Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Was geht mich Hitler an?
    Über die Schwierigkeit, deutsche Geschichte multikulturell zu unterrichten

    Wie können deutsche Schulen über den Nationalsozialismus aufklären, wenn viele Schüler in Deutschland heutzutage gar keine deutschen, sondern arabische, türkische, iranische oder osteuropäische Vorfahren haben – und damit ein ganz anderes Verhältnis zur deutschen Geschichte? Unser Autor, selbst polnischer Abstammung, hat sich in einen solchen Geschichtsunterricht gesetzt.

    1. Unterrichtseinheit: Außerirdische – leben sie unter uns?

    Im Zuge meiner Vorbereitungen für die Teilnahme am Geschichtsunterricht in einer Gesamtschule in Porz zum Thema Nationalsozialismus, las ich das Lehrbuch, das die dortigen Schüler benutzen. Es wird von einem großen, bekannten Verlag herausgegeben und orientiert sich an den Lehrplänen einiger deutscher Bundesländer. Eines von zwei Kapiteln, die dem Faschismus gewidmet sind, enthält eine interessante Karikatur. Auf einem Stuhl sitzt ein alter Mann. Er ist kräftig und sieht aus wie jemand, der keine Widerrede duldet. Vor ihm steht sein dünner, kleiner Enkel. Er hebt den Kopf, behält seine Hände allerdings in den Hosentaschen und sein Gesicht macht einen erschrockenen Eindruck. Sein Opa sagt in etwa Folgendes:

    „… Und dann kamen 1933 viele braune Lebewesen aus dem Weltall, mordeten und brandschatzten überall und verschwanden 1945 wieder von der Erde … Es gab sehr, sehr viele von ihnen. Bis heute weiß niemand, woher sie kamen und was mit ihnen geschehen ist.“

    In dem Lehrbuch findet sich auch ein Gespräch mit dem Türken Arslan, dessen Wohnung im Jahre 1992 in Mölln von Neonazis in Brand gesteckt wurde. Damals starben seine Frau und seine zwei Töchter. Er selbst konnte sich retten, indem er aus dem Fenster des brennenden Schlafzimmers sprang.

    „Womit haben wir das verdient?“, fragt Arslan verzweifelt. „Als es schon brannte, lief meine Frau in den Flur, um die Kinder zu retten. Einen Augenblick später waren die Flammen schon so hoch, dass ich nicht mehr durch die Tür hinauskonnte. Ich sprang aus dem Fenster des Schlafzimmers. Meine Frau brachte unseren Sohn in die Küche und rettete ihm dadurch das Leben. Sie selbst verbrannte gemeinsam mit unseren Töchtern, als sie in den Flur rannte, um sie zu holen. Warum geschah das alles? Man hat uns doch hergebeten, wir kamen als Gastarbeiter. Wir haben uns nicht aufgedrängt. Behandelt man so seine Gäste?“

    Einige Seiten später findet sich eine Tabelle mit Namen neonazistischer Gruppierungen in Deutschland. Ein Teil ist mit Daten versehen, wann sie verboten wurden. Die Autoren weisen darauf hin, dass dieses Vorgehen umstritten ist. Das Verbot einzelner Gruppierungen führt nicht zu Veränderungen in der Überzeugung ihrer Anhänger. Oft provoziert es sie nur dazu, in den Untergrund abzutauchen, wo es schwieriger ist, ihre Taten zu kontrollieren.

    In dem Lehrbuch finden sich außerdem Zitate von jungen Neonazis aus den neunziger Jahren. Warum setzt ihr Häuser in Brand, in denen Menschen schlafen?

    „Mein Vater ist nur arbeitslos, weil jetzt irgendein billiger Türke oder so was seinen Job macht. Soll man dabei tatenlos zusehen?”
    „Sie bekommen eine Wohnung und Unterstützung vom Staat, auf die ich keine Chance habe. Ich bin Bürger zweiter Klasse.”
    „Solange die Regierung es nicht schafft, mit diesem Problem fertigzuwerden, müssen wir es eben tun!“
    Aber auch:
    „Auf diese Art wollten wir den Politikern eine Lehre erteilen!”
    „Wir machen den Scheiß zum Teil auch, weil wir nichts zu tun haben.“

    Weiter unten empfehlen die Autoren einige Übungen. Sie ermutigen die Schüler, nach den Motiven zu suchen, welche die minderjährigen Täter zur Rechtfertigung ihres Verhaltens angeben. Sie schlagen eine Diskussion über das Strafmaß vor. Sie ermutigen dazu, zu untersuchen, ob Ähnliches in der eigenen Umgebung bereits geschehen ist oder geschehen könnte, und regen dazu an, darüber mit der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Jugendämtern zu sprechen.

    Gegen Ende des Kapitels über die Geschichte Hitler-Deutschlands findet sich auch ein bekanntes Bild des Aufstandes im Warschauer Ghetto, wo die Deutschen eine Kolonne unterworfener Menschen herausführen, mit einem kleinen Jungen an der Spitze. Darunter steht die Information, dass der Junge als einziger aus der ganzen Familie den Krieg überlebt habe und nun in New York lebe. Auf dem Foto steht neben ihm ein Deutscher mit einem Gewehr. Der Bildunterschrift kann man entnehmen, dass es nach sechsundzwanzig Jahren gelang, ihn zu identifizieren. Er wurde von einem deutschen Gericht wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und im Jahre 1969 zum Tode verurteilt.

    2. Unterrichtseinheit: Sprich, Kind, wer bist du? Ich bin ein Deutscher …

    „Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte“, sagt Frau Schommers, Vize-Direktorin jener Schule in Porz. „Wir hatten einen Sprachaustausch mit einem ungarischen Gymnasium. Wissen Sie, was mir damals der Direktor jenes Gymnasiums sagte? Schicken Sie nur deutsche Kinder zu uns. Keine Türken oder Araber, ausschließlich Deutsche. Es half nicht, zu erklären, dass die angeblichen „Türken” in unserer Schule oft besser Deutsch sprechen als die „gebürtigen“ Deutschen, wie sie sagten. Was halten Sie davon?“

    Frau Schommers ist Deutschlehrerin. Wir trafen uns, da ich ohne ihr Einverständnis nicht am Geschichtsunterricht der zehnten Klasse hätte teilnehmen können. In der vorherigen Woche hatten die Schüler ein Treffen mit Kriegsopfern gehabt; die Gäste waren aus Weißrussland angereist. Was lernen deutsche Kinder über den Nationalsozialismus? Wie ist ihr Verhältnis zur Geschichte?

    Ich sage der Direktorin, dass ich nicht nur am Unterricht teilnehmen, sondern mich auch mit den Schülern alleine, ohne Anwesenheit des Lehrers, unterhalten möchte. Frau Schommers ist skeptisch. „Wissen Sie, Sie sprechen sehr sensible Themen an“, wendet sie sich mit einem Lächeln an mich, aber die ganze Zeit über sieht sie mich prüfend an. „Ich kenne diese Zeitung nicht, für die Sie arbeiten. Ich weiß nicht, was ich danach zu erwarten habe.“

    Unerwartet eilt mir Daniel zu Hilfe. Er geht in die Klasse 10f. Er ist Pole und als er hört, worüber wir sprechen, sagt er, es gebe keinen Grund, Angst vor der polnischen Presse zu haben.

    „Sehen Sie, was den Unterricht in unserer Schule über den Nationalsozialismus angeht …,“ Frau Schommers gewinnt schrittweise mehr Vertrauen zu mir. „25 Prozent der Kinder haben einen ausländischen Pass. Bei über sechzig Prozent ist mindestens ein Elternteil von ausländischer Herkunft. Hitler steht diesen Kindern sehr fern. Es gibt keine Identifikation mit der Geschichte, nach dem Prinzip „das waren meine Großeltern oder Urgroßeltern“. In jeder einzelnen Klasse vermischen sich Kinder von völlig unterschiedlichem familiären Hintergrund. Sogar bei den sozusagen deutschen Kindern … Sehen Sie. Ich weiß nicht, was Sie von diesem Unterricht erwarten. In den sechziger Jahren hatte der Protest junger Deutscher gegen die Verlogenheit ihrer Eltern eine emotionale Basis. Er hatte auch seine historischen Gründe. Heute gibt es diesen Bezug nicht mehr. Wie soll man also über den Nationalsozialismus unterrichten? Warum, oder wenn Sie es lieber so wollen, wofür soll man unterrichten? Wir geben uns Mühe, darüber wie über eine universelle Erfahrung zu berichten. Selbstverständlich eine extreme Erfahrung, aber wir unterrichten auch über den Bürgerkrieg in Spanien oder über Griechenland.“

    Die Sekretärin macht uns einen Kaffee. Als die Pause zu Ende ist, wird es ruhiger. Nach einem Augenblick sagt Frau Schommers schon fast vertraut: „Ich sage Ihnen ehrlich: Was denken Sie, was geht unsere Kinder der Nationalsozialismus an? Das ist nicht ihre Welt. Doch, wenn wir im Unterricht über die Gleichberechtigung von Frauen sprechen – dann schon. Dann fliegen die Funken. Aber nehmen wir ein Beispiel aus meiner Kindheit: die Verse Goethes. Heute interessiert sich fast niemand mehr für unseren größten Dichter“, sagt die Germanistin mit jahrzehntelanger Diensterfahrung fast ohne Gefühlsregung. „In den Städten ist laut Statistik jedes dritte Kind von ausländischer Herkunft. Das ist heute Deutschland. Also gut, Sie werden mit den Schülern sprechen können. Und Sie kommen auch in den Unterricht.”

    Nach dem Gespräch mit Frau Schommers gehe ich in die große Pause. Ich treffe Sasza und einen Mitschüler, der auf die Verwaltungsschule gehen und Beamter werden will. Entgegen dem Anschein ist Sasza gebürtiger Deutscher. Sein Name ist hier sehr beliebt.

    „Es geht dir um den Holocaust und die Juden, oder?“, fragt Sasza mich freiheraus. „Ständig lernen wir etwas darüber. Obwohl ich keine echte Juden kenne. Aah, doch, es gibt bei uns einige aus der früheren UdSSR. Aber ich weiß nicht, welche von ihnen Juden sind. Sie sprechen Russisch, ansonsten unterscheiden sie sich in nichts. Aah, Moment mal ... Wir hatten da so einen in der Klasse. Er hat manchmal eine reingekriegt. Er war auch aus Russland. Aber es waren hauptsächlich die Türken, die ihm Probleme gemacht haben …“

    „Also unter uns gesagt”, wirft Saszas Mitschüler ein, „dieser Typ ist ein bisschen … Er ist ein richtiger Schrank, aber er benimmt sich, als wäre er höchstens zwölf Jahre alt. Er macht sich immer zum Deppen. Ja, er wird gemobbt. Aber Juden können über sich selbst lachen. Das ist gut, aber vielleicht kriegen sie gerade deswegen immer was ab. Aber außer ihm ... nein, ich kenne auch keinen Juden. Das Schicksal eines Außerirdischen kümmert einen nun mal nicht besonders.“ Wer hätte gedacht, dass die Karikatur aus dem Lehrbuch sich auf so falsche Art und Weise als wahr erweisen würde …

    3. Unterrichtseinheit: Erinnerung auf Deutsch

    Ich frage Sasza, ob er irgendwelche Spuren der Hitlerverbrechen in seiner Umgebung kennt. „Ich erinnere mich nicht“, sagt er. „Wir waren einmal auf einem Ausflug in einem Gefängnis Hitlers. Auf den Straßen sind manchmal diese kupfernen Pflastersteine ... Damals wurde uns in GL (Gesellschaftslehre) davon erzählt. Vielleicht sind sie mir deshalb überhaupt erst aufgefallen …“, lacht der Junge.

    Jene Pflastersteine werden Stolpersteine genannt. Der bildende Künstler Gunter Demnig fertigt sie auf Bestellung an – für 95 Euro pro Stück. Jeder kann einen Stein stiften und ihn vor dem Haus eines Opfers der Verfolgung durch das Hitler-Regime anbringen. Unter der Voraussetzung versteht sich, dass der Eigentümer des Grundstückes einverstanden ist. Demnig graviert auf der kupfernen 10 x 10 cm großen Platte den Namen, die Daten und den Geburts- und Todesort, sofern sie bekannt sind. Stolpersteine gibt es in mehr als dreihundert deutschen Städten und Orten. Der Künstler sagt, sein Projekt zeige einen Nationalsozialismus, der bis in das Haus eines jeden von uns hineinreichte und nicht nur eine politische Abstraktion war.

    „Was ist denn das für eine Idee?”, regt sich der Mitschüler Saszas auf. „Diese Steine soll man mit der Sohle reiben, da das Kupfer sonst dunkler wird und man nichts mehr darauf erkennen kann … Komisch. Angeblich sollen wir erinnern, aber das ist doch, als würde man das Grab von jemandem mit Füßen treten. Diese Leute haben oft kein Grab. Sasza hat das gut gesagt. Wem fallen die auf? Man geht an dem Haus vorbei … Dieser Stein ist winzig. Man schaut doch nicht die ganze Zeit nach unten auf den Boden …”

    Zu unserer Gruppe stößt Frau Michel, GL-Lehrerin, zu deren Unterricht ich gehen soll. Einen Moment lang hört sie sich das Gespräch an, aber man sieht, dass sie darauf brennt, selbst etwas dazu zu sagen.

    „Also, ich habe den Krieg nicht selbst erlebt“, wirft sie mit nur einem Atemzug ein, als wir einen Moment lang aufhören zu reden. „Eure Eltern sind sicherlich jünger als ich. Von meinen Eltern weiß ich, dass es schreckliche Zeiten gewesen sind. Seit meiner Kindheit wiederholten sie ständig, dass man alles tun müsse, damit von Deutschland niemals wieder ein Krieg ausgeht. Auch für die Zivilbevölkerung war es schlimm. Meine Eltern waren keine Nazis, sie waren nicht in der Partei, meine Mutter war sogar öffentlich dagegen. Ich bin in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der mir eingeschärft wurde, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe. Vielleicht bin ich deshalb Lehrerin geworden und beschäftige mich hier mit euch.”

    „Wissen Sie“, wendet sich Frau Michel an mich, „ich habe nicht jedes Jahr die Gelegenheit, dieses Thema im Unterricht zu behandeln … Aber zumindest wenn es irgendeinen Jahrestag gibt, erinnere ich die Schüler daran. Wir reden immer über dieses Thema. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen eurer Generation und mir.“

    Ich kenne das Schicksal der Familie von Frau Michel nicht. Das, was sie sagt, höre ich von sehr vielen Deutschen. Indessen zeigt mein Mitte der neunziger Jahre herausgegebenes Geschichtslehrbuch, dass die Zahl der Deutschen, die bereit waren, sich dem System zu widersetzen, zur Zeit des Nationalsozialismus zwischen zwanzig- und vierzigtausend betrug. Offensichtlich hatten diese Deutschen sehr viele Kinder, die sich nun in meiner Umgebung befinden …

    Als Frau Michel sich von uns entfernt, erinnert Sasza sich an ein Treffen mit Kriegsopfern, das ebenfalls in der zehnten Klasse stattfand. „Was hat mir das gebracht? Heute denke ich mir: Nicht viel. Wir kauen das Thema Nationalsozialismus seit der siebten Klasse durch. Wir sollen uns erinnern, also ist jeder Anlass gut“, sagt er spöttisch. „Auch jetzt beschäftigen wir uns damit. Ein bisschen Französische Revolution, ein bisschen über die Geschichte der Länder, aus denen unsere Mitschüler sind. Zum Beispiel die Türkei. Und sonst nur die Weimarer Republik und Hitler. Nach einiger Zeit können dich sogar die schlimmsten Verbrechen nicht mehr berühren.“ „Meiner Meinung nach war es nicht notwendig, dieses Treffen. Natürlich erinnere ich mich daran, dass es stattfand. Wer waren die Gäste? Polen? Ukrainer? Ich weiß nicht, vielleicht waren es Polen. Ich finde, man könnte langsam mit dem Thema aufhören.” „Das Problem ist“, sagt Sasza, „dass ich mir die damaligen Zeiten nicht vorstellen kann. Wir lernen so viel, aber es geht immer um Politik. Um den Krieg, um den Holocaust. Wie die Menschen damals gelebt haben, weiß ich nicht. Danach, als wir sie getroffen haben, waren wir richtig verschlossen. Wir hatten die Nase voll. Niemand wollte das hören.“

    Unserem Gespräch schließt sich ein Mädchen an, das einen Moment lang in der Ecke gestanden und zugehört hatte. „Ich erzähle Ihnen mal von einem Ausflug, den wir durch die Stadt gemacht haben. Unter anderem standen wir vor einer Tafel, wo im Frühling 1944 einige Zwangsarbeiter erhängt wurden. Wir waren mit einem Führer dort. Als er über die Exekution erzählte, wurde unsere Lehrerin ganz grün und fing an zu weinen. Aber wissen Sie was? Nur sie weinte. Meiner Meinung nach nehmen sich Lehrer das alles viel zu sehr zu Herzen. Es trauert doch heute auch niemand mehr den Kriegsopfern Napoleons hinterher.“

    4. Unterrichtseinheit: Wessen Geschichte ist das?

    Frau Michel bittet mich, mich vorzustellen und zu erzählen, was ich im Unterricht mache. Thema der heutigen Veranstaltung sollen die Gäste aus Weißrussland sein. Drei Achtzigjährige sprachen mithilfe einer Übersetzerin mit den Schülern. Alle waren zur Zwangsarbeit nach Deutschland gekommen, einer von ihnen war von der Gestapo gefangen genommen und misshandelt worden.

    Nach einer geschlagenen Stunde des ermüdenden Zuhörens stellten die Schüler einige Fragen.
    „Wurde einer von Ihnen je Zeuge des Todes einer anderen Person?“
    „Hat einer von Ihnen Hitler gesehen?“
    „Wie erging es Ihnen nach der Heimkehr?”

    Die alten Leute erinnerten sich mit Schwierigkeiten an Details, manchmal irrten sie sich bezüglich der Daten. Es wurden keine schockierenden Details erwähnt. Die Gäste sprachen bereitwillig darüber, dass das heutige Deutschland nicht mehr dasselbe Land sei, und sie wünschten den Zuhörern, dass sie niemals etwas so Schreckliches würden erleben müssen.

    Indessen hat es keiner in der Klasse besonders eilig, über seine Eindrücke zu sprechen. Die nacheinander von Frau Michel aufgerufenen Schüler lehnen es ab, zu antworten. Schließlich fängt Samira an. „Ich soll erzählen, wie es mir gefallen hat?”, erkundigt sie sich. „Es war sehr interessant, da wir von lebenden Personen das erfahren haben, worüber wir in den Lehrbüchern lesen. Es hat mich sehr bewegt.“ Die Klassenbeste Samira trägt Jeans, die nachlässig über ihrem Knie hochgekrempelt sind. Sie sind über und über mit Kugelschreiber beschmiert. Ihre Haare sind rot gefärbt und sie trägt einen Pagenschnitt. „Sogar die ... wie heißt die Frau noch mal ...?”
    „Die Übersetzerin”, wirft jemand aus der Klasse ein.
    „Genau, sogar die Übersetzerin fing während dieser Geschichten an zu weinen, und das hat mich auch gerührt. Ja, das war sehr interessant ...”
    „Genau”, wirft Frau Michel ein, „das Treffen war sehr bewegend. Hat noch jemand Lust, etwas darüber zu sagen?“
    „Nein, das ist es nicht“, sagt die hellblonde Sitznachbarin Samiras etwas ärgerlich. „Das mag ja interessant sein, aber mit mir hat das nicht viel zu tun. Das ist nun schon seit fast hundert Jahren Vergangenheit. Was habe ich damit zu tun? Selbstverständlich, das, was damals passiert ist, war falsch. So weit sollte das alles nicht kommen. Aber die Deutschen haben sich geändert. Sie sind nicht so wie früher. Vielleicht könnte das mal jemand feststellen? Wissen die Leser Ihrer Zeitung das nicht?“, wendet sie sich an mich.
    „Und was sollen sie deiner Meinung nach über das heutige Deutschland wissen?”, frage ich.
    „Dass ich das nicht bin! Das ist nicht meine Geschichte und nicht meine Sache“, regt Samira sich auf.
    „Hören Sie, wenn uns jemand mit den Deutschen aus der Kriegszeit in Verbindung bringt, dann ist er voreingenommen“, regt Ferhad, ein kurdischer Junge, der am anderen Ende des Klassenraums sitzt, sich auf. „Sie wissen doch, wie es zum Beispiel mit den Türken ist. Es kommt vor, dass ein Türke irgendeine Scheiße baut. Aber das heißt nicht, dass gleich alle Türken nur Scheiße bauen ... Dasselbe ist es mit den Deutschen. Auf der Welt hat es schon immer Kriege gegeben. Lange vor Hitler. Es war grausam. Also sind das alles Vorurteile.”
    „Ich habe genug davon!”, regt Samira sich auf. „Wenn ich im Urlaub bin, zum Beispiel in Holland, kommt immer früher oder später jemand mit der Frage: Wie stehst du zum Nationalsozialismus? Und immer muss ich sagen, dass ich damit doch nichts zu tun habe. Was geht mich das an?”
    „Deutschland hat doch mit seiner Vergangenheit abgerechnet”, bemerkt Ferhad. „Wenn man zum Beispiel auf der Straße „Heil Hitler!” sagt, ist das strafbar. Der deutsche Staat versucht dem entgegenzuwirken. Sofort hat man eine Anzeige und ein Gerichtsverfahren am Hals. Jetzt herrschen neue Zeiten, ein neues Leben und eine neue Generation.”
    „Diese alten Leute, die bei uns zu Gast waren, haben auch gesagt, dass wir nicht mehr so wie die damaligen Deutschen sind”, erinnert die Sitznachbarin Samiras. „Sie haben recht. Sie sagten, dass sie uns Glück wünschen. Sie haben nichts gegen uns. Vielleicht sollten die vorherigen Generationen sich bei ihnen entschuldigen. Aber wir haben keinen Grund dazu. Übrigens, die Gäste haben doch nicht so viel Schlimmes über den Krieg berichtet. Es gab viele Gräueltaten in der Geschichte, nicht nur Hitler.“

    5. Unterrichtseinheit: Es ist gut, Deutscher zu sein

    „In der Siedlung, in der ich wohne“, sagt Thomas, „gibt es Chinesen, Kurden, Araber, Iraker, Schwarze, Franzosen – alle. Wenn Deutschland so wäre wie damals, hätten sie hier nicht einmal herkommen können. Niemand hätte sie hereingelassen. Also haben wir jetzt eine andere Geschichte.“
    „Hitler ist nur die Geschichte der Deutschen”, sagt Pierre.
    „Und wer sind diese Deutschen, deren Geschichte das ist?“, frage ich.
    „Die Nazis.”
    „Du bist Deutscher, aber du bist doch kein Nazi ...”
    „Ich bin halb Deutscher, halb Türke. Aber das ist nicht wichtig. Weil Deutschland heute viel besser ist. Es ist ein demokratisches Deutschland. Wenn das heutige Deutschland so wäre wie damals, gäbe es mich hier ganz einfach nicht. Deutschland gibt vielen Menschen, in deren Ländern Krieg herrscht, eine Chance. Hier kann man besser leben. Früher haben sie den Menschen das Leben zur Hölle gemacht. Jetzt laden sie die Menschen ein, herzukommen. Es hat sich geändert.” „Für mich ist es eine Ehre, einen deutschen Pass zu haben”, sagt Abussamed, der von kurdischer Abstammung ist. „Damit geht es mir gut. Nehmen wir an, ich sei irgendein Asylant. Die sind ohne Papiere hier. Was haben sie für ein Leben? Ich denke mir, ich sollte Gott danken, dass ich einen deutschen Pass habe. Ich bin stolz, dass ich Deutscher bin.”
    „Also wenn dich jemand im Ausland fragen würde, woher du kommst, würdest du sagen, du bist Deutscher, und nicht Kurde?“
    „Ja, ich bin Deutscher. Kein Kurde, sondern Deutscher.“
    „Also, vielleicht sagt man in Polen besser nicht, dass man Deutscher ist”, spekuliert Ferhad. „Denn wenn man das zugibt, kommt man damit sicherlich nicht sehr weit … Ich verstehe das. Aber ich bin auch stolz auf meinen deutschen Pass. So viele Menschen haben überhaupt gar keinen Ausweis. Sie sind von irgendwoher geflohen. Sie kommen von irgendwoher. Sie müssen das geheimhalten. Das ist schrecklich.”
    „Und wie sehen das die Polen, die hierherkommen? Vielleicht könnten Sie auch darüber schreiben”, fragt Thomas. Der Junge ist die ganze Zeit über deutlich niedergeschlagen. „Denn ich würde anstelle all dessen gerne etwas mehr über Polen erfahren.”
    „Warum das?”
    Die Klasse fängt an zu kichern.
    „Sehen Sie”, sagt der Junge, „ich habe ein kleines Problem mit der Liebe. Es ist keine deutsche, sondern eben eine polnische Liebe …“

    6. Unterrichtseinheit: Nationalsozialismus aus meiner Sicht, oder: Was soll ich mit dem Wissen?

    Als ich frage, wer wisse, was zu Hitlerzeiten in seinem Herkunftsland und in seiner Umgebung passiert sei, sagt niemand etwas. „Bei uns in der Familie redet niemand über Geschichte”, höre ich. Endlich meldet sich Samira.
    „Einmal, als wir zum ersten Mal in der Schule etwas darüber gelernt haben, sprach ich mit meinen Großeltern. Mein Opa gab mir ein Buch zum Lesen – und das war’s. Wir haben auch zuhause darüber diskutiert, dass Witze über den Nationalsozialismus gemacht werden. Wir haben überlegt, ob man das grundsätzlich machen darf. Alte Menschen mögen es nicht, wenn man sie daran erinnert.“
    „Doch viele Menschen mussten in den Krieg ziehen“, sagt Ferhad. „Teilweise wurden sie dazu gezwungen, zu töten. Heute leben die Menschen in Deutschland miteinander.” „Hitler selbst war kein Deutscher, sondern Österreicher”, sagt Thomas. „Seinen eigenen Kriterien nach hätte er sich selbst in die Falle gehen müssen. Er war überhaupt kein reiner Deutscher.“
    „Viele Deutsche sind ihm gefolgt, weil er ihnen eine bessere Zukunft versprochen hat. Man hat ihnen gesagt, wenn ihr daran teilnehmt, wird für euch alles besser. Also warum sollte man es denn nicht tun …? Das ist menschlich, normal ...” „Also wenn heute jemand käme”, frage ich, „und euch eine bessere Zukunft als Belohnung für die Teilnahme an einem Krieg verspräche, was dann?” „Aah, nein, es wird keine Diktatur mehr in Deutschland geben …“, sagt Ferhad mit Überzeugung. „Damals gab es doch schrecklich viel Arbeitslosigkeit. Das war auch einer der Gründe. Jetzt wissen wir, wie Krieg sein kann, und dass wir diesen Fehler nicht wiederholen werden ... Die Menschen in Deutschland werden heute in keinen Krieg mehr ziehen.“
    „Hitler versprach den Menschen viele Dinge, die wir jetzt haben”, sagt Samira. „Es gibt keine Verlockungen mehr, mit denen man die Menschen ködern kann. Uns kann man heute nicht mehr so leicht verführen.“
    „Genau“, sagt Ferhad. „Heute gibt es in Deutschland Unterstützungen, von denen man leben kann, vielleicht nicht besonders gut, aber es geht. Damals war es nicht so. Damals mussten die Menschen wohl in den Krieg ziehen, es herrschte Hunger, es gab diese Karten für Nahrung, für alles; sogar wenn jemand das nicht wollte – man musste doch seine Familie ernähren.“
    „Wissen Sie, jedes Jahr lernen wir etwas darüber”, sagt Abussamed. „Das Thema wird immer wieder heruntergeleiert. Nach einer gewissen Zeit wird es schon langweilig. Immer nur Deutschland und wieder Deutschland. Nehmen wir zum Beispiel die Osmanen, heute Irak, da gibt es auch blutige Kriege. Nicht nur in Deutschland. Übrigens ist es besser, nach vorne zu schauen, auf das, was jetzt passiert, und nicht immer wieder auf die vergangene Geschichte.”
    „Also für mich ist das dennoch wichtig, wenn ich schon in Deutschland lebe …“, traut sich Kathrin zu sagen. „Das, was hier früher geschehen ist, betrifft mich. Wir haben mit diesem Thema in der dritten Klasse der Grundschule angefangen. Und so ging es jedes Jahr. Vielleicht ist es viel, aber es ist dennoch wichtig …“
    „Ja, auf der anderen Seite ist es gut, dass wir das so oft machen”, unterstützt Ferhad sie. „Wenn man ein Mal etwas hört, dann bleibt dir davon nicht besonders viel. Nach einigen Wochen erinnert man sich nicht mehr daran. Aber später, wenn dich jemand aus dem Ausland fragt, wie es gewesen ist, was die Nacht der langen Messer war, dann weißt du wenigstens, worum es geht. Ich weiß das alles auswendig, weil wir es in der Schule gelernt haben. Wenn jemand wie Sie zu uns kommt, dann kann ich Antworten geben ...”

    7. Unterrichtseinheit: Nach jeder Stunde eine Pause

    In der Pause spreche ich mit dem jüngeren Paul. Gerade hatte er in seiner Klasse eine Stunde über den Holocaust und die Konzentrationslager, von denen der Junge zum ersten Mal erfuhr. Paul ist von der Vernichtung der Juden stark ergriffen. Dieser entzückende blonde Junge mit dem kindlichen Gesicht, das aussieht, als stamme es aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, beginnt damit, mich nach Details auszufragen. Wie genau hat man all diese Menschen ermordet? Mit welchem Gas? Was hat man mit den Leichen gemacht? Schließlich sagt er:
    „Aber das ist doch irgendwie illegal, Juden zu ermorden? Das macht man doch nicht, stimmt’s?”
    „Selbstverständlich nicht”, antworte ich ein wenig überrascht.
    „Gab es dort nicht irgendeine Art Polizei, jemanden, der diese Lager hätte schließen können?“
    „Die Polizei hat bei all dem mitgearbeitet, ebenso wie das Militär und die Bahn, die die Gefangenen transportiert hat …“, antworte ich, meine Fassung zurückgewinnend.
    „Also sind diese Menschen bestochen worden, oder?”
    „Nein“, sage ich, „sie haben das aus freiem Willen getan.“

    Der Junge schüttelt ungläubig den Kopf. Der Gong läutet. Wir trennen uns. Soll ich mich freuen, dass Hitler für ihn etwas so Unvorstellbares ist? Oder soll ich mir Sorgen machen, dass die historische Bildung es nicht schafft, den jungen Einwohnern Europas eine unserer schrecklichsten Erfahrungen zu vermitteln?

    8. Unterrichtseinheit: Das Erbe und der Preis der Akzeptanz

    „Die Kinder haben die Nase voll vom Nationalsozialismus in der Schule”, sage ich am Ende des Tages zu Frau Schommers. „Sie identifizieren sich nicht mit den Deutschen vor siebzig Jahren und sie würden lieber etwas anderes lernen.“ „Hören Sie, seit wann müssen die Schüler mit dem einverstanden sein, was sie in der Schule lernen? Verzeihen Sie”, Frau Schommers lässt sich nicht in die Enge treiben. „Die Einwilligung in ein Leben in Deutschland setzt eine gewisse Akzeptanz des deutschen Erbes voraus: sowohl im guten als auch im schlechten Sinne. Das ist eine der Voraussetzungen unserer Bildung. Wir haben in der Schule zwei türkische und einen palästinensischen Lehrer sowie eine afrikanische Lehrerin. Sie haben uns sehr dabei geholfen, unsere Schüler zu verstehen. Die Schüler selbst haben zu ihnen eine andere Beziehung. Sie vertrauen uns oft nicht so sehr, wie sie ihnen vertrauen. Ich sage Ihnen, wie die Tatsachen aussehen. Nehmen wir die Frage, wie Religion in der Schule gelehrt werden soll. Wir haben Unterricht für Katholiken und Protestanten. In einigen Schulen gibt es schon muslimischen Religionsunterricht, bei uns aber nicht. Die Schüler, die zum Religionsunterricht gehen, müssen etwas tun. Zeitgleich bieten wir deshalb das Fach „Deutsch als Zweitsprache” an. Die Schüler haben die Wahl. Daher gehen zum Religionsunterricht auch Buddhisten und Zoroastrier, und zum Deutsch-Zusatzunterricht gehen Katholiken. Wissen Sie, ich bin Deutschlehrerin. Seit Jahren fällt mir auf, dass das Repertoire an Wörtern, das die Schüler und sogar die Abiturienten benutzen, ständig schrumpft. Das führt dazu, dass die Schüler Textfragmente, zum Beispiel aus dem Geschichtslehrbuch, schlichtweg nicht verstehen. Wir müssen ihnen einzelne Wörter erklären. Das sind unsere täglichen Probleme. Werden Sie darüber auch etwas schreiben?”


    Nachbemerkung:

    Diese Reportage entstand für die Wochenendbeilage einer der größten Tageszeitungen Polens. Sie wurde nicht gedruckt, da sie – wie es der leitende Redakteur ausdrückte – keine deutsche Schulklasse beschreibt. Die Beilage versteht sich als „Reportermagazin”, was suggeriert, dass die darin enthaltenen Texte keine Fiktion beschreiben, sondern die reale Welt.

    Indessen ereignete sich zwischen dem Autor und dem Redakteur das folgende Gespräch:
    „Was ist überhaupt eine deutsche Schulklasse?“
    „Eine solche, in die deutsche Kinder gehen“, antwortet der Redakteur.
    „Und wer sind diese deutschen Kinder?“
    „Diejenigen, deren Eltern und Großeltern Deutsche sind.“
    „Im heutigen Deutschland gibt es solche Klassen im Grunde genommen nicht.“
    „Das macht nichts. Wir in Polen stellen uns Deutschland eben so vor. Du musst dir eine solche Klasse ausdenken, unabhängig davon, ob sie wirklich existiert.“

    Schließlich erschien die Reportage in dem polnischen Frauenmagazin EmFemme (7/2010).

    Stanisław Strasburger ist ein polnischer Schriftsteller und Publizist. Er organisiert u. a. auch Projekte im Kulturbereich zwischen Polen, Deutschland und Libanon. 2009 erschien sein Roman Handlarz wspomnień („Geschichtenhändler“). Die arabische Ausgabe wurde im Dezember 2013 bei Dar al-Adab in Beirut veröffentlicht. Diese Reportage erschien in Polen unter einem seiner Pseudonyme: Jonasz Ryba.

    Übersetzung: Simone Falk

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Lesen Sie Fikrun wa Fann
      „Bildung“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

      Bestellen

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...