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    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Sturm aus dem Osten: Ist die arabische Revolution gekommen, um zu bleiben?

    Was an den kürzlich erfolgten arabischen Revolten ist es, das unsere Herzen so erfreut? Könnte man behaupten, dass die gegenwärtigen Windströme der Veränderung Revolutionen einer neuen Gattung hervorbringen?

    Es erscheint mir schwer, solche Fragen zu beantworten, da die Revolutionen der Vergangenheit eine geballte Erfahrung von „revolutionärem Eifer“, zerschlagenen Hoffnungen und unerfüllten Erwartungen waren. Zudem ist es nicht leicht, eine zutreffende Lesart der gegenwärtigen Aufstände zu finden, die ihre sozialen und kulturellen Verästelungen miteinschließt, während sich der Prozess weiter entfaltet.
    Der Slogan der Demonstrationen und Proteste in Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Algerien, Sudan und anderen arabischen Ländern lautete: „Das Volk fordert den Sturz der Regierung“, während in der Monarchie Bahrain, dem Sultanat Oman, in Jordanien und Marokko die „leichte“ Version – „Das Volk fordert eine Regierungsreform“ – vorherrschend war.
    Genauer betrachtet liefert dieser Slogan Hinweise auf die Enthüllung der Realität der arabischen Regierungen, deren Sturz gefordert wird, und erlaubt darüber hinaus einen flüchtigen Blick darauf, was die Alternative sein könnte.

    Libyen: Die „Nicht-Regierungs“-Regierung

    Zu Beginn der libyschen Krise sagte Colonel Muammar Gaddafi, dass er nicht Libyens Präsident sei, er das Land nicht führe und daher über die Forderungen des libyschen Volkes verblüfft sei, er solle auf die Macht verzichten. Indem er dies tat, warf er ein noch helleres Licht auf sich selbst, als man es von einem König oder einem Präsidenten erwarten würde. Da er noch mehr angebetet wurde als diese, war er – in seinen eigenen Worten – die Herrlichkeit Libyens (al-majd), sein Machthaber und Führer, Revolutionsführer, eine revolutionäre Persönlichkeit von Weltrang und der König der Könige in Afrika. Indem er sich jeglicher politischen Klassifizierung widersetzte – in jeder weitgehend akzeptierten legalen oder verfassungsrechtlichen Bedeutung dieses Begriffes –, befand Gaddafi sich „über“ dem Staat. Die bloße Auffassung von Staatlichkeit wurde zu einem Euphemismus, wie der offizielle Name des Landes deutlich macht: Das Große Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Jamahiriya (eine Wortschöpfung, die von Gaddafi geprägt wurde, deren angemessenste deutsche Übersetzung wohl „Staat der Volksmassen“, oder „Regierung der Volksmassen“ ist).   
    Abgesehen davon, dass der Mann, der diese Ansprüche erhebt, behauptet, er stehe „über der Herrschaft“ und sein Regime sei eines, in dem „die Macht von den Volksmassen ausgeübt wird“, werden solche Aussagen von dem Folgenden enttäuscht:

    • Erstens ist Gaddafi schon immer die „vorherrschende Triebkraft“ des Landes gewesen, dessen Meinungen oder Haltungen nicht verdrängt oder in Frage gestellt werden können – außer von seinem Sohn, Saif al-Islam. Und da dieser selbst ein Amt inne hat, ist alles, was Saif sagt, das an das Volk gerichtet ist, ganz klar nur ein Echo der Ansichten seines Vaters;
    • Zweitens hat Gaddafi die alleinige Kontrolle über das Vermögen des Landes. Er beaufsichtigt die Öl-Einnahmen, und weder ihr Umfang noch die Bankkontos, auf die das Geld eingezahlt wird, dürfen in Frage gestellt werden. Man glaubt, die Geldanlagen seien die des Landes Libyen, da sie entweder auf den Namen des Vaters oder den des Sohnes laufen, die nicht als bloße Repräsentanten des Landes angesehen werden, sondern als das Land selbst. Wenn man von Libyen spricht, sagte bekanntlich der Colonel selbst, spricht man von Gaddafi.

    Dementsprechend ist er sowohl Subjekt als auch Objekt, ist kein Element DES Staates, sondern sein Schöpfer, und als dieser befindet er sich jenseits des Zuständigkeitsbereiches des Staates. Und da der Reichtum des Landes Teil des Staates IST, hat er seinen Anfang und sein Ende in seinem Schöpfer. Und dieser verteilt seinen Reichtum so, wie es ihm beliebt.
    Obwohl dieses Bild keine exakte Darstellung der Situation in Ägypten unter Hosni Mubarak, in Jemen unter Ali Abdullah Saleh oder in Tunesien unter Zine el-Abidine Ben Ali bietet, sind die Unterschiede eher eine Frage der Gestalt als der Substanz. Denn seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sind alle arabischen Regimes von demselben Leiden heimgesucht worden, mit nur geringen Abweichungen in ihren „Symptomen“ – geleitet von unverantwortlichen und unantastbaren Herrschern, die das A und O des Regimes sind.

    Ursprünge der Legitimität

    Legitimität fand sich in all diesen Fällen: Sowohl in dem Anführen einer Revolution, wie Gamal Abdel Nasser und Muammar Gaddafi es taten, als auch in dem Erzwingen der Unabhängigkeit von einer Kolonialmacht, wie Habib Bourguiba es tat, oder indem ein Thron ererbt wurde, wie es in den absoluten Monarchien in den Golfstaaten, in Jordanien und Marokko der Fall war. In einigen Fällen stammte die Legitimität daher, dass ein Machthaber eine ursprüngliche Revolution oder einen Unabhängigkeitskampf „korrigierte“ – verdeutlicht an den Beispielen Saddam Husseins in Irak, Hafiz al-Assads in Syrien oder Zine el-Abidine Ben Alis, der die Macht in Tunesien übernahm, nachdem Bourguiba sich selbst als Präsident auf Lebenszeit ernannt hatte. Im Falle Ägyptens und Algeriens schritten Machthaber ein, um das Regime zu festigen – Hosni Mubarak ergriff nach Sadats Hinrichtung durch die Islamisten die Macht, um die „Sicherheit und Stabilität“ des Staates zu gewährleisten, während Bouteflika von der Armee eingeführt wurde, nachdem ein ernstzunehmender Überfall algerischer Islamisten auf die Macht stattgefunden hatte. Außerdem gab es das Muster des coup d’état, um die Einheit des Staates zu „retten“ und zu schützen – verdeutlicht an den Beispielen Omar al-Bashirs in Sudan und Ali Abdallah Salehs in Jemen, der im Namen der „Nationalen Einheit“ das Mehrparteiensystem auflöste, das demokratische Experiment auslöschte und dann im Sommer 1994 eigenhändig einen Krieg begann, der das Land „vereinen“ sollte – dadurch verwandelten sich seine südlichen Amtskollegen in der Jemenitischen Sozialistischen Partei von „Gewerkschaftlern“ in Separatisten.  
    Es ist klar, dass in all diesen Fällen die Legitimität nicht aus der Verfassungsmäßigkeit der Macht stammt, da die Verfassungen entweder irgnoriert wurden oder – wie im Falle Libyens – einfach nicht existieren. Das Muster verläuft so, dass der Herrscher die Verfassung nach seinen Vorstellungen deutet, sei es, um seine Macht auszudehnen, seine Amtszeit bis zu seinem Ableben zu verlängern oder jeden vom Konkurrenzkampf um sein Amt auszuschließen, abgesehen von seinem eigenen Sohn.
    Manchmal wurde die Legitimität durch Wahlen oder Referenden erteilt, die von internationalen Gremien beaufsichtigt und überwacht wurden, und die von ihnen trotz jeglicher Kritik als fair und transparent deklariert wurden. Was mich bewegt, ist weniger die Frage, ob solche Wahlen fair abgehalten wurden, sondern vielmehr die elende Unterwerfung der Menschen, die nur in der symbolischsten Bedeutung des Wortes Bürger sind und für die ein menschenwürdiges Leben (einerseits in der Bedeutung, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits in der Bedeutung, genug Brot zu essen zu haben) auf ihre Unterwerfung unter ein tyrannisches und brutales System gestützt ist.
    Zu jedem Herrscher gehört seine eigene Partei, sein eigener Stamm und/oder seine eigene religiöse Sekte. Ausgewählte „Technokraten“ aus der Partei führen die Geschäfte der Regierung durch und wirtschaften währenddessen in ihre eigene Tasche. Aus dem Stamm oder Klan werden Verwandte für Machtpositionen ausgewählt; in der Regel sind es die Söhne, die darauf vorbereitet werden, sowohl die Regierung als auch ihre Reichtümer zu erben. Und schließlich besteht der „dritte Kreis“ von Begünstigten der Großzügigkeit der Regierung aus Brüdern, Neffen, Stiefsöhnen und anderen nahen Verwandten. Keine Verwaltung der Regierung und kein Handel ist ohne sie möglich, und nichts kann ohne ihre „guten Dienste“ erreicht werden, die maßlos sind, da der Preis oft in Form einer persönlichen Erniedrigung gezahlt werden muss.  
    In den Fürstentümern und Monarchien dieser Region ist es nicht wirklich anders, dort regieren absolute Herrscher ohne konstitutionelle Basis und die regierenden Familien bestimmen über die Reichtümer des Landes, sowohl über- als auch unterirdisch. Eine Gemeinsamkeit dieser Regimes ist die Sektiererei: Religiöse Uneinigkeiten und Diskriminierung schüren ihre autoritären und despotischen Systeme, ebenso wie die weitverbreitete Korruption innerhalb der Regierung und die finanziellen Dienstvergehen, weiter an.
    Im Großen und Ganzen steht das einfache Volk einer rückläufigen ökonomischen Mobilität, wachsender Armut, Arbeitslosigkeit und einer beinahe vollständigen Abwesenheit eines Sozialversicherungssystems und Gesundheitswesens gegenüber. Dort, wo familiäre, religiöse und Stammeszugehörigkeiten vorherrschen und wo ohne Bezahlung von Bestechungsgeldern keine Regierungsdienste erhältlich sind, da ist eine gleichberechtigte Staatsbürgerschaft unmöglich; ganz abgesehen von dem rückläufigen Bildungswesen und einer monolythischen kulturellen Atmosphäre, die der Vernunft feindselig gegenübersteht, die Toleranz entwertet und auf die Anrufung religiöser Tradition verfällt, wann auch immer es vorteilhaft erscheint.
    Ursprünglich wurde der Abwesenheit der Meinungsfreiheit mit Nachsicht begegnet, aber als die Frustration immer größer wurde, wuchs auch das Grummeln der Unzufriedenheit – bis die Stimmen der Menschen, die nicht mehr in der Lage waren, sich länger zu enthalten, im Protest ertönten und zu einem allgemeinen Schrei und dann zu einem uneingeschränkten Zorn wurden, der schließlich in der Revolution oder etwas ähnlichem seinen Höhepunkt erreichte. 

    Umsturz

    Ist es möglich, dass eine solche Situation ein friedliches und gewaltloses Ende findet, eines, das eher der Demokratie ähnelt als dass es die Gewohnheiten der Autokraten und ihre Machtstrukturen reproduziert?
    Jahrzehnte sind vergangen seit die Marxisten den sozialen Determinismus aufgegeben haben und seit die vereinigenden Forderungen der arabischen Nationalisten in der Omnipräsenz von Regierungen mit nationalen Parteien realisiert wurden, die sich der Unterstützung von Autokraten, Stämmen und Klans widmeten. Sogar die Islamisten haben verstanden, dass ihr Slogan „Islam ist die Lösung“ niemals verwirklicht werden wird, wenn sie keine moderneren Denkansätze und Strategien annehmen.
    Für das einfache Volk war es entweder der eine Slogan oder ein anderer. Pan-Arabismus, das Vaterland, die Einheit und natürlich Palästina – diese ideologischen Slogans waren wie so viele dekorative Leitgedanken blendend und irreführend. Die hochmütigen nationalistischen und pan-arabischen Ideale, die sie ausdrückten, ließen keine Nachfragen zu, und der bloße Vorschlag, dass über sie diskutiert oder dass sie untersucht werden sollten, kam einem Verrat gleich. Es war ein Vertrauensbruch an allen sakrosankten Dingen – an Gott, dem Vaterland, dem Volk – und als der getreue Beschützer dieser unveränderlichen Grundsätze fiel es dem Vater der Nation, dem Führer und Retter des Volkes zu, zu bestimmen, wer die Verräter seien, um ihnen angemessene Bestrafung zuteil werden zu lassen.
    Schließlich wurde klar, dass ein Dialog zwischen einigen der großen politischen Kräfte notwendig wurde und dass in Tunesien, Sudan, Jemen, Ägypten und Marokko eine Anzahl umfassender Bündnisse geschmiedet wurde. Zum Beispiel in Ägypten gab es die Kifayah („Genug“)-Bewegung, die eine große Anzahl von Menschen vielfältiger Anschauungen und politischer Zugehörigkeiten vereinte. In Jemen brachte die oppositionelle Koalition, die unter dem englischen Namen Joint Meeting Parties bekannt ist, nationalistische und marxistische Parteien aus dem linken Flügel mit islamistischen – sowohl sunnitischen als auch schiitischen – zusammen.
    Was voller Zuversicht gesagt werden kann, ist, dass der Sturz der arabischen Regimes die eine Forderung war, in der soziale und politische Kräfte verschmolzen. Es gab kaum andere klare Ziele, abgesehen von dem sehr allgemeinen Ziel, eine alternative Regierung zu gestalten. Folglich träumen die Islamisten noch immer vom Kaliphat, die arabischen Nationalisten von der arabischen Einheit, die Liberalen von der Demokratie und die Sozialisten von sozialer Gerechtigkeit, während sie alle wissen, dass die Revolution ihre speziellen Erwartungen nicht erfüllen wird, ohne die der anderen miteinzuschließen – denn keine Revolution ist möglich ohne die anderen.

    Die Revolution der Face-People

    Die kürzlich erfolgten und noch andauernden Revolutionen wurden oft als Facebook-Revolutionen beschrieben, da sie als vorwiegend von Jugendlichen geführte Aufstände gesehen werden. Ebenfalls wurden sie Informations- und digitale Revolutionen genannt; Kritiker haben sie sogar schon als islamische Revolutionen gekennzeichnet. Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich ein etwas anderer Eindruck, da es bereits lange vor Facebook und Twitter überall oppositionelle Parteien gab, deren Stimmen zwar unterdrückt und deren politische Ausdrucksformen und Freiheiten außer Kraft gesetzt, die aber niemals völlig zum Schweigen gebracht wurden.
    Dennoch hat die Ausdehnung elektronischer und digitaler Medien die Verbreitung dieser Stimmen stark begünstigt, begonnen bei den Satelliten-Fernsehkanälen, die die Ereignisse von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachteten und somit eine umfassendere und demokratischere Übersicht bereitstellten. Es folgte die Zunahme des Bürgerjournalismus und seine Fülle an Webseiten, Diskussionsforen und Blogs. Und schließlich trafen Facebook und die anderen sozialen Medien ein, durch die Aktivisten sich sofort untereinander in umfassenden Netzwerken verbanden. Zusätzlich ermöglichten benutzerfreundliche audio-visuelle Informationstechnologien auf Mobil- und Internetbasis dem einfachen Volk, detaillierte dokumentarische Beweise zu erstellen, auf die die Protestierenden sofortigen Zugriff haben, um sowohl offenkundige als auch subtile Verstöße und andere Missbräuche der Gewalt zu enthüllen.
    Der Tunesier Mohamed Bouazizi, der sich selbst in seinem Protest gegen die Regierung opferte, hätte die Wellen der Wut und des Zorns nicht ausgelöst, wenn die Bilder seiner Tat sich nicht wie ein Virus verbreitet hätten, nachdem sie mit einer Handykamera von einem weiteren potentiellen Bouazizi aufgenommen worden waren.
    Gleichermaßen verlief die ägyptische Revolution, die ihren vollen Ausdruck erst erreichte, nachdem Bilder verbreitet wurden, die zeigten, wie friedliche Demonstranten gefoltert und getötet wurden, die gegen eben solche Misshandlungen protestiert hatten. Die Facebook-Seite We Are All Khaled Said war ein Aspekt der weitverbreiteten Unruhen, die tausende von Menschen wachrüttelten.
    Man könnte behaupten, dass es diese Anhäufung war, die zu der Revolution führte, und zwar war es eine Anhäufung von allem: von Unterdrückung und Widerstand, Armut und Protest, Zensur und Informationstechnologie, Fälschung und Dokumentation, von Vertuschung und Skandalen.
    Dennoch war der eine wichtigste Bestandteil des Ausbruchs der Proteste der Ruf, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, bis die Forderungen der Revolution erfüllt würden. Das Einnehmen der Straße, in Kombination mit dem Durchbrechen der Angstbarriere, die von dem Sicherheitsapparat und den bewaffneten Kräften aufgebaut worden war, und das Aussenden von Nachrichten und Bildern der zunehmenden Unterdrückung und der wachsenden Anzahl der Opfer und Todesfälle spornte das Hinuntergehen auf die Straße nur noch mehr an.

    „Eine arabische Nation“

    Daher habe ich den Eindruck, dass der Entstehung und dem Anwachsen der Revolutionen die Gemeinsamkeiten der arabischen Regimes zugrunde liegen. Nationalistische Slogans waren völlig ineffektiv, da die dahinter stehenden Parteien zu begrenzten, stammes- und klanfundierten Institutionen geworden waren; wohingegen die erzieherischen Werte, die in arabischen Schulen – über die gemeinsame Bindung der Sprache, Religion, Geschichte und Geographie, die dem Konzept der „einen arabischen Nation“ zugrunde liegen –, gelehrt wurden, der Beschleuniger für die „Aufbruch“-Bewegungen nach tunesischem Vorbild waren.
    Aufgrund der Ähnlichkeit der sozialen und politischen Zustände in der Region scheint es so, dass sobald ein Land Schauplatz eines Volksaufstandes geworden ist, die anderen Länder es ihm gleichtun. Dies erinnert an die Situation in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Revolution vom Juli 1952 in Ägypten nationalistische Inbrunst entfachte und revolutionäre Bewegungen und coups d’état innerhalb der arabischen Welt entzündete.  
    Außerdem muss erwähnt werden, dass der Erfolg der gegenwärtigen Aufstände abhängig von der Nichteinmischung äußerer Kräfte ist. Die Mehrheit der Araber lehnte den Sturz von Saddam Husseins Regime aufgrund der Art und Weise seines Abgangs ab, der als Ergebnis ausländischer Intervention zustande kam und kein interner Prozess gewesen war. Die nationalistische Geisteshaltung in der arabischen Welt weist ausländische Interventionen weiterhin zurück, denn man hat begriffen, dass die ausländischen Mächte nicht nur von ihrem Eigeninteresse motiviert sind, sondern dass sie mit den autokratischen Regimes verbündet sind, gegen die die Menschen sich auflehnen. Daher können die Aufstände als „Korrektivmaßnahme“ des Versuchs der ausländischen Mächte, die Regierungen zu ändern und tyrannische Regimes zu stürzen, angesehen werden – besonders da die Interventionen in Afghanistan und Irak als Folge von 9/11 als eine klare Niederlage angesehen werden, die nichts als eine Spur ungelöster Probleme hinterließen. Ungeachtet dessen glaube ich, dass ausländische Intervention ausschlaggebend sein KANN, wenn ein Risiko der Massenmorde durch brutale Gewaltherrscher besteht, wie es beispielsweise in Libyen der Fall war.

    Vergängliche Revolutionen?

    Über die Zukunft der gegenwärtigen Aufstände wurde viel Besorgnis geäußert: Wohin werden sie führen? Werden sie, wie es manche befürchten, dem Vorbild der Iranischen Revolution folgen? Ich persönlich sehe keinen Grund für eine solche Analogie: Die kürzlichen Revolutionen pflichten weder einem besonderen ideologischen Diskurs bei noch räumen sie einer spezifischen Partei ein Mitspracherecht ein, wie es bei der Iranischen Revolution der Fall war. Ich denke nicht, dass Befürchtungen vor einer islamistischen Machtergreifung berechtigt sind, aus dem einfachen Grund, da die Legitimität dieser Revolutionen in ihren Teilnehmern gründet: Die Übergangsinstanzen wurden mit der Aufgabe betraut, demokratische Verfassungen zu entwerfen und faire und transparente Wahlen abzuhalten, sowohl parlamentarische als auch Präsidentschaftswahlen, um ein neues System der Regierung einzuleiten.
    Die Islamisten Tunesiens boten ihren Co-Revolutionären Beschwichtigungen an, indem sie verkündeten, dass sie keine Absicht hatten, in den kommenden Präsidentschaftswahlen einen Kandidaten einzusetzen. Die Muslimbruderschaft in Ägypten hat sich ebenso verhalten. Die tunesische Nahda-Bewegung hat ihren Widerstand gegen das Verbot des hijab während der Regentschaft Ben Alis als eine Positionierung zugunsten von Kleidungswahlfreiheit und nicht zugunsten der Auferlegung des Schleiers erklärt; sie hat ebenfalls erklärt, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter, die im Familiengesetz des Landes festgeschrieben ist, ein Gegenstand des individuellen Urteils ist. In Libyen haben sich die Islamisten mit ihren Verbündeten zu dem Gesang vereint [der sich auf Arabisch reimt – Anm. d. Übers.]: „Kein Emirat, kein Stammessystem“ (La qabiliyya, la qabiliyya, la imara islamiyya).
    Aktivisten, die diese Belange wahrnehmen, haben keine antagonistische Haltung gegenüber westlichen Ländern oder dem Friedensprozess mit Israel eingenommen. Die Diskussion über den Hintergrund und die Geschichte der Aktivisten mit solchen Ländern, kann – wenn überhaupt – den Eindruck erwecken, dass der revolutionäre Sturm, der von Osten nach Westen wütet, tatsächlich das Gleichgewicht der Macht berichtigen wird, und zwar durch das Vorantreiben eines größeren gegenseitigen Interesses – es versteht sich, dass diskreditierte Regimes nicht den Interessen ihrer vormaligen Verbündeten dienen. Und das kann meiner Meinung nach nur ein größeres gegenseitiges Verständnis und eine bessere Integration bedeuten.
    Extremistische Gruppierungen wie al-Qaida stehen bei einer solchen Entwicklung nicht besonders vorteilhaft da. Die Formierung eines umfassenden, revolutionären Bündnisses würde ihren Einfluss untergraben, und ihre Nichtteilnahme an einer Transformationsbewegung wie dieser würde sie von dem Volk isolieren. Dennoch wird es Zeit brauchen, bis man sie entweder ideologisch, politisch oder sozial „unterwerfen“ kann, und ihre Stimme wird nur nach und nach schwinden – vielleicht wie es mit den Marxisten und den Muslimbrüdern von einst passierte, deren Weigerung, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu ihrer Stilllegung führte.  
    Ob diese Befürchtungen gerechtfertigt sind oder nicht: Es wird erwartet, dass der Kampf für eine Modernisierung nach den Revolutionen nicht zu einem Ende kommen oder nachlassen wird. Wenn überhaupt, dann wird eine solche Erwartung noch mehr Schwung aufnehmen, sie wird ein großes Bedürfnis nach vernunftbasiertem Wissen und Nachforschungen über die Rolle der Religion und den monolithischen Diskurs enthüllen, der viele der despotischsten und missbräuchlichsten Werte und Methoden erzeugt hat. Es gibt viele weitere Angelegenheiten, die nach wie vor dringlich sind, darunter der Tribalismus und die Sektiererei, die Frauenrechte, die Gedanken- und Meinungsfreiheit und – wie im Falle Ägyptens – die Aufhebung bestehender Gesetze, die die Verfolgung von Intellektuellen gutheißen.

    Folglich bleibt die Frage aller Fragen: Wird eine Strategie für das Streben nach einer Modernisierung entstehen oder wird jede Partei sich darum bemühen, ihre eigene Ideologie aufzuzwingen, wenn sie die Gelegenheit bekommt, die Macht auszuüben? Und wird das Zentrum der Macht sich daran erinnern, dass die Straße die Fähigkeit hat, es in jedem Moment abzusetzen, wie es mit seinen Vorgängern geschah? Der Preis für die gegenwärtige Machtergreifung der Straßen war zwar hoch – dies muss aber nicht unbedingt auch auf die Zukunft zutreffen.
    Ali al-Muqri,
    Romanautor und Dichter aus Jemen, hat acht Bücher veröffentlicht, darunter Der schöne Jude.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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