Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Erinnerung – aber wie?
    Polen als Beispiel der Vergangenheitsbewältigung eines Opferstaates

    Gedenkstätte an einem Bahnhof in Łódź, Polen, in Erinnerung an die Juden im Ghetto Łódź, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Foto: Stefan Weidner © Goethe-Institut

    „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, verkündet eine Tafel im Museum des Vernichtungslagers in Auschwitz die Worte des Philosophen George Santayana. Doch was heißt „Vergangenheit erinnern“, wenn – wie uns die Lektüre der zahlreichen Erinnerungen derjenigen lehrt, die sie erlebt haben – das Erinnern ein dynamischer Prozess ist?

    Eines nebligen Morgens im April 2010 stürzt am Flughafen in der russischen Stadt Smolensk ein polnisches Regierungsflugzeug ab. In dieser Katastrophe kommen der Präsident des Landes und seine Frau ums Leben. Mit ihnen sterben auch der Stabschef der polnischen Armee, der Chef der Nationalbank, zahlreiche Parlamentarier, Geistliche und hohe Staatsbeamte. Die Passagiere des Flugzeuges sind Teil einer offiziellen Delegation zum Anlass des 70. Jahrestages des so genannten Verbrechens von Katyń.

    In den Berichten nach der Katastrophe von Smoleńsk war keine Rede von einem Anschlag. Doch wenn man den Grund der Reise, den Ort des Unglücks und das spätere Echo mit in Betracht zieht, ist es schwierig, einen besseren Anlass für eine Reflexion über den Umgang des gegenwärtigen Polens mit seiner Vergangenheit zu finden. Dieses Land, das während eines Großteils des 20. Jahrhunderts von seinen mächtigen Nachbarn Russland und Deutschland besetzt war, kann heute als Beispiel dienen – es kann aber auch eine Warnung sein auf dem Weg der Entwicklung eines historischen Gedächtnisses nach einer langen Periode politischer Abhängigkeit.

    In diesem Zusammenhang fällt es mir schwer, mich des Eindrucks zu erwehren, dass interessante Analogien bestehen zwischen der Geschichte Polens und seiner Nachbarn und der Geschichte des Nahen Ostens, vor allem mit seinen regionalen Akteuren: Syrien, Libanon und Israel. Obwohl eine Diskussion dieses Themas den Rahmen des Textes überschreitet, ermuntere ich die scharfsinnigen Leser zu einer Lektüre unter eben diesem Gesichtspunkt.

    Zeuge der Geschichte

    Das Verbrechen von Katyń aus dem Jahre 1940 ist eine der traumatischsten Episoden der zeitgenössischen Geschichte Polens. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nur knapp ein Jahr zuvor hatte die Besetzung des Landes durch Hitlerdeutschland und Sowjetrussland zur Folge. Die damaligen Erlebnisse meiner Großmutter sind bezeichnend. Nachdem sie als Krankenpflegerin einberufen worden war, zog sie sich mit einer Militärkolonne aus der Hauptstadt in Richtung Osten zurück. Ebenso wie die mit ihr Tag und Nacht marschierenden Soldaten glaubte sie, dass sie in der Tiefe des Landes, in einem Gebiet, das von den deutschen Angreifern verschont geblieben war, Anschluss an frische Truppen finden und am Gegenangriff teilnehmen würde. Doch stattdessen trafen sie auf die Vorposten der Roten Armee. „Polen wurde geteilt!“, verkündete ein russischer Offizier den vom Herumirren erschöpften und ausgehungerten Soldaten. „Euer Staat existiert nicht mehr. Ihr könnt euch aussuchen: Entweder ihr kehrt zu den Deutschen zurück, oder ihr bleibt auf unserer Seite des Flusses. Dies ist jetzt die neue Grenze zwischen Deutschland und der UdSSR. Und die Offiziere unter euch kommen mit uns!“

    Natürlich konnte von einem Gegenangriff keine Rede sein. Doch damit war es noch nicht genug: Bald verbreitete sich die Nachricht, politische und militärische Anführer des Landes seien ins Ausland geflüchtet. Die Niederlage der polnischen Armee und die Teilung des Staates waren ein Schock. Die Menschen fühlten sich von der eigenen Regierung, der sie vertraut hatten, betrogen und im Stich gelassen. Einige brachen in Hysterie aus, andere wurden von einer Apathie überkommen, die sie allem gegenüber gleichgültig werden ließ.

    Meine Großmutter entschied sich für die deutsche Besatzung. Sie kehrte in die Hauptstadt zurück, verbrachte dort sechs Kriegsjahre und anschließend, in Zeiten des Kommunismus, 44 Jahre unter faktischer sowjetischer Besatzung. Damals, im Jahre 1939, hatte sie Glück, dass weder sie noch ihr Vater Offiziere gewesen sind, denn diese wurden in sowjetische Gefangenenlager wie Katyń gebracht. Insgesamt ermordeten die Sowjets dort etwa 22.000 Menschen. Auf diese Weise verlor Polen die Hälfte seines Offizierskorps. Die Politik beider Besatzer ähnelte einander sehr: Es ging ihnen um die Vernichtung der Bildungselite und somit um die geistige Degradierung des Landes.

    Geflüsterte Wunden

    Noch heute ist das Verbrechen von Katyń Gegenstand zahlreicher Manipulationen innerhalb des polnischen historischen Gedächtnisses. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Entdeckung und Veröffentlichung der Verbrechen bereits zu Kriegszeiten durch die Nazis erfolgte. Sie verkündeten die Namen der Ermordeten und benannten die Schuldigen der Verbrechen. Aber die Sowjets leugneten alles. Anschließend, in Zeiten des kommunistischen Polens, konnte man für die Erinnerung an Katyń im Gefängnis landen. In den Schulbüchern sowie anlässlich öffentlicher Auftritte wurde die Angelegenheit verschwiegen oder es wurde behauptet, die Nazis seien die Mörder gewesen. Meiner Großmutter blieb nichts anderes übrig, als bei Spaziergängen im Park, während sie aufpasste, dass niemand lauschte, dem Jungen, der ich damals war, zuzuflüstern, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte, und was meine Lieblingslehrerin in der Schule als Lüge bezeichnet hat.

    Im Jahre 1989 ereignete sich in Osteuropa ein Wandel. Die Rote Armee zog sich von polnischem Territorium zurück. Die UdSSR erhielt die kommunistische Regierung des Landes und die Kontrolle über sie nicht weiter aufrecht. Nun gelangten die wahren Informationen über die Schuldigen des Verbrechens von Katyń in die Geschichtsbücher. Doch schnell stellte sich heraus, dass jahrzehntelange Zensur, Lüge, vor allem aber die Unterdrückung von Gefühlen und unverheilte Wunden sich nicht durch Einträge in die Geschichtsbücher wettmachen lassen. Zeitgleich mit der Befreiung des Wortes begann der Kampf um die Erinnerungskultur.

    Tödliche Ironie

    Noch am Morgen des Geschehens erfahre ich von der Tragödie des polnischen Regierungsflugzeuges bei Smolensk. Ich kehre nach einem kurzen Urlaub in Jordanien in den Libanon zurück. Innerhalb der nächsten Stunden erhalte ich Beileidsbekundungen von arabischen Freunden, aber auch von Fremden. Die Menschen schrecken nicht davor zurück, hehre Worte zu benutzen: „Das ist eine nationale Tragödie für dein Land“; „Ihr verdient ein solches Schicksal nicht“; „Wir sind mit ganzem Herzen im Schmerz mit Polen verbunden“.

    Als ich einen Tag später in Beirut über die Politiker spreche, die in der Katastrophe ums Leben gekommen sind, erlaubt sich so mancher libanesische Gesprächspartner einen Scherz: „Du weißt, dass ihr mir leid tut, aber wenn ein Flugzeug mit libanesischen Staatsmännern abstürzte, würde sich vielleicht endlich etwas in unserer Politik ändern.“
    Ich habe nie verheimlicht, dass ich kein Anhänger des politischen Lagers bin, dem der damalige Präsident angehörte. Und das obwohl das geplante Begehen des Jahrestages unter Teilnahme der wichtigsten Staatsmänner Polens und Russlands, aber auch die Ausstrahlung des Spielfilms Katyń von Regisseur Andrzej Wajda im russischen Fernsehen, eine Wende in der Beziehung zwischen Polen und Russland bedeutete.

    Die Ironie an dieser Katastrophe ist die Tatsache, dass Lech Kaczyński, auch als ehemaliger Oberbürgermeister von Warschau, eine der Schlüsselpersonen war, die die Erinnerungskultur in Polen gestaltet haben. Unter seiner persönlichen Schirmherrschaft entstand 2007 der Film Katyń.Doch Lech Kaczyńskis Sicht des historischen Gedächtnisses erweckt bis heute in mir ein Gefühl der Beunruhigung. Sie huldigt einer anachronistischen Definition der Nation und des Patriotismus, die sich nicht fernhält von opportunistischen Kompromissen in Bereichen, die eine ehrliche gesellschaftliche Diskussion verdienen. Zu oft fand ich darin ein beinahe mystisches Bild Polens als unglückseliges Opfer fremder Großmächte und trügerischer Verbündeter. Nach der Katastrophe in Smolensk gewann diese Sicht an Bedeutung und gibt oft bis heute den Ton an.

    Ehre gleich Eitelkeit?

    Eine gute Illustration dieser Sicht ist eben der Film Katyń. Seine Bedeutung ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass der polnische Starregisseur unter der Schirmherrschaft des Staatsoberhauptes eine Gruppe hervorragender Schauspieler am Filmset versammelte. Wichtiger ist, dass der Film beinahe zu einem Pflichtelement im Geschichtsunterricht der Schulen geworden ist. Auch das polnische Außenministerium ermuntert diplomatische Vertretungen überall auf der Welt dazu, den Film im Ausland zu fördern. Demnach ist Katyń nicht einfach nur ein Spielfilm, der auf Fakten basiert, sondern auch ein Bildungsmedium, das das polnische historische Gedächtnis exportiert. Diese Tatsache sollte man nicht außer Acht lassen, wenn man über Wajdas Film urteilt.

    Die Handlung des Filmes konzentriert sich auf einige Offiziere, die von den Sowjets gefangen genommen werden und nach Katyń gelangen, wo sie brutal ermordet werden. Auf der anderen Seite verfolgt der Zuschauer das Schicksal der Ehefrauen und Mütter, die kein gesichertes Wissen über das Schicksal ihrer Männer und Söhne haben und manchmal jahrelang warten, in der Hoffnung, dass diejenigen, die nun aber schon lange nicht mehr leben, zurückkehren. Der Regisseur bedient sich eines einfachen Schemas: Unschuldige Menschen werden von grausamen, gottlosen Peinigern ermordet, und ihre Verwandten leiden unter quälender Ungewissheit.

    Schon die erste Szene des Filmes erweckte mein Erstaunen. Einer der Offiziere, der soeben erst in sowjetische Gefangenschaft geraten ist, hat die Gelegenheit, unmittelbar vor der Abfahrt des Transportes zu fliehen. Er trifft sogar seine Frau und seine kleine Tochter. Sie reden ihm zu, er möge die Gelegenheit nutzen und bei ihnen bleiben. Doch der Protagonist lehnt im Namen seiner Ehre ab, denn für einen Offizier der polnischen Armee komme eine Flucht nicht in Frage. Und doch überlege ich, was sein Opfer bringt, abgesehen von dem Tod eines weiteren jungen Menschen und dem Leid seiner Familie? Dies war ein Tod ohne Kampf, ohne eine Chance auf einen politischen oder ideellen Erfolg. Soll eine solche Einstellung wirklich propagiert werden und als Vorbild dienen?

    Es könnte sein, dass diese Szene im Film die Denkweise der Menschen damaliger Zeiten wiedergibt. Aber warum unterzieht der Regisseur diese Denkweise nicht einer tiefer gehenden Reflexion? Das Gegenteil ist der Fall: Die Botschaft des Werkes und somit die Art der Erinnerungskultur nimmt die Form einer Allegorie an. Es gibt nur eine Möglichkeit: Die Interpretation dessen, was gut und was schlecht ist, ist im Voraus bestimmt. Das bezeugt bereits eine der ersten Szenen des Films: Auf dem Platz vor der Kirche sieht die Frau einen Körper, der von einem Armeemantel ihres Ehemannes bedeckt ist. Über ihm spricht ein Priester das Totengebet. Als sie erschüttert den Umhang von dem Körper herunterreißt, zeigt sich, dass dort kein Mensch liegt, sondern eine gekreuzigte Jesusfigur. Will Wajda wirklich versuchen zu sagen, dass der Tod polnischer Offiziere in Katyń wie das Opfer des Sohnes Gottes ist?

    Schließlich gelingt es einem der Protagonisten des Filmes, Katyń zu überleben und nach dem Krieg in das kommunistische Polen zurückzukehren. Er wird nicht mit der Tatsache fertig, dass seine Umwelt ihn als Kollaborateur behandelt, und er begeht Selbstmord. Doch er war es gewesen, der gemeinsam mit der sowjetischen Armee nach Polen gelangte – mit derselben, die vor nicht allzu langer Zeit am Mord seiner Kollegen beteiligt war. Zwar gelang es ihm, die Tragödie zu überleben, aber das wurde kein Anlass zur Freude. Im Gegenteil: Sein Überleben führt zu einem weiteren Tod – zu seinem eigenen. Die Vorwürfe der Familien der ermordeten Kollegen verursachen ihm große Gewissensbisse. In Gedanken, Worten und Werken stellen sie ihm fortwährend dieselbe Frage: Warum hast du überlebt und nicht mein Mann, mein Sohn ...?

    In Anbetracht des auf eigentümliche Weise aufgeholten Rückstandes nach vierzig Jahren des erzwungenen Schweigens und der Lüge ist diese allegorische Sichtweise vielleicht sogar verständlich. Doch als siebzig Jahre nach den beschriebenen Ereignissen eine allgemeine Bildung und Förderung im Ausland ins Spiel kommt, sollte das historische Gedächtnis im Bezug auf dieses so traumatische Erlebnis auf weitgehend differenziertere Weise zum Ausdruck kommen.

    Die beleidigte Kartoffel

    Selbst Lech Kaczyński war außergewöhnlich empfindlich, wenn es um das Bild Polens in der Welt ging (und um sein Bild als Präsident). Manchmal nahm dies merkwürdige Formen an. Als herausragendes Beispiel dient die Affäre um den Spitznamen „Polens neue Kartoffel“, den ihm die deutsche, linke Tageszeitung TAZ im Jahre 2006 gegeben hat. Die unverbesserliche, antideutsche und antirussische Haltung des Präsidenten wird hier in einer Satire erbarmungslos verspottet. Der Autor beschreibt Kaczyńskis Weltbild als eines, „in dem seit dem Mittelalter jeder Deutsche auf vollen Pferden gen Osten sprengt.“

    Der Artikel, der immerhin in einer privaten Zeitung erschien, löste eine Welle der Entrüstung bei Kaczyński aus. Er sagte Treffen mit Partnern in Deutschland ab. Er forderte die Einleitung eines juristischen Verfahrens gegen den Autor der Satire. Sollte die Gestaltung des historischen Gedächtnisses einem Staatsoberhaupt anvertraut werden, das in persönlicher Hinsicht so empfindlich ist?

    Wenn Obama sich irrt ...

    Viel komplexer ist die Problematik der so genannten polnischen Todeslager. Dieser Begriff, der sich auf die Konzentrationslager in den besetzten Gebieten Polens bezieht, wird hin und wieder weltweit in den Medien und von Politikern benutzt. Die Unangemessenheit dieser Bezeichnung beruht darauf, dass sie den Schluss zulässt, die Polen hätten etwas mit der Errichtung dieser Lager zu tun gehabt. Doch es ist bekannt, dass die Konzentrationslager von den deutschen Nazis errichtet und geleitet wurden.

    Diese Angelegenheit ist auch heute noch aktuell. Im Mai 2012 benutzte Präsident Obama in seiner Ansprache die Bezeichnung „polnische Todeslager“. Ironischerweise hielt er diese Ansprache anlässlich der posthumen Auszeichnung eines Mitgliedes der polnischen Widerstandsbewegung, das sich unter Lebensgefahr in das Ghetto und Lager hineinschlich, um den Alliierten als einer der Ersten Informationen über die Vernichtung zu liefern. In den Ohren vieler Polen sind die Worte Obamas insofern schmerzhaft, da Amerika oft als der Verbündete Polens schlechthin wahrgenommen wird, im Gegensatz zu den Ländern Europas, die in der Vergangenheit oftmals ihre Bündnisverpflichtungen nicht eingehalten haben. Das Problem ist aber noch umfangreicher.

    Hitler in unseren Köpfen

    2011 organisiere ich in Warschau ein libanesisches Filmfestival und ein Bildungsprojekt, um den Schülern und Lehrern einer weiterführenden Schule dieses Land näherzubringen. Ich lade drei junge, libanesische Gäste ein: eine Filmschauspielerin, eine Aktivistin und eine Regisseurin von Dokumentarfilmen sowie Pädagogin und Arabistin. Das Programm ist anstrengend, aber die Gäste bestehen darauf, dass wir uns zumindest für einen Tag auf den über 300 km langen Weg in Richtung Süden machen – zum Lagermuseum in Auschwitz-Birkenau. Wir stehen morgens um fünf Uhr auf und kehren erst um Mitternacht zurück. Sogar unser Filmstar, die nicht daran gewöhnt ist, sich derart anzustrengen, und die nach der Rückkehr halbtot und in einer etwas kapriziösen Stimmung war, zögert am nächsten Tag nicht zuzugeben, dass es sich gelohnt habe.

    In Auschwitz stehen nun weitere Probleme mit dem historischen Gedächtnis an. Wohl gemerkt, betreffen diese nicht nur das gegenwärtige Polen, sondern die gesamte westliche Welt. Und es geht mir hier nicht um die generellen Fragen zum Massentourismus und zur Kommunikation mit den Besuchern – zum Beispiel um die Bestrebung, dass der historische Ort weder ermüdend auf die Besucher wirkt noch droht, zu einem Disneyland mit multimedialen, „authentischen“ Inszenierungen zu werden, die erlauben, sich in die Geschichte „einzufühlen“. Im Gegenteil: Es geht mir eher darum, zu einer Konfrontation mit der Vergangenheit und zu einer aktiven Mitgestaltung des historischen Gedächtnisses zu ermuntern.

    Während unseres Besuches in Auschwitz erregt eine Tafel unsere Aufmerksamkeit, auf der die Opfer des Lagers aufgelistet sind. Wir halten an und lesen: Juden – 1 Million, Polen – ca. 75.000, Sinti und Roma – 21.000, sowjetische Gefangene – 15.000, andere – ca. 12.500. Wir beschließen, die englischsprachige Führerin anzusprechen und sie zu fragen, wen genau die Historiker des Museums meinen, wenn sie „Juden“ oder „Polen“ schreiben.
    „Das ist einfach“, sagt die Museumsführerin. „Juden sind diejenigen, die jüdischen Glaubens sind.“
    „Aha“, sage ich. „Und wer sind in diesem Fall die Polen auf der Liste?“
    „Also, ähm ...“ Sie beginnt zu zögern. „Das sind die Bürger Polens.“
    „Bürger ...“, wiederhole ich das Gesagte. „Und die vorhin genannten Juden, waren sie etwa keine Staatsbürger?“
    Die Museumsführerin ist nun deutlich verunsichert und sagt kleinlaut: „Wissen Sie ... Ähm ... Doch, das waren sie auch. Fast die Hälfte von ihnen waren Bürger Ungarns und etwa 300.000 waren Bürger Polens. Der Rest kam aus anderen Ländern Europas ...“
    „Also sind die Polen, die hier aufgelistet sind“, erkundige ich mich, um alle Zweifel zu beseitigen, „nicht einfach Bürger Polens, sondern Bürger katholischen Glaubens?“
    „Das stimmt“, bestätigt sie.
    „Was soll dieses Durcheinander?“, wundern wir uns. „Warum steht dort nicht ‚Polen der und der Glaubensrichtung’, ‚Ungarn der und der Glaubensrichtung’ usw.?“

    Ist das denn möglich? Das Museum bedient sich der Kategorien Hitlers! Es ist nicht wichtig, welche Staatsangehörigkeit ein Gefangener hatte, der in dieses Lager gelangte, welchem Glauben er anhing oder für wen er sich selbst hielt. Es zählte nur, ob die Nazis ihn für einen Polen, Juden oder Zigeuner hielten. Heute wissen wir sehr gut, dass die Nazis auf der Basis ausgedachter, falscher Kriterien handelten. Weder stützten sie sich auf irgendeine Lehre noch darauf, welche faktische Staatsbürgerschaft ihre Opfer vorzuweisen hatten.

    Doch die Museumsführerin gibt nicht auf.
    „Sie wissen nicht, was hier los ist“, sagt sie verärgert. „Sagen wir, eine polnische Reisegruppe mit einem katholischen Priester als Führer kommt hier an. Wenn auf der Tafel ‚Polen mosaischen Glaubens’ stünde, würde uns der Priester den Hals umdrehen. Ein wahrer Pole ist doch ein Katholik, würde er ärgerlich sagen. Nehmen wir zur Abwechslung das Beispiel einer israelischen Reisegruppe, von denen sehr viele herkommen. Wenn auf der Tafel ‚Pole’ und nicht ‚Jude’ stünde, dann würden die Israelis uns in Stücke reißen, unabhängig davon, was weiter noch auf der Tafel stünde. Aber das waren doch die Unseren: Juden, und keine Polen! – würden sie uns vorhalten.“

    Wir lassen die Museumsführerin hinter uns. Letztendlich ist es nicht ihre Schuld, welche Erinnerungspolitik das öffentliche Museum betreibt und wie diese der staatlichen Kontrolle unterliegt. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Politik sich auf opportunistische Kompromisse stützt. Eine erfolgreiche Kampagne gegen „polnische Todeslager“ muss sich davon befreien. Damals in Auschwitz schämte ich mich einfach nur meinen libanesischen Gästen gegenüber.

    Erinnerung als sarkastischer Prozess

    Nach der Katastrophe von 2010 schlugen die Medien plötzlich einen ungewohnten Tonfall an, unabhängig von ihrer politischen Orientierung. Sie forderten die Menschen auf, sich auf seinem letzten Weg vom Präsidenten zu verabschieden. Viele politische Gegner waren plötzlich überzeugt, welch ein ausgezeichneter Politiker Lech Kaczyński doch war. Die Wagenkolonne mit der Leiche des Präsidenten erinnerte an einen Militärkonvoi, als stünde die Rolle der Armee in Zeiten, in denen wir – darauf vertraue ich – weit von irgendeinem Krieg entfernt sind, im Mittelpunkt.

    Bei dieser Gelegenheit meldete sich erneut die Dynamik der Erinnerung zu Wort. Die verschiedensten Verschwörungstheorien schossen wie Pilze aus dem Boden. Sie beschuldigten mal die Russen, „den ewigen Feind Polens“, die nicht zum ersten Mal die Hand gegen „die Blume der polnischen Nation“ erhoben, mal wiesen sie auf hiesige Politiker hin, die angeblich der Schande der Kollaboration verfallen waren. Der beste Beweis für den Verrat der Letzteren ist die Tatsache, dass sie nicht an Bord des Unglücksflugzeuges waren.

    Doch die Aufzeichnungen der Blackbox beweisen, wenn auch nicht immer eindeutig, dass die Ursache der Katastrophe viel simpler war. Ein Aspekt war die unglückliche Verkettung von technischen Umständen. Viel deutet auch darauf hin, dass die Piloten den Atem des Befehlshabers der Luftwaffe in ihrem Rücken spürten. Sicherlich fürchteten sie die Unzufriedenheit des launischen Präsidenten. Trotz schlechter Witterungsverhältnisse und der Ratschläge des Flugkontrollturms, einen anderen Flughafen anzufliegen, entschied sich der Kapitän für die riskante Landung.

    Gleichzeitig tauchten im Land kettenartig versendete SMS folgender Art auf: An Bord des Flugzeuges nach Smolensk ging ein „kleiner“ Mann, ein zänkischer, gewöhnlicher Präsident, der noch dazu hinterwäldlerisch und fremdenfeindlich war und den Refrain der Nationalhymne nicht kannte. Dieser Präsident mit den bisher niedrigsten Umfragewerten war nicht nur das Gespött von Satirikern, sondern von ganz Europa ... Aus Smolensk wurde dann der Sarg eines „außerordentlichen Staatsmannes“ (...), „des Vaters der Nation“ (...), eines „Königsgleichen“ gebracht ... Da frage ich mich, wer verdammt noch mal die Leiche ausgetauscht hat? Wo ist der Körper Kaczyńskis?

    Das Gute, das Böse und die Geschichte

    Indem ich mich an die Scherze meiner libanesischen Bekannten erinnere, möchte ich besser keine unpassenden Vergleiche anstellen. Lech Kaczyński ist kein libanesischer Warlord. Dennoch fördert das politische Lager seines Bruders und vieler weiterer konservativer Politiker dieses Milieus eine besondere Sicht des historischen Gedächtnisses. Sie ehren die Haltung von Vorkriegsoffizieren, die den „Kollaborateuren“ aus der kommunistischen Zeit entgegengestellt wird. Dabei vergessen sie die uralten Feinde nicht, die an den Grenzen lauern, und die Welt, die das Opfer Polens – den Christus unter den Völkern – gleichgültig betrachtet. Woher kommt diese vereinfachte, verklärende Sprache des historischen Gedächtnisses?

    Ein Teil des Problems bilden die opportunistischen Manipulationen, die in der Politik stets eine Rolle spielen. Dies betrifft sowohl die Innen- als auch die Außenpolitik. Das Schlüsselelement ist dennoch auch das Denken, das in einer Epoche geformt wurde, in der Polen tatsächlich besetzt war oder um die Sicherheit seiner Grenzen fürchten musste. In einer Epoche, in der die Wahrheit verborgen werden musste. Das betraf sowohl die offizielle Historiographie, die immer anfällig für Beeinflussungen war, als auch die menschlichen Erinnerungen. Letztere, wenn sie sich auch im Prinzip keinen ideologischen Schemata zuordnen lassen, sind Verzerrungen unterworfen, sobald sie mit der Regierungsgewalt in Berührung kommen. Es lohnt sich jedoch, konfliktträchtige Zeiten von Friedensperioden, die ehrliche gesellschaftliche Debatten begünstigen, zu unterscheiden.

    Von einer breiteren Perspektive aus betrachtet, ist die Sprache des historischen Gedächtnisses unter den Kaczyński-Brüdern eine Sprache der Gegenüberstellung des Guten und des Bösen. Dennoch ist Moral keine historische Kategorie. Sie gehört eher der Poetik des Krieges an – und das oft mit Gott als dem großen Krieger im Hintergrund.

    Ruhet in Frieden ...

    Ich glaube fest daran, dass es sich lohnt, diese schematische Sicht der Geschichte hinter sich zu lassen. Wenn ich mit meiner Großmutter spreche, aber auch wenn ich im NS-Dokumentationszentrum in Köln mitarbeite, höre ich Zeitzeugen und unterstütze die Dokumentation ihrer Erinnerungen. Ich bin überzeugt, dass das historische Gedächtnis eines Landes nicht ausschließlich aus den Erinnerungen der Helden bestehen kann, sondern dass diejenigen Taten, derer man sich eher schämen sollte, ein ebenso wichtiger Bestandteil dieses Gedächtnisses sind.

    Beispielsweise die tragikomische Geschichte zweier verwundeter Deutscher, die während des Kampfes gegen die polnische Widerstandsbewegung im Jahre 1944 in die Hände meiner Großmutter gelangt sind. Einer glaubte der Krankenpflegerin und ließ sich die Wunde verbinden, aber der andere hatte Angst davor, ihnen zu vertrauen. Er trieb den anderen an, das aufständische Krankenhaus schnellstens zu verlassen. Als sie das Gebäude verließen, schafften sie es keine hundert Meter weit. Vor den Augen meiner Großmutter wurden die beiden von polnischen Widerstandskämpfern erschossen.

    In der Sicht Polens, wie sie in Wajdas Katyń dargestellt wird, gibt es keinen Platz für ähnlich ambivalente Zeugnisse, weder auf persönlicher noch auf politischer Ebene. Der Schock der Niederlage des Jahres 1939 und die tragischen Folgen des Bankrotts des polnischen Vorkriegsstaates und seiner veralteten, schlecht geführten Armee werden als heldenhaftes Opfer dargestellt. Wenn ich den Film ansehe, gewinne ich zudem den Eindruck, dass es patriotischer ist, seine besten Söhne in den Tod zu schicken (sei es auch ein noch so heldenhafter Tod), als für ihr Überleben Sorge zu tragen, das für die Gesellschaft doch so dringend notwendig ist.

    Dies ist keine Sichtweise eines historischen Gedächtnisses, die mir nahe steht. Ich vermisse darin Authentizität – in ihrer ganzen Ambivalenz des menschlichen Verhaltens. Es gibt ebenfalls keine fundierte Analyse der historischen Katastrophen und der Rolle der Anführer, denen es nicht gelungen ist, diese Niederlagen zu verhindern, und die nicht einmal die Zivilcourage besaßen, um die Gesellschaft vor ihrem unvermeidbaren Eintreffen zu warnen. Dies sind die Inhalte, die sich in den Geschichtsbüchern befinden sollten.

    Ich wünschte, die menschlichen und historischen Tragödien Katyń und Auschwitz – und auf einer völlig anderen Ebene auch die Katastrophe des Regierungsflugzeuges in Smolensk – hörten auf, ein Element der Manipulation der Gedächtniskultur zu sein. Heute ist Polen von Freunden umgeben. Man kann aus seinem interkulturellen und nicht kriegerischen Vermögen schöpfen und es um neue Aspekte im Bezug auf die Schaffung eines gemeinsamen Europas bereichern. Es ist höchste Zeit, die Sprache der Erinnerung zu ändern. Kriegspoetik ist nicht mehr notwendig, ebenso wenig wie die Poetik des Films Katyń. Sie sollen in Frieden ruhen. Sei es auch auf dem Wawel, gemeinsam mit dem „königsgleichen“ Lech Kaczyński.
    Stanisław Strasburger
    ist ein polnischer Schriftsteller und Publizist. Er organisiert u. a. auch Projekte im Kulturbereich zwischen Polen, Deutschland und Libanon. 2009 erschien sein Roman Handlarz wspomień („Geschichtenhändler“). Auf Arabisch schreibt er u. a. für die libanesische Tageszeitung As-Safir. Gegenwärtig arbeitet er in Deutschland und dem Libanon an dem Projekt zur Gedenkkultur „Kunst und Dokument“.

    Übersetzung aus dem Polnischen: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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