Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vermessung der Demokratie

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Ein Exil, das bereichert
    Die kulturellen Errungenschaften der iranischen und arabischen Autoren in Deutschland

    Seit den siebziger Jahren ist Deutschland verstärkt Ziel von Auswanderern aus der arabischen Welt und Iran geworden. Viele von ihnen sind in Deutschland geblieben und haben zwischen der deutschen und ihrer Heimatkultur vermittelt.

    Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist Deutschland verstärkt Ziel von Auswanderern aus der arabischen Welt und Iran geworden. Diese Menschen kamen nach Deutschland zum Studium oder aus politischen Gründen, oft auf der Flucht vor Kriegen und politischer Verfolgung. Viele von ihnen sind in Deutschland geblieben und haben am Kulturleben in Deutschland und in ihrer Heimat gleichermaßen teilgenommen und oft zwischen beiden Kulturen vermittelt. Viele von ihnen schreiben in beiden Sprachen; andere haben sich für die deutsche Sprache entschieden, wieder andere schreiben weiterhin in ihrer Muttersprache.

    Um die kulturellen Errungenschaften der iranischen und arabischen Einwanderer in Deutschland angemessen würdigen zu können, müssen wir kurz auf den historischen und sozialen Kontext eingehen, in dem die Einwanderung nach Deutschland zu sehen ist. Deutschland war, wie Sie wissen, keine bedeutende Kolonialmacht. Anders als in Frankreich und in Großbritannien gibt es daher in Deutschland keine Einwanderung aus ehemaligen Kolonien, und die deutsche Sprache ist auf die deutschsprachigen Länder in Mitteleuropa beschränkt: Deutschland, Österreich, Schweiz. Dagegen haben die meisten Araber in Frankreich Französisch in ihrer (nordafrikanischen) Heimat von klein auf in der Schule gelernt und beherrschen die Sprache perfekt. Die Iraner und Araber, die nach Deutschland kommen, müssen die Sprache dagegen im fortgeschrittenen Alter lernen, also mit größeren Schwierigkeiten. Außerdem ist das Deutsche sicher eine Sprache, die schwieriger zu erlernen ist als Französisch oder Englisch. Erschwerend kommt hinzu, dass die deutschsprachigen Länder keine klassischen Einwandererländer wie die USA, Kanada oder Australien sind. Dennoch gibt es seit den sechziger Jahren einen stetigen Zuwachs von arabischen und iranischen Einwanderern in Deutschland.

    Beginnen wir mit einer Ausnahme: Es handelt sich um Cyrus Atabay, der als Sohn eines iranischen Arztes und einer Tochter Reza Schah Pahlavis 1929 in Berlin geboren wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er zurück nach Iran. Da er die Sprache jedoch nicht richtig konnte, kehrte er zurück und studierte in Deutschland. Später lebte er unter anderem in London. Seine Gedichte schrieb er auf Deutsch, er war mit vielen deutschen Schriftstellern, u. a. mit Gottfried Benn und Elias Canetti, gut bekannt. Außerdem hat er Gedichte von Hafis, Rumi und Omar Khayyam in moderne deutsche Prosa übersetzt. Er starb 1996 in München.

    Studium in Deutschland

    Woher kommen diese Menschen und warum kommen sie nach Deutschland?
    Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Menschen vor allem zum Studium nach Deutschland. Bis heute ist Deutschland als Studienort sehr beliebt, nicht zuletzt deshalb, weil das Studium in Deutschland kostenlos ist. In diesem Zusammenhang ist die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg erwähnenswert, denn viele  studierten nicht in Westdeutschland, sondern im kommunistischen Ostteil (DDR). Das betraf vor allem diejenigen Studenten, die aus denjenigen Ländern kamen, die sich selbst zum Sozialismus bekannten (meist in der Form des Baathismus oder Nasserismus), also vor allem aus Syrien und dem Irak.

    Andere Intellektuelle derselben Generation (und die meisten Iraner) gingen zum Studium nach Westdeutschland. Aus Ägypten kam Nagi Naguib (1931-1987), der als einer der Ersten moderne arabische Literatur übersetzte und dafür in Berlin den bis heute existierenden Verlag Edition Orient gründete, ein Verlag, in dem auch persische Literatur erscheint. Aus dem Libanon kam der Dichter Fuad Rifka (1930-2011), der in Heidelberg studierte und eine Doktorarbeit über die Philosophie von Martin Heidegger schrieb. Später ist er wieder in den Libanon zurückgekehrt. Das trifft übrigens auf viele Araber dieser Generation zu, die damals zum Studium nach Deutschland gingen. Sofern es die politischen Verhältnisse in ihrer Heimat erlaubten, sind sie wieder zurückgekehrt.

    Bereits in dieser Generation erkennen wir drei typische Lebensläufe:
    1. Diejenigen, die nach einer Zeit, meistens nach dem Studium, wieder zurückkehren und in ihrer Heimat die deutsche Kultur vermitteln oder unter dem Einfluss der deutschen Kultur ihr eigenes Werk schreiben. Dabei handelt es sich meistens um Araber, während viele Iraner aus politischen Gründen, zum Beispiel aus Opposition gegen den Schah, in Deutschland blieben.
    2. Diejenigen, die in Deutschland bleiben und
    a) hauptsächlich auf Deutsch schreiben und arabische Literatur ins Deutsche übersetzen
    b) hauptsächlich auf Arabisch schreiben und deutsche Literatur ins Arabische übersetzen.

    Dieselben Merkmale finden wir bei den folgenden Generationen, wobei jedoch auffällt, dass die Zahl derjenigen wächst, die sich dafür entscheiden, in Deutschland zu bleiben und auf Deutsch zu schreiben. Außerdem nimmt die Zahl derjenigen zu, die nicht freiwillig kommen, sondern aufgrund von politischer Verfolgung oder (Bürger-) Krieg.

    Die Generation derjenigen, die in den vierziger und fünfziger Jahren geboren wurden, war von den politischen Krisen in der arabischen Welt der siebziger Jahre besonders betroffen: dem libanesischen Bürgerkrieg, der Machtergreifung von Hafis al-Assad und Saddam Hussain und dem iranisch-irakischen Krieg. Aus Syrien sei hier stellvertretend Rafik Schami genannt. Rafik Schami (ein Pseudonym – sein eigentlicher Name ist Suhail Fadhel) wurde 1946 geboren und ging 1971 zum Studium der Chemie nach Deutschland, begann aber bald auf Deutsch zu schreiben. Mittlerweile zählt er zu den erfolgreichsten und bekanntesten Autoren deutscher Sprache. Er verkauft mehr Bücher als die meisten deutschen Schriftsteller. Ich gehe am Ende meines Vortrags noch einmal näher auf seine Literatur ein.

    Aus Iran kam der 1947 geborene SAID zum Studium nach Deutschland und war in der Opposition gegen den Shah aktiv. Seit den siebziger Jahren schreibt er seine Gedichte auf Deutsch. Später hat er auch zahlreiche Essays und Erzählungen vorgelegt. Von 2000 bis 2002 war er Präsident des deutschen PEN-Clubs und hat sich für viele verfolgte iranische Autoren eingesetzt.

    Eine besonders große Rolle in Deutschland spielte und spielt Bahman Nirumand (geboren 1936 in Teheran). Sein Schah-kritisches Buch Persien. Modell eines Entwicklungslandes war wichtig für die deutsche 68er-Bewegung. Man darf die Behauptung wagen, dass er der bis heute einflussreichste iranische Autor in Deutschland ist. Nach wie vor engagiert er sich politisch und hat zahlreiche Bücher über den Iran publiziert. Er ist aber auch literarisch tätig, vor allem als Übersetzer. Er hat u. a. Werke von Sadegh Hedayat und von Mahmoud Doulatabadi übersetzt.

    Aus dem Irak kamen vor allem in den späten siebziger Jahren einige spätere Schriftsteller. Sie flohen vor dem Regime von Saddam Hussain und vor dem Iran-Irak-Krieg, wie zum Beispiel der 1954 geborene Hussain al-Mozany. Er schrieb zunächst auf Arabisch (u. a. über seine Fluchterfahrung in dem Buch Der Marschländer), heute schreibt er auf Arabisch und auf Deutsch und veröffentlicht seine Bücher auch in beiden Sprachen. Außerdem hat er deutsche Literatur ins Arabische übersetzt, unter anderem Die Blechtrommel von Nobelpreisträger Günter Grass (unter dem Titel Tabal as-Safih). Ebenfalls aus Irak kam Khalid al-Maaly. Al-Maaly (geboren 1956) kam 1979 als politischer Flüchtling nach Deutschland. Hier gründete er den Verlag Manschurat al-Djamal. Er schrieb Gedichte auf Arabisch, übersetzte aber zusammen mit deutschen Freunden, unter anderem mit mir, auch arabische Gedichte ins Deutsche. Dieser Verlag hat gegenwärtig die meiste deutsche Literatur auf Arabisch im Programm, unter anderem Werke von Navid Kermani.

    An dieser Stelle verdient auch Shahram Rahimian genannt zu werden. Er wurde 1959 geboren, kam 1976 zum Studium nach Deutschland und lebt heute in Hamburg, aber schreibt nach wie vor auf Persisch. Zu den bekanntesten iranischen Autoren in Deutschland, die auf Persisch schreiben, zählt auch Abbas Maroufi, der seit Mitte der neunziger Jahre in Berlin lebt, wo er eine persische Buchhandlung betreibt. Viele seiner Bücher sind auf Deutsch übersetzt und von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen worden, vor allem sein Roman Symphonie der Toten.

    Die jüngere Generation

    Schließlich möchte ich noch auf die jüngere Generation eingehen. Von ihnen schreiben fast alle auf Deutsch, wie etwa der 1961 geborene deutsch-persische Dichter Farhad Showghi, der heute in Hamburg lebt. Er schreibt nicht nur seine eigenen Gedichte auf Deutsch, er übersetzt auch persische Gedichte ins Deutsche, unter anderem einen Lyrikband von Ahmad Shamlu (Verlag Urs Engeler, Basel 2002).

    Ebenfalls auf Deutsch schreibt der 1967 in Siegen von iranischen Eltern geborene Navid Kermani. Er ist promovierter Islamwissenschaftler, versteht sich aber vor allem als deutscher Schriftsteller. In seinem jüngsten Buch, dem 1200 Seiten umfassenden Roman Dein Name behandelt er sowohl iranische Themen, etwa die Geschichte seines Großvaters in Iran oder die seiner nach Deutschland ausgewanderten Eltern, er schreibt darin aber auch sehr viel über das Leben in Deutschland. Kermani ist auch für seine Reportagen und Essays bekannt und zählt heute zu den prominentesten Autoren mit iranischem Hintergrund in Deutschland.

    Unter den arabischen Autoren ragen gegenwärtig in Deutschland besonders drei  heraus. Zum einen der 1972 in Ägypten geborene Hamid Abd al-Samad. Er kam 1995 nach Deutschland und kann auf eine akademische Laufbahn zurückblicken. Bekannt wurde er durch ein selbstkritisches (und islamkritisches) autobiografisches Buch, das er auf Deutsch und Arabisch geschrieben hatte (die arabische Ausgabe erschien bei Dar Merit. Auf Deutsch heißt das Buch: Mein Abschied vom Himmel). Außerdem hat er zwei politische Sachbücher zum Islam und zur arabischen Revolution vorgelegt. Er ist sehr bekannt durch zahlreiche Auftritte in Talkshows. Ferner sei als Beispiel für die jüngere Generation der Iraker Abbas Khidr genannt. Er wurde 1973 in Bagdad geboren und kam im Jahr 2000 als politischer Flüchtling nach Deutschland. Er schreibt seine Gedichte auf Arabisch, seine Romane jedoch seit 2008 auf Deutsch. Sie sind vor allem bei der deutschen Literaturkritik ein großer Erfolg gewesen. Schließlich dürfen wir Sherko Fatah nicht vergessen, einen kurdisch-irakischen Autor, der Deutsch wie seine Muttersprache spricht und schreibt und dessen Bücher ebenfalls von den Kritikern sehr gelobt werden. Er wurde 1964 in Ostberlin geboren, zählt also zur sogenannten Generation von Einwanderern.

    Was schreiben die genannten Autoren, wie wirkt sich das Exil auf ihr Schreiben aus und inwiefern bereichern sie die deutsche oder iranische Literatur?
    Zunächst fällt auf, dass die meisten arabischen Schriftsteller in ihren Werken nicht Deutschland, sondern überwiegend die arabische Welt und ihre Probleme bzw. die Erfahrungen in ihrer Heimat thematisieren. Fast könnte man sagen, dass diese Schriftsteller, thematisch betrachtet, nicht in Deutschland angekommen sind. Allerdings gibt es natürlich Ausnahmen, und besonders von den iranischen Schriftstellern in Deutschland können wir sagen, dass sie in Deutschland mittlerweile beheimatet sind und oft mehr über Deutschland als über Iran schreiben, wie etwa Navid Kermani, aber wie auch schon Cyrus Atabay und SAID, der viel über die Gefühle eines Exilanten geschrieben hat.

    Manche arabische Autoren, besonders diejenigen, die auf Deutsch schreiben, thematisieren auch die Flucht selbst oder die Schwierigkeiten, in Deutschland anzukommen oder mit den Deutschen zurechtzukommen (oft humorvoll, etwa bei Rafik Schami, oder grotesk, etwa bei Hussain al-Mozany). Dass die meisten arabischen Autoren auch in Deutschland und wenn sie auf Deutsch schreiben, thematisch ihrer Herkunft verhaftet bleiben, ist meines Erachtens jedoch nicht als Nachteil oder Mangel zu begreifen. Für die deutschen Leser hat dies nämlich den Vorteil und großen Reiz, fremde Welten, fremde Geschichten und Lebensläufe kennen zu lernen. Selbst wenn darin manchmal eine stellenweise triviale Exotik mitschwingt, lernen die Leser dadurch jedoch immer auch eine authentische arabische Stimme kennen. So kommt es, dass die arabischen Schriftsteller in Deutschland oft zu aktuellen politischen Themen gefragt werden. Dank ihnen hat die arabische Welt in Deutschland eine Stimme (obwohl natürlich klargestellt werden muss, dass die arabischen Autoren in Deutschland nicht repräsentativ für die Araber oder die arabischen Schriftsteller insgesamt sprechen und auch nicht sprechen wollen).

    Interessant ist für unsere Zwecke die sprachliche und stilistische Untersuchung der Werke iranischer und arabischer Schriftsteller in Deutschland. Hier müssen wir jedoch unterscheiden: In welcher Sprache schreibt der Schriftsteller und von welchem Publikum wird er gelesen? Die meisten Araber, die auf Deutsch schreiben, beherrschen das Deutsche zwar sehr gut, aber selten perfekt, das heißt in der Regel nicht so gut wie ein gebildeter deutscher Muttersprachler. Dies ist jedoch selten ein Nachteil, da es in den Verlagen immer jemanden gibt, der die Sprache korrigiert, und da die Autoren normalerweise eine einfache und damit sehr zugängliche, leicht lesbare Sprache schreiben. Dies führt dazu, dass ihre Bücher einer breiten Leserschicht offen stehen, nicht nur gebildeten Lesern und Intellektuellen (den ebenfalls sprachlich einfachen Büchern von Alaa al-Aswani vergleichbar).

    Auffälligerweise trifft dies für die iranischstämmigen Autoren in Deutschland nicht zu. Sie beherrschen das Deutsche in der Regel so gut wie ihre Muttersprache, sei es, weil sie bereits in Deutschland geboren worden sind oder weil sie sehr jung zum Studium nach Deutschland kamen. Dafür ist ihre Literatur oft nicht so populär. Während etwa Rafik Schami auch für einfache Leute gut lesbar ist, richtet sich die Literatur von Navid Kermani eher an gebildete Leser.

    Der „Scheherazade-Effekt“

    Dieses sprachliche Charakteristikum fällt natürlich bei den arabischen und iranischen Autoren weg, deren Bücher erst ins Deutsche übersetzt werden müssen (bei den Iranern etwa Abbas Maroufi oder Shahram Rahimian). Dennoch sind auch diese Bücher in Deutschland oft sehr erfolgreich, und zwar aus einem anderen Grund (den sie mit den auf Deutsch geschriebenen arabischen Büchern teilen): Viele orientalische Autoren schreiben mit einer großen Freude am Erzählen, am Fabulieren, an ausschweifenden Geschichten. Man könnte dies, obwohl es wie ein Klischee klingt, als den „Scheherazade-Effekt“ beschreiben. (Ich will nicht behaupten, dass es einen solchen Effekt, eine solche besondere arabische Lust am Erzählen wirklich gibt – ich kann aber feststellen, dass die deutschen Leser und Kritiker dies so empfinden). So wird zum Beispiel Rafik Schami, der anders als Najm Wali auf Deutsch schreibt, von seinen Lesern auch deshalb so geliebt, weil sein Stil sehr nah am mündlichen Erzählen ist. Zuweilen fühlt man sich sogar an einen Kaffeehaus-Erzähler erinnert. Dieser Charakterzug bei Schami wird besonders in seinen Lesungen vor Publikum deutlich: Rafik Schami liest dabei nicht aus seinen Büchern vor wie andere Autoren, sondern er steht vor dem Publikum und erzählt die Geschichten mündlich nach. Man könnte sagen, dass Schami fast ein Performance-Künstler ist. Dies ist etwas völlig Neues für die deutschen Leser und in der deutschen Literatur.

    Durch die hier genannten Charakterzüge hebt sich die arabische Literatur (anders als die iranische, die in der Regel näher an der Deutschen ist) positiv von der deutschen Literatur ab, welche häufig in einem sehr zurückhaltenden, intellektuellen und wenig erzählfreudigen Stil geschrieben ist. Die Deutschen profitieren also nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch und hinsichtlich der Erzählweise von orientalischen Autoren, die in Deutschland leben.

    Nun drängt sich die umgekehrte Frage auf: Wie profitiert die iranische oder arabische Literatur von den in Deutschland lebenden Autoren, wie wirken ihre Erfahrungen in Deutschland in die Heimat zurück? Da viele von ihnen, wie gesagt, thematisch noch nicht in Deutschland angekommen sind, fällt im Fall der arabischen Literatur der thematische Aspekt weg. Wie man in Deutschland oder mit den Deutschen lebt, erfahren die arabischen Leser von diesen Autoren nicht (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Die iranischen Leser, sofern sie die Bücher der iranischen Schriftsteller in Deutschland auf Persisch lesen können, erfahren hingegen durchaus sehr viel über das Leben in Deutschland, vor allem von den auf Deutsch geschriebenen Büchern. Diejenigen, die nach wie vor auf Persisch schreiben, bleiben dagegen oft ihrer Heimat verhaftet.

    Wenn es aber stimmt, was die deutschen Kritiker schreiben, nämlich dass die orientalischen Autoren sich vor allem dadurch auszeichnen, „typisch“ orientalisch zu schreiben, das heißt mit orientalischer Fabulierfreude und Lust am Erzählen, dann dürften die orientalischen Leser auch nur wenige stilistische Besonderheiten oder neue, sozusagen „deutsche“ Einflüsse bei diesen Werken wahrnehmen. Ob dies so ist, weiß ich nicht. Literaturwissenschaftliche Studien darüber fehlen leider. Wir müssen die iranischen oder arabischen Leser selbst fragen.

    Der Einfluss der arabischen und iranischen Autoren in Deutschland auf ihre Heimat liegt, so vermute ich, auf anderen Gebieten als der erzählenden Literatur. Er liegt, vor allem bei den Arabern, erstens in der Übersetzungstätigkeit dieser Autoren. Er liegt bei den arabischen Autoren zweitens auf dem Gebiet der Lyrik. Wir merken dies wiederum an Fuad Rifka und Khalid al-Maaly. Alle diese Autoren zeichnen sich durch eine Lyrik aus, die im Vergleich zur sonstigen arabischen Lyrik ihrer Generation auf die traditionellen rhetorischen Mittel verzichtet. Sie schreiben eine Lyrik, die einfach ist, klar und kurz. Es ist die Schule von Goethe, Hölderlin, Benn, Rilke, Brecht, Celan. Man kann hier von einer echten Verschmelzung arabischer und deutscher Dichtung reden.

    Schließlich glaube ich, dass der deutsche Einfluss vor allem philosophischer und politischer Natur ist, und das gilt vor allem auch für die iranischen Autoren in Deutschland, die oft politisch aktiv sind. Diesen Einfluss der politischen und philosophischen Kultur in Deutschland auf die hier lebenden arabischen Intellektuellen merken wir zum Beispiel daran, dass die meisten iranischen und arabischen Autoren in Deutschland sehr kritisch über Religion und Tradition in ihrer Heimat denken; dass sie das Gedankengut der Philosophie der Aufklärung (Kant, Hegel, Nietzsche) und der politischen Freiheiten, die wir gegenwärtig in Deutschland genießen, intensiv rezipieren. Und dass sie diese Philosophie in ihre politischen Essays, Aufsätze und öffentlichen Stellungnahmen einfließen lassen. Damit wirken diese Autoren auch wieder in ihre Heimat zurück.

    Wir sehen: Der Kulturaustausch zwischen Deutschland und der islamischen Welt, vor allem Iran und den arabischen Ländern, ist so intensiv wie nie in der Geschichte. Dass dies so ist, verdanken wir weniger der deutschen Initiative als den Aktivitäten der arabischen und iranischen Kulturschaffenden Und wenn wir diesen Höhenflug des kulturellen Austauschs richtig verstehen wollen, müssen wir ihn differenziert sehen: Zum einen aus den unterschiedlichen Perspektiven der deutschen und iranischen oder arabischen Leser. Zum anderen im größeren philosophischen und politischen Zusammenhang. Nur wenn wir dies tun, begreifen wir, wie fruchtbar dieser Austausch in Wahrheit ist.


    Der Artikel beruht auf einem Vortrag Stefan Weidners auf der Konferenz der Literaturzeitschrift Al-Arabi im März 2012 in Kuwait über die Exilliteratur.
    Stefan Weidner
    ist Chefredakteur von Fikrun wa Fann.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2012

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