Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Eine Generation von Gläubigen
    1991 – 2001 – 2011

    Was hat sich nach den 9/11-Anschlägen in der Welt verändert? In den letzten zehn Jahren wurde Vieles als Folge der Anschläge diskutiert, aber wenig ist geschehen, sieht man von den Kriegen in Irak und Afghanistan ab.

    Um eine Vorstellung von dem geben zu können, was die Anschläge tatsächlich verändert haben könnten, scheint es mir wichtig, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren. Im Folgenden möchte ich von jener Generation West-Deutscher sprechen, für die der 11. September 2001 tief eingebrannte Überzeugungen und Hoffnungen auf grenzenlose Bewegungsfreiheit beendete. Ich spreche von meiner Generation, die beim Fall der Berliner Mauer in ihren Zwanzigern war: Für uns bedeuteten die 1990er Jahre an erster Stelle ein Versprechen auf das Ende der globalen Konfrontation.

    Atomkriegsangst

    In den sechziger Jahren geboren, waren wir Kinder des Kalten Krieges ohne die Option auf ein Ende des Ost-West-Konflikts. Zehn Jahre früher geboren hatte man noch erlebt, wie in allen Familien vom Bau der Mauer gesprochen wurde und konnte sich so auch besser ihr Ende vorstellen. Jene, die dagegen in den siebziger Jahren geboren waren, lebten schon nicht mehr mit der intrinsischen Angst vor dem Kalten Krieg. „Overkill“ war in diesen Jahrgängen kein zentraler Bestandteil des Wortschatzes mehr, während in meiner Generation die Annahme, dass die Menschheit sich selbst mehrfach vernichten könne, eine Konstante war – keine Variable. Dabei spreche ich nicht nur von den Friedensbewegten rechts und links, inner- und außerhalb der Kirchen – auch die Unpolitischen nahmen diese Annahme als Ausgangspunkt. Und es waren sicher nicht nur die unpolitischen 20-Jährigen, die nicht mit dem Ende des Ost-West-Konflikts gerechnet hatten. Man muss sich heute vergegenwärtigen, wie tief der Kalte Krieg uns in den Knochen saß, um nicht zu vergessen, in welcher Euphorie sich Mitteleuropa nach dem Fall der Berliner Mauer befand. Es gab nichts Größeres als das Ende des Kalten Krieges. Wir hatten das Gefühl, einem historischen Umbruch vom Ausmaß der Französischen Revolution beigewohnt zu haben. Müsste ich es auf eine Freiheit reduzieren, die gewonnen wurde, so würde ich „freedom of movement“ nennen. Auf Dauer funktioniert die Kontrolle der Bewegungsfreiheit von Menschen nicht.

    Nahost und Nordafrika

    Das euphorische Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 in Europa war gleichzeitig das letzte Jahrzehnt der Reanimierung der großen postkolonialen Hoffnungen in Nahost und Nordafrika. Im Jahr 2000 sind diese Hoffnungen endgültig verflogen: Der für 1999 anvisierte palästinensische Staat wurde nicht ausgerufen, die Studentenbewegung in Iran niedergeschlagen; Algerien beendete einen Quasi-Bürgerkrieg mit der Festigung des „militärisch-industriellen Komplexes“ unter Abd al-Aziz Bouteflika (wobei mit „industriell“ hier der Energiesektor gemeint ist, nicht die Rüstungsindustrie), und in Ägypten hielt sich ein Mann noch für über ein Jahrzehnt an der Macht. Mit den Anschlägen 2001 ist die Hoffnung auf grenzenlose Freiheit nach dem Ende des Kalten Kriegs schlagartig beendet. Ihre Folge ist die Ausgrenzung von Muslimen unterschiedlichster Herkunft. Die noch junge „Bewegungsfreiheit“ zwischen Ost und West, Nord und Süd ist zu Ende. Damit meine ich nicht an erster Stelle Flughafenkontrollen, Ganzkörperscanner, biometrische Pässe oder Frontex, sondern die geistige Abschottung gegen Muslime aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus. Im Jahr 2011 bedroht dieser Mentalitätenwandel unser eigenes Generationenprojekt einer liberalen Gesellschaft. Wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, welche Kleidungsstücke sie zu tragen haben. Dies ist der Kern einer liberalen Verfassung, die wir zur Nachahmung empfehlen.

    Das vergiftete Erbe der Attentate

    Aber der „öffentliche Diskurs über Europa verlangt zunehmend nach einer kategorischen Klärung von Merkmalen der Zugehörigkeit“, so Ilija Trojanow. Der Schriftsteller sieht bereits einen neuen Konsens etabliert: Europa speise sich nicht aus dem judeo-christlich-muslimischen Kulturerbe. Dass der Islam als eine kulturelle Wurzel des Mittelmeerraums verdrängt werden soll, ist eine der gefährlichsten Langzeitwirkungen der weltweiten Anschläge von al-Qaida und ihrer Sympathisanten. Das vergiftete Erbe der Attentate steigt zehn Jahre später an die Oberfläche. Man muss weder bibel- noch koranfest sein, um zu wissen, dass Abraham Stammvater aller drei Religionen ist. Das neueste, im Westen von den so genannten Islamkritikern betriebene Konstrukt einer christlich-jüdischen Zivilisation, die den Islam herausdefiniert, kann daher dümmer kaum sein. Aber es ist ein Selbstverständnis, das sich verfestigen wird.
    Zur Erinnerung im Jahr 2010 an die anti-jüdische Pogromnacht vom 9. November 1938 schrieb einer der wichtigsten deutschen liberalen Journalisten, Heribert Prantl, in der Süddeutschen Zeitung, dass Muslime heutzutage im Namen einer christlich-jüdischen Tradition ausgegrenzt werden. „Die christliche-jüdische Geschichte“, so sein Kommentar, bestehe aber „vor allem in der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden und in der Verketzerung des Talmud. Und wo es gemeinsame Wurzeln gab, hat die Mehrheitsgesellschaft sie ausgerissen. Wenn Juden anerkannt wurden, dann nach ihrem Übertritt zum Christentum. Und dieses Christentum hat bis in die jüngste Vergangenheit nicht die Gemeinsamkeit der Heiligen Schrift, sondern den Triumph des Neuen über das Alte Testament gepredigt. [...] Die deutsche Politik drückt die alte, früher stigmatisierte Minderheit der Juden an die Brust, um die neue Minderheit, die Muslime, zu stigmatisieren. Die Juden werden missbraucht, um die Muslime als unverträglich zu kennzeichnen“, schließt Prantl. Diese Ausgrenzung gehört zu den Folgen der Anschläge am 11. September 2001. Dass der symbolische Diskurs über Koran, Kopftücher und Minarette strukturelle Merkmale des lang gehegten europäischen Antisemitismus aufweist, hat Wolfgang Benz in den letzten Jahren dargelegt. Der renommierte Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung und einer der Begründer der KZ-Forschung in Deutschland ist dafür heftig angegriffen worden.
    Heute wird „dem Islam“ vorgehalten (man sagt „der Islam“, meint aber die Menschen dahinter), diese Religion stelle als letztoffenbarte der drei Monotheismen immer einen Anspruch auf Überlegenheit (im Übrigen dasselbe Argument, das man auch dem Christentum im jüdisch-christlichen Verhältnis vorgeworfen hat). In Die Welt, einer der meistgelesenen konservativen Tageszeitungen Deutschlands, bezeichnet der niederländische Schriftsteller Leon de Winter den Islam an Weihnachten 2010 als „Kriegsideologie“ und fährt fort: „Unsere auf der Gleichheit aller Menschen gründenden, humanistischen Leitsätze gebieten uns, das Prinzip der Gleichheit so weit zu fassen, dass wir allen monotheistischen Mythologien den gleichen pazifistischen Kern zubilligen. Die Tatsachen belegen, dass das Unsinn ist. Der Islam ist heute die militanteste der drei monotheistischen Traditionen. Er betrachtet das Christentum und das Judentum als Verfälschungen der Botschaft des Gottes Allah, und das ist im Grunde eine aggressive Leugnung dessen, was historisch der Entstehung der islamischen Mythologie vorausgegangen ist. Der fromme Muslim ist somit genötigt, in Christen und Juden Verfälscher und Lügner zu sehen. (Zum Glück weigern sich viele Muslime, diese Aggressivität weiterzutragen – und schwächen damit die Kriegsrhetorik des Islam ab.)“ Vorstellungen von Auserwähltheit sowie der einzigen authentischen Wiedergabe der göttlichen Botschaft finden wir jedoch zu allen Zeiten unter Theologen wie Gläubigen aller drei Religionen wieder. Dies ist nun sicher kein Spezifikum des Islams.

    Jüdisch-muslimische Allianzen

    Wieso haben sich Muslime weltweit nicht stärker von den Attentaten in New York und Washington distanziert? Diese Forderung erschien mir in den Diskussionen der vergangenen zehn Jahre immer unlogisch: Wenn beispielsweise ein militanter Umwelt- und Tierschützer einen Politiker ermordet, erwartet niemand, dass sich Mitglieder von Tierschutzvereinen weltweit von dieser Tat distanzieren. Ebenso wenig gebe es eine Veranlassung für Muslime, sich von den Attentaten in New York und Washington zu distanzieren. Für sie lägen die Attentäter genauso außerhalb ihres Kosmos wie für ihre christlichen und atheistischen Nachbarn.
    In Zeiten steigender Islamophobie kann sich Deutschland glücklich schätzen, einen Generalsekretär wie Stefan J. Kramer an der Spitze des Zentralrats der Juden zu haben: Während deutsche Medien den Mord an der Ägypterin Marwa el-Sherbiny in einem Dresdener Gerichtsaal kaum berichtenswert finden, fährt Kramer nach Dresden, um der Familie sein Beileid auszusprechen. Zur Attacke schreibt er: „Ich bin nicht nach Dresden gefahren, weil ich als Jude Angehöriger einer Minderheit bin. Ich unternahm die Reise, weil ich als Jude weiß: Wer einen Menschen wegen dessen Rassen-, Volks- oder Religionszugehörigkeit angreift, greift nicht nur die Minderheit, sondern die demokratische Gesellschaft als Ganzes an." Stefan Kramer wundert sich über das geringe Medieninteresse an dem Mord und das breite Medienecho, das sein Kondolenzbesuch bei ihrem Ehemann auslöste. Zwei Wochen nach dem Mord ließ die liberale Wochenzeitung Die Zeit vier Redakteure einen gemeinsamen Artikel verfassen, um zu erklären, warum der Vorfall im Gericht mental von Politik und Medien marginalisiert worden war, und um über die Wahrnehmungsschwäche sowie Mitverantwortung der Medien zu sprechen.
    Es gibt eine Reihe von jüdischen Intellektuellen in Deutschland wie Stefan Kramer, Almut Sh. Bruckstein Coruh (Professorin für jüdische Studien in Hamburg), Salomon Korn (Vizepräsident des Zentralrats der Juden), Irene Runge und weitere, die zu einer neuen Liaison zwischen Juden und Muslimen aufrufen. Sie sind diejenigen, die sich in Deutschland gegen ein Kopftuch- und Moschee- bzw. Minarettbauverbot aussprechen. Sie prangern die zunehmende Islamophobie in Deutschland an und üben öffentliche Solidarität mit muslimischen Opfern tätlicher Übergriffe, wo andere schweigen. Ich will nicht behaupten, dass es nicht auch europäische „Hassprediger“ gegen den Islam gibt – meist säkularer Provenienz –, aber ich will an dieser Stelle jene hervorheben, die weniger Geschichtsvergessenheit an den Tag legen und für judeo-muslimisch-christlichen Beistand werben – sei er nun religiös oder kulturell definiert. Irene Runge vom Jüdischen Kulturverein Berlin schreibt, dass nach dem 11. September mehr Nähe zu muslimischen Gruppen in Deutschland entstanden sei. Almut Bruckstein sieht, wie „jüdische und islamische, jüdische und arabische Gemeinsamkeiten verschwinden inmitten des israelisch-palästinensisch-arabischen Kriegs.“ Der jüdische Staat sei „trotz aller neuen Historiker und israelischen Post-Zionisten heute nicht der Ort für ein solches offenes Experimentierfeld. Stattdessen denke man an eine Europa-Werkstatt mit dem Ziel der Renaissance jüdischer und islamischer kosmopolitischer Bildungstraditionen“, so die Initiatorin und Direktorin von ha’atelier – werkstatt für philosophie und kunst, einer internationalen Plattform für jüdisch-muslimische Kooperationen in Philosophie, Wissenschaft und Kunst. Diese Plattform wurde 2001 gegründet. ha’atelier versteht sich als „nomadische Fakultät“ und hat sich die Renaissance jüdischer und islamischer kosmopolitischer Traditionen zum Ziel gesetzt. Aus einem solchen Zusammenschluss könnte eine positive Vision zehn Jahre nach den Attentaten vom 11. September 2001 entstehen, die uns weiter bringt als nur in den status quo ante.

    Underdog-Perspektive?

    Man kann viele Ursachen historischer wie politischer Art dafür anführen, dass die muslimische Welt allzu häufig einen wenig selbstkritischen Opferdiskurs führt. Auch ich habe zu vielerlei Gelegenheiten versucht, seine Genese zu erklären sowie Einblicke in die Sichtweise aus der muslimischen „Underdog-Perspektive“ zu geben. Trotzdem würde ich dazu auffordern, dass die muslimische Welt diesen Opferdiskurs gegen alle Vernunft und Widerstände aus den eigenen Reihen ablegt. Sie sollte sich dem „Bündnis gegen Juden und Kreuzfahrer“ entgegenstellen, die ihren Glauben usurpieren und vorgeben, im Namen der muslimischen Gemeinschaft zwischen Marokko und Pakistan zu sprechen. Al-Qaida und seine Brut nehmen den Muslimen ihre Religion. Vor dem Hintergrund, dass Islamophobie in westlichen Gesellschaften zu einer Mehrheitshaltung werden könnte, sollten sie sich dagegen wehren und Verbündete suchen.

    Sonja Hegasy
    ist Vizedirektorin des Berliner Zentrums Moderner Orient und Vorsitzende des Beirats Wissenschaft und Zeitgeschehen des Goethe-Instituts.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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