Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Sich dem Schmerz des Feindes stellen
    Arabische Reaktionen auf den Holocaust

    Von den fünfziger bis in die neunziger Jahre ist der Holocaust in den arabischen Diskursen weitgehend vernachlässigt worden. Im Gegensatz dazu ist das vergangene Jahrzehnt durch eine wachsende Anerkennung des Holocaust als historische Tatsache gekennzeichnet, die das kollektive Gedächtnis der Juden geprägt hat.

    In den vierziger Jahren arbeitete Emil Zaydan als Herausgeber der libanesischen Zeitschrift Al-Ansar. Im Juni 1944 widmete er dem andauernden Konflikt in Palästina einen Artikel. Zu der Zeit hatte die Nachricht über die Massaker an den Juden in Osteuropa die örtliche arabische Öffentlichkeit erreicht. In kurzen Artikeln und Reportagen hatten örtliche Zeitungen über die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung berichtet. Zaydan verarbeitete diese Information in seinen Artikeln, in denen er die Sache der arabischen Nationalbewegungen verteidigte. In einem Kommentar bestand Zaydan darauf, dass seine Warnung vor einer zionistischen Bedrohung für die arabische Welt nicht als eine Offensive gegen die Juden gemeint sei. Er behauptete, seine Warnung stehe „in keinem Gegensatz zu einer Empathie den Juden in Europa gegenüber und zu der tiefen Trauer aufgrund des Leidens, das sie durch Verfolgungen und Deportationen erlebten. Wir müssen klar eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Dingen treffen, damit wir ohne Zweideutigkeiten sagen können: Das jüdische Problem ist nicht gleich das zionistische Problem!“

    Ähnliche Argumente wurden von Beobachtern aus verschiedenen politischen Spektren geäußert. Von diesem Standpunkt aus war die Sympathie für das Schicksal der Juden keineswegs widersprüchlich zu einer vehementen Zurückweisung des zionistischen Vorhabens im östlichen Mittelmeerraum. Viele arabische Nationalisten beispielsweise sahen die Forderungen nach einer jüdischen Besiedlung Palästinas, die aufgrund der Notlage der jüdischen Flüchtlinge aus Europa erfolgen sollte, als illegitim an, da sie als Instrumentalisierung des Leides der europäischen Juden zu imperialistischen Zwecken angesehen wurden.

    Diese Wahrnehmung des Holocaust als Verbrechen gegen das europäische Judentum, das sich gegen die arabische Bevölkerung Palästinas richtete, hat sich in den gegenwärtigen arabischen Debatten über die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands erneut ausgebreitet. Von den fünfziger bis in die späten neunziger Jahre ist der Holocaust in den arabischen Diskursen weitgehend vernachlässigt oder vermieden worden. Im Gegensatz dazu ist das vergangene Jahrzehnt durch eine wachsende Anerkennung des Holocaust als historische Tatsache gekennzeichnet, die das kollektive Gedächtnis der Juden geprägt hat. Als eindrucksvolles Beispiel ist die kürzlich erschienene, herausragende Publikation von Gilbert Achcar zu nennen, einem französisch-libanesischen Politikwissenschaftler, die unter dem Titel Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen erschienen ist. In diesem Buch wendet Achcar sich deutlich gegen die bestehenden Geschichtsschreibungen in der arabischen Welt, denen zufolge der Holocaust nichts anderes als ein zionistischer Mythos sei. Besonders interessant an diesem Buch ist, dass Achars Position keineswegs neu ist. Indem er aus der Dissertation seines Vaters, Joseph Achcar, aus dem Jahre 1934 zitiert, hebt er die Entrüstung vieler arabischer Beobachter angesichts der Entwicklungen im damaligen Deutschland hervor. In seiner Doktorarbeit bezieht der Vater sich folgendermaßen auf die antijüdische Politik des Naziregimes: „Es ist selbstverständlich, dass wir die primitive, brutale Idee verurteilen, die deutsche Nation zu reinigen, indem alle Elemente in ihr eliminiert werden, die ihr fremd sind. (…) Diese Idee veranlasste die Vertreibung der ‚Ungewollten’, der Juden, die auf die Gastfreundschaft anderer Länder angewiesen waren.“

    Arabische Reaktionen auf den Holocaust

    Insofern waren die arabischen Reaktionen auf den Nazismus und den Holocaust wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Sie waren – und sind es noch immer – unmittelbar mit dem weiteren Kontext örtlicher, regionaler und internationaler Politik verbunden. Der gegenwärtige Anstieg des Interesses an der Geschichte des Nationalsozialismus kann als eine Reflexion des sich entwickelnden intellektuellen Pluralismus gesehen werden, der es erlaubt, etablierte Geschichtsschreibungen infrage zu stellen. So gesehen ist es nicht überraschend, dass die Veröffentlichung von Büchern wie dem von Gilbert Achcar und anderen mit einer Revision weiterer Darstellungen historischer Ereignisse übereinstimmt, die die Diskurse in der arabischen Öffentlichkeit seit Jahrzehnten geprägt hatten. Fragen der nationalen Einheit, ethnischer und religiöser Minderheiten sowie die Klassen- und die Gender-Problematik sind in den meisten arabischen Gesellschaften lange Zeit Tabuthemen gewesen, die von den autoritären Regimes und ihren Wählerschaften kontrolliert wurden, die nach einer Einschränkung intellektueller Debatten und kultureller Vielfalt strebten. Seit den neunziger Jahren wurden diese Tabus zunehmend infrage gestellt, indem sie in einer wachsenden Vielfalt und Polarisierung öffentlicher Kontroversen und intellektueller Debatten reflektiert wurden. Diese intellektuelle Öffnung, die mit der Veränderung des Machtgefüges in der Region in Verbindung steht, schlägt sich auch in einem wachsenden Interesse am Holocaust nieder.

    Der Fall Garaudy

    Ein bestimmtes Ereignis markiert einen Wendepunkt in den jüngsten Kontroversen um den Holocaust in der arabischen Öffentlichkeit: die Debatte, die von dem französischen Philosophen Roger Garaudy und seinem Werk Die Gründungsmythen der israelischen Politik ausgelöst wurde. In diesem Buch, das erstmals 1995 veröffentlicht wurde, bezeichnet Garaudy den Holocaust explizit als einen Mythos, der von der zionistischen Bewegung erfunden wurde, um die Welt zu erpressen und Unterstützung für die Schaffung Israels zu erhalten. Nach der Veröffentlichung in Frankreich im Dezember 1995 wurde Garaudys Buch eingehend in den arabischen Medien thematisiert. Die ersten Interviews mit Garaudy und Artikel über sein Buch erschienen bereits Wochen nach der Veröffentlichung in Frankreich in arabischen Zeitungen. Da er bereits aufgrund seiner früheren Schriften über den Marxismus und besonders über den Islam bekannt war, genoss Garaudy einen beträchtlichen Zuspruch in der arabischen Öffentlichkeit. Das große öffentliche Interesse an seiner These ermöglichte schließlich bei einer Vorlesung während der Internationalen Buchmesse in Kairo im Februar 1998 einen besonders herzlichen Empfang.

    Hunderte von Artikeln widmeten sich Garaudys Buch und der folgenden Gerichtsverhandlung, in der er zur Zahlung einer Geldstrafe wegen Leugnung des Holocaust verurteilt wurde. Zwei verschiedene Geschichtsschreibungen waren von zentraler Bedeutung für diese Reaktionen: Zuerst war es die Behauptung, der Holocaust sei ein von den Zionisten erfundener Mythos, um ihr Streben nach einer nationalen Heimat in Palästina zu rechtfertigen. Indem sie Garaudys Behauptung aufgriffen, die Zahl der jüdischen Opfer sei übertrieben und es gebe keine Beweise für eine Politik der systematischen Auslöschung, nutzte eine große Mehrheit arabischer Berichterstatter diesen Fall dazu, die zentrale Bedeutung des Holocaust in der israelischen Geschichtsschreibung infrage zu stellen. Gemäß dieser Sichtweise war der Staat Israel auf einem Mythos errichtet worden, und ihm fehlte es daher an jeglicher moralischer und politischer Legitimation. Dieses Argument wurde durch Hinweise auf eine angebliche geheime Absprache zwischen den Zionisten und den Nationalsozialisten weiter gestützt. Die Zionisten, so lautete die Argumentation, hätten in den dreißiger und vierziger Jahren das Interesse der Nazis geteilt, die Juden aus Europa zu vertreiben und sie dazu zu zwingen, sich in Palästina anzusiedeln. Diese Behauptung einer historischen Allianz zwischen zionistischen Führern und dem nationalsozialistischen deutschen Regime wurde weiterhin durch Hinweise auf die israelische Politik den Palästinensern gegenüber untermauert. Hier, so wurde behauptet, finde die offizielle israelische Geschichtsschreibung von Israel als einem jüdischen Staat sich in der rassistischen Weltansicht der Nazis wieder. Die israelische Politik den Palästinensern gegenüber, so wurde behauptet, spiegele sich in der antijüdischen Politik Nazideutschlands wider.

    Der Widerspruch, den die Behauptung beinhaltet, der Holocaust sei eine Lüge und die Juden seien nun verantwortlich für einen zweiten Holocaust gegen die Palästinenser, wurde in diesen Artikeln kaum beachtet. Es war offensichtlich, dass diese Aussagen nicht das Interesse an historischen Ereignissen an sich widerspiegelten, sondern direkt mit den politischen Kämpfen in der Mitte der neunziger Jahre um die Legitimität Israels und seiner Politik in der Region in Verbindung standen.

    Der Friedensprozess mit den Palästinensern und mit Jordanien hat die politischen Kämpfe um die Zukunft der Region wieder in den Vordergrund gerückt. Er sieht sich nun einerseits mit den unterschiedlichen nationalistischen und islamistischen Strömungen und andererseits mit denjenigen Stimmen konfrontiert, die eine intellektuelle Öffnung und politische Reformen in der arabischen Welt fordern.   

    Konspirative Gedanken

    Die zweite Geschichtsschreibung, die im Mittelpunkt dieser Reaktionen auf Garaudy steht, spiegelte die Idee einer jüdisch-zionistischen Verschwörung wider, die die internationale Politik, die Medien und die öffentliche Meinung beherrsche. Zahllose Berichterstatter behaupteten, die Juden nutzten ihre Macht und ihren Einfluss, um internationale Politik zu gestalten, und sie steckten hinter den zutiefst zerstörerischen Entwicklungen in der Region. Ein besonders deutliches Beispiel für diese Ansicht war ein Artikel von Muhammad Salmawy, dem damaligen Chefredakteur der Wochenzeitschrift al-Ahram Hebdo und persönlichen Berater von Nagib Mahfus, dem Nobelpreisträger und ägyptischen Autor. Salmawy lieferte eine langwierige Besprechung des andauernden Gerichtsverfahrens gegen Garaudy, in der er die alltäglichen Ansichten der arabischen Öffentlichkeit wiedergab. In einem Artikel mit dem Titel „Look for the Jews!“ sprach Salmawy im Februar 1998 drei besorgniserregende Themen an. Ergänzend zum Fall Garaudy bezog sich Salmawy auf das Schicksal Dawid Irvings, dem britischen Holocaustleugner, und auf die Monica Lewinsky-Affäre in den USA. Die ersten Sätze von Salmawys Artikel lauten wie folgt: „Der amerikanische Präsident Bill Clinton steht momentan aufgrund seiner angeblichen außerehelichen Beziehungen [zu Monica Lewinsky] im Rampenlicht. Der französische Denker Roger Garaudy steht in Paris vor Gericht. Der britische Historiker David Irving wurde aus Australien, Italien, Deutschland, Kanada und anderen Ländern des Commonwealth ausgewiesen. Drei Ereignisse, die auf den ersten Blick völlig zusammenhanglos erscheinen. Indem wir uns an die berühmten Worte Napoleons erinnern: „Look for the woman!“, könnten wir ebenso sagen, wenn wir verstehen wollen, was um uns herum geschieht, „Look for the Jews!“.“

    Diese Aussage, deren grundlegende Behauptung von einigen Berichterstattern geteilt wurde, stand für die Beharrlichkeit verschwörerischer Gedanken, die klar auf der Idee eines arabischen Opferkollektivs auf der einen und einem jüdischen Kollektiv, das die Geschichte beherrscht, auf der anderen Seite basiert.

    Diese als Reaktion auf die Garaudy-Affäre hervorgebrachten Argumente hatten ihren Ursprung nicht an den Rändern der Gesellschaft; sie wurden von Intellektuellen regionaler und internationaler Reputation geäußert.

    Gegen die Leugnung der Geschichte

    Die Bedeutung dieser Reaktionen auf Garaudys Schriften beruht auf der Tatsache, dass sie mit einer wachsenden Anzahl von Stimmen einhergingen, die deutlich die Auffassungen der Intellektuellen des Mainstreams und die etablierten Narrative infrage stellten. Unter ihnen befanden sich die Palästinenser Edward Said und Azmi Bishara, der Libanese Hazem Saghiyeh und der Ägypter Ali Salem. Obwohl der politische und intellektuelle Hintergrund dieser Stimmen sehr unterschiedlich war, war ihnen das Streben gemeinsam, langjährige Interpretationen der Lage der arabischen Gesellschaften und regionaler Politik infrage zu stellen. Zwar standen alle diese Autoren der israelischen Politik kritisch gegenüber, aber sie teilten die Überzeugung, dass die Leugnung der Geschichte sich gegen die unmittelbaren Interessen der arabischen Öffentlichkeit richtete.

    Edward Said war einer der Ersten, der die Bedeutung des Holocaust im kollektiven jüdischen Gedächtnis anerkannte. Während er die Idee, der Holocaust stelle eine Rechtfertigung für Israels Politik gegenüber seinen Nachbarn dar, vehement zurückwies, sah er es als entscheidend an, den Holocaust als ein Schlüsselereignis in der jüdischen Geschichte anzuerkennen und die Argumentationen der israelischen Politik zu verstehen. Ähnliche Argumente wurden von Azmi Bishara geäußert. In einem herausragenden Artikel aus dem Jahre 1994 bestand Bishara darauf, dass „ein historischer Kompromiss mit dem israelischen Staat auf zwei kollektiven Gedächtnissen basieren müsse. Jeder Kompromiss im Nahen Osten muss die Vergangenheit reflektieren.“

    Diese Rufe nach einer Perspektivänderung im Bezug auf den Holocaust ereigneten sich nicht in einem intellektuellen oder politischen Vakuum. Die wachsende Bereitwilligkeit, etablierte Narrative der deutschen Vergangenheit – und im selben Zuge: der historischen Ursprünge Israels – infrage zu stellen, kann mit ähnlichen Revisionen in anderen Bereichen der Debatten der arabischen Intellektuellen in Verbindung gebracht werden. Beispielsweise müssen die wechselnden Auffassungen des Holocaust im Kontext des Friedensprozesses und der politischen Öffnung, die dieser Prozess den intellektuellen Debatten auf beiden Seiten des Konfliktes bot, gesehen werden. Den Entwicklungen auf der israelischen Seite entsprechend, wo die so genannten neuen Historiker die Aufmerksamkeit auf die Erfahrungen der Palästinenser und deren Perspektive in dem Konflikt lenkten, waren ähnliche Veränderungen in der arabischen Öffentlichkeit erkennbar – und besonders unter Palästinensern.

    Von der arabischen zur palästinensischen Nakba

    Die post-zionistische Historiografie geht mit ähnlichen Debatten über die Verortung der Nakba, der „Katastrophe“ von 1948, im palästinensischen kollektiven Gedächtnis einher. Die israelischen Historiker Meir Litvak und Esther Webman haben auf die Tatsache hingewiesen, dass sich innerhalb dieser Jahre eine schrittweise Revision der Nakba von einer arabischen Katastrophe hin zu einer palästinensischen Katastrophe ereignete – welche an sich einen signifikanten Bruch mit den arabischen nationalistischen Diskursen der fünfziger und sechziger Jahre kennzeichnete. Diese Revisionen reflektierten einen wachsenden Pluralismus in der öffentlichen Erinnerung, der sich in einer steigenden Akzeptanz von multiperspektivischen Herangehensweisen an die Geschichte widerspiegelte.
       
    Diese sich wandelnde Wahrnehmung der Geschichte steht auch mit den aufkommenden Debatten über ethnische und religiöse Minderheiten (wie die Kopten in Ägypten oder die Kurden in Syrien und Irak) und über ihren Status in den nationalen Geschichtsschreibungen im Bezug auf die arabische Einheit in Zusammenhang. Ähnliche Debatten waren nach dem Ende des Bürgerkrieges im Libanon Anfang der neunziger Jahre entstanden. Das Ende des Blutvergießens machte es notwendig, sich mit unterschiedlichen und oft konfliktreichen Darstellungen der Geschehnisse zu arrangieren, die die libanesische Bevölkerung dezimiert hatten. Auf eine ähnliche Art und Weise hatte die Intifada, die 1987 begann, zu Selbstreflexion und Selbstkritik in der palästinensischen Öffentlichkeit ermutigt. Fragen im Bezug auf die nationale Einheit, die Geschlechterverhältnisse und den zukünftigen Staat wurden im Rahmen einer wachsenden Pluralität an Geschichtsschreibungen und intellektuellen Vorstellungen reflektiert.

    Diese Pluralisierung der Geschichtsschreibungen und die Vermehrung der Sichtweisen auf historische Ereignisse und die Gesellschaft gingen mit einem neuen Eintrag des arabischen Kulturkreises in die Bücher der Weltgeschichte einher. Der Ruf nach einer Universalisierung des Holocaust als eine potenziell universale menschliche Erfahrung spiegelt diese Entwicklung wider. In einem Artikel, den Hazem Saghyeh und Saleh Bashir Ende 1997 veröffentlichten, heißt es: „Die Koexistenz zwischen diesen zwei Völkern auf palästinensischem Land ist unwahrscheinlich, solange jede Seite ihre eigene Geschichte lebt, die neben der anderen herläuft oder von ihr isoliert ist. Um in Koexistenz zu leben, muss jede Seite sich der Geschichte der anderen annähern, sie sogar zu ihrer eigenen machen, auf der Grundlage dessen, was der Holocaust für beide Seiten – entweder separat oder gemeinsam – mit sich gebracht hat.“

    Diese Aussage spiegelte eine bedeutende Veränderung zu den vergangenen Diskursen wider, die sich auf die Forderungen nach Authentizität sowie kultureller und intellektueller Reinheit konzentriert hatten. Im Kern des arabischen Nationalismus – und auf ähnliche Art und Weise auch des Islamismus – befand sich die Idee einer authentischen Gemeinschaft, deren Grenzen klar bestimmt und deren Wesensgehalt unberührt von äußeren Einflüssen sei. Eine Universalisierung des Holocaust – und damit auch eine Universalisierung der Geschichte – zu fordern, widersprach deutlich diesen Forderungen nach einer unangefochtenen arabischen oder islamischen Nation. Dieser Lesart entsprechend sollte die Geschichte arabischer und muslimischer Identitäten in den globalen Kontext des 20. Jahrhunderts und seiner oft existenziellen Konflikte gestellt werden. Geschichte und Gedächtnis waren keine Dinge an sich, sie waren vielmehr in Verhandlungen und Begegnungen mit den „Anderen“ entstanden.

    Diese Entwicklungen, die in der Mitte der neunziger Jahre Gestalt annahmen und ihre Stoßkraft als Folge der Debatten um Garaudy und seine These entfalten konnten, haben eine zweite Dimension. Dies steht mit der Popularität von Verschwörungstheorien in Verbindung, die dazu gebraucht wurden, die Zentralität des Holocaust in internationalen Diskursen über die europäische Geschichte zu erklären. Seit den späten neunziger Jahren sind Autoren wie Saghiyeh und Said zunehmend direkter in ihrer Ablehnung gegenüber Verschwörungsgedanken im Bezug auf den Umgang mit der Vergangenheit geworden, aber auch im Bezug auf den Umgang mit der Gegenwart.   

    Wachsendes Interesse an Erinnerungspolitik

    Diese Zurückweisung von verschwörerischen Interpretationen der Geschichte wird von einem wachsenden Interesse an Erinnerungspolitik im Allgemeinen begleitet, das ein wachsendes Bewusstsein für den Einfluss der Vergangenheit auf die gegenwärtige Politik verdeutlicht. Die Zeitschrift Alif, eine Zeitschrift vergleichender Poesie, die von der American University in Kairo veröffentlicht wird, illustriert dieses Interesse in ihrer jüngsten Ausgabe. In der Einleitung der Novemberausgabe aus dem Jahre 2010, die dem Thema Trauma und Gedächtnis gewidmet war, erklären die Redakteure: „Diese Ausgabe von Alif konzentriert sich auf das Thema Trauma und Verlust im kollektiven und individuellen Gedächtnis. Die Bedeutung von traumatischen Ereignissen ist in der Psychologie, der Psychoanalyse und in der Literatur längst anerkannt, aber wissenschaftliche Studien konzentrieren sich vorwiegend auf Traumata, die im Westen verursacht wurden – durch die Weltkriege und den Holocaust. Diese Ausgabe unternimmt den Versuch, Untersuchungen zu Traumata und Erinnerung auf andere Bereiche der Welt auszuweiten: Algerien, Ägypten, Irak, Iran, Indien, Irland, Libanon, Palästina, Pakistan, das multi-ethnische Amerika und das ethnische Griechenland.“

    Diese Anerkennung traumatischer historischer Erfahrungen in anderen Kontexten als in rein „arabischen“ oder „islamischen“ markiert einen bemerkenswerten Bruch mit den früheren Darstellungen geschichtlicher und gesellschaftlicher Ereignisse. Dieser Bruch schafft eine intellektuelle Öffnung für ein zunehmendes Interesse an jüdischer Geschichte im Allgemeinen und die Geschichte des Holocaust im Besonderen. Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass eine solche Offenheit nicht zum ersten Mal in der Geschichte auftaucht. Die 1930er und 40er Jahre ähneln auf vielfältige Weise dem gegenwärtigen Zustand des arabischen intellektuellen und politischen Lebens. Ebenso wie heute standen die nationale und politische Kultur in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Irak in den dreißiger und vierziger Jahren an einer Wegscheide; in aufgeheizten Debatten wurde über die Zukunft der Gesellschaft und der politischen Ordnung diskutiert.

    Diese Phasen werden oft als Phasen einer intellektuellen und politischen Krise beschrieben. Ich schlage eine positivere Lesart dieser Debatten und Konflikte vor: Zumindest wenn es um Fragen der Erinnerung und der Erinnerungspolitik geht, stellen sie eine Öffnung der politischen Kultur bereit, die sich deutlich von den kollektiven Mythen der Vergangenheit lossagt.
    Götz Nordbruch
    ist Assistenzprofessor an der Universität Odense, Dänemark. Er ist Mitherausgeber des Buches Sympathie und Schrecken. Begegnungen mit Faschismus und Nationalsozialismus in Ägypten, 1922-1937, Berlin 2011.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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