Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Editorial

    Wenn wir im vorliegenden Heft die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zum Schwerpunktthema gemacht haben, so geschieht dies in der Überzeugung, dass eine solche Auseinandersetzung für jede moderne Gesellschaft unerlässlich ist. Gemeint ist natürlich eine kritische Auseinandersetzung, die sich nicht scheut, wunde Punkte und möglichst auch Tabus anzusprechen; die versucht, die Vergangenheit nicht zu verdrängen, sondern ihr unerschrocken in die Augen zu schauen.

    Nur wenige Gesellschaften haben das Glück, eine wirklich unproblematische, gewaltfreie Vergangenheit zu haben. Selbst in Staaten, die keinen Krieg geführt haben und vorbildliche Demokratien sind, finden sich häufig dunkle Flecken. Ein Beispiel wäre die Schweiz, die im Zweiten Weltkrieg eine problematische Rolle beim Umgang mit von den Nazis geraubten Vermögen gespielt hat. Die Rolle der Schweiz im Nationalsozialismus wurde im sogenannten Bergier-Bericht jedoch vorbildlich aufgearbeitet.

    Als Experten und Musterschüler in der Vergangenheitsbewältigung gelten die Deutschen. Sie mussten zwei sehr unterschiedliche Vergangenheiten, zwei unterschiedliche Diktaturen bewältigen: die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust als traurige Höhepunkte; und die kommunistische Diktatur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der DDR. Aber wenn wir als Deutsche heute auf unsere Vergangenheitsbewältigung stolz sind und sie wie ein Exportgut „Made in Germany“ aller Welt anempfehlen, dürfen nicht vergessen, dass die Vergangenheitsbewältigung des Nationalsozialismus erst seit 1968 gründlich angegangen wurde; und dass die Bewältigung der DDR Vergangenheit insofern einfach war, als die DDR und ihr Machtapparat schnell zerfiel und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der DDR sofort zur offiziellen, von Westdeutschen dominierten Politik Gesamtdeutschlands wurde.

    So leicht haben es die meisten anderen Staaten nicht, wenn ein despotisches Regime zusammenbricht, ein Bürgerkrieg zuende geht oder eine Revolution stattfindet. Wenn es nicht, wie etwa bei der russischen oder iranischen Revolution, zu einer meist blutigen und selten rechtsstaatlichen Abrechnung mit den alten Kräften kommt, müssen in den meisten dieser Staaten die Anhänger des Neuen und die Verfechter des Alten irgendwie miteinander auskommen und sich mit ihren verschiedenen Ansichten und Vergangenheiten arrangieren – hoffentlich friedlich! Oft ist dies nur möglich um den Preis der Verdrängung der Vergangenheit, um den Preis des Schweigens. Dies birgt jedoch die Gefahr, dass die alten Wunden nicht wirklich heilen, sondern in Zukunft zu weiteren blutigen Konflikten führen. Eben deswegen ist es wichtig, Mittel und Wege zu finden, sich auf vernünftige Weise mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

    Das vorliegende Heft von Fikrun wa Fann /Art&Thought versucht an zahlreichen Beispielen aus der ganzen Welt aufzuzeigen, auf welche Weise sich verschiedene Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Wie aktuell das Thema ist, zeigt ein Blick auf die arabische Welt heute. Dieser Blick zeigt aber auch, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Weg zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit finden muss. Die Rezepte, die in Deutschland oder Südafrika funktioniert haben, könnten sich in Ägypten oder Syrien als sinnlos erweisen. Lernen – besonders aus den Fehlern der anderen – können die im Umbruch befindlichen Gesellschaften aber zweifellos aus den Versuchen der anderen.

    Wir hoffen, dass unser aktuelles Heft überall dort, wo die Gefahr besteht, dass die Vergangenheit die Zukunft in Geiselhaft nimmt, zu einer offenen und fairen Auseinandersetzung auch über die dunklen Stellen der Geschichte ermutigt.

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