Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Musik und Dichtung als Protest
    Interview mit Mohammed El Deeb

    Der ägyptische Hip-Hop-Künstler Mohammed El Deeb machte 2005 mit der Hip-Hop-Gruppe Asfalt seinen ersten Schritt in die Szene. Arian Fariborz sprach mit ihm über seine Musik.

    Deeb ist ein ägyptischer Hip-Hop-Künstler, Poet und Berichterstatter, der 2005 mit der ägyptischen Hip-Hop-Gruppe Asfalt seinen ersten Schritt in die Szene gemacht hat. Deeb, 1984 in Kairo geboren, verließ Asfalt im Jahr 2007, um zusammen mit Mohamed Yasser Wighit Nazar („Betrachtungsweise“, „Perspektive“) zu gründen. Das erfolgreiche Musikprojekt, das in puncto arabischem Hip-Hop mit positiv-sarkastischem Wortwitz überraschte, dauerte bis 2010 an. Mit dem dezidiert positiven Ansatz hat das Musikprojekt versucht, der gesellschaftlichen Stimmung etwas entgegenzustellen: Während der Regierungszeit Mubaraks herrschte ein Regime der Negativität über die Menschen. In politischen Diskussionen wurde einem das Gefühl vermittelt, es gebe keinen Ausweg aus der Repression, was viele frustrierte und zu einer allgemeinen negativen Stimmung und Haltung beitrug. Die Enttäuschungen und die Traurigkeit waren in die Gesichter der Menschen eingeschrieben.

    Seit kurzem arbeitet Deeb verstärkt an seiner Solo-Karriere, „Cairofornia” ist seine erste Solo-EP. In seinen Texten, geschrieben im umgangssprachlichen Arabisch, adressiert der Künstler soziale, persönliche und kulturelle Angelegenheiten des ägyptischen Alltags. Deeb ist ein nostalgischer Verfasser, inspiriert durch den Puls der Stadt und der Popkultur – und mit einem Blick für die künstlerische Vielfalt Ägyptens vor 1952. Mit Bezug auf seine Texte beschreibt sich Deeb selbst als „soziales Gewissen“ seiner Zuhörer, süchtig nach popkulturellen Elementen, was auch in seinen dichterischen Werken zu spüren ist. Popkultur ist für ihn Teil seiner Identität und auch Teil der ägyptischen Identität. Das Themenfeld, in dem er sich bewegt, nimmt den Puls der Stadt auf, inspiriert von den Worten in den Straßen, und so sind es auch die Menschen in den Straßen, die sein Zielpublikum sind: Vom Taxifahrer über den Zeitungsverkäufer bis hin zum Kioskbesitzer.

    Deeb beschreibt Auseinandersetzungen mit Korruption und Depression, mit sozialer Ungleichheit, der Unterdrückung der Frauen und dem Kampf auf den Straßen in Bezug auf alltägliche Belästigungen. Da bis vor kurzem noch staatlich kontrollierte Medien und Zensur eine große Rolle spielten und stark kontrolliert wurde, was gesagt werden durfte, sind die Menschen gegenwärtig hungrig nach kritischen, neuen Künsten und Ausdrucksformen.

    Auf dem Poesiefestival möchte der Künstler seine Darstellung der Revolution dem westlichen Publikum näherbringen und in dichterischer Form erzählen, wie es war und ist, in der prä- und post-Mubarak-Phase Ägyptens zu leben, welche Kämpfe noch anstehen und noch auszufechten sind. Besonders in der Phase der Revolutionen und Proteste in der arabischen Welt wird die Identität der Menschen wieder zueinandergeführt und gefühlt – gerade auch vermittelt durch die lyrische Sprache: In diesen Zeiten als Poet oder MC Sprachrohr der jungen Generation in Ägypten zu sein und über soziales Bewusstsein und Verantwortung sprechen zu können, ist etwas Besonderes.

    Mit ihm sprach Arian Fariborz.

    Bitte beschreiben Sie den Beginn Ihres Musikprojektes und die ersten Schritte, die Sie mit Asfalt und später mit Wighit Nazar machten. Welches war die Hauptidee, die dahintersteckte, diese Art der Musik zu schaffen, und welche Botschaft wollten Sie damit an die ägyptische Öffentlichkeit richten?

    Deeb: Wie ich zum Hip-Hop kam, ist eine lustige Geschichte. In der Schule hatte ich schon immer Gefallen daran, Gedichte zu schreiben. Als ich in der Oberstufe war, sollten wir als Hausaufgabe für die Französischstunde einen französischen Rapsong schreiben. Alle meine Klassenkameraden reichten die Hausaufgabe schriftlich ein, ich war der Einzige, der seinen Rap mit einem Beat im Hintergrund auf Kassette aufnahm. Dies war der Zeitpunkt, als der Hip-Hop mich gepackt hatte. Als der Lehrer meinen Song vor der Klasse abspielte, lobten meine Klassenkameraden und Freunde mich. Ich hatte meinen ersten Rapsong auf Französisch geschrieben! Da dachte ich mir: Wenn ich einen Rapsong auf Französisch schreiben kann, also in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, dann kann ich es ebenso auch auf Englisch.

    Im Jahre 2005 kehrte ich aus der Golfregion, wo ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht hatte, zurück nach Ägypten. Ich stellte fest, dass ich vorwiegend auf Arabisch sprach und dachte, und entdeckte dadurch mich selbst und meine Kultur zum ersten Mal. Im Jahre 2006 kam ich zu Asfalt, die eine der ersten ägyptischen Hip-Hop-Crews war, die in umgangssprachlichem Arabisch rappte. Später gründete ich dann Wighit Nazar („Blickwinkel“), ein Musikprojekt, bestehend aus dem Asfalt-Mitglied Mohamed Yasser und mir. Die Chemie stimmte einfach und wir bekamen es hin, uns einen respektierten Namen in der Untergrundszene zu schaffen. Schließlich verließ ich Wighit Nazar in 2010, um meine Solo-Karriere zu starten, und weil es kreative Differenzen zwischen uns gab. Die Haupt-Botschaften, die in meinen Songs transportiert werden, handeln von Identitätsfragen, kultureller Wachsamkeit, sexueller Belästigung sowie sozialer und politischer Unterdrückung. Außerdem will ich mein Volk an die guten alten Tage erinnern, als Ägypten ein Zentrum der Kultur und Künste im Nahen Osten war.

    Beurteilen Sie das kulturelle Klima des Mubarak-Regimes. Hat es Beschränkungen für unabhängige Künstler wie Sie gegeben, und wie hat dies ggf. Ihre Musik beeinflusst?

    Deeb: Hip-Hop-Musik ist eine Sprache, die sich zu Kämpfen und Unterdrückung äußert. Sie basiert auf einer Selbstdarstellung und darauf, die eigene Ansicht zu vermitteln, egal ob die Menschen dieser Sicht beistimmen oder nicht. Das machte es schwieriger für mich, während des Mubarak-Regimes Songs zu schreiben. Es gab eine große Wahrscheinlichkeit, eingesperrt zu werden, wenn man die Wahrheit sprach. Ich musste viele meiner Texte zensieren. Ich konnte niemals Worte wie „Regierung“ oder „Präsident“ benutzen. Deshalb wies ich anders auf sie hin, z. B. mit Umschreibungen wie „die großen Kerle“ oder „die korrupten Leute“. Anstelle von namentlichen Nennungen verwendete ich Metaphern. Ich erinnere mich an ein Fernsehinterview, das ich noch mit Asfalt gab, als der Fernsehmoderator uns stoppen musste, weil wir einen Song namens „El Ebara Fel Abbara“ sangen, in dem es um die „Salam“-Fähre ging, die 2005 gesunken war und 1000 Menschen in den Tod riss. Nachforschungen ergaben, dass die Besitzer der „Salam“-Fähre korrupt waren und enge Verbindungen zum Mubarak-Regime unterhielten.

    Sie sagten einmal, dass Ihre Musik irgendwie „das soziale Gewissen“ Ihres Publikums widerspiegelt. Was genau meinen Sie damit?

    Deeb: Wenn ich meine Musik schreibe, versuche ich, den durchschnittlichen Ägypter auf der Straße damit zu repräsentieren. Mit dem „durchschnittlichen Ägypter“ meine ich jeden vom Taxifahrer über Straßenverkäufer bis hin zum Intellektuellen. Der Puls der Straße inspiriert mich und ich thematisiere alltägliche Belange, die die Menschen etwas angehen, weshalb ich sehr viel Wert darauf lege, in meinen Songs oft auf Pop-Kultur zu verweisen.

    Inwiefern nahmen Sie mit Ihrem Musikprojekt an den Aufständen des 25. Januar in Ägypten teil und wie reagierte das Publikum auf dem Tahrir-Platz?

    Deeb: Vom ersten bis zum letzten Tag nahm ich an den Aufständen des 25. Januar teil. Außerdem verfügte ich über das Privileg, meine Gedichte und Songs einige Male in Tahrir aufzuführen, und darauf bin ich sehr stolz. Ich war sehr glücklich und fühlte mich geehrt, als ich sah, dass die Protestierenden auf meine Musik reagierten und mir sagten, dies sei die Art von Musik, die sie im neuen Ägypten hören wollen. Ich glaube, dass Hip-Hop von der Gesellschaft sehr respektiert wird und die Menschen die Ehrlichkeit und die Themen, die in den Songs angesprochen werden, schätzen. Die Menschen habe die Nase voll von oberflächlichen Pop-Liebesliedern, da sie versagt haben, die soziale und politische Realität zu repräsentieren.

    Mein erstes Video, „Masrah Deeb“ („Deebs Bühne“) wurde zwei Wochen vor der Revolution ganz in der Nähe des Tahrir-Platzes im Stadtzentrum Kairos aufgenommen. Ich entschloss mich dazu, das Video am 2. Februar zu veröffentlichen, als die Revolution sich noch auf ihrem Höhepunkt befand, um die Menschen an die sozialen Belange und die politische Unterdrückung zu erinnern, die wir während des Mubarak-Regimes erfahren mussten. Außerdem wollte ich die Moral der Menschen in diesen angespannten Zeiten stärken, und ihnen Hoffnung darauf geben, dass wir uns wieder erheben werden, sobald unsere Revolution vollendet ist.

    Welche Rolle könnte Hip-Hop als Sprachrohr für soziale und politische Proteste im Nahen Osten, besonders in Ägypten, spielen?

    Deeb: Hip-Hop wird von den Ägyptern zunehmend anerkannt, denn diese Art von Musik thematisiert die Kämpfe der Menschen und unterstützt die Idee der Meinungsfreiheit. Hip-Hop ist nicht bloß eine Erfindung aus dem Westen, sondern er demonstriert die Kraft der Poesie, auf die Araber sehr viel Wert legen. Nach der Revolution kamen viele Ägypter mit dem Hip-Hop in Berührung, weil sie die Künstler auf der Bühne in Tahrir auftreten sahen und Songs hörten, die in Sozialen Medien kursierten. Ich erinnere mich, dass nach einer meiner Aufführungen in Tahrir ein Mann aus der Menge auf mich zukam und mir erzählte, dass er einige Salafiten (Islamisten) aufgehalten hatte, die mich von der Bühne holen wollten, weil ich sang und sie dies als unangemessen erachteten. Er hatte die Salafiten gestoppt, weil die Protestierenden meine Songs hören wollten, da sie sie als motivierend betrachteten und als etwas, mit dem sie sich identifizieren konnten. Man kann protestieren, indem man andere Mittel und Sprachen verwendet, man kann Schilder hochhalten, Sprechchöre veranstalten – doch meine Art des Protestes sind Musik und Dichtung. Indem der Mann aus der Menge die Salafiten aufhielt, habe ich etwas erreicht: Ich habe eine Erklärung abgegeben, dass Freiheit Sprache ist und etwas, für das wir auch nach dem 25. Januar noch kämpfen werden.
    Arian Fariborz
    ist Politik- und Islamwissenschaftler. Zuletzt erschien 2010 im Palmyra-Verlag Rock the Kasbah – Popmusik und Moderne im Orient.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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