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    Bildung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Über die Schwierigkeit, den Islam zu lehren
    Islamischer Religionsunterricht in Deutschland

    Viele Jahre hat man in Deutschland auf den Beginn eines konfessionell gebundenen islamischen Religionsunterrichts gewartet. Jetzt soll er beginnen. Aber die Probleme sind zahlreich und die Akteure zum Teil zerstritten.

    Die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts entspricht § 7,3 des deutschen Grundgesetzes. Er lautet: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“ Der Religionsunterricht gilt als ein Recht aller Musliminnen und Muslime und wird in den unterschiedlichen Bundesländern mittlerweile durchgesetzt bzw. angestrebt.

    Somit ist unumstritten, dass das Fach Islamischer Religionsunterricht einen festen Platz in der deutschen Bildungslandschaft einnehmen soll. Die Bundesregierung hatte, der Empfehlung des Wissenschaftsrates aus dem Jahre 2010 folgend, für die Errichtung wissenschaftlicher Zentren für den Islamunterricht an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt. An diesen Zentren sollen die zukünftigen Islamlehrer ausgebildet werden

    Trotz anfänglicher Einwände einiger national orientierter muslimischer Gruppierungen, die die islamische Unterweisung lange in den Unterricht ihrer jeweiligen Muttersprache einbanden, sind sich mittlerweile die meisten muslimischen Vertreter und Vertreterinnen einig, dass dieser Unterricht formell der staatlichen Schulaufsicht zu unterstehen und in deutscher Sprache zu erfolgen hat.

    Koordinationsrat der Muslime

    Da es für die Einführung eines konfessionell gebundenen Unterrichts an den Schulen eines Vertreters auf Seiten der Muslime bedurfte, haben sich einige der größeren Verbände zum so genannten KRM (Koordinationsrat der Muslime) zusammengeschlossen und sich den einzelnen Ländervertretungen so als muslimisches Gegenüber angeboten. Einige Bundesländer haben dies aufgegriffen, andere haben sich um eigene Lösungen bemüht. So verhandelt z. B. Hessen mit der DITIB und der Ahmadiyya Muslim-Gemeinschaft als alleinigen Ansprechpartnern. Anders läuft es zum Beispiel in Niedersachsen und NRW, wo das Fach ‚Islamische Religionʻ in unterschiedlichen Versuchsstadien bereits umgesetzt wurde und dabei vorwiegend mit so genannten Beiräten gearbeitet wird. In Bayern wird mit zwei Modellen gleichzeitig gearbeitet, einmal der islamkundlichen Unterweisung und zum anderen mit dem so genannten Erlanger Modell, das beinhaltet, dass Elternvereine und andere Musliminnen und Muslime, die auf kommunaler und vereinsrechtlicher Ebene zusammengeschlossen sind, als Ansprechpartner der Behörde fungieren.

    Greifen wir einmal exemplarisch die Beiratsmodelle in NRW und Niedersachsen heraus. Die Landesregierung NRW z. B. hebt hervor, dass einigen muslimischen Organisationen ein erhebliches Mitspracherecht sowohl bei inhaltlichen Fragen des Faches (u. a. Curriculaerstellung, Zulassung von Lehrmaterialien etc.) als auch bei der Zulassung von Lehrkräften an Schule und Hochschule eingeräumt wurde, womit sie die grundgesetzliche Forderung, dass Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft zu erteilen ist, erfüllt sieht. Das Beiratsmodell wurde sowohl auf Hochschulebene, nämlich an der Uni Münster, als auch auf Landesebene angewandt. Ähnlich sieht es die Niedersächsische Landesregierung, vor allem bei der Erteilung der so genannten Idschaza (der Lehrbefugnis für die Religionslehrkräfte).

    Welcher Islam soll gelehrt werden?

    An den Universitäten wird eine ‚bekenntnisorientierteʻ islamische Theologie gefordert. Wie weit schon an diesem Punkt die Meinungen auseinandergehen können, zeigt die gegenwärtige Kontroverse um den Münsteraner Lehrstuhlinhaber Prof. Mouhanad Khorchide. Dieser sieht sich seit geraumer Zeit massiver Kritik, vor allem seitens der KRM-Verbände, ausgesetzt. Man wirft ihm teils vor, ‚zu modernʻ zu sein, aber teilweise sogar, ‚Irrlehrenʻ zu vermitteln. Neben zahlreichen Vorwürfen wird auch beanstandet, dass Khorchide nicht den islamischen ‚Mainstreamʻ lehre. Im Dezember 2013 sprach der KRM von einem irreparablen Zerwürfnis. Trotz der anhaltenden Streitigkeiten sitzt der Professor immer noch im Beirat für den Islamischen Religionsunterricht NRW.

    Zwar wird seitens der islamischen Theologie erwartet, dass eine Binnenperspektive der Religion gelehrt wird, was aber nicht bedeuten muss, dass es sich dabei um die Binnenperspektive einer in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Ort vorherrschenden Meinung in der Religionsgemeinschaft handeln muss. Es ist nicht unbedingt notwendig, ausschließlich die gegenwärtige, von einer Mehrheit praktizierte Glaubensrichtung zum alleinigen Forschungs- und Lehrgegenstand zu machen. Zumindest kann erwartet werden, dass eine gewisse Meinungsvielfalt möglich ist.

    Die Ausbildung zukünftiger Lehrer und Lehrerinnen erfolgt an allen Hochschulen nach einem jeweils genehmigten Curriculum, das bereits durch universitäre und von Vertretern der Muslime gebildete Instanzen gegangen ist. Wenn dann allerdings Studierenden der einzelnen Fachbereiche von der Funktionärsebene bestimmter muslimischer Verbände signalisiert wird, dass ein Abschluss bei einem Hochschullehrer erfolgt, der bei eben diesen Funktionären nicht anerkannt wird, ist das für die Studentinnen und Studenten sehr beunruhigend. Viele stehen bereits kurz vor dem Abschluss ihres Studiums oder sind mittendrin. Sie können nicht einfach die Universität wechseln und sehen ihren zukünftigen beruflichen Werdegang in Gefahr. Eine solche Vorgehensweise von Seiten der Verbände wendet sich gegen die Schwächsten und gegen die Falschen – nämlich die Studentinnen und Studenten. Ihnen wird unter diesen Bedingungen die Möglichkeit genommen, den Studienplatz ihren Neigungen entsprechend zu wählen. Das aber gehört zu den Rechten der Studierenden an deutschen Hochschulen.

    Selbstverständlich kann der Staat nicht die Verantwortung für die Inhalte einer theologischen Lehre an der Universität übernehmen. Das ist verfassungsrechtlich auch nicht seine Aufgabe, denn er hat sich bekenntnisneutral zu verhalten. Und selbstverständlich braucht es auf der anderen Seite die Mitwirkung der Religionsgemeinschaften.

    Wer spricht für die Muslime?

    Allerdings haben die Musliminnen und Muslime in Deutschland keine seit Jahrhunderten gewachsenen Strukturen aufzuweisen wie die christlichen Kirchen. Problematisch sind an dieser Stelle zwei Punkte: Wer spricht für die Musliminnen und Muslime? Gibt es islamische Strukturen, die die anstehenden Fragen regeln würden, oder muss der Islam in Deutschland ‚verkirchlichtʻ werden, d. h. sich wie die christlichen Kirchen hierarchisch organisieren?

    Die erste Frage wird seit Jahren kontrovers diskutiert, wobei allerdings nie berücksichtigt wurde, ob die zweite Frage nicht mit der Beantwortung der ersten ineinandergreift. Das bedeutet z. B., dass Vertreter und Vertreterinnen, die sich als Repräsentanten vieler muslimischer Menschen verstehen, im Grunde die Etablierung des Islams in Deutschland nicht auf Kosten der islamischen Grundideen zulassen bzw. vorantreiben dürfen. So kennt der Islam die Form des einen und alleinigen Ansprechpartners und religiösen Oberhauptes nicht und auch die muslimischen Gemeinden wurden im Lauf der islamischen Geschichte nicht wie die Gemeinden der christlichen Kirchen zentral und mit einer klaren Hierarchie verwaltet. Nur weil der deutsche Staat aber nichts anderes als diese kirchlichen Strukturen kennt und es mit Glaubensgemeinschaften ohne diese Strukturen bisher so gut wie keine Erfahrungen gibt, bedeutet dies nicht, dass man mit diesen anders strukturierten Religionsgemeinschaften nicht verhandeln kann. Man kann es schon. Allerdings ist dabei staatlicherseits ein wenig mehr Flexibilität erforderlich.

    Eine zentrale Rolle spielt die Erteilung der so genannten Idschaza. In der islamischen Tradition erarbeiteten Schülerinnen und Schüler bei ihrer Lehrkraft einen entsprechenden Lehrstoff. Wenn dieser adäquat absolviert wurde, erteilte der / die Lehrende die so genannte Idschaza (was soviel heißt wie Erlaubnis), dass der / die Lernende den betreffenden Stoff nun selbst lehren darf.

    Wenn es also darum geht, den islamischen Charakter einer Lehre, sowohl auf methodischer als auch auf inhaltlicher Ebene, bewahren zu wollen, wäre zumindest das Beibehalten dieses erprobten Verfahrens aus der Tradition sehr begrüßenswert. Stattdessen wird offenkundig über die ‚Rechtgläubigkeitʻ der jeweiligen Absolventen gestritten und geurteilt, was eher den Sitten der christlichen Kirchen entspricht. Die deutschen Schulbehörden tun sich mit einer anpassungsfähigen Denkweise in dieser Beziehung schwer, und die Lösungen, die sie dann vorschlagen, kontrastieren oft drastisch mit islamischen Vorstellungen. Der Islam befürwortet Basisentscheidungen vor Ort. Wenn z. B. ein Vorbeter oder ein Lehrender nicht den Anforderungen der Gemeinschaft entspricht, dann kann sich dieser eine andere, ebenfalls islamische, Gemeinschaft suchen. Das beeinträchtigt jedoch nicht seine Erlaubnis zu lehren oder stellt seine Rechtgläubigkeit grundsätzlich in Frage.

    Zwar hat auch der Wissenschaftsrat formuliert, dass die wissenschaftliche Qualifikation allein Aufgabe der Universität sei und die jeweiligen islamischen Beiräte nur Einwände aufgrund religiöser Bedenken geltend machen könnten. Was das genau heißt, ist jedoch nicht näher erläutert worden.

    Dass zum Beispiel die Ehe einer Muslimin mit einem Nicht-Muslim ein Hindernis für die Erteilung der Idschaza sein kann, obwohl die betreffende Lehrerin seit Jahren erfolgreich und mit großer Zustimmung seitens der Eltern, Kinder und der Schulleitung unterrichtet, sollte Anlass zum Nachdenken geben.

    Mut zur Diskussion ist nötig

    Die Überlegung, dass Studierende in jeder Hinsicht mit einem von außen definierten ‚Mainstreamʻ konform gehen müssen, wirft ebenfalls Fragen auf und zwar hinsichtlich der von den meisten islamischen Gemeinschaften abgesegneten Curricula und der Vorstellung der Freiheit von Forschung und Lehre, wie sie von den deutschen Universitäten gefordert wird.

    Lehrkräfte unterrichten nach einem vorliegenden Curriculum, das u. a. auch von Religionsgemeinschaften genehmigt worden ist. Allerdings bedeutet dies nicht, dass an der Hochschule Studierende nicht auch lernen müssen, sich mit divergierenden Meinungen und Strömungen auseinanderzusetzen und damit konstruktiv umzugehen. Wenn sie später in den Schulen nicht gerade in den unteren Klassen unterrichten, werden sie nämlich mit diesen divergierenden Vorstellungen spätestens im Klassenzimmer konfrontiert. Und auch die Schülerinnen und Schüler müssen ermutigt werden, unterschiedliche Meinungen in den Unterricht mit einzubringen und die Meinung des Lehrers in Frage zu stellen.

    Durch die in dieser Form stattfindenden innerislamischen Diskurse kann auch der ‚Mainstreamʻ in die eine wie die andere Richtung besser erforscht, diskutiert und bereichert werden. Das würde allen islamischen Strömungen gut tun, denn auch das ist eine alte Tradition: Es gab stets einen vielfältigen innermuslimischen Diskurs, besonders in der islamischen Frühzeit. Viele blicken heute noch voller Stolz auf die Errungenschaften, die von muslimischer Seite, nicht nur im geisteswissenschaftlichen Bereich, erbracht wurden. Das war aber nur möglich, weil die früheren Musliminnen und Muslime ‚über den Tellerrandʻ hinausschauten und es wagten, entgegen dem ‚Mainstreamʻ aus dem Qur’ān wissenschaftliche Erkenntnisse abzuleiten, die dem grundsätzlichen Weltbild ihrer Zeit nicht entsprachen: Immerhin kamen sie bereits im 8./9. Jahrhundert darauf zu sagen, dass die Erde keine Scheibe sei!

    Ein anderes Beispiel: Im Islam gibt es keine von einer übergeordneten Institution wie der Kirche eingesetzten Priester. Stattdessen leitete in der Gemeinde stets jemand das Gebet, der von dieser Gemeinde als Vorbeter akzeptiert wurde. Dies ist eine sehr basisdemokratische Handlungs- und Denkweise, die den Musliminnen und Muslimen stets gut getan hat. Aus islamischer Sicht lassen sich daher an einer Universität keine Vorbeter (Imame) ausbilden, sondern nur Theologen und Theologinnen. Selbst die Kirchen bilden ihre Priester und Pfarrer im Anschluss an das Theologiestudium nochmals selbst weiter aus. Deshalb erscheint es auch ein wenig befremdlich, wenn in der Idschaza-Ordnung für das Land Niedersachsen z. B. bis 2012 zu lesen war, dass folgende Voraussetzungen gelten: Für männliche Bewerber: Angabe der zum Freitagsgebet i. d. R. aufgesuchten Moschee und deutschsprachiges Manuskript einer dort gehaltenen selbst ausgearbeiteten Khutba. Für weibliche Bewerber: Angabe der üblicherweise aufgesuchten Moschee und Glaubhaftmachung der Beteiligung an der Gemeindearbeit.

    Erfreulicherweise wurde diese Idschaza-Ordnung mittlerweile stark verbessert und die Kritik daran aufgegriffen. Man darf hoffen, dass hinter den veränderten Richtlinien auch ein gewisses inhaltliches Umdenken steht und nicht nur ein formelles Zugeständnis, damit die Übernahme der jeweiligen Absolventen in den Schuldienst unabhängig von ihrer theologischen Meinung leichter ist. Die Praxis wird zeigen, ob die Verantwortlichen in den deutschen Behörden und den islamischen Verbänden die Idschaza tatsächlich großzügiger handhaben.

    Interne islamische Diskussionen über Vorbeterinnen eines gemischtgeschlechtlichen Gebets, wie z. B. bereits 2005 von Amina Waduud in den USA durchgeführt wurde und auch mittlerweile in Deutschland an ganz unterschiedlichen Orten gehalten wird, lassen allerdings wenig Positives ahnen. Dabei sollte aber auch von allen Beteiligten erkannt werden, dass hier ein Trend vorliegt, der nicht einfach ignoriert werden kann und der auch in der Ausbildung von Lehrern für islamischen Religionsunterricht Berücksichtigung finden muss.

    Vielfalt ist gefragt

    Grundsätzlich ist der Schritt zum konfessionellen islamischen Religionsunterricht gut und richtig. Es sollte allerdings klar sein, dass er nicht nach dem Muster des christlichen Religionsunterrichts und seiner etablierten Traditionen aufgebaut und verwaltet werden kann. Der Islam fordert nicht nur ein plurales Denken, sondern ebenso auch eine eigenständige Struktur, die alle Seiten miteinander erarbeiten müssen. Dabei sollte, wie es auch in diversen Erklärungen heißt „… dem Selbstverständnis der Muslime, der Vielfalt ihrer Organisationsformen sowie den Anforderungen an theologische Kompetenz Rechnung getragen werden.“

    Dabei muss sich die Vielfalt, die dem Islam immanent ist, widerspiegeln. Auch bei der jüngeren Generation in Deutschland macht sich eine Verdrossenheit über die bestehenden muslimischen Organisationen breit, und genau diese Generation gilt es zu erreichen, was nur mit Hilfe der ganzen Bandbreite islamischer Perspektiven möglich ist. Auch für den Islam, der an den Schulen gelehrt werden soll, gilt das alte Sprichwort: „Wer nur mit dem Strom schwimmt, der erreicht die Quelle nie!“
    Rabeya Müller ist muslimische Theologin und engagiert sich besonders für Geschlechterfragen im Islam und für einen fortschrittlichen Islam und islamische Religionspädagogik in Deutschland.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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