Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Das neue Mekka der Weltmusik
    Die Entdeckung der Musik des Südsahararaums

    Die Musik der Tuareg ist ein sehr altes Phänomen, das unter den Vorzeichen der Globalisierung aber eine ganz neue Entwicklung genommen hat. Auch von westlichen Musikern und Weltmusik-Touristen ist sie inzwischen entdeckt worden.

    Wenn man Timbuktu in Richtung Nordwesten verlässt, passiert man am Stadtrand, wo die Wüste beginnt, eine riesige Betonsäule. Steil ragen ihre Arme in den Himmel, in den Sockel sind verrostete, ausgebrannte Gerippe von Maschinengewehren eingegossen. Fiamme de la Paix heißt dieses Denkmal, das an die Flamme erinnern soll, die an dieser Stelle im März 1996 entzündet wurde, als die Tuareg mit dem Staat Mali einen fragilen Frieden schlossen und vor den Augen von Präsident Alpha Oumar Konaré und den versammelten Stammesführern dreitausend Gewehre verbrannten.

    „Die malische Armee hat ihre Waffen damals nicht mit ins Feuer geworfen“, murmelte der Tuareg-Fahrer, der mich zum Festival au Desert in der Oase Essakane mitnahm, zwischen den Zähnen hervor. Der Friedensschluss hatte einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Als in den Dürrekatastrophen der siebziger und achtziger Jahre der größte Teil ihrer Viehherden verdurstete, waren die Tuareg plötzlich mit der modernen Welt konfrontiert worden. Ihr über viele Jahrhunderte erprobter Lebensstil brach zusammen; Männer, die seit vielen Generationen ihre Herden gehütet hatten, waren zum ersten Mal gezwungen, nach Lohnarbeiten zu suchen. Zusammen mit ihren Kamelen und Ziegen verschwand die Lebensgrundlage der nomadischen Bevölkerung, die in den Touristenprospekten als „blaue Ritter der Wüste“ verklärt werden. Sie selbst bezeichnen sich weder als „blaue Ritter“ noch als Tuareg – das Wort ist ein arabisches Schimpfwort und bedeutet so viel wie „von Gott Verdammte“. Man schätzt, dass sich etwa eine Million Tuareg über ein riesiges Gebiet verteilen, das fünfmal so groß wie Deutschland ist und sich über Marokko, Mauretanien, Algerien, Libyen, Mali, Burkina Faso und Niger erstreckt. Als verbindendes Element dient den äußerst heterogenen Gruppen einzig ihre gemeinsame Sprache, das Tamashek, und so nennen sie sich Kel Tamashek, „Sprecher des Tamashek“, oder Imazighen, „freie Menschen“.

    Schon 1960, kurz nach der Unabhängigkeit des Vielvölkerstaats Mali, war es zu ersten Aufständen gekommen. Der malische Präsident Moussa Traoré, der 1968 die Macht übernommen hatte, wurde 1991 in einem Militärputsch gestürzt, der durch die Auseinandersetzungen mit den Tuareg ausgelöst wurde. Die internationalen Hilfsgelder, die die Not der Tuareg lindern sollten, waren in den Taschen korrupter Politiker versickert, und so hatten die Tuareg begonnen, Militär- und Polizeiposten im Nordosten des Landes anzugreifen, um sich von einer Nation zu lösen, die sie zur Aufgabe ihres nomadischen Lebensstils zwingen wollte. Moussa Traoré reagierte hart, es kam zu einer Hinrichtungswelle. Als in Léré fünfzig führende Persönlichkeiten der Stadt standrechtlich erschossen wurden und die Armee im Bazar von Timbuktu die Geschäfte verwüstete, regte sich Widerstand. Die aus dem Untergrund heraus operierenden Oppositionsparteien verlangten nach Demokratie. Nach Unruhen, die mindestens zweitausend Tuareg das Leben kosteten, wurde Moussa Traoré entmachtet, vor Gericht gestellt und zusammen mit einigen seiner Minister und dem Generalstabschef zum Tode verurteilt. 1992 fanden Parlamentswahlen statt, seitdem existiert in Mali eine fragile Demokratie, der immer noch ATT vorsteht, Amadou Toumani Traoré, der General, der den vorherigen Staatschef gestürzt hatte.

    Poètes guerriers

    Zehntausende von Tuareg, vor allem junge Leute, wechselten über Grenzen, die sie nie anerkannt hatten, nach Algerien und Libyen. Ishumaren wurden sie genannt, nach dem französischen „chômeur“, „die Arbeitslosen“. Fern von ihren Familien vertrieben sich die Ishumaren die Zeit in den Flüchtlingslagern mit ihren traditionellen Gesängen. Oft erzählten sie von den legendären Kriegern der Vergangenheit, von Kaocen, Firhoun und Chokbo, die einst die von dem Kommandanten Bonnier geführte französische Kompanie an der Oase Takumbawt besiegten. Meist drehten sich die Auseinandersetzungen um die Kontrolle über Wasserresourcen und Brunnen. Die Tuareg, die von der fortschreitenden Versteppung der Sahel-Zone immer weiter nach Süden gedrängt wurden, trafen dort auf die Herden der Peul oder anderer Gruppen, die ihre angestammten Wasserrechte verteidigten. Von den arabischen Beni Hillal waren sie zwar islamisiert, aber nie unterworfen worden. Die Sharia – das Wort bezeichnet ursprünglich einen Pfad durch die Wüste – brauchten sie nicht, denn die Sterne zeigten ihnen den Weg. Sie seien göttlicher Herkunft, erzählen sie, ihr Stammvater sei aus der Verbindung eines Dschinn mit einer menschlichen Frau hervorgegangen. Die Araber, mit denen sie über Jahrhunderte hinweg immer wieder Krieg geführt hatten, misstrauten ihnen und warfen ihnen vor, sie hätten das Kamel des Propheten getötet.

    Ihre Leidenschaft für den Krieg und das Wasser drückten die Tuareg seit je in visionären Versen und Legenden von großer poetischer Kraft aus. Den Franzosen Charles de Foucauld begeisterten diese so sehr, dass er sie übersetzte – ein Mann, dessen Schicksal so bemerkenswert ist, dass ich es kurz skizzieren möchte. Der Sprössling einer der reichsten Familien Frankreichs wurde nach dem frühen Tod seiner frommen Eltern wegen Faulheit und asozialen Benehmens vom Jesuitengymnasium relegiert, sein Abitur legte er 1876 auf einer staatlichen Schule ab. Innerhalb weniger Jahre brachte er die 840 000 Goldfranken, die er von seinem Großvater geerbt hatte, mit Prostituierten und Fressgelagen durch. Auf der Militärschule Saint-Cyr erhielt er wegen Ungehorsams und Nachlässigkeit 45 Verweise. 1879 wurde das Husarenregiment, in das er anschließend eintrat, nach Algerien verlegt. Seine Geliebte Mimi, die er schon in Frankreich in die Kaserne eingeschmuggelt hatte, nahm er mit. Nachdem er wegen seines ausschweifenden Lebenswandels aus der Armee entlassen wurde, begab er sich auf Forschungsreise durch Nordafrika.

    Da Marokko für Christen verboten war, reiste Foucauld zusammen mit dem Rabbiner Mardochi Abi Serur, der eine ähnlich bewegte Vergangenheit hatte, in der Verkleidung eines russischen Rabbi namens Joseph Aleman ein. Nur mit Sextant und Kompass ausgerüstet kartografierte er das Atlas-Gebirge, das bis dahin ein weißer Fleck auf europäischen Landkarten gewesen war. Nach seiner Rückkehr nach Paris schrieb er seine Erlebnisse in dem zweibändigen Werk Reconnaissance du Maroc nieder, veröffentlichte das zweitausend Seiten umfassende Dictionnaire touareg-francais und zwei Anthologien von Liedern und Legenden der Tuareg, die achthundert Seiten stark waren. Er wurde berühmt, die Geologische Gesellschaft verlieh ihm eine Goldmedaille.

    Der Anblick tiefgläubiger Muslime, die sich fünfmal am Tag zur Erde beugten, hatte in Foucauld den Glauben an Gott wieder erweckt, den er mit fünfzehn Jahren verloren hatte. Als er in den Trappistenorden eintrat, machte seine Familie die Entmündigung, die sie 1882 gerichtlich durchgesetzt hatte, wieder rückgängig, doch Foucauld widmete sich dem religiösen Leben mit der gleichen Inbrunst, mit der er früher gesündigt hatte. Nach kurzem Aufenthalt in den syrischen und algerischen Klöstern des Ordens trat er wieder aus, weil ihm das Klosterleben nicht streng genug erschien. Briefe, in denen er den Vatikan um die Genehmigung ersuchte, einen Mönchsorden ohne Klöster zu gründen, blieben unbeantwortet. Nachdem er einige Zeit unter ärmlichsten Verhältnissen als Hausknecht im Ordenshaus der Klarisser in Nazareth verbrachte, errichtete er sich auf einem Gipfel des Ahaggar-Gebirges, etwa siebzig Kilometer außerhalb von Tamanrasset, in 2.700 Metern Höhe eine Einsiedelei. Der Tuaregführer Moussa Ag Amestan war einer seiner engsten Freunde. Französische Soldaten pilgerten zu ihm ebenso wie Tuareg, in deren Streitigkeiten er zu vermitteln versuchte. Am 1. Dezember 1916 wurde seine Klause von aufständischen Senussi besetzt, die vermuteten, er gebe Informationen an die französische Armee weiter. Als eine Gruppe von Soldaten erschien, die sie irrtümlich für Méharistan hielten, arabische Soldaten in französischen Diensten, wurde er im Handgemenge erschossen. Am 26. April 1929 wurde sein Leichnam, der in einem Graben neben seiner Hütte verscharrt worden war, in einem Grab in der Oase El Golea beigesetzt, das einem islamischen Schrein gleicht.

    Siebzehn Jahre nach seinem Tod entstand in Algerien eine Gemeinschaft, die sich an seinen Ideen orientierte. 1936 gründete die Französin Magdaleine Hutin nach seinem Vorbild in der Sahara den Orden der Kleinen Schwestern Jesu. Am 13. November 2005 wurde der Mann, der auf allen klösterlichen Komfort verzichtet hatte und als „lebendige Hostie“ unter den Menschen lebte, die er nicht durch Predigten, sondern durch sein vorbildliches Leben von seinem Glauben überzeugen wollte, von Papst Benedikt selig gesprochen. Außer einem Kleinkind und einer blinden alten Frau waren ihm nach eigenem Bekunden in der Sahara keine Bekehrungen gelungen, aber die Bewunderung, die er für die Tuareg empfand, lebte weiter. Sein Wörterbuch und seine Übersetzungen zählen heute zu den wertvollsten Arbeiten aus der Frühzeit der Afrikanistik.   

    Es war nicht nur der Durst ihrer Körper, den die Tuareg besangen, sondern auch der Durst ihrer Seelen, der in der Unendlichkeit der Wüste erwachte und den sie in eleganten Metaphern feierten. Asouf, „Einsamkeit“, „Melancholie“, lautet das Codewort. Die Ishumaren führten ein neues Thema in den alten poetischen Kodex ein. Die Wüste drohte sich nun auch im Inneren auszubreiten und die Menschen auszuhöhlen. „Ich bin der Sohn der mütterlichen Erde“, schrieb Issa Rhossey, ein Tuareg-Dichter aus der Region Aïr, „ich bin das Kind ewigen Schmerzes. Ich bin nicht der Herr der Wüste, sondern der Sklave nackter Horizonte“ in seinem Gedicht „Pas de Nom“.

    Die Rolling Stones der Sahara

    Ibrahim Ag Alhabib wurde 1960 in einer Oase im Norden Malis geboren. Sein Vater, der seine Familie als Viehzüchter und Maurer ernährte, wurde beim ersten Tuareg-Aufstand 1963 von der Armee aus seinem Haus in Tessalit geholt und in der Kaserne von Kidal erschossen, weil er die Rebellen mit Nachschub versorgt hatte. Anschließend trieben die Soldaten die Kamele, Kühe, Schafe und Ziegen der Familie in dem Dorf Aguelhoc zusammen und metzelten sie nieder; eine einzige Kuh überlebte. Zusammen mit seiner Großmutter floh Ibrahim, der damals erst vier Jahre alt war und erst viel später erfuhr, was wirklich vorgegangen war, in die Region Adrar des Iforas im Nordosten Malis und von dort aus nach Algerien. Die Kuh verdurstete auf dem Weg.

    Ibrahim war einer von Zehntausenden von jungen Tuareg, die aus der Stille der Oasen in den Lärm der Städte geschleudert wurden. Er ließ sich durch Algerien und Libyen treiben und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Einige Zeit lang machte er eine Tischlerlehre in Oran, mehrmals kam er in den Knast – die Akademie der Arbeitslosen, die hier entweder das Überleben lernten oder umkamen. 1979 begegnete Ibrahim in der Oase Tamanrasset im südlichen Algerien, die viele junge Tuareg anzog, zwei Maliern, die aus seiner Region stammten: Hassan Touhami und Inteyeden Ag Ableline. „L‘amitié autour d'une cigarette“ – „Zigarettenfreundschaften“, nannten sie solche Begegnungen.

    Seit seiner Kindheit hatte sich Ibrahim aus Ölkanistern, einem Stock und Bowdenzügen von Fahrrädern Instrumente gebastelt, auf denen er traditionelle Lieder der Tuareg zupfte. Manchmal fügte er eigene Worte hinzu oder imitierte den Bluesstil, der im Norden Malis von Ali Farka Touré und Boubacar Traoré populär gemacht worden war. Der Klang des mit Fell bespannten, archaischen Zupfinstruments, das die Songhai Ngoni nannten und die Tuareg Teherdent, lag ihm im Blut. Sein Vagabundenleben machte ihn mit weiteren Musikstilen vertraut: In Oran hörte er algerischen Rai und den radikal neuen, großstädtischen Chaabi, den Gruppen wie Nass El Ghiwan in Nordafrika machten, Popstars wie Boney M., aber auch Jimi Hendrix und John Lee Hooker, in dessen beschwörenden Rezitationen er seine eigene Hoffnungslosigkeit und die Klage über den totalen Zusammenbruch seiner Welt gespiegelt sah. In Tamanrasset erblickte er zum ersten Mal eine akustische Gitarre; er überredete den Besitzer, sie ihm zu vermachen.

    Das Konzept einer Band war den Ishumaren nicht geläufig – wer immer sich an einem ihrer Lagerfeuer niederließ, stimmte in die Lieder ein, wie es sich gerade ergab, die Frauen trommelten dazu und stießen die spitzen, trillernden Rufe aus, die von Musikethnologen als Ululieren bezeichnet werden. Taghreft Tinariwen nannte Ibrahim die Gruppe, die er zusammen mit Hassan und Inteyeden formte. Das Wort Taghreft bezeichnet eine Gang, eine Baumannschaft, Tinariwen ist der Plural von Ténéré, was so viel bedeutet wie Wüste oder „leerer Ort“. Sie spielten auf Hochzeiten, bei Partys, an Lagerfeuern, wurden schließlich sogar zu einem Festival in Algier eingeladen. Das Equipment lieh ihnen eine in Tamanrasset ansässige Combo namens Sawt El Hoggar, und zum ersten Mal krümmte Ibrahim seine Finger um den Hals einer elektrischen Gitarre.

    Die sei schließlich der einzige positive Effekt der Globalisierung, merkte der Sohn des großen algerischen Dichters Kateb Yassin an, der von seinem Vater den Vornamen Amazigh bekam. Mit seiner Band Gnawa Diffusion machte er seinen Tamashek-Namen berühmt. Musikalisch ging die Band, die zwischen dem französischen Exil, in dem Amazigh Kateb aufwuchs, und Algerien pendelte, weiter. In frechen Texten und treibenden Rhythmen fusionierte sie Gnawa – die Trancemusik der schwarzen Sklaven, die arabische Händler in Jutesäcken aus Guinea und anderen Ländern südlich der Sahara nach Marokko gebracht hatten – mit Rock und Chaabi.„Bush est Mort“ lautet Amazighs aktueller Glückwunsch zur Abwahl des Präsidenten, den man in dem Youtube-Clip mit gezogenem Schwert Arm in Arm mit dem saudischen König tanzen und Angela Merkel stilles Wasser einschenken sehen kann.

    Als Tinariwen die Geschichte ihrer Entstehung beim Festival au désert in der Nähe von Kidal zum ersten Mal einem westlichen Journalisten erzählten, kam es zu heftigen Diskussionen – die Gruppe hatte Schwierigkeiten, ihre Erinnerungen unter einen Hut zu bringen. Mittlerweile gehörten ihr außer Ibrahim, Hassan Touhami und Inteyeden Ag Ableline auch Kheddou Ag Hossad an, Mohammad, der wegen seines an einen Samurai aus einem Film von Kurosawa gemahnenden Aussehens „Japonais“ genannt wurde, Abdallah „Catastrophe“, die Trommlerin und Sängerin Mina und ihre Kollegin Wounou sowie einige weitere Crew-Mitglieder. Hassan stellte sich als der „Löwe der Wüste“ vor, Ibrahims Spitzname „Abaraybone“, so erfuhr der Journalist, bedeutet so viel wie „raggamuffin kid“ oder „the scruffy tearaway who's always playing in the dirt“. Einer der Schauplätze ihrer Geschichten waren die libyschen Trainingslager, in die Muammar Ghaddafi junge Tuareg eingeladen hatte, um sie für seine revolutionären Pläne in Afrika auszubilden. Sie folgten dem Versprechen, dass er sie bei ihrem Kampf für ein autonomes Land der Tuareg in der Sahara unterstützen würde, aber als sich herausstellte, dass er hinter ihrem Rücken mit der Regierung von Niger über ihre Rückführung verhandelte, kehrten sie zurück in die Wüste.

    Iyad Ag Ghali, der Kopf des MPA, des Mouvement Popoulaire de l’Awazad, das für die Emanzipation der nördlichen Gebiete Malis kämpfte, erkannte in den Songs von Tinariwen, die von Hoffnung, Schmerz und Sehnsucht nach einem eigenen Land erfüllt waren, eine Möglichkeit, die Kel Tamashek zu erreichen, die weder über eine Rundfunkstation noch über Zeitungen verfügten. Er stellte einen Übungsraum zur Verfügung und finanzierte der Band ihre Gitarren. Die Kassetten, die sie aufnahmen, rotierten bald auf den Ghetto-Blastern der Sahara.

    Einige Mitglieder von Tinariwen gehörten zu der Gruppe, die am 30. Juni 1990 den Militärposten von Menaka in der Nähe der Grenze zu Niger überfiel und damit den zweiten Aufstand der Tuareg auslöste. Dass sie mit der Kalashnikov in der einen und der E-Gitarre in der anderen Hand kämpften, wurde bald zur Legende. Die europäischen Pressetexte für „The Radio Tisdas Sessions“, ihre erste CD, die sie nach dem Friedensschluss in ihrer Heimatstadt Kidal aufnahmen, konzentrierten sich auf diese kriegerische Legende – für Tinariwen aber stand nicht der Aufstand, den sie mit traumatischen Erinnerungen verbanden, im Mittelpunkt, sondern die Reflexion über ihr Leben, das zwischen archaischem Erbe und desolater Moderne pendelte.

    Traditionelle Nomadentreffen, auf denen getanzt und gesungen wurde, Temakannit genannt, hatten – vor allem in der Regenzeit – in der Sahara stattgefunden, solange die Bewohner zurückdenken konnten, aber die Idee, diese Zusammenkünfte auch für Nicht-Tuaregs zu öffnen und Musikerinnen und Musiker aus dem merklich unterschiedlichen Süden des Landes dazu einzuladen, war neu. Die Inspiration, dass sich das zu einem regelrechten Weltmusikfestival auswachsen könnte, stammte von der in Angers im idyllischen Tal der Loire beheimateten Musiker- und Theaterkommune Lo’Jo, musikalischen Globetrottern, die Tinariwen 1999 in der Hauptstadt Bamako trafen. Sie luden sie zu einer kurzen Tour nach Frankreich ein, anschließend taten sie sich mit der Tuaregorganisation EFES zusammen, die auf die bedrohte Lebenssituation ihres Volkes aufmerksam machen wollte.

    2001 fand das erste Festival au désert  in der Region von Kidal statt. Der Präsident von Mali erschien an der Spitze eines Konvois von vierundzwanzig schneeweißen Landrovern, um dem Festival seinen Segen zu geben. Gerade einmal dreißig Westler waren anwesend, aber die waren begeistert von den wilden Männern mit Turban und E-Gitarre, die den Sandhügel erklommen, der als improvisiertes Podium diente. Doch in die Ausläufer des nahe gelegenen Adrar des Iforas-Gebirges, die immer noch bewaffneten Rebellen Schutz boten, traute sich selbst das Militär kaum, und so wurde das nächste Event auf die weißen Dünen von Essakane verlegt, weil man dort eher westliche Weltmusiktouristen anlocken konnte. Tinariwen waren auch hier die Stars, schnell machte die Kunde von den „Rolling Stones der Sahara“ in Musikerkreisen die Runde. 2003 gesellte sich Robert Plant, der Sänger der Rocklegende Led Zeppelin, zu Tinariwen auf die Bühne. „Als ob man einem Tropfen lauscht, der in einen tiefen Brunnen fällt“, umschrieb er das Gefühl, das ihre Musik in ihm auslöste. Die CD mit dem Mitschnitt des Festival au désert gelangte in die World Music Charts und katapultierte Tinariwen zu internationalem Ruhm. „Ammassakoul“, ihr nächstes Album, nahmen sie im Studio Bogolan in der Hauptstadt Bamako auf. „Aman Iman” – „Wasser des Lebens“ – hieß das dritte. Achtzigtausend CDs haben Tinariwen bisher verkauft. Seitdem ist die Gruppe durch die meisten großen Städte Europas und die USA getourt. Keddhou ist nach Algerien gegangen, Enteyeden starb an Lungenkrebs, der exzentrische Dichter „Japonais“ geht seine eigenen Wege. Ibrahim, immer noch spindeldürr und mit wilden Afro-Locken, hat neue Mitstreiter gefunden. Tinariwen ist keine Band, sondern ein Klan, eine Familie. Den Tribut, den sie für ihre internationale Vermarktung zahlen muss, kann man im Internet verfolgen. „Die romantischen Rocker aus der Wüste betören immer wieder, auch wenn sie diesmal etwas sehr produziert daherkommen“, wurde ihre letzte CD kritisiert. Aber Carlos Santana holte sie 2007 zum Jazz-Festival von Montreux und versicherte ihnen, sie säßen an der Quelle, aus der Muddy Waters, Jeff Beck und Buddy Guy getrunken hätten.

    Desert Blues

    Im Januar 2004 zog „das entlegenste Festival der Welt“ – so lautete die Schlagzeile – schon einige Hundert westliche Besucher an. Wir beeilten uns, die knapp siebzig Kilometer nach Essakane möglichst schnell hinter uns zu bringen, um rechtzeitig zur Eröffnung zur Stelle zu sein. Das stellte sich als unnötig heraus – erst in den Abendstunden fanden sich die Zuhörer nach und nach vor der auf einer Düne errichteten Bühne ein, und auch dann dauerte es noch Stunden, bis – herbeigeeilt „auf nackten Fußsohlen über den heißen Wüstensand”, wie der Conferencier versicherte – der malische Kulturminister eintrudelte, der Filmemacher Cheikh Oumar Sissoko, um das Festival zu eröffnen. Der Wind hatte die Dünen während der Aufbauphase verschoben, so dass der abgesperrte VIP-Bereich vor der Bühne, in dem wieder Platz für neue Würdenträger gemacht werden musste, immer mehr zusammenschrumpfte, bis die übrigen Zuschauer gezwungen waren, auf der nächsten, hundert Meter entfernten Düne Platz zu nehmen und das Geschehen auf der Bühne nur über die Köpfe der Kamera-Crew der BBC hinweg zu erspähen. Die Zeit bis zur Ankunft des Ministers wurde mit einem Sketch überbrückt, der vor Aids warnte, und es blieb auch noch genug Zeit, Miss Mali im trägerlosen roten Abendkleid auf die Bühne zu bitten.

    Der Tag war heiß, die Januarnacht kalt. Der Weg war anstrengend gewesen, selbstverständlich gab es keine Duschen. Wasser war knapp, die Toilettenhäuschen, die eine ausländische Hilfsorganisation errichtet hatte, waren innerhalb weniger Stunden unbrauchbar. Mühsam stolperten die Besucher durch den Sand, um eine geschützte Stelle hinter einer Düne zu finden, an der sie ihre Notdurft verrichten konnten. Vor allem machte einem der Staub zu schaffen, so fein, dass er durch die kleinsten Ritzen drang – ein kleiner Einblick in die Härte des Nomadenlebens. Schnell stellte sich heraus, dass der Tagoulmoust, der Schleier, mit dem die Tuareg ihr Gesicht verhüllen, kein dekoratives Schmuckstück ist, sondern zur Überlebensausrüstung gehört, wenn man sich durch die Wüste bewegen möchte.

    Tamnana hieß die Tuareggruppe aus Faguibine in der Nähe von Timbuktu, die das Festival eröffnete. Aus Timbuktu stammte auch Haira Arby, die „Taube des Nordens“, die – begleitet vom Regionalorchester auf elektrischen Gitarren, Trommeln und Kalebassen – in Tamashek, Arabisch und Peul sang. Als Statussymbol hatte sie ihre roten Stöckelschuhe mitgebracht, die zum Gehen im Wüstensand denkbar ungeeignet waren. Kein Problem – ein kleiner schwarzer Page trug sie ihr auf dem sandigen Weg zur Bühne nach, wie einer Königin aus Tausendundeiner Nacht. „Un grand coucou!“, forderten die beiden Conferenciérs in flatternden Boubous, bitte noch einmal einen großen Applaus! 

    Blackfire, ein Familienensemble der Navajo aus Arizona, hatte keine Mühe gescheut, um seine Brüder in der afrikanischen Wüste zu besuchen; die ausländischen Gruppen reisten auf eigene Kosten an. Großvater Benally führte einen traditionellen Tanz vor. „Merci dafür, dass wir die tiefe Spiritualität Arizonas entdecken durften!”, rief der Moderator dem Familienvater nach. Die Verbrüderung der jungen Generation der Navajos und der Tuaregs erfolgte am nächsten Tag, als sich das Familienensemble in eine Punkband verwandelte. Schwester Jeleda am Bass, Bruder Klee als Leadsänger und Bruder Clayson am Schlagzeug stimmten Woody Guthries Hymne „Mean Things Happenin’ In This World“ an – sie schafften es, als einzige Band des Festivals, dass die malischen Würdenträger in den vorderen Rängen von tanzenden Jugendlichen überrollt wurden.

    Ihre eigenen Exoten hatten die Tuareg mit den Wodaabe eingeladen – einer Gruppe sorgfältig herausgeputzter, fantasievoll geschminkter feingliedriger Männer in zierlichen Röckchen, die aus dem Nachbarstaat Niger angereist waren. Sie klatschten in die Hände, trippelten auf der Stelle und schwenkten ihre Arme mit eigenartig wippenden Bewegungen, die den Anschein machten, als wollten sie sich, Vögeln gleich, in die Luft erheben. Die Straußenfedern auf ihren Köpfen zitterten im Wüstenwind, aber von den „Weißnasen“ im Publikum ahnte kaum jemand, dass sie nicht nur aus folkloristischen Gründen zum Festival au désert eingeladen wurden. Während die Tuareg rund eine Millionen Menschen zählen, stellen die Wodaabe im Nachbarstaat Niger eine winzige Minderheit von gerade einmal 100 000 Menschen dar, die nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Im Gegensatz zu den kampflustigen Tuareg sind sie äußerst friedliebend, ernähren sich von Milch und Pflanzenkost und entziehen sich dem Militärdienst ebenso wie der Islamisierung. Ihr Leben kreist um ihre Zebu-Rinder. Sie zu schlachten oder zu verkaufen ist ihnen ein Gräuel, aber in den Dürreperioden der letzten Jahre gerieten auch sie in Bedrängnis. Von sesshaften Haussa-Bauern wurden sie immer mehr in die Sahara abgedrängt, wo sie auf die Kamelnomaden der Tuareg stießen, die Gebühren für die Nutzung ihrer Brunnen verlangten. Die Situation verschlimmerte sich, als sie zwischen die Fronten der Tuareg und der Regierungssoldaten von Mali und Niger gerieten, die sich quer über die Grenzen hinweg bekämpften. Zwar wurde auch in Niger 1995 ein Friedensabkommen getroffen, aber die Umsetzung lässt auf sich warten. Niger, so sagt die Gesellschaft für Bedrohte Völker, ist ein von Korruption und Militärherrschaft gezeichneter Staat. Frankreich und die USA zahlen für die Uranvorkommen und das Erdöl im Norden des Landes, aber die dort lebenden Nomaden sind schutzlos marodierenden Soldaten und Banditen ausgeliefert, die sie fast täglich ihres Viehs berauben und ihre Frauen vergewaltigen. Auch von den Hilfsorganisationen der Sahel-Zone werden sie benachteiligt: Nahrungsmittel zur Überbrückung der Trockenzeit werden ausschließlich an sesshafte Bauern verteilt, von den Wodaabe wird verlangt, dass sie ihre Rinderherden verkleinern und ebenfalls sesshaft werden. Genau wie die amerikanischen Indianer fordern die Woodabe von der UNO die Anerkennung ihrer Rechte als indigenes Volk.

    Ein wenig hatte es den Anschein, als ob den in meterlange Stoffbahnen gehüllten Tuareg das Erscheinen dieser prächtig herausgeputzten männlichen Schönheiten peinlich war; sie delegierten sie auf eine Nebenbühne, auf der die Verstärkeranlage nicht funktionierte. Munter unterhielt sich das Publikum, während auf der Hauptbühne schon der Auftritt der nächsten elektrischen Tuareg-Gitarrenband vorbereitet wurde. Die Wodaabe ließen sich nicht beirren; auch ihnen ging es darum, die Touristen auf sich aufmerksam zu machen. Es lohnte sich: In Essakane begegneten sie einigen Tuareg-Musikern, mit denen sie auf „Desert Crossroads“ – so der Name ihrer 2005 erschienenen CD – zusammentrafen. Inzwischen touren auch Etran Finatawa, die „Sterne der Tradition“, durch Europa.

    Mit Baba Djiré ließ sich die nächste Tuareggruppe auf der Hauptbühne nieder. Die Hymne der Lokalmatadoren auf die Oase von Essakane wurde begeistert beklatscht. Die Tuareg stellten den Löwenanteil an Bands: Auch Nabi, „Prophet“, stammt aus Timbuktu, „Fiamme de la Paix“ nannten sie ihre letzte CD nach dem Friedensdenkmal am Wüstenrand. Super Khoumaissa, die nächste Gruppe, tanzte den Takamba, den in Essakane allgegenwärtigen Rhythmus der Kamele. Die Bühne wurde bei ihrem Auftritt von einem ersten Stromausfall ins Dunkel getaucht. Mit Taschenlampen wurde im Wüstensand nach Kabeln geforscht, bis die Scheinwerfer wieder genauso hell strahlten wie die Gesichter der Fans.

    Eigentlich waren es zwei Festivals, die in der Oase von Essakane parallel stattfanden: Das erste wurde von den Tuareg dominiert, die die Gelegenheit ergriffen, die angereisten Gäste mit ihrer Kultur bekannt zu machen, das zweite, weitaus kleinere, war dem pan-malischen Geist der Versöhnung der nördlichen und südlichen Landesteile und weltmusikalischen Zuläufern gewidmet. Wer nach den Koraklängen der Griots von Mali suchte, war fehl am Platz. Der angekündigte Salif Keita ließ sich nicht blicken, aber der Gitarrist und Sänger Amadou Bagayogo, der in den siebziger Jahren mit ihm zusammen in den legendären Ambassadeurs du Motel spielte, beherrschte die Gesetze des internationalen Showbusiness genauso gut wie er, unterstützt von Manu Chao und Cheikh Tidiane Seck, der zu den Veteranen der Super Rail Band, der zweiten legendären Band aus der Hauptstadt Bamako, zählt. Gemeinsam brachten sie die Oase von Essakane bis weit nach Mitternacht zum Tanzen. Das Jazz-Projekt Don Cherry’s Gift, das vom französischen Mopti-Quartett zusammen mit der Gangbe Brassband aus Benin entwickelt wurde, war ein weiteres erfreuliches musikalisches Erlebnis, das die Besucher im Januar 2004 in Essakane genießen konnten.

    Bei Ali Farka Tourés Konzert blieb nicht nur das Licht weg, sondern auch der Ton. Geduldig harrte das Publikum unter dem funkelnden Sternenhimmel aus, bis sich herausstellte, dass man schlicht vergessen hatte, den Kühler des Stromgenerators mit Wasser zu füllen. Bei der Pressekonferenz am nächsten Morgen wiederholte Ali Farka die Litanei, die er schon vielen westlichen Journalisten vorgetragen hatte: Seine Musik sei in erster Linie den Traditionen der Songhai und der Tuareg geschuldet, nicht dem nordamerikanischen Blues. Oumou Sangaré, der zweite internationale Superstar des Festivals, die die Wassoulou-Musik der Jäger des Südens in einen zeitgemäßen Sound kleidete und mit frauenkämpferischen Texten populär machte, tauchte am letzten Abend auf, beschränkte sich aber auf ein einziges Lied im Playbackverfahren, weil ihr Orchester zuhause geblieben war. Immerhin, Ali Farka Touré ließ es sich nicht nehmen, mit ihr gemeinsam auf der Bühne auf der Düne zu tanzen.

    Feststimmung kam auf, als Amadou & Mariam auf die Bühne kamen – das blinde Ehepaar, das sich in der Blindenschule von Bamako kennenlernte und seitdem gemeinsam auf den musikalischen Spuren von James Brown wandelt, hat in Mali viele begeisterte Fans. Im Ausland waren sie 2004 noch wenig bekannt, drei Jahre später holte sie Herbert Grönemeier nach Berlin, um gemeinsam mit ihnen die Fußballweltmeisterschaft zu eröffnen.

    Unter einem Zeltdach weitab vom Bühnengeschehen wurde über Ökotourismus und über die Situation der Tuareg diskutiert – eine der wenigen Gelegenheiten, sie einmal nicht als Musiker oder Andenkenverkäufer kennenzulernen. Die intellektuelle Elite der Tuareg schien hier versammelt zu sein, hochrangige Soziologen, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaftler, die in akzentfreiem Französisch monierten, dass es Mali an einem Konzept zur Alphabetisierung ihres Volkes mangele. Die Regierung versuche, sie sesshaft zu machen, um ihre Kinder in Schulen schicken zu können, erzählten sie, aber es war undenkbar für sie, ihre nomadische Lebensweise aufzugeben – es würde das Ende ihrer Identität bedeuten.

    Aus unseren Schlafsäcken mussten wir in der Oase von Essakane erst einmal die Skorpione herausschütteln, bevor wir hineinschlüpfen konnten; am Morgen trieb der Wind den Staub durch die Zeltplanen, die als Lager dienten. Kurz vor Aufbruch wurde einer von uns von einem Skorpion erwischt. Wir brachten ihn zum Sanitätszelt, aber die malische Krankenschwester lachte nur. Ein Skorpionstich? So etwas gehörte hier zur Tagesordnung. Sie gab ihm eine Beruhigungsspritze. 

    Das Mekka der Weltmusik

    Alle sind sie hier gewesen: Der amerikanische Gitarrist Ry Cooder, um seinen Freund Ali Farka Touré zu besuchen, mit dem zusammen er für Talking Timbuktu einen Grammy Award gewonnen hatte. Nick Gold, der in einem notdürftig errichteten Studio das Folgealbum Niafunké aufnahm, das den Namen dieser verschlafenen Kleinstadt, die sich kaum von benachbarten Orten am Ufer des Niger unterscheidet, auf die Weltmusik-Karte setzte. Andere folgten ihnen, Journalisten, Musiker, Weltmusik-Touristen, die den Geruch des Ortes schnuppern möchten, an dem das alles passiert ist. Auch Martin Scorsese suchte hier nach den Spuren des Blues. In seinem Dokumentarfilm Feel Like Going Home begrüßt Ali Farka Touré überschwänglich seinen aus Kalifornien eingeflogenen farbigen Kollegen Craig Harris. „Tausende von Menschen sind nach Niafunké gekommen, aber über keinen Besuch habe ich mich so gefreut wie über deinen“, sagt Touré zu Harris, als sie sich durch den Pulverdampf der Vorderlader gekämpft haben, die die Schützengilde der lokalen Jäger zur Begrüßung abfeuerten. Später sitzen sie zusammen unter einem Baum und tauschen Songs aus. „Du bist kein Amerikaner!“, erklärt Ali Farka seinem Gast. „Es gibt keine schwarzen Amerikaner, es gibt nur Afrikaner. Du bist hier zuhause, dies ist dein Land.“

    Das „Mekka des Mali-Blues“ wird Niafunké in internationalen Musikzeitschriften genannt. Doch was verbirgt sich hinter diesem Titel? „Ihr kennt die Zweige, wir in Mali haben die Wurzeln und den Stamm. Ich weiß selber, was ich spiele, niemand braucht mir das zu erzählen”, antwortete Ali Farka den weißen Journalisten, die ihn darauf ansprachen. In der Tat gibt es Verwandtschaften zwischen den schleppenden Beats, die im Mississippi-Delta und am Lauf des Niger gespielt werden, doch Ali Farka transportierte mit seiner Musik etwas anderes: Keine Klageschreie über die Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen, kein Stöhnen über „Whisky and Women“ – Ali Farka Touré und sein Eleve Afel Bocoum, der ihn in Essakane begleitete, geben jungen Leuten Ratschläge fürs Leben und singen, im ruhigen Puls des Flusses, Hymnen auf ihr Land, ihren Fluss und ihre Stadt Niafunké, die Ali Farka Touré zu ihrem Bürgermeister wählte. Er war kein Underdog, sondern ein Grundbesitzer, der auf sein Land stolz war. Auch Afel Bocoum entspricht nicht der Vorstellung, die man sich von einem Bluessänger macht: Ein schmächtiger Mann mit einem feingeschnittenen Gesicht mit goldgerandeter Brille, der ein weißes Gewand über die Schulter geschlungen hatte und von seiner Sorge um die Zukunft der jungen Leute sprach. Er spiele lieber unter dem freien Himmel Malis als in der Enge westlicher Studios oder Konzertsäle, erzählte er.

    Vielleicht war es nur Höflichkeit, die Ali Farka dazu brachte, die Frage nach dem Blues, die ihm auch auf der Pressekonferenz auf dem Festival von Essakane 2004 wieder gestellt wurde, noch einmal zu beantworten. Der Blues? Was sollte das sein? Er hielt es für einen schlechten Witz, wenn er gefragt wurde, ob er sein Gitarrenspiel bei John Lee Hooker gelernt habe. Gewiss, er hatte ihn 1968 zum ersten Mal gehört und war tief beeindruckt – aber nicht, weil er seinen Meister gefunden hatte, sondern weil ihm schien, dass der amerikanische Bluessänger etwas spielte, was eigentlich aus Afrika stammte, vom Ufer des Niger, an dem Touré aufwuchs.

    Ali Farka Touré kam aus dem wenige Kilometer entfernten Dorf Kanau. Sein Name weist ihn als Nachkommen von Mohamed Touré aus, dem Begründer der Dynastie der Askia, dessen Grab im Osten Malis, in Gao, bis heute verehrt wird. Für seine Eltern war es unvorstellbar, dass ihr Sohn Musiker werden wollte. Dass er als einziger von zehn Söhnen überlebt hatte, trug ihm den Spitznamen Farka ein, „Esel“, – so würden ihn die Geister nicht so schnell finden. „Ich bin zwar ein Esel, aber keiner kann sich auf meinen Rücken setzen“, wehrte Ali ab, wenn er darauf angesprochen wurde.

    Die Geister fanden ihn trotzdem. Tief unter seiner leuchtenden Oberfläche birgt der Niger Geheimnisse, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Krokodile und die geheimnisvollen Manatins, bis zu dreieinhalb Meter lange Seekühe, sind selten geworden, aber dem Flusspferd, dem Totemtier Malis, kann man in bestimmten Abschnitten immer noch begegnen.

    Doch nicht nur Tiere bevölkern die Tiefe, sondern auch Geister. Von Flussgeistern und riesigen Kapitänsfischen wird in Mali nur im Flüsterton erzählt, denn die Geister darf man nicht stören. Auch wenn der Niger meist behäbig dahinfließt, ist er alles andere als ungefährlich. Plötzliche Windböen können ein kleines Fischerboot schnell zum Kentern bringen, leicht kann man sich im Gestrüpp des Bourgou-Grases verirren, das die Ufer über weite Strecken hin kaum erkennbar macht, Flusspferde können ein Boot angreifen. In der Tiefe lauert der leicht erzürnbare Flussgott. Auch wenn der Islam, der seit vielen Jahrhunderten die Herrschaft über den Tag angetreten hat, die alten Riten ablehnt, regieren in der Nacht immer noch die Geister. Es sind Geschichten von Tod, Trance und Traum, die in den Nächten an den Ufern des Niger erzählt werden. Wenn sich die Grenzen zwischen den Welten verwischen und das Dya, das Doppel des Menschen, im Traum den Körper verlässt, begegnet es den Geistern der Ahnen. Ihre Namen werden nur selten genannt, denn in diesem magischen Universum verleiht ein Name Macht.

    Die Klänge, die Ali Farka am Ufer bei den Zeremonien für die Flussgeister hörte, zogen ihn magisch an. Mit zwölf Jahren bastelte er sich seine erste Njurkel, das einsaitige Zupfinstrument, das von den Songhai gespielt wird. „Meine Familie waren keine Griots, deshalb erhielt ich keinerlei Unterricht“, erklärte er. „Es war eine Gabe. Nicht jedem schenkt Gott die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen. Musik ist etwas Spirituelles – die Kraft des Klangs kommt von den Geistern.“

    Mit dreizehn begegnete er ihnen zum ersten Mal, als er, weit nach Mitternacht, die Njurkel spielte – in Gestalt dreier Mädchen, die ihn stundenlang an den Platz bannten, an dem er gerade stand. Am nächsten Tag traf er am Rand eines Feldes auf eine schwarz-weiß gefleckte Schlange, die sich um seinen Kopf wickelte. Wenig später begannen die Anfälle, die ihn in die Welt der Geister transportierten. „Kinder des Flusses“ werden am Niger die Menschen genannt, die von den Ghimbalas erwählt werden. Man betrachtet sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Scheu. Ali wurde zum magischen Berg von Hombori geschickt, der ihm Heilung bringen sollte. Niemand erfuhr jemals, was ihm dort widerfuhr, aber als er nach einem Jahr zurückkehrte, war er ein vollendeter Musiker. Schon seine Großmutter war eine Priesterin der Ghimbala gewesen. Ali wollte ihr folgen, aber die Leute hielten ihn davon ab. Seine Verbindung zu den Flussgeistern war eine Seite seines Lebens, über die er nur ungern sprach. „Wegen des Islam beschäftigen wir uns lieber nicht allzu sehr mit diesen Dingen... Die Geister können gut sein, aber auch böse, und deshalb beschränke ich mich darauf, über sie zu singen. Aber weil sie Teil unserer Kultur sind, kann man sie nicht einfach ignorieren.“ Lieber hörte er dem Niger zu. „Wenn ich auf den Rhythmus des Flusses lausche, spüre ich, dass mir die Wellen etwas erzählen“, sagte Ali Farka Touré.

    Auszug aus dem Buch: The Mali of My Dreams (Daastaan Books, New Delhi 2009)
    Peter Pannke
    ist freischaffender Autor, Journalist und Musiker. Er hat zahlreiche Bücher zur afrikanischen und orientalischen Musik publiziert, u. a. Troubadoure Allahs – Sufimusik im Industal.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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