und lehnten später entstandene Traditionen ab. Nach wie vor gab es aber auch noch moderne Visionen: Bereits um die Jahrhundertwende hatte Qasim Amin (1863–1908) in seinen beiden Büchern Tahrir al-mar`a (1899) und al-Mar`a al-gadida (1901) gegen die Geschlechtertrennung und für eine aktive Beteiligung der Frauen am gesellschaftlichen Leben in Ägypten plädiert. Als Voraussetzung dafür forderte Amin insbesondere eine deutliche Verbesserung der Bildungssituation ägyptischer Frauen.

    Die Vision einer Mittelmeerkultur bei Taha Husain

    Für eine ähnlich selbstbewusst offensive Haltung der Moderne gegenüber sollte Taha Husain später werben. Schon bevor er als junger Mann zum Studium nach Frankreich kam, war er an der Ägyptischen Universität derart tief in europäisches Denken und europäische Literatur eingetaucht, dass für ihn die Reise über das Mittelmeer keine Reise in die Fremde mehr war. So empfand er keinen unvereinbaren Gegensatz – oder gar clash – zwischen den Kulturen. In seiner bildungspolitischen Schrift Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr (1938) durchkreuzt er den Gegensatz zwischen westlicher Moderne und östlicher Tradition – und damit das Paradigma von der den islamischen Gesellschaften ‚fremden Moderneʻ. Zwischen Ägypten und Europa verläuft seiner Darstellung zufolge keine kulturelle Grenze. Im Gegenteil teile man eine gemeinsame Mittelmeerkultur, die im Laufe der Geschichte von Griechen und Römern, von Juden und Phöniziern, von Arabern und Türken und Kreuzrittern gleichermaßen geprägt worden sei. Die griechische Philosophie, das römisches Recht und der abrahamitische Monotheismus hätten die Kultur rund um das Mittelmeer geprägt, das man sich aus diesem Grund als Brücke vorstellen müsse, und nicht als Grenze. Die eigentlichen Grenzen dieser Mittelmeerkultur bildeten im Norden die Alpen und im Süden die Sahara.

    Taha Husain leitet aus dieser Erkenntnis die Forderung ab, den arabischen Minderwertigkeitskomplex angesichts der vermeintlichen Überlegenheit des Westens zu überwinden. Es sei die Pflicht der Ägypter, nach Erreichen der vollständigen Unabhängigkeit ein demokratisches System zu etablieren, die Gesellschaft zu modernisieren und insbesondere den „grässlichen und schädlichen Trugschluss aus ihren Herzen zu verbannen, sie seien aus anderem Holz geschnitzt als die Europäer und mit einer anderen Intelligenz begabt“. Die Bildung ist für ihn der Königsweg zum Ziel, (wieder) mit den Europäern gleichzuziehen und ein ebenbürtiger Partner zu werden.

    Bildung als Weg in die Moderne

    Bei Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr handelt es sich um eine dezidiert programmatische kultur- und bildungspolitische Stellungnahme Husains, die vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung zu verstehen ist. Zwei Jahre vor ihrer Veröffentlichung, im August 1936, wurde das Abkommen zwischen Großbritannien und Ägypten geschlossen, das die seit 1882 andauernde Besatzung Ägyptens beendete. Die nahende Unabhängigkeit Ägyptens warf Fragen über die Zukunft des Landes auf, insbesondere nach seiner kulturellen Zugehörigkeit und seiner nationalen Identität. Husains idealistische Negierung der kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Ägypten erklärt sich aus dieser Situation. Es war eine Zeit des Aufbruchs, und für Taha Husain bedeutete dies vor allem: des Aufbruchs in die Zukunft der Bildung. Nur wenn die Ägypter – und die Ägypterinnen! – ihre Bildungssituation verbessern würden, glaubte er, könnten sie ihr Potential ausschöpfen und zu Europa aufschließen. Husains Optimismus wurde zur damaligen Zeit von vielen seiner Landsleute und auch von nicht wenigen europäischen Beobachtern geteilt. Berühmt ist der Ausspruch des Khediven Ismail anlässlich der Eröffnung des Suez-Kanals 1869, Ägypten werde „ein Teil Europas“ werden. Der britische Schriftsteller und Abenteurer Richard Francis Burton unterstrich den Optimismus Ismails, als er während seines Ägyptenbesuchs 1876 feststellte: „Unserer Überzeugung nach verläuft der Fortschritt zur vollsten Zufriedenheit.“ Burtons Fazit fiel eindeutig positiv aus: „Tatsächlich muss Ägypten, allen Unkenrufen zum Trotz, als eines der erfolgreichsten unter den modernen Königreichen betrachtet werden.“ Darum sei es „in der Tat schwierig, irgendeine Schranke zu erkennen, die seinen Aufstieg behindern könnte“.

    Reform des Bildungssystems

    Mit Erreichen der Unabhängigkeit 1936 schien also der Weg frei für ein modernes Ägypten. Voraussetzung dafür war Taha Husain zufolge ein gründlich reformiertes Bildungssystem. Bereits in der Verfassung von 1923 war die Schulpflicht für Ägypter beiderlei Geschlechts festgeschrieben worden. Auch die Schulgeldfreiheit der öffentlichen Elementarschulen (al-makâtib al-`âmma) hatte seitdem Verfassungsrang. Allerdings boten die aus den Koranschulen (katâtîb) hervorgegangenen Elementarschulen nur eine sehr anspruchslose Grundausbildung, während die Primarschulen (madâris ibdâ`îya), die eine moderne, am europäischen System orientierte Bildung anboten, weiterhin gebührenpflichtig blieben. Nur über die Primarschulen aber konnten die Schüler den Weg einer höheren Bildung einschlagen, die ihnen den Aufstieg in Staatsämter ermöglichte. Damit war ein Zweiklassensystem etabliert, in dem die Diskriminierung der unteren Schichten zugunsten des Bürgertums zementiert wurde. In Mustaqbal ath-Thaqâfa fî Misr vertrat Taha Husain noch die Ansicht, die Elementarschulen könnten ein adäquates Mittel des Staates sein, die nationale Einheit Ägyptens zu stärken. Während seiner Zeit als Berater im Unterrichtsministerium 1942 bis 1944 musste er jedoch erkennen, dass die Zweigleisigkeit des Schulsystems die Gesellschaft zu spalten drohte. Bemühungen des damaligen Unterrichtsministers Ahmad Nagib al-Hilali, das Bildungssystem zu demokratisieren, indem er das Schulgeld für die Primarschule abschaffte, ließen sich nicht durchsetzen. Als Taha Husain im Januar 1950 selbst ägyptischer Unterrichtsminister wurde, setzte er den Kurs Hilalis fort und verhalf ihm zum Durchbruch. Er erklärte, Bildung müsse jedem Kinde ebenso kostenlos zugänglich sein „wie Wasser und Luft“, und schaffte 1950 das Schulgeld für die Sekundarschulen ab. Die Primarschulen legte er 1951 mit den Elementarschulen zusammen, verlängerte sie von vier auf sechs Jahre und schuf damit eine einheitliche Grundschule für alle Ägypter. Mit diesen Maßnahmen waren die Weichen in der Bildungspolitik neu gestellt. Allerdings ließ die Umsetzung der Ideen noch lange auf sich warten. Vor allem aufgrund fehlender finanzieller Mittel bestand die Reform zunächst nur auf dem Papier, so dass noch am Vorabend der Revolution von 1952 nur deutlich weniger als die Hälfte der sechs- bis zwölfjährigen Ägypter überhaupt eine Schule besuchte. Zudem blieb das Niveau der ehemaligen Elementarschulen auch nach ihrer Umformung in Grundschulen schlecht, so dass sich die Änderung vielerorts in einer schlichten Umbenennung erschöpfte. Nach der Revolution von 1952 setzten die neuen Machthaber den Ausbau des Bildungswesens fort und setzten den Schwerpunkt ihrer Bemühungen dabei auf den quantitativen Ausbau, mit der Folge, dass die qualitative Verbesserung des Bildungssystems weiter hinterherhinkte. Dieses Problem ist, nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung Ägyptens, bis heute ungelöst.
    Andreas Pflitsch ist promovierter Islamwissenschaftler und Imker. Er lebt in Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Lesen Sie Fikrun wa Fann
      „Bildung“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

      Bestellen

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...