Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Blick zurück nach vorn
    Marokko ringt um sein postkoloniales Selbstverständnis

    Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, aber sie gehört zu den wichtigsten Bausteinen für eine Neugestaltung von Staat und Gesellschaft nach den arabischen Revolutionen. Das gilt auch für Marokko, wo die sogenannte Wahrheits- und Versöhnungskommission die Vergangenheitsbewältigung von oben angestoßen hat.

    Die Debatte um Erinnerung und Geschichte, an der sich mittlerweile auch zivilgesellschaftliche Kräfte beteiligen, bestimmt Marokkos Zukunft und sucht in der arabischen Welt ihresgleichen. Noch gibt es kein Museum für die jüngere Geschichte Marokkos, aber im Oktober 2012 trafen sich die führenden Historiker des Landes, um unter Leitung von Prof. Mohammed Kenbib ein Konzept zu entwickeln. Das zukünftige Musée National d’Histoire du Maroc sieht sich in einer Reihe von Nachfolgeprojekten der marokkanischen Wahrheitskommission, die nicht nur Unrecht aufklären und Wiedergutmachung festlegen, sondern auch die Marokkaner mit ihrer eigenen Geschichte bekannt machen sollte.

    Ansätze zur Aufarbeitung der Diktatur

    Nach langjährigem Druck durch die Opfer von Willkür und Unrecht hatte Mohammed VI. 2004 die Gerechtigkeits- und Versöhnungskommission (Instance Equité et Réconciliation, IER) eingesetzt, um Menschenrechtsverletzungen zwischen 1956 und 1999 untersuchen zu lassen. Insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren hatte sein Vater Hassan II. jegliche Opposition marxistischer Untergrundgruppen ebenso systematisch verfolgen lassen wie jene aus dem Militär. Nach zwei Putschversuchen aus den Reihen der Armee 1971 und 1972 verschwanden Offiziere sowie politische Aktivisten bis zu mehr als zwanzig Jahren in Gefängnissen und geheimen Lagern. Aus dieser Zeit stammen die meisten Anträge auf Wiedergutmachung, die bei der IER eingereicht wurden. Das Mandat der IER umfasste die Aufklärung schwerer Menschenrechtsverletzungen, die Feststellung von Entschädigungs- bzw. Wiedergutmachungs­ansprüchen von Opfern und ihren Familien sowie die Erarbeitung von Reformvorschlägen, um Menschenrechtsverletzungen in Zukunft zu verhindern. Präsident der IER wurde der inzwischen verstorbene Menschenrechtsaktivist Driss Benzekri. Benzekri selbst war 1974 im Alter von 24 Jahren wegen Mitgliedschaft in der Untergrundgruppe Ilal Amam (Dt.: Vorwärts) verhaftet worden und kam erst 1991 mit Beginn der politischen Öffnung frei.

    Von Anfang an waren Historiker an der Arbeit der IER beteiligt bzw. begleiteten die IER aktiv in verschiedenen Arbeitsgruppen und Publikationen. Ibrahim Boutaleb, Professor Emeritus für Zeitgeschichte, war Mitglied der 16-köpfigen Kommission. Der Abschlussbericht der IER geht in seinen Empfehlungen explizit auf eine Reform der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der modernen Geschichte Marokkos ein. Die Aufnahme der „bleiernen Jahre“ in den Bildungskanon war ein wichtiges Ziel der Wahrheitskommission. Darüber hinaus waren viele Nachwuchswissenschaftler an der Dokumentation und Archivierung der Anhörungen beteiligt. Heute fällt Historikern eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Empfehlungen der IER zu, denn die Bewertung der postkolonialen Geschichte des Landes ist mehr denn je politisch und stößt daher auf verschiedenste Widerstände. Für Marokko kommt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit erschwerend hinzu, dass kein Regimewechsel stattgefunden hat. In jeder Diktatur berühren Fragen nach Zugang zu und Umgang mit Quellen die innere Funktionsweise der Machtausübung. Archive werden selten geführt, Unterlagen häufig vernachlässigt. Für die Realisierung eines Films und einer Publikation über das Stadtviertel Hay Mohammadi in Casablanca musste Fatna el-Bouih die Autorisierung von 17 kommunalen Einrichtungen, darunter auch der Hygieneservice oder das Kino Saada, einholen, um an Quellenmaterial zu gelangen.

    Kultur der Erinnerung

    2010 gründeten die Journalisten Youssef Chimrou und Souleiman Bencheikh das erste und bisher einzige populärwissenschaftliche Magazin zur Geschichte Marokkos. Bencheikh gehört zu den wichtigen investigativen Journalisten des Landes und war an verschiedenen Neugründungen unabhängiger Medien in den letzten zehn Jahren beteiligt.

    Die erste Ausgabe von Zamane – L’Histoire du Maroc erschien im November 2010. Mit einer Auflage von 15.000 Heften pro Monat hat sich die Zeitschrift seitdem einen festen, französischsprachigen Leserkreis aufgebaut. Zamane greift eine Vielzahl wichtiger gesellschaftspolitischer Themen auf, wie die Geschichte der Besetzung der Westsahara, die Genese der Religiosität im Land oder Editionen der Verfassungsentwürfe des 19. und 20. Jahrhunderts, etc. Die erste Ausgabe behandelte u. a. die „Unbekannte Geschichte der marokkanischen ‘Faschisten’“, „Warum und wie Marokko seine Juden verlor” sowie „Eine Geschichte des Königmords”. Hier wird deutlich, in welcher Form der Blick zurück immer auch ein Blick nach vorn ist. Zamane ist Teil einer breiteren marokkanischen „Erinnerungskultur von unten”. Neben Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsfahrten an die verschiedenen Orte der Willkürherrschaft (Gefängnisse, Straflager, Polizeistationen, Massengräber) gibt es zahlreiche Beispiele individueller literarischer und künstlerischer Aufarbeitungen. In Autobiographien, Filmen, Comics, Gedichten und Romanen legen ehemalige politische Häftlinge Zeugnis ihrer Gefangenschaft ab. Manche von ihnen planten tatsächlich einen Umsturz der Monarchie; einige verteilten nur Flugblätter zur falschen Zeit am falschen Ort, andere wurden in Sippenhaft genommen und verschleppt – auch Kleinkinder.

    Zu den bekanntesten Autoren zählen Abraham Serfaty, Kopf der marxistisch-leninistischen Gruppe Ilal Amam, der von 1974 bis 1991 in Haft saß, und Malika Oufkir, Tochter des ehemaligen Innenministers Mohamed Oufkir. Nach dem zweiten Attentatsversuch auf Hassan II. aus den Reihen der Armee wurde Oufkir 1972 erschossen; seine Ehefrau und die sechs Kinder wurden zwanzig Jahre lang gefangen gehalten. Malika Oufkirs Memoiren „Die Gefangene: Ein Leben in Marokko” sind ein spannendes Dokument einer jeunesse dorée im Umfeld des Palastes in den sechziger Jahren und der anschließenden Odyssee durch verschiedene Kerker von 1972 bis 1991.

    Materielle Wiedergutmachung, strafrechtliche Immunität

    Rund 22.000 Opfer und ihre Familien reichten im Jahre 2004 Anträge bei der IER ein. Knapp 10.000 Fälle wurden letztlich positiv beschieden. Sie erhielten unterschiedliche Formen der Wiedergutmachung, darunter medizinische Hilfe und finanzielle Entschädigung. Insgesamt wurden 85 Mio. USD ausbezahlt. 742 Fälle von Verschwundenen konnten aufgeklärt werden. Der 700-seitige Abschlussbericht der IER wurde auf Arabisch, Französisch, Englisch und Spanisch veröffentlicht. Unabhängige Menschenrechtsvereine kritisieren bis heute, dass das Mandat der Kommission eine Verfolgung der Täter ausklammerte. Ihre Namen durften in den öffentlichen Anhörungen nicht genannt werden, selbst wenn sie in manchen Fällen sogar als Wachpersonal im Saal entdeckt wurden. Noch immer genießen die Täter strafrechtliche Immunität.

    Unter dem Titel „Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung” mahnt der Abschlussbericht eine Vielzahl von Reformen an. Neben der verfassungsrechtlichen Sicherung der Menschenrechte, sind dies die Ratifizierung und Durchsetzung internationaler Konventionen, die Unabhängigkeit der Justiz, eine Reform des Strafrechts, Menschenrechtserziehung an den Schulen sowie die kollektiven Reparationen. Die Umsetzung der Empfehlungen wird heute IER 2 genannt und hat erst begonnen. Im Kapitel zu ‚Forschung’ wird neben der Sicherung der nationalen Archive und ihrer Zugänglichkeit die Überarbeitung der historischen Lehrpläne und die Gründung eines wissenschaftlichen Instituts gefordert. Wie ein Großteil der IER-Empfehlungen ist dieses Institut für Zeitgeschichte bisher allerdings noch nicht gegründet worden. 2010 wurde ein Masterstudiengang für Zeitgeschichte unter Leitung von Prof. Mohammed Kenbib an der Universität Mohammed V. in Rabat eingerichtet. Zunächst sollten genügend potentielle wissenschaftliche Mitarbeiter ausgebildet werden. Im Juni 2012 gab der Vorsitzende des Nationalen Menschenrechtsrates El Yazami dann bekannt, dass das Institut marocain du temps présent noch im selben Jahr eingerichtet werden soll.

    Zeitweise arbeiteten bis zu 350 Personen an der Erhebung, Prüfung und Archivierung der Unterlagen. Aus den Anträgen und Anhörungen der IER entstand ein wertvolles Archiv der marokkanischen Zeitgeschichte, das bisher noch nicht für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich ist. Marokkanische wie internationale Wissenschaftler sitzen in den Startlöchern, um die Dokumente des IER-Archivs auszuwerten. 2008 eröffnete der renommierte Historiker Jamaâ Baida eine Konferenz in Hamburg mit einem Vortrag zu „Morocco’s truth commission (2004-2005) from a historian’s point of view: New perspectives in writing contemporary history.” Erst jetzt könne sich die marokkanische Geschichtsschreibung mit der Zeit nach dem Ende der französischen Fremdherrschaft beschäftigen, so Baida. Er bezeichnet die Aktivitäten der IER als „Autopsie der Herrschaft Hassan II.” Baida ist heute Leiter des 2011 eröffneten Nationalarchivs, das sich ebenfalls als institutioneller Teil der öffentlichen Vergangenheitsbewältigung sieht.

    Erinnerung und Wiedergutmachung

    Die Wahrheitskommission hat sich stark für das Prinzip kollektiver Reparationen eingesetzt. Kommunale und kollektive Wiedergutmachung für vernachlässigte Stadtviertel, vorsätzlich unterentwickelte Regionen und die vergessenen Orte der Straflager gehören zu den wichtigen Ergebnissen der Wahrheitskommission. Elf Städte und Regionen sollen bislang von Projekten aus dem 2008 begonnenen Programm der kollektiven Reparationen profitieren. Diese Form der Kompensation durch Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte unterstreiche die Bedeutung der Opfer-Erzählungen für die Umgestaltung der Gesellschaft, so die Ethnologin Susan Slyomovics. Erinnerung soll nicht nur durch Zeugenaussagen, Museen und Archive wach gehalten werden, sondern ebenso durch Stadtplanung, geographische Umgestaltungen und die Entwicklung armer und ländlicher Regionen. So hätten die subjektiven Erinnerungen nicht nur eine individuelle Bedeutung, sondern eine gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und möglicherweise ökologische Dimension.

    Die Arbeit der IER wird sehr kontrovers beurteilt. Da die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden und die Monarchie sich nicht explizit entschuldigt hat, sehen manche die IER als Farce an. Für sie hat die IER die Frage ihres Leidens auf einen materiellen Ausgleich reduziert. Für andere hat sich die Monarchie trotz gegenteiliger offizieller Verlautbarungen durch die Einrichtung der Kommission implizit zu ihren Taten bekannt und – viel wichtiger – sie hat die Opfer gesellschaftlich rehabilitiert. Mit der IER beschäftigte sich zum ersten Mal eine staatliche Stelle mit den Folterzentren im Land, den Übergriffen der Sicherheitskräfte, der offensichtlichen Rechtsbeugung und den Verschwundenen, die unter Hassan II. immer wieder abgestritten wurden. Berühmt ist das Interview von Anne Sinclair mit Hassan II. 1993, in dem sie ihn auf die von der UN dokumentierten Straflager von Tazmamart und Kalaat M’Gouna anspricht. Ungerührt antwortet der Monarch: „Kalaât M'Gouna, c'est la capitale des roses. Vous connaissez mal la géographie du Maroc.” Mit einem breiten Lächeln streitet Hassan II. die Existenz von Gefangenenlagern in dieser Gegend ab. Vor diesem Hintergrund stellt die IER einen Meilenstein für die politische Kultur des Landes dar.

    Knapp zehn Jahre nach dem Interview mit Hassan II. veröffentlicht Fatna el Bouih ihre Aufzeichnungen aus der Haft unter dem Titel „Une femme nommée Rachid“, da sie in der ehemaligen Polizeistation Derb Moulay Cherif in Casablanca den Männernamen „Rachid n° 45“ erhielt. Schon als Schülerin war sie in der nationalen Schülervertretung (Syndicat National des Elèves) aktiv und wurde erstmals 1974 als Anführerin eines Schülerstreiks festgenommen. Als 22-jährige politisch aktive Studentin wurde sie 1980 zu fünf Jahren Haft verurteilt. Heute lebt sie in Casablanca und arbeitet in verschiedenen Stadtteilprojekten gegen das Vergessen. 2006 gründete sie mit ihrem Mann Youssef Madad das Centre relais d’aide à la réinsertion des détenus (CRARD), um Häftlingen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen. Fatna el Bouih setzt sich dafür ein, dass Derb Moulay Cherif als Museum öffentlich zugänglich wird. Noch wohnen jedoch die Familien der Polizisten in dem Komplex.

    Misstrauen gegen die offizielle Aufarbeitung der Vergangenheit

    Zwar gelten die einzelnen Persönlichkeiten, die sich heute in den offiziellen Gremien engagieren, als äußerst integer, aber ein Teil der Oppositionellen sieht in den verschiedenen Instanzen und Gremien, die in den letzten 20 Jahren gegründet wurden, allein eine Imagekampagne für das Ausland. Stellvertretend für viele schreibt ein anonymer Blogger Anfang 2011: „L'instance Equité et Réconciliation (IER) qui ne réconcilie rien: Créée sous le Haut patronage de SM Mohammed VI en 2004, cette instance était supposée rouvrir un chapitre douloureux dans l'Histoire du Maroc. Elle a finalement eu un effet quasi-nul. Son seul effet à en croire de nombreux témoignages et reportages aura été d'ouvrir le chapitre, remuer le couteau dans la plaie des familles et des victimes des années de plomb, sans répondre à leurs questions encore moins à leurs attentes. […] Les victimes défilent et leurs émotions avec. Toutes sont obligées de se mettre à nu, ressasser leur vécu après avoir dû prouver qu'elles étaient passées par ce calvaire. Toutes ont dû répéter leur calvaire. A quelle fin?”

    Leila Kilani hat dagegen 2009 mit „Nos lieux interdits“ [engl.: Our forbidden places] einen beeindruckenden Dokumentarfilm über die Arbeit der IER vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen vier Familien von Opfern und ihre kontroverse Auseinandersetzung um die Frage, wie nötig, wichtig und hilfreich Erinnerung und Gewissheit sind. Die Regisseurin begleitet Vertreter der IER zu den Opfern und ihren Angehörigen. Sie zeigt die Beratung der Familien am Sitz der Kommission sowie Szenen aus den öffentlichen Anhörungen. Während die ältere Generation der Eltern und Partner von Verschwundenen zum Teil keine abschließende Gewissheit über deren Schicksal sucht, fordern die heute 20- bis 30-jährigen Kinder und Enkelkinder von Verschwundenen und Ermordeten die detaillierte Aufklärung über das Schicksal ihrer (Groß-)Mütter und Väter. In allen Familien musste diese Leerstelle erklärt werden. Manche haben erst durch die Arbeit der IER vom Schicksal ihrer Angehörigen erfahren. In den bleiernen siebziger und achtziger Jahren hatten Angehörige von Verschwundenen zum Schutz ihre Namen und die Familiengeschichte geändert: Die Kinder waren im Glauben aufgewachsen, der Vater habe sie verlassen oder sei Deserteur. Eine Protagonistin des Filmes wirft ihrer Großmutter vehement vor, nicht genug nach dem Schicksal ihres Ehemannes gefragt zu haben und so dem Vergessen Vorschub geleistet zu haben, bis die IER kam. Der Film beleuchtet auch die Situation Überlebender von Haft und Folter, die sich mit den Vorwürfen konfrontiert sehen, das Leben der Familie für eine falsche Ideologie ruiniert zu haben. Manche finden nur untereinander Worte; viele engagieren sich in der IER.

    Eine Filmszene verdeutlicht den unterschiedlichen Umgang der Generationen mit der Gewissheit: Eine Frau, deren Ehemann als junger Militärkadett bald nach der Hochzeit verschwand, diskutiert mit ihrem Sohn über einen möglichen Besuch im Lager Tazmamart. Beide sind vom Verlust des Ehemannes bzw. Vaters deutlich gezeichnet. Die Mutter möchte nicht an der Erinnerungsfahrt teilnehmen: „Today they tell us: come and see where they disappeared. What for? To see what?“ Mit kaum hörbarer Stimme widerspricht der erwachsene Sohn: „I want to see with my own eyes – even just bones... I want to see the secret centre, to see the cells. To see the grave. I am picturing this in my mind, but my imagination cannot follow with it. I tried and tried to widen my imagination. I believe it will never grasp the ‘reality’ of Tazmamart.” Für die Mutter bedeutet die Reise nach Tazmamart, den Tod ihres Mannes endgültig anerkennen zu müssen; vielleicht hat sie auch Angst, dass dort ihre subjektive Erinnerung an ihn verblassen wird: „For us, they are not dead. They are still alive in our hearts. In our minds and conscience. You really feel someone is dead when you see... his grave.“ Für den Sohn ist die Reise hingegen ein Schritt auf der Suche nach Rehabilitation: „I have always felt defeated. Since always I have this looks stinking to my skin: ‘Son of a traitor’.” (Auszug aus:Nos lieux interdits’von Leila Kilani, 2009)

    2011 als historische Zäsur der arabischen Welt

    Die Verständigung über die eigene Geschichte ist weltweit immer wieder Gegenstand erbitterter Kontroversen. Auch in Deutschland gab es zunächst eine langjährige Debatte, bis das Deutsche Historische Museum (DHM) 1987 in Berlin gegründet werden konnte. Kritiker bezweifelten den Sinn eines von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Nationalmuseums zur Geschichte Deutschlands. Nach dem Fall der Mauer hat das DHM mit Sitz im ehemaligen Ostteil Berlins unter anderem die Aufgabe übernommen, die Geschichte zweier deutscher Staaten zu vermitteln.

    Viele Autoren beklagen den ‚Memory-Boom’ oder die ‚Gedächtnisindustrie’, die sich in den letzten Jahren mit dem gewalttätigen 20. Jahrhundert entwickelt hat. Geschichte ist eine „Ressource, um deren Nutzung eine steigende Zahl von Akteuren mit unterschiedlichen Zielen und Interessen in wachsender Formenvielfalt konkurriert”, so der Historiker Hans Günther Hockerts. Die Zeitgeschichte ziehe dabei besonderes Interesse auf sich, da die Zeitzeugen noch leben und ‚Vergangenheitsbewältigung’ als Medium der politischen Auseinandersetzung die Resonanz noch steigere. In Marokko ist die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts de facto eine Auseinandersetzung und damit auch Bewertung der Regierungszeit Hassan II. von 1962 bis zu seinem Tod 1999. Professoren und Studenten der Geschichte müssen entscheiden, wie sie die Putschversuche, die Besetzung der Westsahara 1975, die Aufstände und Revolten der letzten 40 Jahre, die gesellschaftliche Entwicklung des unabhängigen Landes, die Menschenrechts­verletzungen oder die Einbindung der Opposition einordnen.

    Die Proteste und Umbrüche in der arabischen Welt seit 2011 bedeuten offensichtlich das Ende der postkolonialen Ordnung. Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, aber sie gehört zu den wichtigsten Ressourcen für die Entwürfe von Staat und Gesellschaft der nahen Zukunft. Historiker sollen – mehr noch als Politiker – eine Antwort darauf geben, wie mit Blick auf die vergangenen 50 Jahre die kommenden 20 Jahre auszugestalten sind. Historisch ist, was möglich war; die Zukunft eröffnet neue Möglichkeiten.

    Für Marokko lautet die zentrale Frage (die im Übrigen äußerst kontrovers diskutiert wird), ob und wie eine Reform der Monarchie zu einer parlamentarischen Monarchie möglich ist, oder ob die bisherigen Reformankündigungen und -schritte nur eine Fortführung des äußerst gekonnten politischen Balanceaktes zur Erhaltung der Alawidendynastie seit 1664 sind?

    Die IER hat bislang nicht dazu geführt, neue Menschenrechtsverletzungen und Willkürherrschaft in Marokko zu verhindern. Ob sie die Marokkaner mit ihrer Geschichte versöhnt hat, bleibt offen. Die stark von Sigmund Freud und Vorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts geprägte Idee, das ‚Erzählen‘ entschärfe politische Konflikte und könne Gesellschaften versöhnen, sollte im transitional justice-Boom zumindest kritisch hinterfragt werden.

    Die Umsetzung der IER-Empfehlungen steht acht Jahre später noch immer am Anfang. Trotzdem ist die IER nicht wertlos oder dient allein einer Geschichtskonstruktion von oben. Es mag sein, dass die IER Marokko auf dem internationalen Parkett als arabisches Vorzeigeland profilieren soll. Aber gleichzeitig eröffnet das Zusammenspiel von staatlicher Instanz, nichtstaatlichen Menschenrechtsvereinen, unabhängigen Foren gegen das Vergessen sowie den Medien eine öffentliche Diskussion, in der über das „politische Gedächtnis“ des Landes verhandelt wird. Hier, so der Aachener Politologe Helmut König, „nehmen die Grundlagen der politischen Ordnung erfahrbare Gestalt an: Welche Ereignisse der Vergangenheit erfüllen uns mit Schaudern und welche Ereignisse erkennen wir als Leitfiguren an, und aus welchen Gründen ist das so?“ Helmut König hebt zwei Aspekte des politisches Gedächtnisses hervor: Es ist mediengestützt, d. h. es benötigt Denkmäler, Museen, Rituale etc., und es ist intentional, d. h. alle Akteure betreiben Gedächtnispolitik. Aber dieses Interesse entwertet den Prozess der Vergangenheitsbewältigung nicht. Im Gegenteil, die Debatte aller Akteure um Erinnerung und Geschichte bestimmt Marokkos Zukunft.
    Sonja Hegasy
    ist stellvertretende Leiterin des Zentrums Moderner Orient in Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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