Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Islamische Nacht

    Der indisch-pakistanische Journalist Aatish Taseer hat sich mit seinem Buch Terra Islamica einen Namen gemacht. Im Januar 2011 wurde sein Vater erschossen, weil er als Gouverneur Punjabs für mehr religiöse Toleranz in Pakistan agitiert hatte.

    Pakistan ist ein Ort, der mir gleichzeitig vertraut und zutiefst unvertraut ist.
    Ich bin zur Hälfte Inder, zur Hälfte Pakistani, obwohl ich weder meinen pakistanischen Vater noch sein Land kannte, da ich bei meiner Mutter in Delhi aufwuchs. Meine Eltern hatten sich im Jahre 1980 nach einer kurzen Beziehung getrennt. Und lediglich im Jahre 2002, in einer Zeit der nuklearen Spannung zwischen Pakistan und Indien, machte ich eine Reise nach Lahore, um meinen Vater ausfindig zu machen. Unsere Beziehung blühte kurzzeitig auf, dann zerbrach sie im Jahre 2005 wegen eines Artikels – nun erscheint mir dies nebensächlich –, den ich nach den Bombenanschlägen in London für das Prospect Magazin geschrieben hatte. Diese neue Phase der Entfremdung zwischen uns gab Anlass für ein Buch, Terra Islamica, in dem ich über die Beziehung meiner Eltern, über die Einstellung meines Vaters zum Islam und zu Pakistan und über das familiäre Leben in Lahore berichtete – und dies tat ich offener und direkter, als mein Vater gewollt hätte.
    Das Buch besiegelte die Kluft zwischen uns, noch bevor es veröffentlicht worden war. Das letzte Mal hatten wir uns im Jahre 2007 getroffen, in der Nacht, in der Benazir Bhutto getötet wurde. Mein Vater, der einst ein engagierter PPP-Mann gewesen war, war zu diesem Zeitpunkt bereits als Minister der Übergangsregierung General Musharrafs in das politische Leben zurückgekehrt. Im darauffolgenden Jahr wurde er zum Gouverneur von Punjab ernannt. Drei Jahre später, an einem trübseligen Januar-Nachmittag, war er tot. Mehr als zwei dutzend Male wurde auf einem Markt in Islamabad von einem Mitglied seiner Sicherheitstruppe auf ihn geschossen. Der Grund dafür war seine Unterstützung für eine Frau christlichen Glaubens, die der Blasphemie angeklagt war, und seine oppositionelle Haltung zu den Gesetzen, die diese Frau verurteilt hatten.
    Wäre dies das Ende, dann wäre es schon gewalttätig und schmerzvoll genug gewesen. Aber die Schrecken, die dem Tode meines Vaters folgten, waren ebenso schlimm, wenn nicht gar schlimmer als die Tragödie seines Ablebens; sie zeigten, im Gegensatz zu dem, was manche gerne glauben würden, dass er weniger für Pakistan selbst als für eine sterbende Idee Pakistans gestorben ist. Sie zeigten weiterhin, dass in dem Land, das im Jahre 1947 für Muslime – aber nicht unbedingt für den Islam – gegründet wurde, die Religion zu einem Hindernis für diejenigen Menschen geworden ist, die in der Lage sind, Richtig und Falsch zu unterscheiden.

    Parallele Moral

    Die Tage, die dem Tode meines Vaters folgten, brachten eine Reihe von Schocks. Jeder von ihnen verfügte über eine eigene hässliche Alchemie und veränderte das Gesicht seines Todes; wandelte das, was zuerst als ein rechtswidriger Mord an einem amtierenden Gouverneur angesehen wurde, in die Hinrichtung eines Mannes, der sterben sollte: eines Mannes, den die Kleriker in den Wochen vor seinem Tod als Wajib-al-qatal ausgerufen hatten. Dies ist eine Kennzeichnung nicht unähnlich dem homo sacer im Römischen Gesetz, einer Person der Antike, die von jedem getötet, aber nicht in einem religiösen Ritual geopfert werden durfte. Das Resultat war, dass die Dutzend Männer des Sicherheitstrupps meines Vaters daneben standen und zuschauten, als der Mörder aus ihren Reihen das Feuer eröffnete. Doch nicht nur das: Sie erlaubten dem Mörder auch, nachzuladen.
    Nach und nach fügten sich die Komponenten einer parallelen Moral zusammen. Da war der Mörder, der, nachdem er seine Waffe niedergelegt hatte, ein Loblied auf den Propheten sang. Da waren die Anwälte, die ihn ein paar Tage später im Gerichtsgebäude mit Kränzen und einem Regen aus Rosenblättern begrüßten. Es waren dieselben Anwälte, die wenige Jahre zuvor an der Spitze einer Bewegung zugunsten von einer freien und gerechten Gesellschaft standen – zumindest war dieser Eindruck vermittelt worden. Und nun kamen sie hervor, um den Mörder meines Vaters pro bono zu verteidigen. Außerdem waren da die Kleriker, die die Sterbesakramente nicht vollziehen wollten und allen guten Muslimen verboten, meinen Vater zu betrauern; an jenem Freitag lobten diese Männer des Glaubens in den Moscheen des Landes in ihren Predigten die Taten des Mörders. Am Sonntag waren die Straßen angefüllt mit Kundgebungen zur Unterstützung des Mörders – und zwar waren sie um viele Dimensionen größer als das, was die „Zivilgesellschaft“ bisher aufbieten konnte. Blutgeld, das drei Croren entsprach (US $344.821), floss aus allen Vierteln, manches davon flog reichlich über die Mauer des Hauses des Mörders; Werbetafeln erschienen davor, stellten ihn als einen heiligen Krieger dar. Der Polizist des Propheten.
    Am Ende wurde der Ausgang des Mordes an meinem Vater nicht auf der Straße, sondern im Saal des Senats beschlossen. In einer absurden und grotesken Gebärde, die in seiner Selbst-Entwürdigung weimarisch anmutete, versagte das Abgeordnetenhaus darin, einen einfachen Antrag einzureichen, um den Mord an einem Beamten des Staates zu verurteilen. So erhitzt waren die Gemüter im Abgeordnetenhaus an diesem Tag, so sehr im Tenor von „Lasst uns unsere Hände in Caesars Blut baden!“, dass die Senatsmitglieder – abgesehen von ein paar kühnen Seelen – nicht einmal davon überzeugt werden konnten, Gebete für meinen Vater darzubringen. 
    Das Pakistan, das ich im Jahre 2002 zum ersten Mal besucht hatte, war damals schon in gewisser, wesentlicher Hinsicht ein ausgehöhltes Land gewesen. Es herrschte eine begründete Enttäuschung darüber, dass es niemals wirklich ein Heimatland für alle indischen Muslime war, da ebenso viele Muslime in Indien geblieben waren wie nun in Pakistan lebten. Es war misslungen, irgendeine Form einer legitimen Regierung oder auch nur einen legalen Machtwechsel zu errichten. In fast jedem Jahrzehnt gab es Putschversuche. Da waren die gewalttätigen und demoralisierenden Ereignisse von 1971, als der östliche Flügel der Islamischen Republik abfiel, um Bangladesch zu bilden. Jenes Jahrzehnt hatte mit der Verhaftung und der Hinrichtung des beliebten amtierenden Premierministers Zulfikar Ali Bhutto geendet. Unter General Zia folgte eine weitere Militär-Herrschaft, diesmal mit islamischer Rollenbesetzung. Es gab den hoffnungsvollen, aber schließlich entmutigenden Kampf für Demokratie unter Benazir, der die untauglichen demokratischen Regierungen der Neunziger einführte. Diese Phase und die Hoffnung, die sie begleitete, endete 1999 mit dem Coup, der General Musharraf an die Macht brachte.
    Schwerwiegender als all diese Enttäuschungen war ein zunehmendes Gefühl, dass das Land niemals die Nation war, die es im Jahre 1947 zu werden beabsichtigt hatte. Diese konkrete Unzufriedenheit drückte sich in einer Frage aus, die in jenen Tagen mit steigender Vehemenz von frischen, ermutigten Stimmen gestellt wurde. Es war eine existentielle Frage der Art, die Nationen sich in Krisenzeiten stellen, und auf die die herrschende Klasse keine gute Antwort hatte: Wenn das Muslim-Sein Grund genug war, ein Land unabhängig von Indien zu errichten, warum sollte dann das, was eine Person in erster Linie zum Muslim machte – und zwar der Islam – nicht die Grundlage für eine Nation sein?

    Keine Stellungnahme der Intellektuellen

    Zu dieser Frage gab es von der liberalen Elite des Landes keine intellektuelle Stellungnahme, zumindest keine, die sie in Worte fassen wollten, obwohl sie viele praktische Antworten und eine historische (der Gründer hat es nicht so gewollt) parat hatten. Sie hatten keine Möglichkeit, zu sagen: „Das Land wurde zwar nach der Vorstellung einer islamischen Volksgemeinschaft gegründet, das bedeutet aber nicht, dass die Religion die Nation nun überfluten muss.“ Was sie stattdessen taten und noch immer in gewissem Maße tun, war, den Glauben mit dem Glauben zu bekämpfen: Sie taten so, als ob sie nicht weniger leidenschaftlich glaubten als jeder andere; dass auch sie sich der Aufgabe, die Rolle des Islam in der Gesellschaft auszuweiten, verschrieben hatten. Und durch ihren Unwillen (oder ihre Angst), für eine wahrlich säkulare Vorstellung des Landes einzustehen – wie es zum Beispiel die Türkei gemacht hat – stellten sie den Glauben in Pakistan auf ein falsches Fundament. Die Gesellschaft wurde zu einer, in der die Menschen, obwohl sie sich nach den Früchten von Wissenschaft und Moderne sehnten, immer mehr islamisches Saatgut anpflanzten.
    Weil der Glaube nicht die wahre Grundlage für die Bestrebungen des Landes war, weil er nicht untersucht oder in Frage gestellt werden konnte und weil er nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, da er keine realen Antworten auf moderne Dilemmata lieferte, wurden die Pakistanis davon abgelenkt, sich die Fertigkeiten und das Wissen anzueignen, die vielleicht tatsächlich die Lösung ihrer Probleme bedeutet hätten. Stattdessen brachte der Glaube das Land dazu, seinen Blick auf eine endlose Liste von Feinden und Unreinheiten zu richten. Dies half dabei, zu verschweigen, was jeder schon wusste: Dass der politische Islam, bis auf ein paar oberflächliche Elemente – islamisches Bankwesen, Bestrafung, ein wenig sharia in manchen Bereichen des Lebens, ein hysterischer Aufschrei über Kleidungsgwohnheiten – keinerlei Plan hatte. Er war ein Rahmen und nichts anderes. Ein Handschuh, mit dem die unsaubere moderne Welt gehandhabt werden konnte.
    In den ersten Tagen der Republik war die vielfältige Bevölkerung von Hindus und Sikhs der Feind, der vertrieben wurde, um Platz für die großen Bevölkerungsströme muslimischer Immigranten aus Indien zu machen, die Pakistan nie assimilieren konnte. Später, nachdem die Nation geboren worden war, wurden neue Feinde gefunden: Das intellektuelle und literarische Leben, die Film-Industrie, Studentenverbindungen, der synkretistische Islam des Subkontinents mit seiner Mystik und der ihm immanenten Toleranz, Musik, indische Festivals und letztendlich die anderen muslimischen Sekten und Minderheiten des Landes. Alles, was das Monopol des Glaubens über die Aufmerksamkeit der Menschen bedrohen konnte; alles, was vielleicht dazu genutzt werden konnte, um zu erklären, warum der Islam nicht funktioniert hat, warum er nicht ausreichend war, um eine Nation für den Glauben zu gründen. So sehr wie der politische Islam als ein positives Konzept, eine reale Anleitung für ein modernes Land versagte, blühte er auf als ein negatives Konzept. Er konnte immer dazu genutzt werden, die Menschen oder Dinge im Land zu identifizieren, die un-islamisch waren oder zumindest nicht islamisch genug, und die im weiteren Sinne die Ursache der Schwierigkeiten waren.
    Indien, Amerika, Israel – im Ausland. Zuhause, in Pakistan, die Abwesenheit der sharia, die Nachlässigkeit der Blasphemie-Gesetze, die Häresie anderer islamischer Sekten, die Verbrechen einer armen, christlichen Frau, die Gottlosigkeit eines liberalen Gouverneurs. Die Neugestaltung der Welt anhand islamischer Richtlinien war eine unmögliche Aufgabe, aber es war weniger schwierig, alles Nicht-Islamische zu identifizieren und es an seinen Wurzeln zu entfernen. Das Pakistan, das ich in jenen Jahren von 2002 bis 2007 dutzende Male besuchte, war wie ein in sich zusammenschrumpfender Kreis, in dessen Inneren sich immer weniger befand, während sich außen schließlich die ganze Welt, unrein und bedrohlich, ansammelte.
    Die Ereignisse von 9/11 brachten die Amerikaner nach ihrem kurzen Verschwinden in den Jahren nach dem Kalten Krieg – das viele Menschen in Pakistan als Fahnenflucht empfanden –  zurück in das Leben der Pakistanis. Mit ihrer Rückkehr betrat das Land einen neuen Kreislauf, in dem – obwohl es mehr und mehr von amerikanischem Geld abhängig war – die Stimmung gegenüber Amerika gewalttätig und hässlich wurde. Die Amerikaner, die auch in Afghanistan und Irak Krieg führten, waren der ideale Feind, der „Große Satan“, der jederzeit heraufbeschwört werden konnte und die Aufmerksamkeit weg von den Fehlern der Islamischen Republik und dem beinahe erfolgten Zusammenbruch in den Neunzigern auf den Verrat der Amerikaner hinlenkte. In den Salons von Lahore, wo die Zeichen islamischer Religiosität jetzt gelegentlich sichtbar waren – hier in einer vom Gebet verhärteten Stirn, da in der strikten Einhaltung der Gebetsstunden – blühten Klagen und Verschwörungen auf: Mohammad Attas Pass sei nie in den Trümmern von 9/11 gefunden worden; das Loch im Pentagon sei zu groß, um von einem Flugzeug verursacht worden zu sein; die Juden seien an diesem Tag nicht zur Arbeit erschienen. Es war eine endlose Liste beruhigender Lügen, die es vielen Herrschenden erlaubte, sich nicht für ihr Land verantwortlich zu fühlen, und die sie glauben machten, dass sie ständig von einer unsichtbaren Hand an der Nase herumgeführt wurden, gegen die sie hilflos waren. Und während die Elite, machtlos und ohne Antworten, sich diesen Auffassungen hingab, war denjenigen eine Grundlage geschaffen, die glaubten, Pakistan sei für den Islam geschaffen worden und mehr Islam sei die Lösung. 

    Die nihilistische Energie des Glaubens

    Es war in jenen Jahren, 2006 und 2007, als ich damit begann, ernsthaft im Land herumzureisen. Es war erstaunlich, zu sehen, wie stark das Begehren nach wortgetreuen Formen des Islam durchgesickert war. Der alte synkretistische Islam des Subkontinents mit seinen aufopfernden Formen der Verehrung und seinen Schreinen für lokale Heilige war immer noch lebendig, ja; aber er zerfiel, war nicht die Gestalt einer Religion, die ein Wiederaufleben erfuhr. Der vorherrschende Glaube, aufgeladen mit einer schrecklichen nihilistischen Energie, bestand jenseits davon. Obwohl die Probleme, von denen er zehrte, real genug waren – Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Feudalismus, sektiererische Gewalt, das Fehlen einer deutlichen, transparenten Regierung – wurden die Lösungen in der einen illusionären Lösung eines strengeren, wortgetreueren Glaubens absorbiert. „Der Islam hängt nicht von der Form ab“, sagte mir ein einflussreicher Ideologe in Karachi. „Die Form ist nicht wichtig. Die Essenz ist die Hauptsache. Wenn die Essenz vorhanden ist, kann man von ihr jedes beliebige Modell ableiten.“
    Diese einfache Glaubensbeteuerung, der Glaube daran, dass nichts getan werden müsse, dass die Lösungen spontan aus einem engeren Festhalten an der Religion entspringen würden, ist immer wieder Pakistans Verderben gewesen. Für mich als Außenstehender war es unglaublich, dass keinerlei Indizien, keinerlei schlechte Nachrichten – und davon gab es viele in jenen Tagen: Die Belagerung der Roten Moschee, der Bombenanschlag auf das Marriot Hotel, die Ermordung von Benazir Bhutto – jemals dem Ruf der Religion etwas anhaben oder die Leute davon überzeugen konnten, dass der Islam, als ein politisches Ziel für das Land, eine verhängnisvolle Idee war.
    In dieser Zeit fühlte ich zum ersten Mal eine Art von Distanz zwischen mir und diesen Menschen, die ich dort anfangs gekannt hatte, diesen Menschen, aus denen die liberale Welt meines Vaters bestand. Mit jedem Telefonanruf aus Pakistan, der mehr schlechte Nachrichten brachte, fand ich ihren Bericht über das, was in ihrem Land vor sich ging, komplizierter und unglaublicher. Ich vermute, dies war das Ergebnis der Tatsache, dass ich so viele Jahre in einem großen Abstand zu Pakistan gelebt hatte. Sogar als die Welt dieser Menschen um sie herum zusammengebrochen war, hatten sie aus sich heraus in ihre Umwelt geschaut, um ihre Erfolge und ihr Scheitern zu messen. Sie hatten die Belohnungen der einen Welt begehrt, während sie behaupteten, für die Werte einer anderen Welt einzutreten. Und es hatte sie in einen Widerspruch geführt. Selbst als der Staat und seine Institutionen untergraben wurden und die Unsicherheit das Herz des Punjabs erreichte, beschäftigte sich die Elite – mit einer Sorglosigkeit, die stark derjenigen in den letzten Tagen Roms ähnelte – damit, die Vagina Monologues (nur nach erfolgter Einladung, versteht sich) aufzuführen, Fashion-Shows zu organisieren und Zusammenkünfte und kleine Bälle zu veranstalten. Sie schrieben Kolumnen für die westliche Presse, während sie von sicheren Standorten wie London oder New York aus ihr Heimweh mit der Annahme verwechselten, die Zustände in Pakistan seien nicht so schlimm, wie die Menschen vorgaben. Sie machten sich größer als sie waren, und die ausländische Presse, erwartungsvoll wie immer, spielte bei diesem Spiel mit und vermittelte den Menschen im Ausland den Eindruck, es sei eine beträchtliche pakistanische Mittelklasse, die sich – wie in Iran und der Türkei – der steigenden Flut des Fundamentalismus entgegenstellte.
    Als die Schrecken zu gewaltig wurden, z.B. als Benazir Bhutto ermordet wurde, erschien dieselbe bunt gemischte Gruppe Liberaler – roshan khayaal in Urdu, wortwörtlich „erleuchtet“ – mit roten Augen bei den Kerzenmahnwachen, sang die Gedichte von Faiz Ahmed Faiz und kehrte in ihre schwach beleuchteten Häuser zurück, wo sie den Tod von Jinnahs Pakistan beklagte und sich wunderte, was mit dem Sufi-Islam aus Sind und Punjab geschehen war.
    Diese Liberalen gaben sich den schlechten Nachrichten aus ihrem Land hin, und ich hatte das Gefühl, sie genossen es, – obwohl es aus besorgniserregenden Gründen geschah –, in Europa und Amerika auf den Titeln der Zeitungen zu sein; denn es gab ihnen eine Art Ansehen. Die törichtsten unter ihnen riskierten es, zu glauben, dass in ihrem Land eine große Schlacht zwischen der Zivilgesellschaft und den islamischen Fundamentalisten geführt wurde, die das Schicksal Pakistans entscheiden würde. Aber so romantisch diese Vorstellung auch schien – und sie wurde von vielen in Europa und Amerika unterstützt –, sie war keine angemessene Beurteilung dessen, was in Pakistan geschah. Es gab dort überhaupt keine zwei miteinander konkurrierenden Konzepte: Es gab nur ein schlechtes Konzept, das in seine grundlegenden Elemente zerfiel. Jinnahs nicht-durchdachte Nation für Muslime, die auf der undeutlichen Ahnung einer islamischen nationalen Einheit basierte, die sogar unter den passivsten Muslimen existieren kann, machte Platz für die religiöse Ideologie, die schon immer dahinter gestanden hatte. Sie konnte nicht in ihrer milden Gestalt erhalten werden, denn auf diese Art verfügte sie über keine regenerative Kraft; ihr Überleben hing von der Wiederbehauptung ihrer Glaubensgrundlagen ab.
    Als ich Pakistan Anfang 2008 im Anschluss an Benazir Bhuttos Tod zum letzten Mal verließ, wollte ich nicht mehr zurückkehren. Der Grund dafür war – und dies mag sich schockierend anhören –, dass ich fühlte, dass sich unter dem Erguss von Leid und Trauer, die dem Tod Benazirs folgten, eine Art Euphorie befand, ein Gefühl der Erleichterung angesichts der Unterbrechung des alltäglichen Unwohlseins in Pakistan. Es war eine Atmosphäre wie bei einem Festival oder Karneval. Und diese zerstörerische Art der Trauer, unter der ich eine Nation wahrnahm, die im Blut jubelte, war das, wovor ich fliehen wollte.
    Was damals vielleicht nur latent vorhanden gewesen war, wurde drei Jahre später, mit der Ermordung meines Vaters, ans Tageslicht befördert. Der Glaube gibt – wie er es in Pakistan schon immer gemacht hat – seinen strengen Anhängern erneut eine zweckmäßige Deckung. Religiöse Menschen können so tun, als verteidigten sie den Glauben vor seinen Feinden, während sie ihre Blutlust stillen und den Zorn kühlen, der in diesem Land jeden Tag gespürt wird. Feinde, wie eine arme christliche Frau – die jetzt wahrscheinlich sterben wird, entweder von der Hand des Gesetzes oder durch die Selbstjustiz, die bereits andere Menschen, die der Blasphemie beschuldigt wurden, für sich in Anspruch genommen hat. Feinde, wie der Gouverneur, der ihren Fall aufgegriffen hat.  
    Die Liberalen haben ihre eigenen Rechtfertigungen. Man hört nun Dinge, die – obwohl sie vielleicht aus einer Verteidigung heraus oder aus einem Verlangen, die Gefahr herunterzuspielen, gesagt werden – für den Außenstehenden besorgniserregend und hässlich klingen. Zum Beispiel mein Onkel sagte nur wenige Tage nach dem Tod meines Vaters: „Weißt du, dein abba ging zu weit. Religion ist eine sensible Angelegenheit in diesem Land. Ich glaube, dass er letztendlich eine Wiedergutmachung leisten wollte, aber es war zu spät. Die Medien haben auch eine Rolle gespielt. ‚Es ist ein schwarzes Gesetz. Es ist ein schwarzes Gesetz. Es ist ein schwarzes Gesetz.’ Immer und immer wieder, bis die Menschen Sturm gelaufen sind. Und du weißt, dass die Menschen, genau wie in Indien, ignorant sind.“ 
    Er verwies auf ein Zitat meines Vaters, das in den Tagen vor seinem Tod in einer Endlosschleife abgespielt wurde. Die Raserei, die dadurch ausgelöst wurde, fand ihren Höhepunkt in einer Kundgebung im Dezember, an der auch der Mörder teilnahm. Die Kleriker forderten hier offen den Kopf meines Vaters.
    Meine Schwester, die kurz davor war, ihr Baby zur Welt zur bringen, hetzte sich nun damit ab, Informationen zu sammeln für einen Bericht über die Rolle, die die Presse dabei gespielt hatte, die Straße gegen meinen Vater aufzulehnen.
    Aber trotz all ihrer Bemühungen gab es nicht viel Hoffnung auf Gerechtigkeit. Es war schwierig genug gewesen, einen Anwalt zu finden, der den Fall übernehmen wollte, geschweige denn einen Richter zu finden, der genug Mut hatte, eine Verurteilung zu vollziehen. Einige Wochen davor hatte ich es als abschreckend empfunden, mir vorzustellen, dass eines Tages – anstatt eine Straße nach meinem Vater zu benennen – eine Straße nach seinem Mörder benannt sein würde. Doch obwohl der Senat plötzlich davor zurückgeschreckt ist, den Mann zu ehren, war dieser Gedanke schon alltäglich. Pakistan war mir zuvorgekommen.

    Ein Heimatland für Muslime – oder für den Islam?

    Und von dem Ort, den ich im Jahre 2002 zum ersten Mal besucht hatte, um meinen Vater zu suchen – ein Jahr nach 9/11 –, von dem Pakistan, das damals noch immer einige Spuren der von Jinnah gegründeten Nation aufwies, war nur sehr wenig geblieben. Eine Dekade später – nachdem ich meinen Vater gefunden, verloren und nochmals verloren hatte – war das Spiel für jene Pakistanis vorbei, die zwar anerkannten, dass die Nation für den Glauben geschaffen worden war, die aber nicht wollten, dass der Glaube die Nation verschlang. Ihr vererbter Traum eines Heimatlandes für Muslime, aber nicht notwendigerweise für den Islam, hatte sich in einen Schrei aufgelöst, der viel lauter war als ihr eigener und nach einem reineren Glauben verlangte. Für sie, Jinnahs Kinder, das liberale Pakistan, die Zivilgesellschaft, war es Zeit zu gehen. Und es schien nicht so, als würde irgendjemand um sie trauern oder von dem alten Pakistan sprechen, wie einige Wenige von dem alten Russland oder dem alten Iran gesprochen hatten. Meine Schwester wollte ihr Baby bekommen und dann das Land verlassen. „Meinen Vater zu verlieren, war eine Sache“, sagte sie am Telefon aus Lahore, „mein Land zu verlieren, war eine andere. Jeder, der kann, verlässt das Land nun. Was haben wir mit diesen Menschen gemeinsam?“
    „Frieden, Wohlergehen und Glück für das neue Jahr (01.11.2011)“, hatte mein Vater mir vier Tage vor seinem Tod getweeted. „Ich bin optimistisch.“ Einen Monat später, nach den Schrecknissen, die sein Tod offengelegt hatte, und der Ruhe, die er über das Ausüben der freien Meinungsäußerung in Pakistan warf, gab ich mir große Mühe, seinen Optimismus zu teilen. Die einzige kleine Hoffnung, die ich schöpfen kann, rührt von dem Gefühl her, dass die gegenwärtige religiöse Dunkelheit die Saatkörner eines dringend benötigten Klassen-Aufstandes maskiert, dem der Glaube zu einer Art Legitimation verhilft. Man hat dennoch Angst vor der Tiefe dieser islamischen Nacht, und davor, wieviel sie verschleiern wird – nicht nur von der Außenwelt, sondern auch vom Volk Pakistans –, und man hat Angst vor dem Blut und der Anarchie, denen sie Schutz gewähren wird, bevor sie endet. Aber enden wird sie, aus keinem anderen Grund als dem, dass der politische Islam das unveränderliche Repertoire von Ideen, auf denen er basiert, ausreizen wird. Es ist wie der pakistanische Dichter Suroor Barabankvi schreibt:
    „Selbst ich, Suroor, habe das Ende der Nacht erfahren; mag sie auch tausendfach ihre Grenzen überschreiten, weiter als bis zum Morgen kann sie niemals reichen.“

    Der Schriftsteller und Journalist Aatish Taseer wurde 1980 geboren und lebt in London und Neu-Delhi. Sein Buch Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters (2010) wurde in viele Sprachen übersetzt.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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