Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Opfer der Mythen

    Wie diskutierten die Araber über 9/11 und was sind die Unterschiede zur westlichen Sicht auf die Ereignisse? Der irakische Autor Ali Badr zeigt, dass sich die unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen zu 9/11 nur schwer vereinbaren lassen.

    „Es erscheint fast so, als sei diese Explosion inmitten Abrahams Herz geschehen“, sprach ein weiser Muslim aus Bagdad mit ruhiger Stimme am Abend der Angriffe des 11. September auf das World Trade Center in New York.
    Dieser muslimische Weise, dessen feine Gesichtszüge und weißer Bart denen vieler muslimischer Philosophen ähneln, verbarg seine Wut und Missbilligung über die gesamte Operation nicht. Was mich dennoch beunruhigte war sein Verweis auf das Versprechen Abrahams an eben diesem Ort und zu dieser Zeit. Damals wusste ich nicht, dass der Täter dieses Anschlags eine knappe Nachricht an seinen Vater geschickt hatte, in der er mitteilte, dass er sterben und eines von Abrahams Opfern werden würde.
    Diese Wiederbelebung eines semitischen Mythos – der die Trennlinie zwischen dem Muslim Ibrahim und dem judeo-christlichen Abraham nicht tilgte, sondern sie vielmehr noch breiter zu machen beabsichtigte – ließ Büroangestellte zu zusätzlichen Opfern dieses religiösen Versprechens werden. Hagars Nachfahren, die offensichtlich von dem biblischen Versprechen ausgeschlossen waren, verursachten den sicheren Tod dieser armen Arbeiter, die kaum mehr als Büroangestellte waren und sich mit belanglosen Details des Lebens befassten. Sie hatten ihr Leben um sentimentale Angelegenheiten herum errichtet und waren voll und ganz in die Einzelheiten ihres anspruchslosen Daseins vertieft. Sie waren rangniedere Büroangestellte, deren verhältnismäßig schweres Leben völlig frei von jeglichem Firlefanz war. Sie verbrachten es in billigen Wohnungen, in denen sie Fernsehen schauten, Mordgeschichten lasen und Popmusik hörten.
    Es ist paradox, dass die Opfer von Abrahams Versprechen, wie es im Koran offenbart wurde, Kellner in Straßencafés, Supermarktangestellte, Bauarbeiter und Sekretärinnen sein sollten.
    Die Auswirkungen des mangelhaften Glaubens hörten an dieser Stelle nicht auf, denn dieser semitische Mythos hat weitere Opfer eingefordert: armselige Bauern in Afghanistan und Menschen in Kandahar und Kabul, die von Armut und bitterer Not aufgerieben wurden; Menschen, denen ein beinahe monastisches Leben auferlegt wurde, dem jegliche wirkliche Qualitäten eines richtigen Lebens fehlte. 
    Zunächst handelt es sich um Opfer der Taliban, aber im weiteren Sinne sind sie Opfer voreiliger Vergleiche, falscher Analogien und fragwürdiger Verzerrungen der Religion, die als Antwort auf die überstürzte Einführung unserer Gesellschaften in die Moderne schnell zur Mode geworden sind. Aus diesen fehlerhaften Analogien resultierte ein Aufschwung ideologisch-religiöser Gedanken, die mit all den Defekten einer ideologischen Struktur angereichert sind. Diese Struktur basiert auf einer wunderlichen Heiligung der Gemeinschaft, die diese Menschen umgibt, und zudem auf der Dämonisierung ihrer Widersacher – damit ist nicht nur der Westen gemeint, sondern auch andere Muslime, die ihre Ideologie nicht teilen. Diese Afghanen, die ursprünglich Opfer ihrer religiösen Regierung waren, wurden später zu Opfern amerikanischer Flugzeuge, und daher wurden sie zu Opfern der Opfer desselben religiösen Mythos.

    Islam der Monsun-Länder

    Der Satz des muslimischen Weisen – eine gekürzte Version einer altertümlichen historischen Legende – erinnerte mich an den Orientalisten Louis Massignon, dessen Sachkenntnis den Islam dieser Region mit umfasste und dem er eine geographische Bezeichnung verlieh: „Islam der Monsun-Länder“. Dieser Begriff bezieht sich auf die Länder, die sich von der Arabischen Halbinsel mit ihrem Weihrauch bis nach Indonesien mit seinen Gewürzen hinziehen. Der Handel dieser Region war abhängig von den Monsunen, die die Segelschiffe bis in das Herz Asiens trugen. Massignon war der erste, der in seinem Werk Die drei Gebete Abrahams der Verbindung zwischen Islam und Christentum Ausdruck verlieh. In seinen Erinnerungen lebten die Volkslegenden der Vorfahren wieder auf, als er den Islam durch religiöse Symbole entdeckte, die mit traditionellen christlichen Symbolen in der Kultur von Kleinbauern in Irak vergleichbar sind.   
    Während seiner Reise durch die arabische Wüste und sogar nachdem er in den Reisfeldern des Irak gefangen genommen worden war, hatte Massignon dank der Volkslegenden der Vorfahren Erleuchtungen, natürlich ohne zu wissen, dass sie eines Tages auf die Art und Weise genutzt würden, wie der Führer und Organisator der Anschläge des 11. September, Muhammad Atta, es tat. Als er Die Passion des Al-Hallaj schrieb, wusste er tatsächlich nicht einmal, dass nationale und religiöse Leidenschaften solch alarmierende Verhältnisse erreichen und dass Menschen, die von eben dieser Legende beeinflusst sind, Klischees und Floskeln unverhältnismäßig aufblühen lassen und Kulturen vorantreiben würden, die im Prinzip alle einer Form des primitiven Manichäismus entsprachen. Er wusste nicht, dass diese Kulturen eine abwertende Dichotomie begünstigen würden, die den Feind unmissverständlich kennzeichnet, und dass diese Klischees jedes Individuum auf eine vorherbestimmte Gruppierung beschränken würde, so dass wir nun plötzlich feststellen, dass es böse Araber und Muslime und auf der anderen Seite böse Amerikaner oder Abendländer gibt.
    Am Abend des explosionsartigen Anschlags begriff ich diesen Sachverhalt direkt sowohl von politischen Erklärungen als auch von den Kommentaren Intellektueller, denn zu jener Zeit befand ich mich in Amman und nahm dort an einer Konferenz über den west-östlichen Dialog teil. Dieser Titel, der als Hintergrund dieses Anschlags, der alles torpedieren wollte, anmutete, schien dem Ereignis allerdings überhaupt nicht zu entsprechen!

    Dialog und warscheinliche Gefahren

    Intellektuelle aus dem Osten und dem Westen führten Diskussionen, während Geheimorganisationen in geschlossenen Räumen saßen und Verschwörungen planten!  
    Dies war das erste Mal, dass ich den Irak verlassen hatte – um an dieser Konferenz für Akademiker und Schriftsteller aus verschiedenen Regionen der ganzen Welt, arabische und muslimische Wissenschaftler aus dem Westen miteingeschlossen, teilzunehmen. Ich war der einzige Iraker, und die Reise dauerte zwanzig anstrengende Stunden, einerseits wegen der Blockade, die dem Irak damals auferlegt worden war, andererseits aufgrund beleidigender Behandlungen an den Grenzen.
    Die Konferenz begann einen Tag vor den Anschlägen, und diese Intellektuellen hatten damit begonnen, ihr fades Geschwätz von sich zu geben, ohne dass auch nur einer von ihnen erkannte, was unter der Oberfläche der gegenwärtigen Ereignisse des Lebens lauerte; denn die Gedanken, die sie ausdrückten, beschwörten genau zu dem Zeitpunkt, als die Realität von Konflikten nur so übersprudelte, eine komfortable und sorgfältig gepflegte Welt herauf, frei von jeglichem Kampf. Heute fühle ich mehr als zuvor, welch großer Unterschied zwischen den vorbereiteten Texten und der Realität bestand. Diese schriftlichen Ausarbeitungen beinhalteten auch ein paar scharfsinnige Beiträge, aber ihre Sprache war nicht deutlich genug, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die meisten boten keine Erleuchtungen. Die Diskussionen stützten sich mehr auf verschiedene Glaubenssätze als auf fundierte Recherchen.
    Die meisten der Teilnehmer waren entweder verwestlichte Araber und Muslime oder Spezialisten der Orientalistik oder Islamistik aus Europa und Amerika. Die Diskussion war angereichert mit den unechten Intonationen, den Gebärden und dem zweifelhaften akademischen Jargon, die wir stets unter Intellektuellen finden. Ich wandte meinen Kopf herum, um einen Mann seinem Begleiter sagen zu hören: „Du musst zugeben, dass der Osten eine Art des Paradieses war, aber westliche Schriftsteller behandelten ihn gnadenlos. Leugnest du das?“ Der andere Mann erwiderte: „Nein, nein; der Osten hat niemals existiert; er ist nur ein kulturelles Konstrukt, das von den Abendländern erträumt wurde – das ist alles.“ Eine dritte Person wandte ein: „Sir, Sie diskutieren den Diskurs über den Islam, aber dieser Diskurs liefert uns nur Informationen über dessen westliche Autoren, nicht über die islamische Welt.“
    Die Konferenz fand in einem erstklassigen Hotel im Zentrum von Amman statt, das von einem üppigen Garten umgeben war. Jener September war warm, aber kühle, erfrischende Brisen milderten die Hitze. Viele der Teilnehmer waren im Ausland lebende Araber, die aus großen europäischen Städten angereist waren. Ihre Gesichter strahlten gute Gesundheit aus; sie trugen feine Kleidung und rauchten. In kurzer Zeit schätzte ich ihre verschiedenen Persönlichkeiten ein: Sie hatten eine Entzweiung von ihrer ursprünglichen Kultur erlebt, und lebten eine komplizierte, persönliche Art der Vielfältigkeit, die sogar in ihren Namen offenkundig wurde. Zum Beispiel hatten manche einen europäischen Vornamen und einen arabischen Nachnamen. Ich war fasziniert von dieser Hybridisierung, die in unserer einheitlichen Kultur keine Entsprechung hat. Tatsächlich stellte ich fest, dass sie stark von den Snobs in unserer Kultur abwichen. Ich bin der Meinung, dass sie unbewusst verwestlicht waren; die meisten von ihnen hatten im Osten an europäischen Schulen studiert, die auf eine kleine Elite von Kindern führender Familien ausgerichtet waren, die ihre regionale Kultur verachteten oder zurückwiesen.

    Diskussion und Konferenz – eine andere Welt kommt an die Oberfläche

    Die Diskussion und die Konferenz waren auf die verwestlichten Araber und die Abendländer beschränkt, und das frustrierte mich und machte mich vielleicht ebenfalls ein wenig neidisch, denn es war eigentlich eine Diskussion zwischen Abendländern. Egal ob diese Teilnehmer Araber oder Muslime waren – Sie waren Teil der westlichen Kultur; daher diskutierte der Westen hier mit sich selbst. Die Probleme, die von diesen verwestlichten Arabern angegangen wurden, unterschieden sich völlig von unseren. Der Hauptwert ihrer Diskussion war es, dass sie eine Ausgewogenheit darstellten, während ich, der aus dem Irak kam, mir Sorgen über die Dominanz des Staates machte und mich an die individuelle Freiheit klammerte. Deshalb interessierten mich die Streits zwischen diesen verwestlichten Arabern und den Europäern überhaupt nicht. Es waren Streits zwischen wohlhabenden Menschen, Weißen, Europäern – zwischen zwei privilegierten Gruppen. Eigentlich wollte ich, dass wir gebildete Leute über die Kämpfe in unseren Ländern entschlossener diskutierten – über die Kämpfe, die eine Gewalt der Art produzieren würden, die wir am Tag darauf in New York miterlebten. Dennoch fühlte ich, dass unsere Situation als Intellektuelle, die in der arabischen Welt lebten, eine Situation ist, in der wir Kämpfe erleben, die zwischen zahlreichen staatlichen Autoritäten und islamistischen Tendenzen mit brutaler Staatsmacht ausgetragen werden, die jegliches Anrecht auf Unterstützung des Volkes entbehren. Unsere Lage wurde ignoriert.
    Vielleicht waren es diese Tage, die mich auf die enge Verbindung zwischen den Intellektuellen und dem Exil aufmerksam gemacht haben; ein Intellektueller ist ein immerwährender Exilant, ein Exilant seiner eigenen Gesellschaft. Ein solches Schicksal ist immer beunruhigend und bedrückend. Edward Said nannte es das traurigste und schwermütigste in der Geschichte. Damit hatte er Recht; denn ein Exil, wo auch immer es sich befindet, ist nicht bloß ein Zustand der Besorgnis. Es ist eine immerwährende Erschütterung, die nicht nur den Exilanten, sondern auch andere erzittern lässt. Es zwingt dich, deine Existenz ständig in Frage zu stellen und für immer deine Ansprüche, ein Einheimischer zu sein, abzustreiten – einen Zustand, den Roland Barthes „la natalité“ nannte. Ich habe erkannt, dass das Konzept des Heimatlandes und die Idee einer hochgeschätzten Heimat, die von im Ausland lebenden Schriftstellern betont werden, unter im Exil lebenden Schriftstellern eine andere Form annehmen. Als ich Jahre später den Irak endgültig verließ, realisierte ich, dass ich wirklich ein Exilant in meinem eigenen Land gewesen war, da ich in Europa keinen einzigen wirklich im Exil lebenden Schriftsteller fand. Egal ob Araber, Türken, Afrikaner, Inder oder Pakistanis – sie waren alle zu respektierten Mitgliedern der Mittelklasse geworden.
    Das einzig Erwähnenswerte dieser Konferenz war die Wahl der Persönlichkeiten, die von dieser oder jener Gruppe zitiert wurden. Für die Araber nahmen die Arbeiten von Franz Fanon einen Ehrenplatz ein – weil sie aus der Erde des kollektiven Kampfes der algerischen Revolution gewachsen waren –, während die Europäer Edward Saids und Foucaults verwirrende Einsichten feierten, die einer bewaffneten Auflehnung ähnelten, vielleicht weil sie individuelle Proteste gegen Festnahme, Deportation und Überwachung waren.
    Abgesehen davon war die ganze Konferenz eine dadaistische Diskussion, die von Intellektuellen an der frischen Luft durchgeführt wurde.

    Gellner, Said und die Anschläge des 11. September

    Für den Abend vor dem Tag, an dem die Anschläge des 11. September stattfanden, war ein Vortrag über Ernest Gellner angekündigt, der von einem arabischen Akademiker aus einer europäischen Universität gehalten werden sollte. Ich hatte kurz zuvor zwei erwähnenswerte Bücher von Gellner gelesen – Nationalismus und Moderne und Der Islam als Gesellschaftsordnung – und war daher gespannt darauf, diesen verwestlichten Akademiker zu hören, der mich mit seinem gesunden Gesicht, seinem modernen Anzug und seinem französischen Parfum, das durch den gesamten Raum schwebte, verwirrte. Ich legte Wert darauf, vor allen anderen anzukommen und setzte mich vor Beginn des Vortrags neben ihn. In diesem Moment realisierte ich, dass mein Erscheinungsbild im Vergleich zu seinem lächerlich wirken musste, denn ich war dünn und trug schäbige Kleidung, die ich aus dem Irak mitgebracht hatte, und meinen Haare waren zerzaust und machten seiner makellosen europäischen Frisur keinerlei Konkurrenz.
    Ich war sehr enttäuscht, als ich hörte, wie er Aussagen von Edward Said wiederholte, die bereits in einer angesehenen, früheren Kritik an Ernest Gellner aufgeführt waren, die kurz nach Saids neuester Überarbeitung von Kultur und Imperialismus geschrieben wurde. Gellners unbeschwerte Argumente und Beweise erreichten zugegebenermaßen nicht das Niveau seiner brillanten wissenschaftlichen Arbeit, aber Edward Saids Schrift war eine herbe Attacke, die eine offenkundige journalistische Enthüllung der Macht enthielt. Said wiederholte außerdem ständig zahlreiche Kritikpunkte, die Talal Asad gegen Gellners Buch Der Islam als Gesellschaftsordnung aufgeführt hatte, ohne ihnen irgendetwas hinzuzufügen. Dieselben Kritikpunkte werden noch immer von manchen Akademikern wiederholt. Sie behaupten, dass es soetwas wie eine „muslimische Gesellschaft“ nicht gebe; es gebe nur Gesellschaften. Es gebe kein muslimisches Individuum, außer in einem frommen Kontext, weil Individuen sich innerhalb jedes kulturellen Rahmens unterschieden. Was also bezeichne „muslimische Gesellschaft“ – den tunesischen Islam oder den saudischen Islam? Solche Sätze haben ihren Ursprung in anthropologischen Werken und werden von angesehenen Schriftstellern wiederholt.
    Ja, ich stimme zu, dass das Wort „Muslim“ mit Klischees durchtränkt ist, die die Runde machen, und dass manche Lesarten die islamischen Völker auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterbrechen, aber andererseits: Ist es möglich, sämtliche Verallgemeinerungen welcher Art auch immer, die auf individuellen Erfahrungen beruhen, zu verdrängen? Wir unterscheiden uns ernsthaft voneinander, aber wir teilen auch viele offensichtliche Eigenschaften.
    Nach den Ereignissen des 11. September 2001 war ich gespannt darauf, zu hören, was meine wissenschaftlichen Kollegen über Gellner sagen würden, vor allem, da Gellners Hauptthese über den Islam als exzellenter Schwerpunkt für eine Diskussion der Anschläge in Manhattan dienen konnte. Gellner bezeichnete den Islam als eine schriftbezogene und mystische Religion, die außerdem von einem starkenVerlangen nach Puritanismus gekennzeichnet sei. Die Intensität dieses Puritanismus und der Literalismus werden nur durch die Autorität der Sunnah geschmälert, die den regionalen Vorrang Medinas, der herrschenden Mächte und der religiösen Gelehrten ausgleicht. In Zeiten sozialer oder politischer Krisen erhält der Text dennoch seine Bedeutung zurück, und extremistische oder sektiererische ulama bewaffnen sich mit dem Text, um den Puritanismus bzw. eine ursprüngliche Schuldlosigkeit wiederzubeleben. Ich wusste, dass diese Theorie einer harten Kritik von Geertz, Halliday, Talal Asad und Sami Zubaida ausgesetzt wurde, aber was mich damals daran interessierte war, dass dieses Ereignis ziemlich gut in Gellners Ansichten passte.
    Es schien dennoch so, als seien diese folgenschweren Vorkommnisse sogar zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt davon, von den Akademikern berücksichtigt zu werden.        

    Gesundheitskost und eine verschmutzte Welt

    Am Abend der Anschläge des 11. September war der Speisesaal lautstark erfüllt von den Gästen, und der Teilnehmer, der den Beitrag über Gellner gelesen hatte, stand an der Gesundheitskost-Bar und stapelte Obst und Salate auf einen großen Teller. Ich stand mit meinem herkömmlichen Essen am Tresen und erfuhr zum ersten Mal, dass es ungesundes Essen gibt. Da ich aus Bagdad kam, in einer Zeit, in der die Blockade am härtesten war, erschien es mir schon übernatürlich, ein Ei auf einem Teller zu sehen.  
    In diesem Moment wurde mir klar, dass Schreiben eine Sache ist und die Realitäten des Lebens eine andere, denn keiner der Teilnehmer änderte einen einzigen der Buchstaben, die sie vor den Anschlägen in Manhattan auf Papier geschrieben hatten, vielleicht weil sie sich selbst durch das Schreiben dieser Texte erschöpft hatten, bevor sie hier ankamen. Sie waren fix und fertig, nachdem sie ihre Quellenangaben sorgfältig in alphabetische Reihenfolge gebracht hatten, denn eine Nachlässigkeit dieser Art würde als unentschuldbarer Fehler angesehen werden. Tatsächlich messen Akademiker solchen Formalitäten eine höhere Bedeutung zu als jeder anderen weltlichen Realität. Nichtsdestotrotz erreichten die politischen Geschehnisse alarmierende Ausmaße, und im Fernsehen zählte Bush die Mitglieder der Achse des Bösen auf, darunter den Irak.

    Die Achse des Bösen – Irak und Amerika

    Vielleicht war es aufgrund der Achse des Bösen, die Bush verkündet hatte, dass mich zwei amerikanische Teilnehmerinnen aufsuchten. Ich erinnere mich, wie sehr es mich in Erstaunen versetzte, zum ersten Mal junge Amerikanerinnen zu sehen. Ich muss sagen, dass sie zuvor durch ihre physische Anwesenheit meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten; sie waren relativ groß, einfach gekleidet und sprachen mit besonderer Anmut. Ihr Erscheinungsbild unterschied sich zu ihrem Vorteil stark von dem der eleganten Akademiker, die so sehr mit den Formalitäten beschäftigt waren. Ich war erstaunt, als ich sie stehend die Ereignisse verfolgen sah. Sie fragten mich, ob ich sie nach draußen auf die Straße begleitete, um herauszufinden, was die Menschen dachten. Ich war sehr erfreut darüber. In einem Moment, als es für uns vielleicht heikel war, einander kennenzulernen, sind wir auf einen Weg gestoßen, unsere Sichtweisen miteinander in Einklang zu bringen.
    Diese Tat der Aggression brachte – im Gegensatz zu dem, was manche rechtsstehenden amerikanische Zeitungen sagten – Volksverhetzungen sowie religiösen und ethnischen Chauvinismus in der arabischen und islamischen Welt in Verruf. Meine beiden Begleiterinnen erkannten dies schnell an den Reaktionen der Straßenverkäufer, Restaurantangestellten und Taxifahrer. Vielleicht glaubte nur eine Minderheit von ihnen, dass diese Anschläge von Muslimen verübt worden waren, und es entsprach absolut nicht der Wahrheit, dass die Menschen als Reaktion auf diesen Angriff in den Straßen getanzt haben. Dies ist selbstverständlich, denn auch wenn wir zugeben, dass gebildete Abendländer und gebildete Muslime sich nicht nur in ihrem Festhalten an verschiedenen Ansichten unterscheiden, sondern auch in ihren gegensätzlichen Weisen, die Welt zu besetzen, oder in ihrer Art, wie sie zwei verschiedene Welten oder zwei unterschiedliche gegnerische intellektuelle Konstrukte darstellen, gibt es einen tiefen Abgrund, der beide Seiten daran hindert, sich zu treffen oder miteinander zu verbünden. Diese Kluft ist sowohl intellektueller als auch ontologischer Art, aber sie trennt nicht zwei Gesellschaften, die in zwei unterschiedlichen historischen Gegebenheiten oder verschiedenen politischen Systemen leben; was die beiden Seiten vielmehr voneinander trennt, sind zwei verschiedene Ansichten über Dasein, Wesen, Leben und Seele. Hingegen von einem menschlichen Standpunkt aus betrachtet: Welchen Unterschied gibt es zwischen amerikanischen Cowboys, die in Manhattan oder Princeton keine Arbeit finden, und Schäfern, die in Kandahar billige Essiggurken essen? Wo ist der Unterschied zwischen geknechteten Männern, die keine Aufgaben finden, außer in zerfallenen Moscheen zu beten, und arbeitslosen Amerikanern, die um ein paar Dollar betteln, um Bingo zu spielen und Cheeseburger essen zu können?

    Gesellschaften studieren

    Obwohl die Sprache, die zu jener Zeit in politischen Stellungnahmen gebraucht wurde, streng und radikal war, und obwohl es unmöglich war, einen geraden Kurs anzusteuern oder politische Handlungen festzulegen, die solch unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen könnten, führte dieser Anschlag zu zwei positiven Entwicklungen.
    Die erste dieser Entwicklungen war der westliche Versuch, durch das Zeugnis des Volkes etwas über diese Gesellschaften zu lernen – und dies ist besonders wichtig. Zum ersten Mal erleben wir ein westliches Interesse an der arabischen Sprache und Literatur, besonders am Roman, und dies ist sehr bedeutungsvoll, da die Humanwissenschaften in der arabischen Welt von den arabischen Herrschern verwüstet worden waren, was dazu führte, dass sie unter verschiedenartigem Druck zusammenbrachen. Der Roman hingegen ist ein individuelles Werk, das es mehr oder weniger geschafft hat, der Hegemonie der Herrscher zu entkommen.
    Auf der anderen Seite ist es nicht einfach gewesen, den Westen für nicht-westliche Literatur zu öffnen. Wir alle wissen, dass der Westen eine lange Zeit den eigenen Ideen über sich selbst unterlag und ihnen nachgab, und die Arbeiten von Erich Auerbach und Ernst Robert Curtius repräsentieren diese Neigung. Erstens basieren europäische Literaturen auf einem Kanon europäischer Literaturwerke von Homer bis Joyce, zweitens basieren sie auf einer konstanten Rückkehr zu denselben Themen. Daher genossen die europäischen Literaturen eine beinahe mystische Einheitlichkeit, die beim Mittellatein begann und weiter andauerte, als sie zu selbstgenügsamen Literaturen wurden, die abgeschirmt vom Wissen der Außenwelt und jeglichem Einfluss durch sie bestanden. Diese Theorien wurden in den letzten Jahren starker Kritik unterworfen.
    Die zweite positive Entwicklung war die Freisetzung einer Welle der Kritik in der arabischen Welt, die Vieles von dem betraf, was in der Vergangenheit verehrt worden war: Herrscher, Religion und islamische Geschichte. Viele Menschen fühlten den Wunsch, in der Öffentlichkeit einzugestehen, dass wir keine unschuldigen Gesellschaften seien, die von westlichen Autoren misshandelt worden waren, und dass wir unsere Fehler preisgeben, eine angemessene Kritik politischer, sozialer und kultureller Bezugssysteme in der arabischen Welt präsentieren und ernsthaft nach vorteilhaften Lösungen für die Krise der traditionellen Denkweise suchen müssten – die aufgrund ihrer falschen Schritte und Unzulänglichkeiten hinsichtlich des Verlaufs des Zeitalters entstanden war. Tatsächlich existiert unter vielen Intellektuellen das Verlangen, das Eingestehen unserer Fehler und all dessen, was Selbsthass fördert, zu ermutigen; denn Gesellschaften, die diese Art der Seelensuche vermeiden, wagen es nur selten, sich selbst zu dekonstruieren.

    In Flughäfen fällt unvermeidlich alles auf den Boden

    Was letztendlich von Bestand ist, sind Dinge, die sich auf eine kraftlose Art entwickeln, denn die Prozesse der Gedanken und der Realität funktionieren unterschiedlich. Die Realität kann auf jedem Flughafen der Welt beobachtet werden, aber sie zu sehen und sie zu leben sind zwei unterschiedliche Dinge.
    Ich spüre dies fortwährend, denn als ein Iraker fühlt man sich niemals behaglich. Die Bedrohung ist intrinsich und immerwährend; sie ist das kontinuierliche Bewusstsein demütigender Behandlung, die einen Menschen und seine individuelle Existenz herabsetzt und ihn ständig der Erniedrigung aussetzt.                  
    Es ist nicht leicht, in einem Flughafen zu sitzen; denn hier bin ich verdächtig, hier sind mein Erscheinungsbild, mein Name und meine Identität verdächtig. Manchmal sitze ich Stunde um Stunde auf harten Bänken in großen Wartehallen, gelegentlich bewacht von einem Polizisten, gelegentlich umzingelt von argwöhnischen Blicken, bevor ich schließlich zu einem Beamten geführt werde, der mich verhört und meine Dokumente kontrolliert, während ich meine schweren Taschen herumschleppe, die hauptsächlich mit Büchern und ein paar wesentlichen Kleidungsstücken gefüllt sind. Dann werde ich dazu gezwungen, meine Taschen für eine Durchsuchung zu öffnen. Ich brauche Stunden, sie wieder zu packen, denn ich hatte zuvor Stunden damit zugebracht, den Inhalt auf möglichst kleinem Raum zusammenzuquetschen, damit so viele Bücher wie möglich in die Koffer passten. Es ist schwierig, sie zu schließen, und manchmal staune ich, wieviele Bücher der Koffer beeinhaltet, nur um nach dem Wiedereinräumen unter den Augen der Flughafenpolizei feststellen zu müssen, dass er einige Bücher ausgestoßen hat, die er nich länger beherbergen kann.  
    Also grüble ich allein, geplagt von Kummer, während blonde Europäer oder meine verwestlichten Kollegen, die europäische Pässe besitzen, an mir vorbeilaufen, mich mit einem flüchtigen Blick streifen; und ich sitze dort, beschämt, allein, erschöpft und erniedrigt. Dann wiederhole ich für mich das Mantra des iranischen Denkers Ali Shariati: „Ich werde nicht vergessen, aber ich bin fähig, zu verzeihen.“
    Ja, ich verzeihe diese Behandlungen, denn ich weiß, dass nach dem 11. September die Sicherheit eindeutig problematisch geworden ist.
    Vielleicht haben diese Gesellschaften ein Recht, sich selbst zu verteidigen, aber ich kann es nicht ertragen, mich unter einer unerträglichen Last des Misstrauens zu bewegen. Trotz meines Verständnisses für diese Situation und meiner Sorge um jegliches Leid, dass sie vielleicht betreffen könnte, denke ich, dass Abendländer den Westen noch immer für sich selbst anhäufen, obwohl sein wichtigstes Gut oder intellektuelles Produkt die Würde des Menschen ist.
    Meine Würde steht hier zugegebenermaßen auf dem Spiel, aber ich glaube, der Westen wird sich definitiv neuen intellektuellen Technologien, Konzepten und Weisen des Verständnisses von Existenz und Geschichte öffnen. Ja, er hat seine Dämonen der Islamophobie, des Rassismus und Kolonialismus, aber er ist in der Lage, sie zu überwinden. Fortwährend erforscht der Westen seine Fehlschläge und entwickelt Theorien, die dabei helfen, die Dämonen zu verstehen und zu zerstören. Er gräbt tief hinein in die schlimmsten seiner vergangenen Aufzeichnungen. Daher ist der Verlauf der Geschichte auf seine grundlegenden Elemente, auf Wandel und Transformationen in sämtlichen Bereichen reduziert, und er wird unausweichlich alle Bezugssysteme, Standards und Gesetze beeinflussen. Gleichzeitig dringen Moden der westlichen Moderne kontinuierlich in die islamischen Gesellschaften vor, aber dieser Moderne fehlt eine Zunge, wie Olivier Roy einst feststellte.  

    Nur die schlechten Dinge haben Bestand

    Es ist heute offensichtlich, dass die Moderne nicht länger auf die Geschichte des westlichen Geistes beschränkt ist, als wäre sie bloß ein Theater, in dem die Gewalt des Managements und der Arbeiterschaft sich gegenseitig brutal gegenüberstünden, denn der Westen befindet sich in stetem Wandel und wird definitiv in der Lage sein, eine geteilte, existentielle, facettenreiche Moderne zu schaffen, die einen humanen Stempel trägt. In der Tat bin ich ziemlich sicher, dass Adornos Wette auf die menschliche Universalität nicht verloren sein wird. Vielleicht wird sie nie gewinnen, aber ich glaube nicht, dass sie verschwinden wird. Dennoch fürchte ich, dass das Böse, das von den Abendländern und auch von einigen Muslimen am 11. September geschaffen wurde, eine lange Zeit brauchen wird, um zu verschwinden, denn schlimme Dinge brauchen lange, bis sie verschwinden – wie eine New Yorker Freundin eines Tages in einer scherzenden Unterhaltung feststellte:
    Jahre nach der Konferenz in Amman und den Ereignissen jenes Septembers trafen wir uns zufällig bei einer weiteren Konferenz in einer europäischen Hauptstadt. Nach dem Mittagessen fragte ich sie mit großem Interesse, ob sie einen Buchlanden kennte, der sich auf Bücher über die arabische und islamische Welt spezialisiert hatte.
    Sie spitzte ihre Lippen und scherzte dann: „Arabisch… Islamisch… Weißt du denn nicht, dass diese Wörter in Europa tabu sind?“
    Sie lachte, und ich antwortete auf ähnlich sarkastische Weise: „Ja, ich weiß; aber ich will auch, dass du verstehst, dass ich mir etwas darauf einbilde, ein arabischer Muslim zu sein.“
    „Oh, du solltest dir etwas darauf einbilden, dass du ein junger gutaussehender Mann bist, anstatt mit diesen anderen Dingen zu prahlen.“
    „Wie kann ich mit Dingen prahlen, die nicht anzudauern garantiert sind, mit Dingen, die der Tyrannei der Zeit unterliegen, während ich doch garantieren kann, dass ich Araber und Muslim sein werde, bis ich sterbe?“
    Dann lachte sie und antwortete herausfordernd: „Ja, du hast Recht. In persönlichen Angelegenheiten haben nur die schlechten Dinge Bestand!“

    Ali Badr
    ist ein renommierter irakischer Journalist und Romanautor. Sein Buch Baba Sartre über eine Gruppe von Existentialisten in Bagdad ist in der gesamten arabischen Welt und darüber hinaus bekannt.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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