Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die unsichtbare Mauer der Trennung – Ein Plädoyer für Kultur anstelle von Konfrontation

    Der 9/11-Angriff ist nur ein Ereignis in einer langen Reihe von Konflikten, die von Generation zu Generation weitergereicht werden und immer mehr Mauern zwischen den Menschen entstehen lassen.

    Als das Fernsehen die Bilder der terroristischen Flugzeugangriffe auf die New Yorker Wolkenkratzer ausstrahlte, saß ich neben meiner Mutter. Sie war gerade aus dem Iran angekommen und hatte meinen kranken Vater mit Mühe und Not für dieses langersehnte Wiedersehen mitgebracht.
    Wir saßen zusammen und unterhielten uns, während ich sie nach all den Jahren des Getrenntseins nicht aus den Augen ließ. Ich hatte den Fernseher leiser gedreht, um meiner Mutter zuzuhören, aber die Bilder waren derart erschreckend, dass sie sagte: „Sag mal, ist da was passiert?“ Ich lachte: „Nein, bestimmt ist das die Vorschau für einen neuen Kinofilm.“ „Aber die haben diese Szene nun schon zum dritten Mal gezeigt. Ich glaube, es ist was passiert.“
    Ich drehte den Ton auf und hörte: „Eine Katastrophe… eine Katastrophe…“ Und die Bilder, die sich ständig wiederholten, haben sich für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt: Die Flugzeuge, die in das Herz der beiden Wolkenkratzer rasten und sie einstürzen ließen, bedeuteten das Ende eines historischen Zeitalters.
    Meine Mutter sagte: „Die Welt ist unsicher und gefährlich geworden. Hoffentlich können wir zurückfliegen.“
    Und jene Reise war die erste und letzte, in der ich meinen Vater nach jahrelangem Exil wiedersah. Heute ist er nicht mehr unter uns, aber seine Stimme klingt in mir nach; das letzte Mal, als wir miteinander telefonierten, sagte er: „Ich ertrage die Trennung von dir nur schlecht, aber solange die hier sind, komm’ besser nicht zurück.“ Und jedes Mal, wenn ich meine Mutter darum bitte, nach Deutschland zu kommen, sagt sie: „Die Welt ist unsicher und gefährlich geworden, was soll ich denn dort?“
    Ich vermisse meine Mutter. Ich habe sie seit zehn Jahren nicht gesehen. Mein Vater ist gestorben und ich konnte nicht dort sein. Es fühlt sich an, als hätte ich den Abflug verpasst und säße nun hinter der Mauer fest. Ich sehe, dass gewisse Menschen die Welt unsicher und gefährlich wollen. Sie haben das Wohlergehen und das Schicksal der Menschen einem riskanten Abenteuer überlassen. Die ersten spürbaren Folgen des Terrorismus sind für mich die beeinträchtigten Reisen und der Abbruch der Beziehungen zueinander.
    Die Katastrophe war nicht nur für die New Yorker kummervoll. Sie ging für alle Menschen der Welt teuer aus. Vorbei sind die Zeiten, in denen Ereignisse und Tragödien einzelner Länder nur dem jeweiligen Volk gehörten und in denen die Nachrichten, sofern sie andere Länder überhaupt erreichten, ein gewisses Mitgefühl und Beleid erregten. Heute ist jeder Mensch bei jedem Ereignis auf der Welt sowohl Teilnehmer als auch Leidtragender. Im Jahr 2006 erhielt ich von einem Londoner Literaturinstitut die Einladung zu einer Lesung und einem Vortrag. Ankündigungen und Werbung für die Veranstaltung waren schon im Umlauf und ich war auf dem Weg, als mir am Flughafen die Einreise verboten wurde. Sie sagten mir, ich bräuchte ein Visum. Und ich hatte geglaubt, man könne mit einem Reisepass für Flüchtlinge wenigstens innerhalb Europas problemlos reisen. Aber mir wurde klar, dass ein Flüchtlingspass ein Ausweis für Menschen zweiter Klasse ist. Und mir wurde ebenso klar, dass der Pass selbst auch eine Mauer ist.
    Dabei sehe ich, dass Terroristen die Möglichkeit haben, mit gefälschten Pässen überall in der Welt herumzureisen und sich niederzulassen. Ein Intellektueller, ein politischer Flüchtling jedoch, besonders wenn er aus dem Mittleren Osten stammt, trägt immer das Schwarz seiner Haare mit sich sowie seinen Akzent.
    Wir haben uns daran gewöhnt, vielerlei Dinge zu ertragen, aber noch immer können wir uns nicht daran gewöhnen, als Menschen zweiter Klasse angesehen zu werden. Vielleicht werden schon in naher Zukunft alle Menschen amtlich der Klasseneinteilung unterliegen, wer weiß? Wie sind diese Missstände über uns hereingebrochen? Weshalb ist „diese Welt unsicher und gefährlich geworden“? Und warum sind so viele Mauern um das Leben eines jeden errichtet worden?

    Die unsichtbare Mauer

    Eine der nachhaltigen Folgen des Zweiten Weltkrieges war – neben den Ermordungen und Zerstörungen – die Berliner Mauer. Ein Resultat, das aus Angst vor erneuten Kriegen zustande kam und sich zwischen die Menschheit drängte, um sie zu entzweien. Das Resultat der Katastrophe vom 11. September 2001 ist eine unsichtbare Mauer, die zwischen den Völkern errichtet wurde. Einen großen Teil dieser Mauer sehen wir nicht, doch an Flughäfen können wir sie erleben. Sie ist überall. Ich fühle sie.
    Das Vertrauen und der gegenseitige Respekt sind in sich zusammengefallen. Dieser Zustand hat sich zu einer neuen Gewohnheit entwickelt: das Leben zwischen undurchdringlichen Mauern.
    Seit jeher hat man aus Angst Mauern errichtet, als gäbe es keine andere Möglichkeit. Eines Tages errichteten sie aus Angst vor dem Kommunismus die Taliban und zahlten einen hohen Preis dafür. Doch die Mauer der Taliban hat nichts gegen den Kommunismus verwirklichen können. Ob es sie gab oder nicht, war für den Kommunismus ohnehin nicht von Bedeutung oder Wert. Sie hat lediglich den Afghanen im wahrsten Sinne das Rückgrat gebrochen und viele ihrer einzigartigen Kulturgüter zerstört. Sie hat die Kultur, Literatur und Kunst des Landes auf die Knie gezwungen und zahlreiche Leben und Reichtümer in Brand gesteckt.
    Die Taliban sollten als Mauer gegen den Kommunismus dienen, aber sie entwickelten sich zu einer Bedrohung für die Menschheit. Der Mauer wuchsen Beine und sie fing an zu laufen, und dann schlug sie ihre Flügel auf und setzte zum Flug an, und in dem Augenblick, als sie für ihren Schöpfer zu Gefahr und Schrecken wurde, und in dem die Tragödie alle Grenzen überschritt und der Rauch aus dem Haupte New Yorks aufstieg, kam ihnen eine neue Mauer in den Sinn.
    Die Taliban haben über zwölf Jahre lang das afghanische und pakistanische Volk massakriert, doch keiner kam ihnen zu Hilfe. Erst als ein Funke dieses Feuers in ihr eigenes Haus sprang, legten sie Hand an. Sie stellten sich dagegen auf und zum wiederholten Male spielte sich das altbekannte Szenario ab: der Mauerbau.
    Aus Angst vor den Taliban erwuchs unter dem Vorwand des 11. September eine Mauer aus Feuer. Aber machen wir uns nichts vor: In Wahrheit war dies eine Mauer aus Fleisch und Blut und hochgekochten Emotionen. Amerikanische und europäische Soldaten dienten nun als Mauer gegen die Taliban. Dort befindet sich nun der Schauplatz eines trügerischen Krieges, der nach zehn Jahren immer noch nicht auf den Abriss der alten Mauern hoffen lässt. Sobald der Westen von dem Abzug seiner Truppen spricht, erzittern die Seelen der Afghanen. Seit Jahren liegt ihr Leben in den Händen amerikanischer und europäischer Soldaten, ohne dass sie die Zügel gegen die blinden Angriffe der alten Mauern selbst in die Hand nehmen könnten.
    Acht Jahre lang hat der Iran-Irak-Krieg beide Völker zermürbt, verletzt und erschöpft. Jahrelang war der Mittlere Osten eine verstaubte Abstellkammer. Doch als sie die drohende Gefahr spürten, die von Saddam Hussein ausging, kam ihnen wieder eine Mauer in den Sinn. Und wieder ist da eine Mauer aus Fleisch und Blut und Emotionen. Tausende Soldaten gehen in einem Sumpf aus Krieg, Blut und Terror unter. Sie kämpfen vom Irak aus seit Jahren mit dem iranischen Regime und beide Seiten versuchen ihre Macht zur Schau zu stellen, ohne jemals zu einem wünschenswerten Ergebnis zu gelangen. Wenn die Mauern die Lösung wären, warum haben sie dann die Mauern und Grenzen in Europa abgeschafft? Europa hat doch nach jahrelanger Arbeit und dem Bemühen um Demokratie gelernt, dass Grenzen und Mauern nichts als Distanz und Entfremdung erzeugen, und dass das friedliche und respektvolle Miteinander der Kulturen die Gesellschaft von Monotonie und Stagnation befreit. Und darüber hinaus führt der gegenseitige Respekt unter Nachbarn die Völker zu unschätzbarem Vertrauen.

    Der Krieg wird an die nächste Generation vererbt

    Doch für den Mittleren Osten wird seit Jahren ein altes Rezept verschrieben, denn der Mauerbau findet dort noch einen Absatzmarkt. Was ist denn im Übrigen das Ziel der Mauern und Kriege? Kämpfen sie denn des Friedens wegen? Ist denn der Krieg der günstigste und naheliegendste Weg zum Frieden? Wissen Sie von einem Krieg, der den Weg zum Frieden freimachte?
    Der Balkan-Krieg war ein blanker Spiegel für alles, was Krieg und Frieden angeht. Diejenigen, die im Ersten Weltkrieg Menschen aufgespießt hatten, rechneten nicht damit, dass es eines Tages auch ihren eigenen Kindern und Enkelkindern so ergehen würde. Man möchte meinen, dass die eine Generation ihren Kindern die Geschichten über Gräueltaten so oft erzählt hat, dass diesen später nichts anderes übrig blieb, als es ihren Vorgängern gleichzutun.
    Wir irren uns, wenn wir glauben, dass das Ergebnis der Kriege letztlich Frieden sein wird. Kriege bringen neben Mord, Zerstörung und Dunkelheit auch immer Mauern mit sich. Die Folgen des Balkan-Krieges zeigten sich in den vielen Mauern zwischen den Menschen und den immerwährenden Feindschaften, die sich in ihren Herzen verhärteten. Und so wurden sie in zwei Lager aufgeteilt: das Lager der Besiegten und das Lager der Sieger.
    Der Iran-Irak-Krieg ist seit vielen Jahren beendet, und mit ihm ist der Brand erloschen. Vieles aus diesem Krieg ist jedoch im Gedächtnis der beiden Länder lebendig und präsent geblieben: Abertausende Opfer und abertausende Invalide, Einschnitte und Rückstände in der Wirtschaft, grenzenlose Zerstörungen und die immerwährenden Feindschaften. Und ebenso fest im Gedächtnis verankert sind die Länder, die beide Fronten mit chemischen Waffen und anderen Massenvernichtungswaffen unterstützten. Diese Erinnerungen werden sich nicht aus dem Gedächtnis der Menschen vertreiben lassen. Eine Neuerscheinung dieses Krieges bestand darin, dass beide Regierungsführer den Krieg verherrlichten und ihm Heiligenscheine aufsetzten. Nie zuvor hatte ich davon gehört oder gelesen, dass man einen solchen Krieg derart verherrlichte. Ayatollah Khomeini pflegte zu sagen: „Der Krieg ist ein Geschenk.“ Aber war es wirklich ein Geschenk, dass unsere künstlerischen Werke nun keine Genehmigung zur Veröffentlichung finden? Nur weil wir des Krieges überdrüssig sind? 20 Jahre sind vergangen und noch immer dürfen unsere Werke nicht veröffentlicht werden. Man möchte meinen, die Künstler waren nur dazu auserkoren, die Kriegstrommeln zu schlagen.
    Der Dokumentarfilm „Ultra-Zionismus“ zeigt, wie schon Kleinkinder zum Krieg ausgebildet werden. Man sieht, wie ihnen Feindseligkeiten und Rachegelüste anerzogen werden. Dort, auf jenem Boden, sind Steine wohl nur dazu erschaffen worden, um von palästinensischen Kindern auf die Autos der Juden geschmettert zu werden, und die Kugeln nur dazu, um auf palästinensische Kinder abgefeuert zu werden.
    Angesichts von Gefahr und Angst stellt der Westen wohlwollend und tollkühn Bomben, Kriegswaffen und Soldaten zur Verfügung, aber leider hat er kein einziges Mal auf die Kraft der Kunst und auf das kulturelle Potenzial der Länder gesetzt.
    Ich lebe seit 15 Jahren in Deutschland und kann mit jedem Tag aufs Neue bezeugen, dass dem deutschen Staat immer Angst und Bange wird, wenn es an die finanzielle Förderung der Künste geht. Doch eben dieser Staat schickt Soldaten und Kriegswaffen in den Balkan, den Irak und nach Afghanistan. Warum? Etwa um einerseits seine Waffen auf den Basar zu bringen? Oder um andererseits nach Beendigung der Kriege in jenen Ländern Straßen und Brücken zu bauen?

    Bücher anstelle von Bomben

    Wenn die USA statt der Bomben zwölf Jahre lang Bücher, Filme und Musik auf Afghanistan hätte streuen lassen, könnten sie heute schon Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken. Und wenn der Iran in den letzten 30 Jahren statt auf der Atombome und der Kernkraft zu beharren, kulturelle Bemühungen erbracht hätte, dann befände sich heute der gesamte Mittlere Osten und somit ein Teil der Welt unter seinem Schutz. Stattdessen haben sie sich ängstlich hinter die Kernkraft geflüchtet und eine Mauer errichtet, um diese Angst zu überwinden. Doch die Mauer ist schon dabei, ihr Unwesen zu treiben.
    Die Erfahrung hat gezeigt, dass überall, wo Angst herrscht, auch unverzüglich das Szenario des Mauerbaus stattfindet. Und ebenso sagt uns die Erfahrung, dass uns die Logik des Krieges und der Aggression nur zu Krieg und Aggression führt. Terror führt zu Terror; ob der Terror eines afghanischen Kindes, oder der Terror einer palästinensischen Familie, oder der Terror an der Londoner U-Bahn. Was für einen Unterschied macht es? Einige wenige wollen mit dieser heutigen Logik das Leben in Bedrängnis bringen, aber wir dürfen ihnen nicht in derselben Sprache antworten. Wir sollten auf unsere Art Bäume pflanzen. Die Welt dürstet nach kultureller und künstlerischer Aktion. Und die Kunst ist das einzige Mittel gegen diese scheinbar unheilbare Krankheit.

    Abbas Maroufi
    wurde 1957 in Teheran geboren. Im Westen wurde er durch sein Buch Symphonie der Toten bekannt. Nachdem er in seiner Heimat politisch verfolgt worden war, kam er nach Deutschland, wo er seit 1996 im Exil lebt. Er ist Leiter eines Iranischen Kulturzentrums in Berlin.

    Übersetzung: Maryam Tiouri
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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