Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Die arabische Musik und ihre Entwicklung
    Ein Überblick

    Die arabische Musik lässt sich grob in zwei Arten unterteilen, die sich klar voneinander abgrenzen lassen: die Volksmusik und die sogenannte klassische Musik. Der vorliegende Beitrag ist eine leichtverständliche Einführung in die Grundlagen der arabischen Musik.

    Die arabische Musik lässt sich grob in zwei Arten unterteilen, die sich klar voneinander abgrenzen lassen: die Volksmusik und die sogenannte klassische Musik. Die Volksmusik ist von Ort zu Ort und von Land zu Land sehr unterschiedlich und bleibt an die jeweilige Region gebunden. Die klassische Musik wird wiederum in zwei große Bereiche aufgeteilt, in die religiöse und weltliche Musik; dabei ist die weltliche Kunstmusik sehr umfangreich und trotz der unterschiedlichen ästhetischen Ausdrucksformen in den verschiedenen arabischen Regionen insgesamt sehr homogen.

    Schon im neunten Jahrhundert war die arabische Musik weit entwickelt. Zur damaligen Zeit besaßen die Araber bereits ein umfangreiches Musikrepertoire, eine schriftlich notierte Musikgeschichte und gut ausgebildete Musiker und Sänger, die das Musikleben an den Höfen belebten. In der arabischen Musik setzt sich die Tonleiter wie die westliche aus Tönen und Halbtönen zusammen, kann sich aber auch in Vierteltonschritten bewegen. Während in der europäischen Musik der Halbtonschritt das kleinste Intervall darstellt, sind in der arabischen Musik also noch wesentlich kleinere Tonschritte möglich. Das ist es, was den typischen Klang arabischer Musik ausmacht: Töne werden immer wieder auf leicht variierte Art umspielt, ohne dass dadurch der Grundton aus dem Blickfeld des Musikers gerät.

    Zwei der wichtigsten Gemeinsamkeiten der arabischen Musik insgesamt sind ihre Lust an der Improvisation und das Überwiegen melodischer Formen. Eine Melodie wird   meist  von einer Solostimme vorgetragen, die auch von einem Chor begleitet werden kann. Polyphonie, wie man sie von westlichen Orchestern gewöhnt ist, gibt es in der arabischen klassischen Musik nicht.

    Grundlage der arabischen Musik ist der „Maqam“ oder Modus. Der Begriff „Maqam“ bedeutet ursprünglich „Podest“, „Stufe“ oder einfach „Standort“. Er wurde auch als Bezeichnung für eine Versammlung verwendet, in der man Gedichte rezitierte, später nannte man auch die musikalische Veranstaltung Maqam. In der Theorie der klassischen arabischen Musik bezeichnet der Maqam die Stimmung einer arabischen Tonleiter, vergleichbar den alten Kirchentonarten oder den beiden Modi Dur und Moll in der europäischen Musik, wobei die einzelnen Tonschritte – wie schon erwähnt – in kleineren als Halbtonschritten verlaufen können. Die arabische Musik kennt allerdings mehr als zehn Modi. Was den Maqam als vollständiges  Musikstück außerdem von einem europäischen unterscheidet, ist die Möglichkeit, ihn rhythmisch völlig frei zu gestalten und zu variieren. Das ist in der europäischen Musik kaum möglich. Hier ist ein bestimmter Takt vorgegeben, dessen Melodie jedoch frei variiert werden kann.

    Die Maqamat

    Viele Musiker und Musiktheoretiker der arabischen Welt ordnen bestimmte Maqamat spezifischen Gefühlslagen zu: So wird beispielsweise Trauer häufig durch die Maqamat Hidjaz und Saba zum Ausdruck gebracht. Die faszinierende Schönheit der Geliebten und all ihre Vorzüge umspielt meist der Maqam Bayati.

    Die arabische Musik misst sich nicht an technischer Perfektion, sondern daran, wie intensiv und emotional aufgeladen der Ton, das Gefühl, die Verzierungen, das Spiel und der Gesang vorgetragen werden. Der westliche Musiker übt sein ihm in Noten vorliegendes Stück so oft, bis er es perfekt spielen und interpretieren kann. Der klassische arabische Musiker dagegen findet den Zugang zur Musik nur durch ihre „Seele“ und durch das, was sie in ihm anregt. Wenn er diese „Seele“ erreicht, bewältigt er alle Schwierigkeiten. Hier bedarf es also sehr viel eigener Initiative des Interpreten. Er improvisiert und bleibt nicht bei der Grundform seines Musikstücks, sondern variiert es, je nach Tageszeit oder Anlass; denn das gleiche Stück kann sich, mittags oder nachts gespielt, ganz anders anhören, weil es dann in einer ganz anderen Stimmung vorgetragen wird.

    Das hat weitgehende Konsequenzen: Die klassische europäische Musik wurde in Noten geschrieben, was in der klassischen arabischen Musik bis heute nicht der Fall ist. Denn ein und derselbe Maqam wird immer wieder auf die eine oder andere Art und Weise improvisiert.

    Eine der wichtigsten Formen der klassischen Musik im Osten der arabischen Welt ist die Waslat. Sie besteht aus einer Reihe von Kompositionen und improvisierten Instrumental- und Vokalstücken, die alle in ein- und derselben Maqamreihe gespielt werden. Die Waslat beginnt immer mit einem Instrumentalstück, das eine Sama'i oder ein Baschraf sein kann. Beide Formen werden vom gesamten Orchester gespielt, ähneln sich formal, unterscheiden sich jedoch rhythmisch. Man könnte sie mit einer Ouvertüre in der europäischen Suite vergleichen. Zwischen den einzelnen Liedern der Waslat werden Taqsim gespielt, Solostücke für nur ein Instrument, bei denen die einzelnen Solisten ihr ganzes Improvisationstalent darstellen können. Danach folgt eine Gruppe von bis zu acht Vokalstücken, die von Instrumenten begleitet werden. Die Texte der Lieder sind meistens alte Gedichte, zumeist aus dem Mittelalter, die zu einer vorgegebenen Melodie geschrieben wurden.

    In den nordafrikanischen Ländern hat sich eine andere Form der klassischen Musik etabliert: die Nouba. Sie ist eine spezielle, groß angelegte musikalische Form der arabisch-andalusischen Musik. In den Städten der Maghreb-Länder Marokko, Tunesien, Algerien und Libyen hat sich die Nouba bis heute in ihrer charakteristischen Form erhalten. Die Nouba ist eine bedeutende musikalische Großform, vergleichbar der europäischen Suite. Sie besteht im Allgemeinen aus fünf Teilen, Mizan genannt, die jeweils durch eine spezielle rhythmische Grundformel charakterisiert sind. Die einzelnen Teile tragen den Namen dieser rhythmischen Formeln. Die Nouba setzt sich aus verschiedenen musikalischen Themen zusammen, die nicht miteinander verarbeitet werden, wie es in der europäischen Musik häufig der Fall ist; sie bilden aber stilistisch und melodisch, ähnlich wie in der europäischen Suite, eine Einheit.

    Gesang und Poesie

    Zentraler Ausgangspunkt der arabischen Musik ist der Gesang. Die arabische Musiktradition kennt kaum Musik ohne Gesang. Musik und Poesie sind so eng miteinander verwoben, dass es bis heute schwer fällt, die Komponisten in der arabischen klassischen Musik ausfindig zu machen. Wir kennen oft nur die Namen der Sänger und Dichter. Wenn überhaupt reine Instrumentalstücke gespielt werden, so meistens als Einleitung zum Gesang. So haben sich polyphone Elemente, die typisch für die europäische Musik sind, kaum durchsetzen können.

    Die Person der Sängerin oder des Sängers steht ganz im Mittelpunkt der Musikgruppe und hat eine enorme Aufgabe zu bewältigen. Sie muss nicht nur sängerisches Talent besitzen, sondern auch eine kräftige, schöne Stimme, die in der Lage ist, einen Gegenpart zum Orchester darzustellen. Das musikalische Erlebnis, das eine Sängerin oder ein Sänger mit ihrem Ensemble den Zuhörern vermittelt, wird in der arabischen Welt als „Tarab“ bezeichnet. Der Begriff bedeutet Erheiterung, Ekstase oder auch Rausch. Er ist eine Stimmung, die durch den Gesang und die Musik entsteht und in ein fast rauschhaftes Glücksgefühl mündet. Der Tarab kann das gesamte Publikum mitreißen, manchmal weinen oder stöhnen die Zuhörer vor Schmerz, wenn die Sängerin gerade ihre verlorene Liebe besingt. Andere Zuhörer springen auf und jubeln den Künstlern lautstark zu. Der Intensitätsgrad des Tarab hängt in erster Linie von der Stimme und der Vortragsweise der Sängerin oder des Sängers ab. Je nach Temperament, Stimmung und Anlass nimmt der Sänger oder die Sängerin sich nicht nur die Freiheit der künstlerisch schöpferischen Interpretation, sondern improvisiert tatsächlich.

    Der Werdegang eines Gesangskünstlers ist in der Regel durch eine gründliche Ausbildung in Koranrezitation nach den traditionellen Regeln des Gesangs geprägt. Es gibt kaum einen Sänger, der es später zu Ruhm gebracht hat, der nicht durch die harte Schule der Koranrezitation gegangen wäre, denn der musikalisch modulierte Vortrag der Suren gehört zum kulturellen Erbe der klassischen arabischen Musik. So wie viele europäische Sänger, die sich auf die Barockmusik konzentrieren wollen, sich ausführlich mit den Kirchengesängen der Renaissance und des Barock beschäftigen, so wählen auch viele arabische Sängerinnen und Sänger der klassischen arabischen Musik den Weg über die Koranrezitation. Deshalb trugen fast alle bekannten Sänger und Musiker bis in die fünfziger Jahre hinein den Titel „Scheich“, der in diesem Fall einen geistlichen Würdenträger bezeichnet.

    Das traditionelle Orchester für klassische Musik, „Al Tacht“ genannt, besteht aus den drei Hauptinstrumenten, Oud, Qanoun und Nay, die später durch die arabische Violine, die Kamanija, ergänzt wurden. Die Oud, die arabische Kurzhalslaute, liefert in der arabischen Musik sowohl den Rhythmus als auch die Melodie. Sie wurde von vielen arabischen Dichtern gefeiert und ist die Grundlage der arabischen Musiktheorie. Dazu kommt das Qanoun. Es ähnelt einer Zither, verfügt jedoch über verschiebbare Stege, die es erlauben, zahlreiche Mikrointervalle zu erzeugen. Es besitzt 78 Saiten, sein Name bedeutet soviel wie „das Gesetz“ – ein Ausdruck des pythagoreischen Denkens –, der eine Verbindung zwischen den Intervallverhältnissen allgemein, insbesondere in der Musik, und der Beschaffenheit des Kosmos herstellt. Die Nay ist das einzige Blasinstrument, das in der klassischen arabischen Musik eingesetzt wird. Ihr Klang erinnert das europäische Ohr an den einer Panflöte. Die Nay ist ursprünglich ein Holzrohr mit insgesamt sieben Löchern. So ist sie in der Lage, die reine orientalische Tonfolge zu spielen, anders als zum Beispiel das Klavier und die Orgel, auf denen man keine Vierteltöne spielen kann. Zusätzlich besteht das Ensemble aus verschiedenen Rhythmusinstrumenten wie Daf, Darbouka und Riq.

    Die Begegnung mit westlicher Musik

    Die klassische arabische Musik wurde in der persischen Kultur und in den islamischen Reichen der Araber und Osmanen über Jahrhunderte gepflegt und überliefert. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie – vorwiegend durch die englische Kolonialpolitik – mit westlicher Musik konfrontiert und absorbierte dabei zunehmend neue Elemente. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges mit seinem aufkommenden Nationalismus besann man sich jedoch wieder stärker auf die eigenen Wurzeln der Musik. Vor allem die Ägypter nutzten die Chance, aus der klassischen arabischen Tradition eine neue Musik zu entwickeln.

    1932 wurde das erste internationale Treffen arabischer Musik in Kairo abgehalten. Die arabische Musik erlebte eine Art der Wiedergeburt. Dieser Kongress wird bis heute als eine der wichtigsten Stationen in der Entwicklung der jüngsten arabischen Musikgeschichte angesehen. Zahlreiche Musiker und Musikwissenschaftler aus der gesamten arabischen Welt, aus der Türkei, Persien und aus Westeuropa trafen sich hier zum ersten Mal, um sich ausführlich mit der arabischen Musik zu beschäftigen und sich im interkulturellen Dialog auszutauschen.

    Wichtige Persönlichkeiten aus aller Welt waren eingeladen: bekannte Musikkritiker und Komponisten wie Bela Bartok, Paul Hindemith oder Henri Rabaud; Musikologen wie Erich Moritz von Hornbostel, Robert Lachmann oder Curt Sachs, Orientalisten wie Henry George Farmer oder Alexis Chottin. Erschienen waren auch namhafte Musiker der arabischen Kunstmusik, wie zum Beispiel Sami Shawwa aus Aleppo oder Muhammad Abd al-Wahhab aus Ägypten. Berühmte Dichter waren ebenfalls zu Gast. Und natürlich traten auch die damals  bekanntesten Musikgruppen der klassischen arabischen Musik auf, die aus Syrien, dem Irak, dem Libanon und Ägypten sowie aus Marokko und Tunesien angereist waren.

    Der Kongress machte den Weg frei für einen neuen Typus von arabischer Musik: Sie war sicher verankert in ihren einheimischen Traditionen und hatte ihren eigenen Ausgangspunkt wiederentdeckt. Gleichzeitig hatten arabische Musiker und Komponisten viel Bewegungsfreiheit hinzugewonnen. Ihre auf die Moderne gerichtete Orientierung, die neue Methoden und Techniken sehr bald integrierte, wurde von vielen als Erweiterung der musikalischen Möglichkeiten angesehen. Umgekehrt wurde in der modernen europäischen Musik nicht nur die alte Kunst der Vierteltöne aus dem Orient übernommen, sondern auch die Vielfalt der Rhythmen und Klangfarben.

    Wichtigstes Thema auf dem Kongress war die Einführung westlicher Instrumente in die arabische Musik. Das Thema hat für viele Diskussionen gesorgt, denn es bedeutete, dass man die arabische Tonleiter hätte verändern müssen. Es gab Befürworter, die darin eine Chance sahen, die arabische Musik zu erneuern, mehr Harmonie und die Polyphonie einzuführen, aber auch das Orchester zu erweitern. Es gab aber auch Gegner. Sie befürchteten, die Identität der arabischen Musik ginge dadurch verloren. Sie argumentierten, dass die westlichen Instrumente nicht dazu geeignet seien, den für die arabische Musik typischen Viertelton wiederzugeben. Mit der Zeit hat sich dennoch gezeigt, dass eine Fusion dieser Instrumente möglich war. Es gab sogar Musiker, die ein besonderes Klavier bauten, das in der Lage war, einen Viertelton erklingen zu lassen. Die Befürworter argumentierten, dass viele inzwischen in Europa ausgearbeitete Ideen und Instrumente ursprünglich aus dem Orient stammten. Vor Jahrhunderten waren sie nach Europa gekommen und kehrten nun wieder in veränderter Form in die arabische Kultur zurück.

    Die Rabab zum Beispiel, eine Vorform der Violine, war aus dem arabischen Kulturraum nach Europa gekommen, wo man sie im Tonumfang und in der Klangqualität erheblich verbesserte. Bereits im 17. Jahrhundert begannen einige arabische Musiker und Komponisten, die europäische Violine in das arabische Musikensemble einzuführen, um die Rabab zu begleiten. Im 19. Jahrhundert war die Rabab weitgehend ersetzt durch die Violine, die einen hörbar schöneren Ton hervorbrachte. Moderne arabische Musiker benutzten sie im 20. Jahrhundert bereits ganz selbstverständlich. Dadurch wurde die Violine als erstes europäisches Instrument in die arabische Kunstmusik eingeführt. Dennoch nahmen die Komponisten gerne auch westliche Instrumente, wie zum Beispiel die Violine, das Cello und den Kontrabass, und westliche Harmonien in ihr Repertoire auf. So entstanden die Anfänge der heutigen modernen arabischen Musik. 

    Einflussreiche Sängerinnen und Sänger

    Ein Musiker, der viel für die Erneuerung der arabischen Musik getan hat, ist der Ägypter Sayyed Darwisch. Er wurde 1892 in Alexandria geboren und war der erste ägyptische Musiker, der die Nähe zu den politischen Machthabern nach Möglichkeit mied. Damals stellten in Ägypten noch die osmanischen Paschas die herrschende Schicht; demzufolge lehnte man sich an die türkische Musik an, und auch in die Liedtexte gingen türkische Elemente ein. Darwisch dagegen benutzte kein einziges türkisches Wort in seinen Liedern. Er wird überall als Vater der quasi-klassischen modernen Musik angesehen. Die meisten Lieder, die er damals sang, waren Taktuka, vorwiegend kurze Lieder, die zur Erheiterung und Unterhaltung des Publikums gespielt wurden.

    Mit ihm begann die arabische Musik, sich darauf zu konzentrieren, etwas Inhaltliches zum Ausdruck zu bringen. Sein Verdienst ist es, die arabische Musik zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts revolutioniert zu haben. Insbesondere veränderte er die tradierten musikalischen Formen. Denn vor ihm klang die arabische Musik sehr weich und eintönig und hatte kaum erkennbare rhythmische Strukturen. Dagegen zeigen seine Lieder eine klare Tonführung und eine prägnante Rhythmik. So verwundert es nicht, dass seine Melodien bis heute bei einem breiten Publikum bekannt und beliebt sind.

    In dieser Zeit entwickelten sich auch neue Liedformen, die teilweise unter dem Einfluss des europäischen Musiktheaters und des Films entstanden. Eine dialogisch vorgetragene Liedform war in den dreißiger und vierziger Jahren sehr beliebt. Eine eher monologische Liedform entwickelte sich durch den Einfluss der Opernarie, die den Ägyptern durch die italienische Oper im Kairoer Opernhaus nahe gebracht worden war.

    Eine weitere Musikform, die immer noch gerne gespielt wird und schon im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, ist der Dor. Der Dor wird von einem Sänger und einem Chor getragen und ist stets im ägyptischen Dialekt gehalten. Einer der berühmten Komponisten des Dor in Ägypten zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Zakaria Ahmed. Er schrieb viele Dors, unter anderem auch für Umm Kalthoum, die Grande Dame des arabischen Liedes. Man nannte sie in der arabischen Welt „Kaukab ash-Sharq“, strahlender Stern des Orients.  

    Seit den vierziger Jahren zog Kairo mit seiner riesigen Film- und Musikindustrie wie ein Magnet Künstler, Musiker und Komponisten der gesamten arabischen Welt an. Neue, wichtige musikalische Impulse kamen seitdem aus der Hauptstadt der Musik, wie Kairo auch genannt wurde.

    Bereits in früheren Jahren waren die Größen der arabischen Musik wie Mohammad Abdel Wahab, Umm Kalthoum, Abdel Halim Hafez und viele andere aus Ägypten gekommen. Ihre Namen und ihre Musik prägten die Musikszene von Kairo bis weit in die siebziger Jahre hinein. Parallel dazu gab es seit den fünfziger Jahren die sogenannte Beiruter Schule. Die exponierte Lage der Stadt schuf ein besonders liberales Klima, das sie zum kulturellen Treffpunkt vieler Intellektueller und Künstler machte. Auch für die Musik war das natürlich eine ungewöhnlich positive Ausgangslage, und tatsächlich spiegelt sich in der Musik des Libanon bis heute die kulturelle Vielfalt des Landes wider; das libanesische Lied ist insgesamt schneller und kürzer und zeichnet sich durch seine Klangvielfalt aus. Die Beiruter Schule galt als diejenige, die durch ihre reiche Tradition an libanesischer Volksmusik besticht. 

    In den fünfziger Jahren setzte dann die Phase der Aneignung europäischer Melodien und Traditionen ein. So wurden europäische Harmonien und Melodien aus Konzerten und Opern in arabische Kompositionen integriert. Man begann, eine neue Musik zu entwickeln, nachdem  einige Musiker im Ausland Harmonielehre und westliche Instrumente studiert hatten. Das geschah wieder vor allem in Ägypten, aber auch in Syrien und im Libanon. Das große Orchester eröffnete ihnen die Möglichkeit, ihr musikalisches Repertoire zu erweitern. Statt des kleinen Ensembles, das die arabische klassische Musik bis dahin kannte, gründeten sie nun Symphonieorchester. Statt melodischer Elemente verwendeten sie harmonische Idiome. Manchmal erweiterten sie das Ensemble mit traditionellen orientalischen Instrumenten wie Rabab, Laute und Flöte. Das erzeugte einen neuen, ungewohnten Ton. Denn die westlichen Instrumente haben ihre eigenen Klangfarben. Die Kombination der verschiedenen Elemente aus dem Orient und dem Okzident prägte auch diese Musik. Das arabische Ohr gewöhnte sich relativ schnell an die neue Musik.

    Die Musiker begriffen die neu gewonnene Freiheit west-östlicher Kreativität als Chance. Sie orientierten sich an dieser modernen künstlerischen Entwicklung. In ihren Werken haben sie eine musikalische Synthese geschaffen, die europäische Kompositionsstile mit den traditionellen Musikwelten ihrer Länder verbindet. Ihre  Arbeit ist schon heute richtungweisend für die nachfolgende Generation arabischer Musiker und Komponisten.
    Suleman Taufiq
    stammt aus Syrien und lebt seit Ende der sechziger Jahre in Deutschland. Er ist freier Schriftsteller und stellt im Westdeutschen Rundfunk den Hörern in Deutschland regelmäßig orientalische Musik vor.

    Übersetzung aus dem Arabischen: Suleman Taufiq
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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