Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Bewältigung der Vergangenheit durch Politik und Recht

    Mit dem Kurswort ‚Vergangenheitsbewältigung’ ist ein durchaus alter Sachverhalt angesprochen. Denn das Problem, mit den Folgen eines als illegitim angesehenen Herrschaftssystems politisch und rechtlich umzugehen, hat sich für Nachfolgerstaaten immer wieder gestellt.

    Vergangenheitsbewältigung – das ist ein ebenso populäres wie umstrittenes Wort. Ungenau ist es auch. Denn was geschehen ist, kann nicht mehr bewältigt werden. Bewältigt werden können allerdings – oder müssen sogar – die für die Nachlebenden belastenden Folgen eines vergangenen politischen Ereignisses. Insoweit weist das Wort auf eine unangenehme und unausweichliche Aufgabe hin. Es tritt vieldeutig und gewichtig auf, gilt als typisch deutsch, ist kaum übersetzbar und in jedem Fall erläuterungsbedürftig. Vielleicht offenbart es auch, wie Bernhard Schlink gemeint hat, eine „Sehnsucht nach Unmöglichem“, eine dem Ansinnen der „Wiedergutmachung“ vergleichbare trotzig-naive, kindliche Einstellung: „das Vergangene so in Ordnung zu bringen, dass seine Erinnerung nicht mehr auf der Gegenwart lastet“.

    Nur das, was gar nicht ausdrücklich genannt wird, versteht sich offenbar von selbst. Denn jeder, der das Wort hört oder benutzt, weiß sofort, dass die nationalsozialistische Vergangenheit gemeint ist und nur sie. Solange der Ausdruck der ‚Vergangenheitsbewältigung’ in der öffentlichen Auseinandersetzung über das ‚Dritte Reich’ und seine Folgen dominierte, schien es, als habe jene Zeit alle anderen Vergangenheiten bedeutungslos gemacht, als sei alle weitere Vorgeschichte unserer Gegenwart auf diese eine kurze Zeitspanne der zwölf Jahre dauernden Hitler-Diktatur zusammengeschrumpft. Lange war das nationale Bewusstsein der Deutschen wie eingeschnürt durch eine Befangenheit der Nähe zum Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Erst nach und nach hat es Distanz zu der so bedrückend gegenwärtigen Vergangenheit finden und eine größere Zeittiefe zurückgewinnen können. Dem sozialen Gedächtnis der Deutschen, das seinen Rückhalt in der eigenen Nationalgeschichte 1945 zunächst weitgehend verlor, blieb insofern eine gewisse Unruhe und Unsicherheit eigen. Unser „unglückliches nationalstaatliches Geschichtsbewusstsein“ schwankt bis heute zwischen einer Historisierung und einer Verabsolutierung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es schwankt zwischen der forcierten Neigung, die Nationalgeschichte in der Deutung zu normalisieren, und dem nicht weniger ausgeprägten Hang, den historischen Rückblick auf den engen Zeithorizont der kurzen, aber folgenschweren zwölf Jahre zu zentrieren.

    ‚Unbewältigte Vergangenheit’

    Der Göttinger Historiker Hermann Heimpel traf schon Ende der fünfziger Jahre den Kern dieses Problems, als er schrieb, „die Unrast und die Unlust, mit der wir der Geschichte begegnen, oder ihr auszuweichen suchen, ist zunächst also eine deutsche Erscheinung, ein deutsches Verhängnis – es ist die vielzitierte ‚unbewältigte Vergangenheit’. Diese bricht über alle herein, ob sie es wissen oder nicht – denn der Kampf um unsere Vergangenheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.“ Heimpel konnte nicht ahnen, wie bald und wie sehr er mit seiner Einschätzung Recht behalten sollte. Wenig später begannen Eichmann- und Auschwitz-Prozesse, folgten die parlamentarischen Verjährungsdebatten und die politischen Kontroversen um die zeithistorischen Dramen von Rolf Hochhuth bis Peter Weiss. Am Vorabend der geschichtspolitischen außerordentlich konflikt- und ereignisreichen sechziger Jahre war Heimpel allerdings nicht grundlos beunruhigt über eine gewisse „Ermüdung und Bedrohung des geschichtlichen Sinnes“.

    Wer immer das Wort ‚Vergangenheitsbewältigung’ erfunden hat, es kam in Umlauf, als das erste Nachkriegsjahrzehnt zu Ende ging, die Zerstörungen des Krieges weitgehend beseitigt und die Folgen des nationalsozialistischen Unrechtsregimes bewältigt erschienen. Westintegration und Wiederbewaffnung waren eingeleitet, die Bundesrepublik erhielt mit dem Deutschlandvertrag ihre Souveränität, und die westdeutsche Wiederaufbau-Gesellschaft ließ im optimistischen Schwung des ‚Wirtschaftswunders’ die Vergangenheit hinter sich, mochte auch eine keineswegs unbedeutende Minderheit beharrlich von einer ‚unbewältigten Vergangenheit’ sprechen, die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Erblast einfordern und mit einer generationenübergreifenden, politisch-moralischen Verpflichtung begründen. Die schweigende Mehrheit forderte nach den Nürnberger Prozessen, nach beendeter Entnazifizierung, Begnadigung der ‚Kriegsverbrecher’ und Wiedergutmachung den definitiven Schlusspunkt – so wie es im Allgemeinen früher oder später noch stets nach einschneidenden politischen Systemwechseln geschieht. 
       
    Mit dem damals neuen Kurswort ‚Vergangenheitsbewältigung’ ist also ein durchaus alter Sachverhalt angesprochen. Denn das Problem, mit den Folgen eines als illegitim angesehenen Herrschaftssystems politisch und rechtlich umzugehen, hat sich für Nachfolgerstaaten immer wieder gestellt. Grundsätzlich geht es dabei um die Frage, ob man mit den Verantwortlichen einer Diktatur ‚kurzen Prozess’ macht, oder ob man sich auf eine langwierige Auseinandersetzung mit den Diktaturfolgen einlassen will. Einiges spricht dafür, dass das Ende einer Gewaltherrschaft „kurz und blutig“ sein sollte, denn mit rechtsstaatlichen Mitteln kann „das Erbe an Hass, Wut, Entrüstung und Verachtung nicht bewältigt werden, das die Tyrannei materiell und psychisch hinterlässt“. In Deutschland gab es keine „Bartholomäusnächte“ (E. Kogon), wie das nicht wenige NS-Verfolgte bei Kriegsende erwartet hatten.

    Das gewaltsame Verstoßen und Lossagen von den Tätern, Anstiftern und Mithelfern eines Gewaltverbrechens durch eine Nacht der langen Messer trifft allerdings neben Schuldigen unvermeidlich immer auch Unschuldige. Andererseits erweisen sich aber auch rechtsstaatliche, gerichtsförmige Verfahren gegenüber staatlich organisierten Verbrechen schnell als unzureichend. Zum einen, weil sie nur nach der individuellen Schuld im Sinne eines persönlich vorwerfbaren rechtswidrigen Verhaltens fragen können. Zum anderen, weil Strafprozesse der großen Zahl der Tatbeteiligten kaum gewachsen sind, ja, weil Art und Ausmaß des Verbrechens die Relation von Strafe und Schuld überhaupt außer Kraft gesetzt haben. Mit einer Unschuld der Opfer, die „jenseits der Tugend liegt“, und mit einer „Schuld, die jenseits des Verbrechens steht“, kann man, wie Hannah Arendt schon 1946 an Karl Jaspers schrieb, weder juristisch noch politisch umgehen. Göring zu hängen, sei „zwar notwendig gewesen, aber völlig inadäquat“.

    Kein spezifisch deutsches Phänomen

    Tatsächlich lassen sich in der nach Krieg, Revolution und politischem Systemwechsel mehr oder weniger unvermeidlichen Auseinandersetzung mit einer illegitimen Vergangenheit vielfältige Bewältigungsstrategien unterscheiden, wobei dem Recht als einem sowohl erinnernden als auch vergessenden Medium zentrale Bedeutung zukommt. Ich unterscheide nachfolgend idealtypisch sieben Varianten rechtlich-politisch definierter Handlungsformen, die in der Realität zumeist komplexer, widersprüchlicher und oft auch kombiniert oder gemischt in Erscheinung treten.

    Vergangenheitsbewältigung ist zudem kein spezifisch deutsches Phänomen, so sehr dies auch der Begriff und die anhaltende, lange auch ausschließliche Beschäftigung mit den Folgen der Hitler-Diktatur suggerieren mögen. Inzwischen wird diese Beschränkung mehr und mehr überwunden, interessiert sich zumindest die Wissenschaft für eine ländervergleichende Erforschung von Vergangenheitsbewältigung im Übergang von Diktaturen zu demokratischen politischen Systemen. Der folgende Überblick trägt dem Rechnung, lenkt den Blick aber doch immer wieder auf die Thematik dieser Einführung.

    1. Dort, wo der politische Wandel von führenden Repräsentanten des alten Systems ausgeht, wir die Vergangenheit im Allgemeinen weitgehend ignoriert. So geschah es, als in Spanien die Franco-Diktatur durch eine liberaldemokratische Monarchie abgelöst wurde und der Caudillo seinen königlichen Nachfolger Juan Carlos zuvor selbst bestimmt hatte. Einige hohe Offiziere wurden in den Ruhestand geschickt, aber eine Auseinandersetzung mit dem francistischen System und dem spanischen Bürgerkrieg, der den Diktator in den dreißiger Jahren an die Macht gebracht hatte, fand nicht statt. Vergleichbares geschah auch 1991 in Russland. Nach dem gescheiterten Putsch-Versuch verhielt sich der Gorbatschow-Nachfolger Jelzin maßvoll gegenüber den Putschisten, die wie er und seine Regierung zur alten Nomenklatur gehörten. Sie wurden lediglich angeklagt und verurteilt, weil sie die neue politische Ordnung herausgefordert hatten. Eine von der Staatsführung ausgehende, politisch-justitielle Auseinandersetzung mit dem Terror des KGB und des Archipel GULAG gab es bis heute nicht. Dass die Wahl des Jelzin-Nachfolgers auf einen ehemaligen KGB-Funktionär fiel, spricht in dieser Hinsicht nicht für einen Wandel.

    2. Dem Umgang mit einer illegitimen Vergangenheit, der auf personelle Kontinuität im Wandel setzt, der nach der Schuld von Angehörigen der Führungsgruppen gar nicht erst fragt und Vergangenheit insoweit ignoriert, steht die gewaltsame Aktion der politischen Säuberung gegenüber. Sie sucht für erlittenes Unrecht, insbesondere auch für Kollaboration mit einer feindlichen Besatzungsmacht Vergeltung und Rache durch neuen Terror. So kam es in Frankreich im Herbst 1944 im Süden des Landes und dort, wo kommunistische Widerstandsgruppen vorübergehend die Macht übernahmen, zu blutigen politischen Säuberungen, durch die nach Schätzungen etwa zehn- bis zwanzigtausend Personen ihr Leben verloren. Wilde Exekutionen gab es auch in Norditalien und auf dem Balkan. Die Vergeltungsverbrechen der kommunistischen Partisanen Titos an Kroaten und Volksdeutschen haben in kurzer Zeit etwa einhunderttausend Menschenleben gefordert. Man hat von einem „Vergeltungsfuror“ gesprochen, in dem sich der blutige Bürgerkrieg zwischen Faschisten und Kommunisten zu einem Klassenkrieg gegen den Großgrundbesitz und das Besitzbürgertum auswuchs. Die Bluttat war, wie der serbisch-kroatische Bürgerkrieg gezeigt hat, im Gedächtnis der Nachkommen noch gegenwärtig.

    3. Einen grundsätzlich anderen Weg eröffnet der Versuch einer justitiellen Bewältigung der Diktaturfolgen. Sie setzt nicht auf eine Art von Kollektivopfer und die symbolisch reinigende Kraft einer blutigen Säuberung. Sie vertraut vielmehr auf die Legitimität und Rationalität mehr oder weniger rechtlich geordneter Verfahren. Ihre Bandbreite erscheint indes so groß, dass sie unter einem strengen rechtsstaatlichen Maßstab kaum auf einen Begriff zu bringen sind. Grundsätzlich stehen im Schuldstrafrecht, das nach der objektiven Verfehlung des Beschuldigten ebenso fragt wie nach der subjektiven Schuld bzw. Schuldfähigkeit, zwei alternative Wege zur Verfügung. Der eine folgt dem Grundsatz nullum crimen nulla poena sine lege (kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz). Der andere geht den rechtsstaatlich bedenklichen, aber unter außergewöhnlichen Umständen unabweisbaren Weg der Sondergesetze und Sondergerichte. Er wird durch das Argument gestützt, dass die Zivilisations- oder Menschlichkeitsverbrechen seit langem durch das „Menschheitsgewissen geächtet“ sind und insoweit die Völkermordkonvention des Jahres 1948 kein neues Völkerrecht geschaffen, sondern nur ältere Regelungen und Normen präzisiert hat.  

    Die Alliierten haben diesen Weg beschritten und im Londoner Statut für das Internationale Militärtribunal in Nürnberg den völkerstrafrechtlichen Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit definiert. Er wurde später in das Kontrollratsgesetz Nr. 10 übernommen. Die Bundesrepublik mochte dem nicht folgen. Im Wiederaufbau des Rechtsstaates war ihr die Rechtssicherheit auch im Umgang mit den NS-Unrechtstätern wichtiger. Sie hat daher das Rückwirkungsverbot ausdrücklich in die Verfassung aufgenommen (Art. 103, 2 GG) und damit in Kauf genommen, dass viele Täter nur wegen Beihilfe verurteilt und manche Vergehen gar nicht geahndet werden konnten.

    In vielen von Hitler-Deutschland besetzten Ländern ist man anders verfahren, wollte man diese Rücksichten nicht nehmen. Dort wurden Sonderstrafgesetze erlassen, verhängten Sondergerichte gegen ‚Nazi-Kollaborateure’ Todesstrafen für Landes- und Hochverrat, sowie Kriminalstrafen wegen Totschlag, Mord und Folter, oder sie ordneten als Sühnemaßnahmen Zwangsarbeit, Freiheitsentzug und Aberkennung der Staatsbürgerrechte an. Hinzu kommen die zahlreichen, von den Alliierten in ihren Besatzungszonen initiierten Prozesse gegen KZ-Wachmannschaften. Zahlreich waren auch die Strafverfahren vor den polnischen Gerichten gegen das Personal der deutschen Vernichtungslager.

    4. Bürokratische Maßnahmen politischer Säuberung ließen schließlich die Verhältnisse in Italien und Deutschland erforderlich erscheinen. Nirgendwo sonst waren so viele Personen durch aktives Engagement für bzw. Anpassung an die totalitären Herrschaftssysteme in Straftaten verwickelt, politisch korrumpiert und hatten sich für einen Neuanfang disqualifiziert. Aber das Verfahren, die wirklich Kompromittierten von den Mitläufern zu trennen, erwies sich als ebenso aufwendig wie letztlich undurchführbar und kontraproduktiv. Denn der Schematismus und die quantitative Eskalation der Entnazifizierung schadeten nicht nur ihrem Ansehen und beeinträchtigten die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und des Wirtschaftslebens. Nachteilig wirkten sie sich auch auf die anfangs unbestrittene Legitimation einer politischen Säuberung aus. Tendenziell wurde jeder Deutsche zu einem Belasteten und konnte sich als ein potentielles Opfer der Besatzungsmächte sehen. Das provozierte die Abwehr eines Kollektivschuld-Vorwurfs, den die Alliierten pauschal nie erhoben haben. Am Ende hat das Entnazifizierungsverfahren mit einem gewaltigen bürokratischen Aufwand das Personal der NS-Diktatur weitgehend in Mitläufer verwandelt.

    5. Mängel und Ungerechtigkeiten der bürokratischen und justitiellen Vergangenheitsbewältigung machten es früher oder später notwendig, die Folgen der missglückten Vergangenheitsbewältigung zu bewältigen, zumal sich die politischen Rahmenbedingungen in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre schnell änderten. Das war die Stunde der Amnestien und Gnadenentscheidungen. Letztere haben insbesondere in der mit hohem emotionalen Engagement geführten Auseinandersetzung um die in alliierten Gefängnissen einsitzenden sog. ‚Kriegsverbrecher’ eine Rolle gespielt. Dem Nutzen dieser Entscheidungen stehen allerdings wiederum nicht geringe politische Kosten gegenüber. Gewiss, die Begnadigungen waren integrationspolitisch förderlich, und sie schwächten rechtsstaatliche Vorbehalte gegenüber den Alliierten, allerdings um den Preis, dass von den Amerikanern bereits zum Tode verurteilte Massenmörder Ende der fünfziger Jahre wieder auf freiem Fuß waren. Als wie bedeutsam die Bewältigung der Vergangenheitsbewältigung von fast allen Parteien angesehen wurde, unterstreichen auch die zahlreichen Amnestiegesetze, das sog. 131er Gesetz und die Beendigung der Entnazifizierung. Sie haben die gesellschaftliche Akzeptanz der neuen politischen Verhältnisse nicht unwesentlich erleichtert und die Integrationskraft der beiden großen Volksparteien erhöht.

    6. Eine Art Kompromiss zwischen gerichtsähnlichem Verfahren und politisch-justitiellem Sanktionsverzicht hat die südafrikanische ‚Wahrheitskommission’ unter Erzbischof Desmond Tutu gefunden, als es darum ging, die Menschenrechtsverletzungen durch das Apartheid-Regime zu ermitteln und innenpolitisch zu bewältigen, d. h. die unterschiedlichen Interessen, Verletzungen und Ängste von Opfern und Tätern zu integrieren. Ein Machtwechsel und die Überwindung der Apartheid in der ethnisch tief gespaltenen Gesellschaft zugunsten einer allmählichen inneren Aussöhnung wären durch ein Beschweigen der Opfer rassistischer Politik so wenig möglich gewesen wie durch eine Bestrafung der Weißen für begangene Verbrechen. Straflosigkeit war auf der einen Seite Voraussetzung für Geständnisse. Die Ermittlung der Wahrheit gravierender Menschenrechtsverstöße bedeutete andererseits die Anerkennung der diskriminierten und verfolgten Schwarzen als Opfer. Dass sie wie die weiße Minderheit, die freiwillig ihre Machtposition aufgab, materielle Kompensationen erhielten, hat manchen Kritiker dazu verleitet, das viel gerühmte, sogenannte südafrikanische Wunder als „gekaufte Revolution“ abzuwerten. In realistischer Sicht erscheinen solche Zahlungen als ein wesentlicher Begleitschutz für den alles in allem friedlichen politischen Systemwandel. Andererseits hat der Verzicht auf einen gewaltsamen Konflikt den Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß nicht beseitigt und die Frage der moralischen Überlegenheit auf die symbolische Handlungsebene abgedrängt.

    7. Zur politisch-rechtlich definierten Vergangenheitsbewältigung gehört schließlich und nicht zuletzt auch die materielle Entschädigung der Verfolgten, also in dem hier behandelten Zusammenhang die Rückerstattung geraubten Vermögens und die Zahlung von Reparationen insbesondere an die jüdischen Opfer. Dieses umgangssprachlich seit langem als ‚Wiedergutmachung’ bezeichnete, neben Strafverfolgung und Entnazifizierung dritte Kernstück der Vergangenheitsbewältigung war in der frühen Bundesrepublik eines der kontroversen innen- und außenpolitischen Themen. Es hat die westdeutsche Gesellschaft lange beschäftigt und ist mit der strittigen Auseinandersetzung um die Entschädigung der Zwangsarbeiter in der jüngsten Gegenwart noch einmal aktuell geworden.

    Nulla poena sine lege

    Den zuvor skizzierten rechtlich-politischen Formen der Bewältigung von Diktaturfolgen liegt im Kern ein Schuldvorwurf zugrunde, der von einem rechtswidrigen Verhalten ausgeht, das individuell vorwerfbar ist. Gemäß dem rechtsstaatlichen Grundsatz nulla poena sine lege ist rechtswidriges Verhalten als individuelle Verletzung von Rechtsnormen definiert, die zur Tatzeit Geltung hatten. Mit diesem juristisch definierten Begriff von Schuld ist die Annahme einer Kollektivschuld unvereinbar. Tatsächlich aber spielt dieser Vorwurf in der politischen Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe bis in die Gegenwart eine überragende Rolle. Sei es, dass er in dem alliierten Versuch, die gesamte deutsche Aktivbürgerschaft politisch zu säubern, impliziert war. Sei es, dass er den Siegern nur unterstellt wurde, damit ihn die Besiegten umso nachdrücklicher zurückweisen konnten. Sei es schließlich, dass die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen unter den mitlebenden Zeitgenossen, aber auch in der Generationenfolge immer wieder Schuld- oder Schamgefühle hervorgerufen, Verantwortungsbewusstsein und Sühnegedanken wachgehalten und die Gesellschaft für überkommene Verpflichtungen sensibilisiert haben. In diesen Empfindungen und Bewusstseinsregungen ist die Schuldfrage im Wesentlichen keine des Strafrechts, sondern der Mitmenschlichkeit, der Moral, des Taktgefühls und des kommunikativen Verhaltens.

    Das erinnert an ältere, vormoderne gesellschaftliche und Rechtsverhältnisse, wie sie in der germanischen Rechtstradition bestanden. Darin war die Sippe nicht nur Rechts-, Wirtschafts- und Schutzverband, sondern eben auch Haftungsverband. Solange es keine anerkannte öffentliche Gewalt gab, wurden Art und Umfang von Haftung und Sühne zwischen Täter- und Opfersippe geregelt. Römisches Recht, christliche Sündenlehre, Aufklärung und der Übergang vom Feudalismus zur modernen Gesellschaft haben mehr und mehr den einzelnen Menschen zur Rechtsperson gemacht, die er zuvor nur qua Zugehörigkeit zu einem Schutzverband war. Aber das rechtshistorische Erbe, der Gedanke einer kollektiven materiellen Haftung und moralischen Verantwortung wirkt in unserem alltäglichen Verständnis von individueller Schuld nach. Neben dem strafrechtlich relevanten Verhalten Einzelner kommt von Fall zu Fall auch die ‚Tätersippe’ insgesamt ins Blickfeld, zumal dann, wenn es sich um ein außerordentliches Vergehen wie das eines staatlich initiierten Völkermords handelt, in dessen Vollzug gewiss nicht alle Mitglieder der ‚Tätersippe’ zu Tätern und Beihelfern wurden, aber eben doch erschreckend viele.

    Für eine präzise und  anschauliche Charakterisierung dieses erweiterten Schuldbegriffs hat Schlink die Unterscheidung zwischen einer „horizontalen“ und einer „vertikalen“ Dimension eingeführt. Der Vorwurf einer kollektiven Schuld trifft zunächst die Mitlebenden. Im Sinne eines moralischen Fehlverhaltens sind auch jene schuldig geworden, die zugesehen und geschwiegen haben, als die Verfolgung und Vernichtung der ‚Fremdvölkischen’ und ‚Gemeinschaftsfremden’ ihren Lauf nahm. Der Vorwurf, nicht widersprochen und nicht Widerstand geleistet zu haben, kann sich schlechterdings nicht gegen alle Deutschen aus der Zeit des Nationalsozialismus richten. Aber er macht auf die Folgen von unterlassenem Handeln aufmerksam.

    Noch weniger kann man hinsichtlich der vertikalen Dimension im eigentlichen Sinn von Kollektivschuld sprechen. Den Spätgeborenen ist nicht mehr der Vorwurf des unrechtmäßigen Verhaltens oder der Unterlassung zu machen. Ihre Schuld entsteht dadurch, dass und insoweit sie die Täter und Mittäter nicht verurteilt und aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen haben. Die Debatten um die Amnestiegesetze, die Begnadigungen, aber auch um die Verfolgungsverjährung von Mord und Völkermord gehören in diesen Zusammenhang. Wie sehr dabei das Prinzip der kollektiven Haftung noch mitgedacht wird, zeigt die Kontroverse um das Diktum der „zweiten Schuld“ (Ralph Giordano).

    Im Hinblick auf die weiter nachfolgenden Generationen stellt sich die kollektive Schuldfrage vor allem als kommunikatives Fehlverhalten im Verhältnis der Nachkommen der Verfolgten und ihrer Peiniger. Gefühle der Befangenheit und Peinlichkeit werden mobilisiert, wenn beispielsweise die mangelnde Sensibilität der deutschen Politiker gegenüber den Holocaust-Überlebenden aus dem bloßen Zufall eine „Gnade der späten Geburt“ macht und dies so forciert tut, dass aus der Formel eine Art von Rechtsanspruch auf Aussöhnung und Normalität herausgelesen werden kann.

    Die sich horizontal und vertikal ausbreitenden „Netze der Schuld“ haben ihre eigene Funktionsweise und Unentrinnbarkeit. Von den Deutschen, die vor 1945 in einem strafrechtlichen Sinne schuldhaft gehandelt haben können, leben im Jahr 2000 nur noch wenige. Das deutsch-jüdische Schuldverhältnis ist zwar noch entschädigungsrechtlich, aber im Wesentlichen nicht mehr strafrechtlich definiert. Schuldverhältnis, Schulderfahrungen und Schuldgefühle haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Aber soweit wir unsere kollektive Identität als eine geschichtlich gewachsene verstehen, werden wir auch zukünftig der Auseinandersetzung mit der Schuldfrage nicht entrinnen.


    Dieser Text ist ein Auszug aus Peter Reichels Buch Vergangenheitsbewältigung in Deutschland: Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, C.H. Beck, 2007, S. 20-29. © C.H. Beck 2007
    Peter Reichel
    ist Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg. Er ist ein namhafter Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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