Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Von 9/11 bis heute – Rückblick und Perspektiven

    Zehn Jahre sind seit dem schrecklichen Ereignis vergangen und noch immer tappen wir im Dunkeln. Warum musste das Unfassbare geschehen?

    Ein Anruf eines Kollegen in meinem Büro brachte die entsetzliche Nachricht. Ich schaltete den Fernseher ein: grauenhafte Szenen, das lodernde Feuer, Menschen, die sich aus den Fenstern in den sicheren Tod stürzten, die hohen Türme, die wie ein Kartenhaus in sich zusammenfielen. Es war gespenstisch, wie ein Albtraum, der nie enden wollte. Die Bilder werden wohl ewig in meinem Gedächtnis haften bleiben.
    Gleichgültig, woher die Drahtzieher, die Hinter- und Mittelmänner und Ausführenden stammten, welchem Glauben und welcher Nationalität sie angehörten, feststeht jedenfalls, dass es Menschen waren, die offenbar Monate oder gar Jahre die Attentate vorbereitet, die ungeheuere Spannung zwischen einem normalen und einem klandestinen Dasein in ihrem Alltag ertragen, die nervenzerreibende Angst, entdeckt zu werden, ausgehalten haben, um schließlich an einem bestimmten Tag, zu einer ausgemachten Stunde, nicht nur Tausende Menschen, sondern auch sich selbst zu töten. Das ist unbegreiflich, das widerspricht der menschlichen Natur. Wie ist es möglich, frage ich mich, dass unter diesen offenbar jungen Menschen kein einziger sich von den Verlockungen des Lebens faszinieren ließ, den Sehnsüchten nach Liebe, Freundschaft, Spiel und Spaß nachging, dass keiner den Mordplan aufgab und das Leben dem Tod vorzog? Was immer es war, zur Erklärung dieses Phänomens reichen Begriffe wie Märtyrertum, Fanatismus und Fundamentalismus nicht aus.
    Warum musste das Unfassbare geschehen? Was steckte hinter dieser grenzenlosen Verachtung des Lebens? Hass- und Rachegefühle, ein politisches Kalkül, ein mafiöses Gehabe, das auf Geld und Macht, zu wessen Gunsten auch immer, spekulierte?

    Das Böse gegen das Gute?

    Es gab einflussreiche Stimmen, die uns unmittelbar nach dem schrecklichen Anschlag die Antwort auf so viele Fragen mit einem Wort zu liefern vorgaben: Islam. Politiker und so genannte Nahostexperten und Islamkenner, die erstaunlicherweise, man weiß nicht woher, plötzlich zuhauf in den Medien auftauchten, erklärten uns: Jenseits der Grenzen der zivilisierten Welt herrsche Finsternis, dort seien Dämonen am Werk. Man sprach von einem Kampf der Kulturen, dem Kampf des Bösen gegen das Gute. Hier die Zivilisation, dort die Barbarei, hier die Freiheit, dort die Knechtschaft, hier der Fortschritt, dort die Stagnation.
    Schon am ersten Tag sprach US-Präsident George W. Bush von einem Kreuzzug gegen die Barbarei und fasste die Bombardierung mehrerer Länder ins Auge. Und wenige Tage später legte sein italienischer Amtskollege, Silvio Berlusconi, nach und sprach unverblümt aus, was in vielen Köpfen herumgeisterte: „Wir müssen uns unserer Vorherrschaft und der Überlegenheit unserer westlichen Zivilisation bewusst sein“, sagte er bei einem Besuch in Berlin. Die westliche Zivilisation sei der des Islam überlegen, die Welt müsse verwestlicht werden. Wörtlich sagte er: „Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern.“ Die westliche Gesellschaft zeichne sich aus durch „Freiheitsliebe, die Freiheit der Völker und des Einzelnen, die sicherlich nicht zum Erbgut anderer Zivilisationen wie der islamischen gehören. Diese Zivilisationen sind zu Taten fähig, die mich erschaudern lassen.“
    Ich bin kein Glaubensfanatiker und weiß wohl, welche Verbrechen im Namen des Islam begangen wurden und werden. Es genügt schon der Hinweis auf fast dreißig Jahre Islamische Republik Iran und auf Tausende, die dort im Namen Gottes hingerichtet wurden. Natürlich kann sich jedes Verbrechen im religiösen Gewand verhüllen, nämlich dann, wenn sich der Glaube in eine Ideologie verwandelt und politisch instrumentalisiert wird. Dazu eignet sich jede Religion, nicht nur der Islam, sondern, wie die Geschichte zeigt, auch das Christentum oder Judentum. Das gilt übrigens für jede Idee und Utopie, die zur Ideologie wird – denken wir nur an den Stalinismus oder Nationalsozialismus. Selbst die Idee von Demokratie kann, wie wir in den letzten Jahren feststellen konnten, für politische Ziele und im Dienste der Macht und Interessen instrumentalisiert werden. Und es sind gerade die Ideologien, die uns weismachen wollen, bei den gegenwärtigen Auseinandersetzungen, die den Weltfrieden bedrohen, gehe es um einen Kampf der Kulturen, der Religionen oder, genauer, um den Kampf zwischen dem Islam und dem Rest der Welt. Schiitische und sunnitische Extremisten seien nur zwei Gesichter „der gleichen totalitären Bedrohung“ der freien, zivilisierten Welt, sagte Präsident Bush im Januar 2007 bei einer Rede an die Nation. Sie wollten „die Amerikaner töten und die Demokratien im Nahen Osten töten“. Der Krieg gegen den Terror sei weit mehr als ein Aufeinanderprallen von Waffen: „Es ist die entscheidende ideologische Schlacht des Jahrhunderts.“

    Kreuzzug der Moderne

    Die Anschläge vom 11. September 2001 lieferten einen Freibrief, um mit der „Schlacht des Jahrhunderts“ zu beginnen. Wenige Wochen nach dem 11. September begann der Krieg gegen Afghanistan, danach der gegen den Irak. Die Anschläge leisteten auch jenem bereits in Gang gesetzten Strategiewechsel kräftig Vorschub, den Jahrzehnte lang gepflegten Hass gegen den Kommunismus auf das neue Feindbild Islam zu lenken. Tatsächlich markiert der 11. September den Beginn einer neuen Zeit, die man als Kreuzzug der Moderne oder als modernen Kreuzzug betiteln könnte. Der 11. September lieferte für manche Kreise einen willkommenen Anlass zu einer beängstigenden psychologischen Kriegsführung gegen den Islam. Moralisch, religiös und ideologisch angehauchte Begriffe und Schlagwörter wie „Schurkenstaaten“, „Achse des Bösen“, „islamischer Terrorismus“ und „Kampf der Kulturen“ wurden in den täglichen Sprachgebrauch aufgenommen. Niemand würde auf die Idee kommen, terroristische Gruppen wie die IRA in Irland, die Basken in Spanien, die Roten Brigaden in Italien oder die RAF in Deutschland als christliche Terroristen zu bezeichnen. Aber Terroristen aus den islamischen Ländern, die eine winzige Minderheit bildeten, boten Anlass genug, um den Begriff Terrorismus als Bestandteil einer Religion zu erklären, der mehr als eine Milliarde Menschen angehören.
    In dieser mit Hass aufgeladenen Atmosphäre bedurfte der Krieg gegen Afghanistan keiner besonderen Begründung, zumal die dort herrschenden Taliban freiwillig alle Argumente lieferten, um den Hasspredigern Recht zu geben, die Invasion zu rechtfertigen und sie als Befreiungskrieg erscheinen zu lassen. Allerdings schien es weder den Angreifern noch den Medien erwähnenswert, dass die Taliban im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in den neunziger Jahren finanziell und militärisch reichlich Unterstützung aus den USA und Saudi-Arabien erhalten hatten. Dasselbe galt für Bin Laden, der über Jahre Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA gewesen war.
    Der Krieg gegen Afghanistan war der Auftakt zu dem Versuch einer Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens. Kaum eineinhalb Jahre später kam der Irak an die Reihe. Hier nahm man sogar einen Bruch des Völkerrechts in Kauf. Durch die direkte Fernsehübertragung des Angriffs wurde Millionen Zuschauern das Gefühl vermittelt, an der Invasion beteiligt zu sein. Es waren schockierende Szenen, die um die Welt gingen. Recht vergnügt und begeistert von den Bildern der Nacht über Bagdad, schilderten die amerikanischen Piloten ihre Eindrücke und warfen Bomben ab, wohl wissend, dass jeder Knopfdruck für Hunderte von Menschen den Tod bedeuten konnte. Oben in der Luft verlief alles technisch perfekt, hygienisch, makellos. Was unten geschah, sah man nicht. Die emporragenden Flammen und der Schein des Raketen- und Bombengeschwaders verliehen der Operation ästhetischen Anstrich. Ein Pilot verglich das Bild, das sich ihm bot, mit einem leuchtenden Weihnachtsbaum. Die Beschreibung wurde bewusst gewählt. Der Baum sollte das Christentum symbolisieren, das einen siegreichen Feldzug gegen den Islam führte. Ein moderner Kreuzzug, am Beginn des 21. Jahrhunderts! Es war eine arrogante Demonstration der Macht und zugleich eine Inszenierung der totalen Erniedrigung, als würde sich die Wut von Millionen, die sich inzwischen gegen die islamische Welt aufgestaut hatte, mit einem Schlag entladen.
    Den Hass, der sich hier entlud, bekamen auch wir Angehörige islamischer Länder im Westen zur spüren. Situierte Bürger, die schon seit Jahren und Jahrzehnten hier einen Beruf ausübten und ein bürgerliches Leben führten, gerieten in den Verdacht, zu den „Schläfern“ zu gehören. Damit waren Terroristen gemeint, die von außen betrachtet über jeden Verdacht erhaben waren, die jedoch auf irgendeinen ominösen Abruf hin ihr wahres Gesicht zeigen würden. 
    Die Anschläge gegen das World Trade Center und das Pentagon, dieses apokalyptische Ereignis, löste ein Beben aus, dessen Erschütterungen überall auf der Welt die Menschen aufrüttelten. Aus ihren verstörten, angewiderten Gesichtern war eine Frage zu lesen: In welcher Welt leben wir eigentlich?
    Ich meine, nicht in einer geteilten Welt, sondern, zumindest ökonomisch betrachtet, in einer globalisierten Welt. Für die Konzerne, Banken und Börsenmärkte gibt es längst keine Grenzen und keine Region mehr, die aus ihrem Wirkungskreis ausgeschlossen sind. Aus ihrer Perspektive betrachtet ist jede Aufteilung der Welt in Zivilisierte und Barbaren, Christen, Muslime, Juden anachronistisch. Es gibt heute außerhalb der westlichen Hemisphäre unzählige Menschen, deren äußere Lebensweise sich von denen eines Westeuropäers oder Nordamerikaners in nichts unterscheidet.
    Doch es gibt innerhalb unserer vereinheitlichten Welt auch noch viele gravierende Unterschiede, die nicht übersehen oder verniedlicht werden sollten. Wenn man bedenkt, dass in Afrika Tag für Tag mehr Menschen sterben als bei dem Anschlag in Washington und New York, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Millionen Kinder und Erwachsene Armut, Hunger und Seuchenkrankheiten zum Opfer fallen, dann muss man damit rechnen, dass sich  in Zukunft, wenn sich an dem gegenwärtigen Zustand nichts ändert, die Konflikte weiterhin verschärfen werden. Terroranschläge in größerem Ausmaß sind auch in Zukunft nicht ausgeschlossen. Sie lassen sich weder durch Gewalt und Kriege verhindern noch durch das Schüren von Aversionen und Hass. Im Gegenteil: Die Kriege gegen Afghanistan und den Irak, die Mohammed-Karikaturen, Verbote von Minaretten, Anschläge auf Moscheen oder rassistische Grenzziehungen bringen terroristischen Gruppen und radikalen Islamisten noch mehr Zulauf.

    Die Ungleichheit der Welt

    Was unsere Welt in Wirklichkeit bewegt, ist kein Kampf der Kulturen oder Religionen. Es sind die Umstände, die dazu geführt haben, dass ein Teil der Welt in Wohlstand lebt und die Privilegien einer modernen technisierten Gesellschaft genießt, während der andere Teil von diesem Ziel weit entfernt ist. Der Versuch der Länder der so genannten Dritten Welt, im Kampf gegen den Kolonialismus, durch Befreiungsbewegungen aus dem Rückstand herauszukommen, ist gescheitert. Auch der Versuch, in die Fußstapfen Europas zu treten oder auf sozialistischem Weg den Anschluss an die Industrieländer zu finden, hat zumindest in den meisten Fällen nicht zum erwünschten Ergebnis geführt. Was jetzt, gerade auch in den islamischen Ländern, zu beobachten ist, ist der Versuch, aus der eigenen Geschichte, auch aus der eigenen Religion heraus in Verbindung mit den Errungenschaften und Erfahrungen der fortgeschrittenen Länder Lösungen für die eigene Entwicklung zu finden. Jeder, der zum Beispiel die kritische Auseinandersetzung kennt, die die Intellektuellen und auch aufgeklärte Geistliche mit dem traditionellen Islam führen, weiß, wie tiefgreifend, aber auch qualvoll dieser Prozess ist. Hier sind keine Feindschaften gegen den Westen oder gegen das Christentum festzustellen, sondern eine faszinierende Neugierde und die Lust zu lernen. Statt Feindschaften aufzubauen und immer weiter Hass zu schüren, sollte man im Westen diesem Begehren entgegenkommen. Dabei wird es für die Bewohner des Abendlandes nicht unerheblich sein, zu wissen, dass die Suchenden aus dem Morgenland nicht alles, was sie hier vorfinden, begeistern wird. Sie werden fragen, wie es zu der hier herrschenden sozialen Kälte und Einsamkeit kommen konnte. Sie werden erneut die Frage nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft stellen. Sie kommen nicht mit leeren Händen, auch sie haben Einiges mitzuteilen und Wertvolles zu präsentieren. Die Begegnung ist eine Chance, durch den Dialog und Austausch, Kritik und Selbstkritik, den Radikalen hüben und drüben die Basis zu nehmen.      

    Bahman Nirumand
    stammt aus Iran und lebt seit den sechziger Jahren in Deutschland. Er war einer der Protagonisten der Studentenbewegung und arbeitet heute als Autor und Journalist.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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