Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Editorial

    Der arabische Frühling des Jahres 2011, von dem vor zwölf Monaten noch niemand etwas geahnt hatte, hat mit dem Sturz Gaddafis seinen Sommer und seinen Höhepunkt erlebt und ist gegenwärtig in seinen Herbst eingetreten: In Syrien und Jemen wird gekämpft, in Ägypten und in Tunesien wird gewählt, vermutlich bald auch in Libyen. Die großen Hoffnungen der Revolutionäre der ersten Stunde werden sich nicht alle sofort erfüllen, soviel ist klar. Aber wir dürfen doch davon ausgehen, dass in ein paar Jahren die politischen Verhältnisse in diesen Ländern besser sein werden, als sie es zuvor waren. Aber damit dies geschieht, müssen die fortschrittlich Kräfte wachsam bleiben. Wir bei Fikrun wa Fann /Art&Thought beobachten die Entwicklung mit großer Anteilnahme und teilen die Ambitionen ebenso wie die Sorgen der Menschen. Auch die Goethe-Institute überall in der arabischen Welt versuchen, die politische Entwicklung nach Kräften zu unterstützen. In vielen Ländern in das Goethe-Institut inzwischen zur Anlaufstelle der jungen politischen Aktivisten geworden. Die Homepages der lokalen Goethe-Institute informieren darüber.

    Ein Kennzeichen der Revolutionen war und ist die Rolle der Musik, insbesondere die verschiedenen Spielarten populärer Musik: Hiphop, Rock, Techno (vergleiche die Artikel von Arian Fariborz und Ahmad al-Wasel in diesem Heft). Im Westen war die Popmusik seit den sechziger Jahren ein wesentlicher Teil der Protestkultur, die in die Umwälzungen von 1968 mündete. Jugendbewegung, Protest, Wunsch nach Veränderung und der unkonventionelle Ausdruck dieser Wünsche in der Musik sind ebenso Kennzeichen der 68er wie der arabischen (und iranischen) 2011er. War die Nummer 86 von Fikrun wa Fann/Art&Thought der 68er Bewegung gewidmet, so widmet sich die vorliegende Nummer 96 der Musik – freilich nicht nur der Musik der Revolution, sondern der Rolle der Musik im Kulturaustausch überhaupt. Musik spricht die Gefühle Menschen viel direkter an als Kunst und Literatur, und sie ist dank der elektronischen Medien heutzutage auch leicht zu verbreiten. In der Musik, und vielleicht nur dort, gibt es überdies eine globale, von vielen Menschen überall auf der Welt geteilte, wahrhaft globale Kultur. Umso wichtiger ist, dass auch die Musik, die von der Musikindustrie unabhängig ist und in den ärmeren Regionen der Welt entsteht, ein Echo findet und dass die Musiker von ihrer Arbeit leben können, ohne ihre ästhetischen Vorstellungen verleugnen zu müssen (vergleiche den Artikel von Thomas Burkhalter). Gerade arabische und iranische Musiker sind in Europa aber bereits jetzt schon sehr erfolgreich, wie Suleman Taufiq in seinen Musikerporträts zu berichten weiß. Aber wer hätte gedacht, dass die orientalische Musik schon Mozart beeinflusst hat? Wer es nicht glaubt, lese den Artikel von Nadja Kayali in diesem Heft.

    Aber das vorliegende Heft bietet noch mehr. Dass der Frauenfußball auf dem Vormarsch ist, hat man anlässlich der Frauen Fußball-WM in Deutschland in diesem Jahr gut sehen können. Was aber viele nicht wissen: Auch im Orient ist der Frauenfußball populär, wie die beeindruckende Bildserie von Claudia Wiens zeigt. Sehr beeindruckend ist auch die Entwicklung der Kunst-Szene im Nahen Osten, wie der Beitrag von Lotte Fassauer und Michaele Kamburowa beweist. Schließlich gibt es spannende Entwicklungen aus der deutschen Islamwissenschaft zu berichten: Wir haben Josef van Ess interviewt, dessen Monumentalstudie über die frühe islamische Theologie jetzt auch auf arabisch erschienen ist; und wir stellen die Forschungen von Angelika Neuwirth zum Koran und von Thomas Bauer zur Kultur der Ambiguität im Islam vor, zwei Bücher, die hoffentlich bald auch in die orientalischen Sprachen übersetzt werden.

    Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
    Ihre Fikrun wa Fann/ Art&Thought-Redaktion

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