Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Kollektive Heldentat – Die Revolution in Ägypten

    Die Ägypter haben nicht nur ihre Regierung überrascht, sondern auch sich selbst, als sie es in 18 Tagen schafften, ein seit 30 Jahren unangefochtenes, korruptes und brutales Regime zu beseitigen.

    Wurde die ägyptische Revolution aus der Virtualität heraus geboren? Der erste Funke mag wohl von der virtuellen Welt ausgegangen sein, derer sich die Protestierenden bedienten, aber auch die Macht der Medien trug dazu bei, die Gesellschaften neu zu formen, auf dass sie die ihnen von der Willkürmacht aufgezwungenen Identitäten überwinden. Sogar in den Tagen der Revolution wusste die Masse der Revolutionäre sich nicht allein, denn die virtuelle Realität schützte sie vor der Willkür einer Macht, die darum bemüht war, die Taten der Revolutionäre zu verfälschen oder sie zumindest bedeutungslos erscheinen zu lassen.
    In der Zeit, als die ägyptischen Medien eine Kamera auf die menschenleere Brücke des 6. Oktober richteten – eine Szene mit einem Stück Nil, die der Welt vorgaukeln sollte, dass die Lage ruhig sei –, berichteten andere Satellitensender über den blutigen Krieg zwischen den Demonstranten und den Sicherheitskräften, der sich nur wenige Schritte von der vermeintlich ruhigen Brücke entfernt auf dem Tahrir-Platz abspielte.
    Der Erfolg der Revolution kann aber nicht die Geschichte von Unterwerfung, Unterdrückung und dem Zusammenbruch des herkömmlichen Verständnisses vom Staat vergessen machen – eine Geschichte von Willkür und Unterwerfung, nachdem Ägypten sich von einem Staatswesen zu einem Stammessystem gewandelt hatte. Es wurde von einer Gruppe von Clans regiert, mit denen die Idee des Staates verkümmerte, die Gesellschaft zusammenbrach und neue Mamluken in moderner Kleidung auftauchten.

    Die Dummheit des Regimes

    Achtzehn Tage gegen dreißig Jahre Unterwerfung, Unterdrückung und Korruption. Es war eine dröhnend laute Explosion, eine Revolution ohnegleichen, die alle großen Revolutionen in der Geschichte hinter sich gelassen hat. Niemals vorher waren Millionen auf die Straße gegangen, um ein Regime zu stürzen, das ihnen dreißig Jahre lang die Luft abgeschnürt hatte; sie waren auf die Straße gegangen, und ihre einzige Waffe war ihre Stimme gewesen. Das korrupte Regime aber hatte auf die Stimme der Schweigenden mit scharfer Munition reagiert, mit Tränengasbomben und allen nur erdenklichen Methoden der Brutalität, die die Stütze des vergangenen Regimes gewesen waren. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass die Dummheit des Regimes zum Erfolg der von den Ägyptern lange erwarteten Revolution beitrug, eines Regimes, das das Volk die ganze Zeit über von oben herab behandelt hatte.
    Und warum hätte es dies nicht tun sollen? Schließlich hatte das Regime das Volk jahrzehntelang unterdrückt, ohne dass es zu Protesten kam. Das Regime hatte geglaubt, es handele sich jetzt nur um einen vorübergehenden Protest, der von dem korrupten Polizeiapparat niedergeschlagen werden würde. Von diesem Polizeiapparat, der der wahre Herrscher über die Ägypter geworden war.
    Am Dienstag, dem 25. Januar, waren die Demonstranten morgens auf die Straße gegangen, um Freiheit, soziale Gerechtigkeit und die Absetzung des Innenministers zu fordern. Die Arroganz des Regimes aber führte dazu, dass die Revolutionäre bald darauf den Sturz des Regimes verlangten; friedliche Revolutionäre, unbewaffnete Jugendliche, auf die die Polizei mit scharfer Munition zu schießen begann. Es war eine Überheblichkeit, die in der Sprache des Dramas „der tragische Fehler des Helden“ (des herrschenden Regimes) – genannt wird, der fest dazu entschlossen ist, an der Sünde festzuhalten, vorsätzlich und verbohrt. Das Regime weigerte sich zurückzuweichen, trotz der Warnungen, die sich in der Standhaftigkeit der Revolutionäre manifestierte, und diese Überheblichkeit war es schließlich gewesen, die den Helden – das Willkürregime – hinwegfegte.
    Wenn wir uns die Situation vor dem 25. Januar ansehen, werden wir feststellen, dass die Ägypter vergessen hatten, dass sie Ägypter sind. In den ersten Tagen der Revolution hätte man meinen können, sie seien plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwacht, um ihre ägyptische Identität, ja, ihre Menschlichkeit wiederzugewinnen. Es war, als würde dieses Volk neu erschaffen werden, nachdem alle, und an der Spitze das herrschende Regime, geglaubt hatten, dass die Fähigkeit zum Träumen verschwunden und die Hoffnungen vergangen seien und dass der Ägypter sich in ein Wesen verwandelt hatte, das Nahrung zu sich nimmt, mit Mühe und Not atmet und sein Bedürfnis verrichtet.
    Ich bin davon überzeugt, dass diese Vorstellung das herrschende Regime in den ersten Tagen der Revolution in Sicherheit wiegte. Es nahm weiterhin seine überhebliche Haltung ein, während es seine tragischen Sünden gegen dieses Volk beging. Über Jahre hinweg hatte das Regime das Volk als nicht existent betrachtet, ein Accessoire, eine Dekoration, mit der man nach eigenem Gutdünken verfährt. Die komplette Fälschung der letzten Parlamentswahlen war nichts anderes als Ausdruck der absoluten Verachtung dieses Volkes von Seiten des Regimes gewesen. Ganz abgesehen davon, dass die oppositionellen Kräfte vollkommen vernichtet worden waren. Auf dem Regierungssessel kam nun eine Gruppe – oder besser gesagt, eine Bande – zu sitzen, die sich nicht vorstellen konnte, in diesem seelenlosen Bühnenbild könne sich ein Leben entwickeln, und die nicht glaubte, dass Ägypten sich in eine offene Bühne verwandeln würde, auf der sich die Statisten gegen jene Willkürherrschaft auflehnen und sie anschließend von der Bühne und aus der Geschichte hinaus wirft.

    Verfälschung des Bewusstseins

    Lange Jahre arbeitete das herrschende Regime – das nun vergangen ist – penibel an der Verfälschung des Bewusstseins dieses Volkes, indem es eine falsche Frömmigkeit verbreitete und die ägyptische Identität verunstaltete. Als die Generation der Revolutionäre auf die Straße ging, stieß sie auf nichts als Ignoranz und Okkultismus. Sie ging auf die Straße, um festzustellen, dass der bürgerliche Staat und die Nahda, die so genannte Renaissance der zwanziger Jahre, vergangen waren. Selbst die Slogans der Julirevolution der so genannten Freien Offiziere um Gamal Abd an-Nasser 1952, die die ägyptische Gesellschaft in diese Leere geführt hatten, waren vergangen. Der nationale Traum und der Stolz auf die Identität, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch jung gewesen war, hatten sich aufgelöst.
    Die Generation, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren geboren war, ging auf die Straße und musste feststellen, dass die großartige alte Zivilisation der Pharaonen zu einem Symbol für die Ungläubigkeit geworden war, vor allem aufgrund der weiten Verbreitung der salafitischen (fundamentalistischen) Ideologie in der ägyptischen Gesellschaft.
    Das Projekt der Nahda war vom fundamentalistischen Denken, vom fehlenden Bewusstsein, vom Verlust der Identität und vom aufsteigenden Stern des Polizeistaates zertreten worden. Religiöse Begriffe drängten sich in die Sprache des Alltags und bestimmten alle Handlungen der Gesellschaft. Unter dem Patronat dieser gefälschten Religion und unter den Ohren und Augen des Staates bestimmten sie die Details in punkto Essen, Trinken und Kleidung! Zudem wurde das okkulte Denken in der Gesellschaft höchst präsent. Eine Gruppe von Ignoranten, die ihre Ignoranz in die Köpfe der einfachen Menschen sandten, hatte die Podien bestiegen, auf dass das Bewusstsein einer ganzen Generation geprägt wurde durch eine ägyptische Gesellschaft, die ganz im Schatten der Herrschaft des salafitischen Denkens und der Angst vor dem Polizeistaat stand.
    Die Kunst wurde zum Unglauben erklärt, den man bereuen muss, die Kreativität wurde zur Sünde, und Intellektuelle und Säkularisten wurden als verworfene Gruppe betrachtet, die man loswerden muss. Ganz zu schweigen von der Terrorisierung der Gesellschaft durch die Ermordung intellektueller Symbolfiguren und ähnlichem. So hatte etwa ein ignoranter Extremist, der keine einzige Zeile von Naguib Mahfuz gelesen hatte, in ihm nur einen Ungläubigen gesehen, welcher den Tod verdient, und hatte mit einem Messer auf diesen Schriftsteller eingestochen – auch dies unter dem Patronat des Regimes.

    Das Maß war voll

    Ein beängstigendes Chaos hatte sich in der Gesellschaft breit gemacht, das alle Bereiche betraf, angefangen bei der Korruption in der Architektur, dem Zusammenbruch des Theaters und des Kinos, dem Rückgang der Rolle der Kultur bis hin zur Dekadenz der Kleidung, die sehr deutlich den Verlust der ägyptischen Identität repräsentierte. Wer auf der Straße um sich blickte, glaubte sich auf einem Maskenball, auf dem sich osmanische, afghanische und persische mit amerikanischer und europäischer Kleidung vermischt. Diese Art sich zu kleiden, die die Ägypter vom Westen oder der arabischen Halbinsel entlehnte, spiegelt die Gedanken, Überzeugungen und Scheinidentitäten der ägyptischen Gesellschaft wider. Was also ist ihnen geblieben? Der Zusammenbruch des Bildungssystems an Schulen und Universitäten verbündete sich mit dem mangelnden Sinn für die Kunst, und so entstand ein solches Chaos, wie es selbst unter der Herrschaft eines solchen Regimes nur selten vorkommt. Den tragischen Höhepunkt aber bildete die mutmaßliche Verwicklung der ägyptischen Polizei in den Bombenanschlag auf die Al-Kedeseen-Kirche in Alexandria kurz nach Neujahr des Jahres 2011. Das Regime ging bewusst das Risiko ein, dass das ganze Land infolge dieser schmutzigen Tat in Flammen aufgehen würde. Wichtig war dem Regime lediglich, das Volk abzulenken und sich selbst weiterhin der Korruption und dem Projekt der Erbnachfolge Mubaraks widmen zu können.

    Der Aufstand beginnt

    Und doch: Alles vor dem 25. Januar kündete von der Revolution. Das ägyptische Volk hatte gelitten, bis das Maß voll war. Inspiriert durch den Tunesier Mohamed Bouazizi häuften sich im Januar auch in Ägypten die Selbstmordversuche als Protest gegen die Verhältnisse, wenngleich die nun staunenden Experten vorher versichert hatten, Selbstmord sei der Natur der ägyptischen Persönlichkeit fremd. Das korrupte Willkürregime hatte geglaubt, es habe den alt-ägyptischen, pharaonischen Anteil an der Identität der Ägypter erfolgreich ausgemerzt. Aber das Volk belehrte die Regierung eines besseren. Unzählige Ägypter besetzten die Plätze in Kairo, Alexandria und in einigen Provinzen. Die Gruppierungen, die am offiziellen „Tag der Feier der Polizei“ zur Demonstration unter dem Motto „Tag des Zorns“ aufgerufen hatten, hatten die Namen der Plätze in Kairo bekannt gegeben, auf denen demonstriert werden sollte. Hinzu kamen die Aktivitäten in den volkstümlichen Gegenden und die spontanen Demonstrationen, mit denen sich die anderen politischen Kräfte an jenem Tag beteiligten, nicht nur in Kairo, sondern auch in Alexandria, Ismailia, Sues und al-Mahalla al-Kubra. Die Bewegung „Jugend des 6. April“ hatte jene Orte und Treffpunkte festgelegt, von denen die Demonstrationen ausgehen sollten. In einer Erklärung dieser Bewegung vom Sonntag (23. Januar) legten sie fest, dass die Demonstrationen in Kairo und in den Provinzen um 14 Uhr beginnen und um 17 Uhr vor dem Innenministerium enden sollten.
    Auch die Forderungen und Slogans, die auf den Kundgebungen erhoben werden sollten, wurden in der Erklärung dargelegt: Mindestlöhne von 1.200 Ägyptischen Pfund, die Kopplung der Löhne an die Preise, die Aufhebung des Ausnahmezustands und die gerichtliche Verfolgung der Offiziere, welche Verbrechen gegen das ägyptische Volk begangen haben. Der Aufruf wurde von vielen Gruppen übernommen, unter anderem von jener, die sich „Bewegung des 25. Januar“ nennt und die die Ägypter unabhängig von ihrer Zugehörigkeit dazu aufrief, auf die Straßen zu gehen, um sich gegen das Regime zu erheben. Auch unzählige Kopten kündigten gegen die Anweisungen ihrer religiösen Oberhäupter ihre Teilnahme an der Demonstration vom 25. Januar an.
    Die Regierungspartei mobilisierte ihrerseits in einer Kampagne zur Unterstützung des Präsidenten ihre Schergen, Jugendliche aus verschiedenen Vierteln, die für das Regime demonstrieren und sich den protestierenden Massen entgegenstellen sollten. Und einige junge Musiker nahmen Loblieder für den Präsidenten auf, die während der Unterstützerdemonstration über Lautsprecher abgespielt wurden.

    Die Taktik der Regierung

    Mit Fahrzeugen der Sicherheitskräfte, mit Panzerfahrzeugen und Feuerwehrfahrzeugen sperrte die Polizei die Straßen, die zum Innenministerium führen, und die Metrostationen in der Kairoer Innenstadt wurden geschlossen. Die Sicherheitskräfte trieben mehr als tausend Demonstranten auf der Ramsis-Straße auseinander und verhafteten einige von ihnen. Während der ersten drei Tage wandten sie alle Methoden der Unterdrückung an, doch angesichts der Beharrlichkeit der Revolutionäre gingen ihnen alsbald die Mittel aus. Dann kam der Freitag, der 28. Januar, der eine Zäsur im Leben des ägyptischen Volkes darstellt. Nachdem das Regime alle nur erdenklichen barbarischen Methoden gegen die Demonstranten angewendet hatte – sie wurden mit scharfer Munition und mit Tränengas beschossen, man versuchte sogar, sie mit Autos zu überfahren, ja, man schreckte nicht einmal davor zurück, sie von den Brücken zu werfen –, wendete sich der Zauber gegen das Regime. Den Männern des Sicherheitsapparates schwanden die Kräfte und sie wurden zum Rückzug gezwungen, ein einmaliger Präzedenzfall und der erste seiner Art in der Geschichte. Das Regime hatte das ägyptische Volk vor die Alternative stellen wollen: entweder mit dicken Stöcken geschlagen zu werden oder ein Sicherheitsvakuum hinzunehmen. So dachte das diktatorische Regime, doch das ägyptische Volk war mächtiger als die Ignoranz der Regierung, die der technologischen Revolution mit Methoden aus vergangenen Jahrhunderten begegnete. Bevor sie mit Kamelen und Maultieren auf die Demonstranten losging, unterbrach sie die Kommunikationsleitungen, die Handynetze und das Internet. Dies war jedoch weniger eine Hürde als ein Ansporn für die Volksmassen, auf die Straßen und Plätze zu strömen. Das alte Regime zog alle gewohnten Register der Unterdrückungs- und Schlägermethoden, um das Volk von seinen Forderungen abzubringen. Doch am Ende gab das Regime auf. Alle Versuche waren gescheitert, die Menschen zu terrorisieren und daran zu hindern, auf die Straßen zu gehen. Das Regierungsfernsehen hatte begonnen, über die Medien Terrornachrichten zu verbreiten und die Revolutionäre zu warnen. Wer sich widersetzte, dessen Familie werde getötet. Dazu kamen offizielle Berichte, 17.000 Gefangene seien geflohen, nachdem Bewaffnete die Gefängnisse geöffnet hätten; sie trügen Waffen und seien zu allem bereit. Doch all diese Versuche scheiterten, Millionen Menschen strömten auf den Tahrir-Platz und auf die anderen Plätze und Straßen in allen Provinzen, nachdem immer weitergehende Forderungen, bis hin zum Rücktritt des Regimes, erhoben worden waren.

    Opposition ohne Ideologie

    Als ich zum Tahrir-Platz ging und mich in den Massen treiben ließ, lernte ich Ägypten wieder lieben, nachdem ich die Hoffnung bereits verloren hatte. Ich liebte dieses Volk, dessen wahrer Kern in jenen Momenten sichtbar wurde. Was machte die Revolution mit dem Volk? Diese Frage stellte ich mir, während ich ein großartiges Volk vor mir sah, ein Volk schöner als alle Lieder und Gedichte, die für dieses Volk geschrieben worden waren. Vor dem 25. Januar hatte ich die patriotischen Lieder mehr als die Realität geliebt, und nach dem 25. Januar geschah genau das Gegenteil. Auf dem Tahrir-Platz waren alle Schichten des ägyptischen Volkes versammelt: der Intellektuelle und der Arbeiter, der Reiche und der Arme, der Muslim und der Christ. Die Slogans wurden Wirklichkeit, ja, sie wurden von der Wirklichkeit noch übertroffen. Die Ägypter waren auf die Straße gegangen, nachdem sie alle abgenutzten Ideologien abgeschüttelt hatten. Ein Volk war auf die Straße gegangen, nachdem ihm die Gegenwart unerträglich geworden war und es die Zukunft zu fürchten begonnen hatte. Es hatte begonnen, im Gefängnis der Vergangenheit zu leben. Ein Volk war auf die Straße gegangen, nachdem es die toten Gedanken hinter sich gelassen hatte, von denen keine Spuren mehr zu finden sind, weder die überholte marxistische Ideologie noch fruchtlose religiöse Unterweisungen, noch leere Parolen oder Parteien, die längst tot sind. Die Ägypter sind auf die Straße gegangen und stellten fest, dass es keinen konfessionellen Konflikt gibt, wie das Regime jahrzehntelang hatte glauben machen wollen. Sie gingen auf die Straße, um die dreißigjährige Tragödie zu beenden, nachdem sie den einzigen Helden dieser Tragödie gestürzt hatten. Und mit ihm stürzte die ganze korrupte Gruppe, welche im Namen der Demokratie alle nur erdenklichen Verbrechen begangen hatte, nachdem die Sicherheitsapparate und die Foltermethoden zum Gesetz und zur Verfassung erhoben worden waren. Das Regime hatte geglaubt, dass es in aller Ruhe regieren kann, wenn es die Opposition schwächt und nur noch Fassade sein lässt. Doch plötzlich gewahrte das Regime, dass das ganze Volk eine einzige große Oppositionspartei geworden war. Als das Volk auf die Straße ging, um sich in achtzehn Tagen für dreißig Jahre zu rächen, geschah etwas, was außerhalb aller logischen Erwartungen lag.

    Ägypten gehört wieder den Ägyptern

    Das Militär hatte keine einzige Kugel abgefeuert und die Revolutionäre hatten keine Gewalt angewendet. Das Regime aber bediente sich aller illegalen Methoden, um seiner Ära der Korruption mit allen Arten von Willkür die Krone aufzusetzen. Die offiziellen Beschützer der Korruption legten eigenhändig Feuer in ihren Zentralen, um keine Spuren ihrer Verbrechen zu hinterlassen. Doch sie wussten nicht, dass ihre Verbrechen keine Dokumente oder Papiere brauchen, denn sie sind im Gedächtnis der Ägypter eingegraben.
    Seit langer Zeit hatten die Ägypter das Gefühl, Ägypten sei nicht ihr Land. Bis zum Freitagabend, dem 11. Februar. Bis dahin war es nicht ihr Land gewesen, sondern das Land der Makler und Händler der alleinherrschenden Nationaldemokratischen Partei. Es war ein eindrucksvolles Gefühl, als die Menschen spürten, dass Ägypten doch eigentlich ihr Land ist. Die jungen Leute gingen hinaus, um die Straßen und Plätze zu säubern, nicht nur den Tahrir-Platz in der Stadtmitte, sondern auch in vielen anderen Vierteln Kairos; es waren jene jungen Leute, die das Regime zu Beginn der Revolution als Agenten des Auslands beschimpft hatte.

    Der Staat war ein großer Slum

    Dreißig Jahre lang hatte man nicht nur die ökonomischen Reichtümer Ägyptens geplündert, sondern alles. Wenn ich von den Milliarden lese, die sich jene unter den Nagel gerissen haben, kann ich nicht glauben, dass wir immer noch essen und trinken. Dreißig Jahre künstlerischer Dekadenz in allen Bereichen: kein Theater, kein Kino, ganz zu schweigen von den geistlosen Schlagern – eine Kunst, die zu diesem Regime passt, eine verfälschte Kunst. Dazu kommt die Korruption im Bildungs- und im Gesundheitsbereich. Nichts haben sie unangetastet gelassen. Sie verwandelten den Staat in einen großen Slum, während sie selbst in ihren prächtigen Palästen lebten. Und sie schauten aus den Fenstern ihrer Paläste und schlossen Wetten ab, wann die Menschen erschöpft sein und die in ihren Diensten stehenden Schlägerbanden siegen würden. Doch diese Wette war zum Scheitern verurteilt. Die Ägypter legten eine politische und gesellschaftliche Solidarität an den Tag, die für dieses großartige Volk nicht verwunderlich ist. Es war wunderbar, zu sehen, wie die Besitzer der Geschäfte und einfachen Restaurants den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz kostenlos Essen anboten. Auch die Familien brachten Körbe mit einfachen Mahlzeiten auf den Platz und feierten mit ihren Kindern die Freiheit, die sie vor langer Zeit verloren hatten. Ganz zu schweigen von dieser seltsamen und erstaunlichen Nachbarschaft verschiedener Schichten des Volkes auf dem Tahrir-Platz und bei den anderen Demonstrationen in allen Regionen Ägyptens. Die Reichen forderten Demokratie und die Armen strebten nach Brot, die Säkularisten träumten von einer Zivilregierung und die Frommen hofften auf einen religiösen Staat. Für einige, die sonst unter freiem Himmel schlafen, bot der Tahrir-Platz sogar ein Obdach. Aber alle wollten den Sturz des Regimes. All diese verschiedenen Schichten der Bevölkerung hatten sich auf dem Tahrir-Platz versammelt und demonstrierten in einem seltenen Augenblick der nationalen Einheit, die sich in der Rückkehr der Seele in das ägyptische Volk manifestierte.

    Von der virtuellen zur gelebten Realität

    Ich schreibe diese Zeilen nach den letzten Szenen der Revolution am Freitag, dem 4. März, der bekannt wurde als der Freitag des Sieges. Es war ein großartiger Anblick, der die Athener Demokratie in Griechenland vor Christi Geburt und den Sieg der Macht des Volkes verkörperte, das sich seinen Herrscher selbst wählt. Der vom Volk gewählte Ministerpräsident kam zum Tahrir-Platz und erklärte, er habe seine Legitimität von der Revolution erhalten und sei bereit, auf den Platz zurückzukehren, wenn die Forderungen der Demonstranten nicht erfüllt würden. Das war für die Ägypter wie ein Traum, der doch Wirklichkeit geworden war. Wenn der erste Funken in der virtuellen Realität – bei Facebook – begonnen hatte, dann ist diese virtuelle Realität jetzt eine gelebte Realität geworden.

    Die größte Herausforderung besteht jetzt im Aufbau eines modernen Staates, eines zivilen Staates anstelle des Slums, den die Händler der ehemals herrschenden Nationaldemokratischen Partei errichtet hatten. Die Revolution muss vor den Überresten des vergangenen Staates geschützt werden, der noch immer mit aller Macht daran arbeitet, wieder auf die Bühne zurückzukehren. Vor Mubaraks Rücktritt war der Feind eindeutig, jetzt aber trägt er zahlreiche Masken. Das ägyptische Volk muss in absehbarer Zeit – abgesehen vom Blut der Märtyrer – einen hohen Preis zahlen. Wir stehen vor einer Konfrontation mit dem Chaos in Gestalt der Überreste des vergangenen Regimes, das die Konterrevolution begonnen hat.
    Girgis Shukri
    ist einer der Protagonisten der jungen ägyptischen Lyrik, die mit der ideologischen und pathischen Schreibweise gebrochen hat.

    Übersetzung: Larissa Bender
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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