Foto: Kai Wiedenhöfer

    Bildung

    Brecht in Damaskus
    Ein Buch über post-revolutionäres arabisches Theater

    Das arabische Theater lebt – seit den Revolutionen mehr als je zuvor, wie ein neu erschienenes Buch beweist, das die wichtigsten Tendenzen und Akteure des neuen arabischen Theaters vorstellt.

    Das Theater wird von seinen Machern oft als ein „geschützter Raum“ beschrieben: ein Forum, in dem es den Darstellern nicht nur erlaubt ist, sondern es auch erwünscht ist, dass sie Gefühle ausdrücken, Tabus brechen, unbequeme Wahrheiten aussprechen, experimentieren, kämpfen und zusammentreffen.

    Für die meisten, wenn nicht für alle arabischen Theatermacher, die in diesem Buch portraitiert werden, ist das Theater als ein Forum für freien Ausdruck ein Ort existentieller Bedeutung. Es ist jedoch nicht „geschützt“. Manche, wie z. B. der irakische Regisseur Monadhil Daood, wurden zur Auswanderung ins Exil gezwungen, nachdem sie regimekritische Werke aufgeführt hatten. Andere, wie z. B. die Marokkanerin Naima Zitane oder die Tunesierin Meriam Bousselmi, erhielten Drohungen als Reaktion auf ihre Stücke, die die Behandlung von Frauen in der arabischen Gesellschaft thematisierten. Juliano Mer-Khamis, der ehemalige Intendant des Freedom Theatre in Jenin, der gemeinsam mit jungen Palästinensern arbeitete und sich selbst als „100 Prozent Palästinenser und 100 Prozent Jude” beschrieb, wurde im Jahre 2011 vor seinem Theater erschossen.

    Arabische Theatermacher genießen demnach nicht immer den Luxus der Sicherheit. Dennoch sind sie in der Lage, Theater zu schaffen, das über eine Unmittelbarkeit, Dringlichkeit und Relevanz verfügt, die in sichereren, behaglicheren Gesellschaften im allgemeinen fehlen. Ein gutes Drama gedeiht durch Konflikt, und gegenwärtigen arabischen Theatermachern mangelt es sicherlich nicht an Material. Der „Arabische Frühling” entfachte einen Aufruhr in der Region, aber – wie Rolf C. Hemke, der Herausgeber dieser gelungenen Anthologie von Essays, bemerkte – seine Auswirkung auf das arabische Theater ist weitgehend übersehen worden. Dies ist umso erstaunlicher als, wie Hemke es sagt, „das Theater oft die politischste und spontanste aller Kunstformen“ ist. „Daher kann das Theater als Seismograph der gesellschaftlichen Verfassung fungieren.”

    Als Dramaturg, der bereits seit mehreren Jahren das internationale Festival „Theaterlandschaft“ in Mülheim an der Ruhr kuratiert, betont Hemke, dass Theater im arabischen Sprachraum nicht fälschlicherweise als Enzyklopädie verstanden werden sollte. Es erhebt keinen Anspruch darauf, das arabische Theater in seiner Ganzheit darstellen zu wollen: Es ist vielmehr ein subjektiver Überblick, eine kurze Einführung in die gegenwärtige Theaterszene in neun Ländern von Marokko bis Kuwait, und es beleuchtet jeweils ein paar Schlüsselfiguren in jedem dieser Länder. Es eröffnet einen Einblick in eine fremdartige Welt: eine Welt, die ihrer Natur nach kurzlebig ist – umso mehr in diesen schnelllebigen Zeiten. Diese Ende 2013 veröffentlichte Ausgabe braucht vielleicht schon jetzt eine Aktualisierung: Lebt und arbeitet der syrische Regisseur Omar Abusaada noch immer in Damaskus? Wie begegnet das quasi-dokumentarische unabhängige Theater, das im Zuge der ägyptischen Revolution entstand, der anhaltenden politischen Unbeständigkeit im Land?

    Unschätzbare Momentaufnahme

    Nichtsdestotrotz ist dieses Buch eine unschätzbare Momentaufnahme des zeitgenössischen arabischen Theaters – und es ist offenbar das einzige Buch dieser Art. Der Text wird ergänzt durch Dutzende stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Portraits und Szenenfotos. Unser Interesse wird geweckt durch die Skizzierung der Arbeit der Theatermacher, darunter finden sich auch verlockende Beschreibungen, die vergangene Produktionen lebhaft in Erinnerung rufen. Zum Beispiel in Banafsaj [Violet] des libanesischen Regisseurs Issam Bou Khaled erschafft eine Frau sich aus Gliedmaßen eines Massengrabes neu und macht sich auf die Suche nach ihrem jungen, toten Sohn. Sie begibt sich auf eine Odyssee durch eine traumartige, parallele Welt, aber als sie letztendlich „glaubt, noch einmal ihr Kind in den Armen zu halten, zerplatzt der Sandsack, den sie an ihr Herz gedrückt hielt, und das „Kind“ entrinnt ihrem Griff, wie das Vergehen der Zeit in einer Sanduhr“. Der Leser wünscht sich des Öfteren, dass man sich noch ein Ticket für die Aufführung bestellen könne.

    Das deutsche Theater der Zeit und Sud Editions in Tunis haben das Buch gemeinsam in parallelen zweisprachigen Ausgaben herausgegeben – Deutsch / Englisch und Arabisch / Französisch – und es damit sowohl in der Region als auch für ausländische Interessenten unmittelbar zugänglich gemacht. Eines ihrer erklärten Ziele ist es, im Ausland „aktive Partner“ für arabische Theatermacher zu finden. Ein innovatives, alternatives Theater zu schaffen ist immer ein finanzieller Kampf: Werbung, Sponsoring, Einladungen, Gemeinschaftsproduktionen und Aufführungen im Ausland sind oft wesentlich, um ein solches Unternehmen am Leben zu erhalten.

    Jeder, der Interesse an dem Thema hat, sollte das Buch allein schon wegen seines kommentierten Verzeichnisses im Anhang kaufen. Hier findet sich eine Liste mit Kontaktinformationen nicht nur der wichtigsten lokalen Förderungsinstitutionen und Bildungswerke, sondern auch der Theater, Theatergruppen, Regisseure, Festivals und Kulturzentren. Es gibt eine kurze Beschreibung des jeweiligen Arbeitsgebietes, das von Theater in der Bildung bis hin zu experimentellen, standortspezifischen Performances reicht, von originellen, erdachten Shows bis hin zu Neuinterpretationen der Klassiker. Shakespeare eignet sich besonders gut zur Adaption: Wir lesen von einem tunesischen Macbeth mit Ben Ali als dem machthungrigen Tyrannen, von der Arabischen Shakespeare Trilogie des kuwaitischen Regisseurs Sulayman al Bassam und von Monadhil Daoods sunnitisch-schiitischem Romeo und Julia.

    Daoods frühe Ausbildung in Bagdad hat seine gesamte Herangehensweise an das Theater geprägt. Sein Universitätsdozent „bezog sich auf die arabische Tradition, aber […] ermutigte uns, „unseren” Konflikt auf der Bühne zu finden und uns in unserer Welt umzusehen, um zu erkennen, was uns für eine Dramatisierung relevant erscheint”. Dieses Buch macht auf einige Personen aufmerksam, die in ähnlicher Weise vorgehen, um ein kraftvolles, originelles arabisches Theater zu schaffen. Es ist ihnen einfach unmöglich, das zu ignorieren, was um sie herum geschieht. „Das Theater ist eine der Methoden dafür, das, was uns passiert, aus der Distanz heraus zu beobachten“, erklärt der syrische Regisseur Mohammad al Attar. „Das Theater ist außerdem ein Mittel zum Überleben, ein Mittel, um produktiv zu bleiben, um nicht zu verzweifeln.“

    Rolf C. Hemke: Theater im arabischen Sprachraum. Theatre in the Arab World. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2013.
    Charlotte Collins ist Übersetzerin und Journalistin mit dem Schwerpunkt Theater.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2014

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