Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    „Ich bekam eine Schultasche und bin froh“
    Afghanische Kinder und ihre Welt

    Was wissen wir eigentlich wirklich über Afghanistan? Was wissen wir über das Leben der Kinder und ihre Vorstellungen über das ‒ post-Taliban, post-Allierte ‒ Afghanistan? „Es war einmal oder auch nicht“ ‒ so beginnen alte, afghanische Erzählungen. Das Buch gleichen Titels lässt die Kinder der Gegenwart erzählen.

    Seit 2005 bereist der Autor Roger Willemsen regelmäßig Afghanistan. Er tut dies bewusst eigenständig, unabhängig und zivil, nicht wie so manch ein Kollege „embedded“ im Rahmen des Militärs. Das kann möglicherweise riskant genannt werden, birgt aber auch die Chance, Menschen und Kultur wirklich zu berühren und Freundschaften zu schließen. Nur so war es ihm möglich, ein Buch zu schreiben, welches nicht die düsteren, sondern auch die hellen Momente afghanischen Lebens schildert. Willemsen, ein vielseitiger Intellektueller, ist mittlerweile nicht nur Botschafter für Amnesty International, Terre des Femmes und Care, sondern auch Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins. Er ist neugierig und zugleich zurückhaltend, ein einfühlsamer Beobachter.

    Ganz besondere Kinder

    Die afghanischen Kinder, „die hier ganz anders sind, als in anderen Ländern“, beeindrucken Willemsen besonders, „alt, mit Tränensäcken und tief eingefressenen Falten“, „Zwergmenschen mit gezeichneten Gesichtern“, gezeichnet von Kriegserfahrungen und uraltem Staub, schwerer Arbeit und oft bitterer Not, geprägt aber auch von Neugier, Luzidität und Zukunftsoptimismus. Diese Kinder sind anders und einzigartig. Sie lieben ihren Schulunterricht und vergöttern die Lehrer. Spielen? Diese Frage trifft vielfach auf Unverständnis. Ihre Gedankenwelten sind politisiert, ihr Leben militarisiert.

    Willemsen hat Gesprächsnotizen, Briefe und Zeichnungen dieser Kinder gesammelt. Und trotz durchaus unterschiedlicher Lebensumstände überrascht ihre Einstimmigkeit, wenn es um Fragen der Bildung oder der nationalen Verantwortung geht. Sie alle wollen ihr Land entwickeln, Frieden und Brüderlichkeit verbreiten. Verantwortungsbewusstsein und politisches Verständnis sind schon bei den Jüngsten vorhanden. Sie lesen den Eltern die Zeitung vor, sie suchen Erklärungen für verwirrende Lebensumstände ‒ „Die Truppen töteten gerade 28 Menschen, darunter zwei Taliban. Der Rest wurde hinterher zu Taliban umdeklariert.“ ‒ „Die Schule wird von einem Bombenanschlag erschüttert. Jetzt reicht’s aber.“ – lesen wir da.

    Unterricht über Minen

    Nur den Krieg und ein Leben in Unsicherheit kennen sie. Im Klassenzimmer hängt eine Schautafel mit Waffen, es gibt Unterricht über Minen. Die Kleinen spielen in ausgebrannten Panzern, sie spielen den Krieg nach. Jede Familie hat Tote zu beklagen, alle Kinder haben dem Sterben anderer zugesehen. Sie sind traumatisiert in einem Land, wo der Begriff des Traumas kaum bekannt, psychologische Hilfe fast undenkbar ist. Diese Erfahrung sowie positive Gegengewichte, symbolisiert durch Natur und Familienidylle prägt die Bilder und Briefe, die in diesem Buch mit abgedruckt sind und aus denen unser Heft eine kleine Auswahl präsentiert. Die Auseinandersetzung mit dem Erlebten und den seelischen Verletzungen trifft in diesen Bildern auf die Sehnsucht nach Harmonie – Helikopter, Kalaschnikows und blutende Menschen werden durch Blumen, Tiere und fröhliches Feiern kontrastiert. Die Aufforderung, Lebenswelten zu malen und Briefe zu schreiben, mag für viele Kinder eine therapeutische Wirkung gehabt haben. Wir im Westen, nicht betroffene Personen aus einer anderen Welt, hören zu, teilen die Sorgen. Dabei lässt das Bild der Kinder vom Westen, ebenfalls auf den Zeichnungen abgebildet, schmunzeln. Ganz geordnet geht es da zu, die Männer sind muskulös und tragen Sonnenbrille, man wohnt in Hochhäusern, lümmelt sich auf Sofas und lernt bei elektrischem Licht. Diese Kinder sind hervorragende Beobachter!

    Bildung als Schlüssel

    „Ich bekam eine Nähmaschine und eine Schere. Mein Leben wird von Tag zu Tag besser.“ Auch afghanische Frauen hat Willemsen auf seinen Reisen gezielt besucht. Er traf sich mit Dozentinnen, Fußballerinnen und Frauen aus Handwerksbetrieben. Und überall zeigt sich: Bildung ist der Schlüssel für wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Modernisierung. Frauen sind der wichtige Motor. Und das ist keine westliche Erfindung, das ist menschliche Logik und Notwendigkeit. Doch trotz einer recht liberalen afghanischen Verfassung gibt es noch zahlreiche Hürden zu beseitigen. Basira geht morgens als Mädchen zur Schule, nachmittags arbeitet sie als Junge auf dem Basar. Die allgemeine Unsicherheitslage, Minen und Vergewaltigungen erschweren den Frauen den Weg in die Öffentlichkeit. Aber es gibt auch einen Vater, der Teile seines Privathauses zur Verfügung stellt, damit die Mädchen der Stadt Schulunterricht erhalten.

    Im Gegensatz zu anderen Experten kommt Autor Willemsen ohne Dramatisierungen und besserwisserische Empfehlungen aus. Er hält sich zurück. Selbstreflektiert macht er eurozentristische Wahrnehmungsmuster bewusst und versucht, anders zu sehen. Kinder und Frauen, aber auch Dorfälteste und ehemalige Kämpfer, bekommen den Raum, ihre Perspektive darzulegen und den Westlern zu zeigen, „dass wir nicht alle Mörder sind“. Gleichzeitig liefert Willemsen Hintergrundwissen zum Reichtum afghanischer Kultur und verbindet es mit den gesammelten Dokumenten zu einem überzeugenden Gesellschaftsbild Afghanistans heute, den Schattenseiten und den Lichtseiten, der Bildungslust und Friedenssehnsucht der Afghanen. Die Kinder, in deren Welten wir hier eintauchen, sind die Zukunft Afghanistans. Sie werden Politik und Gesellschaft formen und entwickeln. Dieses Buch macht Hoffnung. Diese Kinder wissen den Weg.

    Der gesamte Erlös des Buchs wird von Autor und Verlag an den Afghanischen Frauenverein e. V. weitergegeben und dient somit unmittelbar dem Erhalt und Bau neuer Schulen.

    Roger Willemsen: Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und ihre Welt. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013.
    Nouria Ali-Tani ist Politikwissenschaftlerin und lebt in München.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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