Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vermessung der Demokratie

    Seismographen der Revolution
    Die arabischen Literaturtage in Frankfurt

    Unter dem Motto „Aufbruch in die Freiheit“ fanden im Januar dieses Jahres in Frankfurt die arabischen Literaturtage statt. Bedeutende arabische Autoren trafen sich mit ihren deutschen Kollegen und diskutierten die Entwicklungen.

    Menschen dicht an dicht, in langen Schlangen vor dem Ticketschalter, in dicken Trauben um die Bücherstände, dazu ein beachtliches Medienaufgebot und über allem ein sanfter Hauch von Weltgeist: Noch vor anderthalb Jahren, als der Geist des Aufstands noch nicht durch den Nahen Osten wirbelte, hätte man durchaus daran zweifeln können, ob all die arabischen Dichter, Schriftsteller und Musiker zwei Tage lang in ausverkauftem Haus hätten auftreten können. Doch litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die das Festival ausrichtete, wusste aus eigener langjähriger Erfahrung nur zu gut, dass arabische Literatur allein nur begrenzt massentauglich ist. Um Besucher in Scharen zu locken, muss schon etwas hinzukommen. Zum Beispiel eine Revolution. Fast über Nacht verwandelte sie hierzulande weitgehend unbekannte und im eigenen Land manchmal verfolgte Autoren zu umworbenen Figuren auf dem deutschen Literaturmarkt.

    Diese Chance ergriff litprom und bot den geladenen Autoren eine Bühne, die diese ihrerseits nutzten – wenngleich auch weniger für literarische als politische Anliegen. Boualem Sansal etwa, der im letzten Herbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erläuterte die feinen Unterschiede zwischen Demokratie und Scheindemokratie. Sein eigenes Land, Algerien, habe den Ruf, in Sachen Meinungsfreiheit vorbildlich zu sein: Die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften sei enorm, ebenso die der Fernseh- und Radiosender. Das Problem sei nur: Hinter den meisten dieser Medien stecke auf die ein oder andere Weise der Staat. Er biete den Bürgern ein solch geballtes Medienangebot, dass diese schon bald erschöpft davon abgelassen hätten: Die Texte würden gedruckt, aber kaum jemand lese sie. So nütze die mediale Vielfalt vor allem der Regierung. Sie nutze sie, um sich nach innen wie außen zu legitimieren. Denn warum eine Regierung abwählen, die doch die Meinungsfreiheit achtet – und zwar umso mehr, fügte er augenzwinkernd hinzu, je weniger diese Freiheit sich in politische Forderungen umsetze.

    Von einem Text hingegen, der sehr wohl gelesen wird, berichtete Magdy El-Shafee. Der Ägypter veröffentlichte im Jahr 2008 mit Metro nämlich die erste ägyptische Graphic-Novel – und damit ein Genre, das den Zensoren erhebliches Kopfzerbrechen bereitete. Denn diese, erzählte er, interessierten sich eigentlich nicht für Literatur – Literatur erreiche nämlich immer nur wenige Leser und sei schlicht zu bedeutungslos gewesen, um verboten zu werden. Metro hingegen, eine Geschichte über einen jungen Mann, der mit den Nutznießern des damaligen Mubarak-Regimes einige durchaus deprimierende Erfahrungen macht, fand sehr viele Leser – und unterlief so die Logik der Zensoren. Denn einerseits handelte es sich bei Metro zweifelsfrei um ein Buch, ja offenbar sogar um Literatur – andererseits aber enthielt dieses Buch Bilder, und zwar beunruhigend viele. Um was für ein Genre also handelte es sich? Die Zensoren ersparten sich literaturtheoretische Überlegungen und ließen das Werk umgehend verbieten. Erst jetzt, vier Jahre später, darf es auf eine offiziell abgesegnete Neuauflage hoffen.

    Dass auch herkömmliche Literatur Ärger mit der Staatsmacht bekommen kann, erläuterte Rosa Yassin Hassan. Die syrische Autorin, wegen ihrer Schriften mit einem mehrjährigen Reiseverbot belegt, hatte erst einen Tag vor ihrer Ankunft die Erlaubnis erhalten, ihr Land zu verlassen. Umso bewundernswerter der Mut, mit dem sie sich zur Lage in ihrem Land äußerte. Etliche Tausend seien gestorben, die Syrer lebten in Angst, berichtete sie, viele seien auf der Flucht vor der Staatsmacht abgetaucht. Angesichts einer solchen Situation, erklärte sie, falle es ihr schwer, über Literatur zu reden.

    Maha Hassan, Autorin mit kurdischen Wurzeln, die aus Paris angereist war, hatte Syrien bereits vor acht Jahren verlassen, ebenfalls aus Furcht vor dem Regime. Sie flüchtete nicht nur aus Angst um Leib und Leben. Sie, die damals bereits ihre ersten Romane veröffentlicht hatte, sorgte sich auch um ihre intellektuelle Unabhängigkeit. „Ich schrieb über drei Tabuthemen“, erklärte sie. „Politik, Sex und Religion.“ Das brachte umgehend die Zensur auf den Plan. Ihre Bücher wurden verboten, sie galten als „moralisch verurteilenswert“.

    „Kulturelle Korruption“

    Die Zensur kann allerdings viel mehr, als nur das ein oder andere Buch zu verurteilen. Sie wirkt bedrohlich, weil sie allgegenwärtig ist, jederzeit zuschlagen, einen Autor und sein Werk mit Bannsprüchen belegen kann. Zudem: Was bedeutet es, wenn in Syrien überall Plakate des Präsidenten hängen, er von zahllosen Schildern, Plakaten, Bannern auf die Syrer herabblickt, wenn offenbar der ganze Staat auf ihn zugeschnitten ist? Es bedeutet, dass Autoren sich vorsehen, dass sie sich von vornherein überlegen, was sie schreiben und was besser nicht. Kleinere und größere Zugeständnisse, Vorsichtsmaßnahmen, aber auch deren Gegenteil: eine heimliche Gefallsucht, das Arrangement mit der Macht – für Maha Hassan sind solche Verhaltensweisen Ausdruck einer „kulturellen Korruption“, der sich kein Schriftsteller entziehen kann.

    Doch der Druck, durch den sich die Bürger ihren eigenen Alltag reglementieren ließen, ergänzte die libanesische Autorin Alawiyya Sobh, geht auch von der Gesellschaft selber aus, von den Traditionen und Gewohnheiten. In ihrem Land zeige sich dies vor allem anhand zweier Phänomene: dem Verhältnis der Religionen und dem der Geschlechter. Der Libanon sei ein konfessionell strukturierter Staat. Das aber sei äußerst gefährlich, denn eine solche Ordnung verleite die Bürger, ihr gesamtes politisches Weltbild auf eine konfessionelle Grundlage zu stellen. Dadurch begäben sie sich in gefährliche Nähe zum Rassismus – einem kulturellen Rassismus, der sich von dem biologisch begründeten in seiner Destruktivität nicht grundlegend unterscheide. Auch die stillschweigend anerkannte Hierarchie zwischen den Geschlechtern trage nicht zur Entwicklung einer freien Gesellschaft bei. Hierarchisches Denken sei sehr schwer zu überwinden, denn ihm hingen nicht nur offen konservative, sondern auch nicht wenige vermeintliche moderne, vermeintliche fortschrittliche Menschen an – und zwar keineswegs nur Männer, sondern durchaus auch Frauen. Überhaupt dominierten Frauen die Veranstaltung. Aus Ägypten war Mansura Izzeddin angereist, aus Tunesien Sihem Benseddrine.

    Bemerkenswert an dem Treffen in Frankfurt war schließlich, dass auch zahlreiche deutsche Autoren eingeladen waren, mit den Arabern mitzudiskutieren, unter anderen Thomas Lehr und Michael Kleeberg, in deren Werk die arabische Welt eine wichtige Rolle spielt.
    Kersten Knipp
    ist Journalist und Literaturkritiker und lebt in Köln.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2012

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